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7 Fragen

7 Fragen von Kristoffer Cornils an Daniela Seel

1 Was hat Dich als Leserin und Verfasserin zur Lyrik gebracht? Gab es eine Initialzündung?

Mh. Ich kann mich jedenfalls an keine erinnern. Eher war es wohl ein sehr kleinteiliges Hineinverfransen durch ausprobieren, üben, alle möglichen Formen von Anwendung und Praxis.

2 Dein 2011 erschienener Gedichtband heißt »ich kann diese stelle nicht wiederfinden«. Eine prominente Rolle spielt darin unter anderem die Auseinandersetzung mit dem Körperlichen. Gründet deine Lyrik auf dem Versuch der (Selbst-)Verortung des Subjekts in der Welt?

Ich würde nicht von „gründen“ sprechen. Aber Körper faszinieren mich, weil sie diese irren Räume bilden, vertrackte Schachtelungen, Ineinandergestülptes, das sich bewegen kann und Instrument sein, um sich zu orientieren und zu realisieren, mit anderem zu verbinden, und zugleich auch das, was trennt ‒ „ein fleißiger Quell der Ambivalenz“, wie es bei Monika Rinck heißt. Mich faszinieren überhaupt Räume, Umbautes, und die merkwürdigen Bewegungen von Subjekten, sich darin zurechtzufinden, während immerzu etwas kippt, und sei es nur die eigene Perspektive, eben weil man sich bewegt. Aber Verortung? Gerade kommt es mir vor, als wäre der Ort des Gedichts schlicht „hier“. Vielleicht eine komplexere, komponierte Form von „hier“, eine, die ihren Ort ‒ einen zugleich artifiziellen und realen ‒ im Schreiben, Lesen, Hören herstellt, und damit in die Welt eingreift, also während des Herstellens ihre Position schon verändert.

3 Mit Motti wie „Kunst braucht Mäzene“ und dem Tristan Marquardt entliehenen Schlagwort „das amortisiert sich nicht“ spielt kookbooks auf die ungesicherte und prekäre Lage von Schriftsteller_innen und Lyriker_innen insbesondere an. Polemisch gefragt: Wieso überhaupt Schriftsteller_in beziehungsweise Lyriker_in werden, Verlage gründen?

Wieso nicht? Seinen Lebensunterhalt verdienen zu müssen, finde ich eine zu schwache Motivation für oder gegen etwas, denn das muss ja jeder, das gibt für mich noch keine Entscheidung her, mich dieser oder jener Sache zu widmen.

4 Wie stehst du als Lyrikerin, aber auch als Verlegerin zur Literaturkritik? Beeinflusst dich das, was über deine beziehungsweise die von dir herausgegebenen Bücher geschrieben wird, selbst in deinem Schreiben oder deiner verlegerischen Tätigkeit?

Ich denke, dass mich alles, was ich wahrnehme, auch beeinflusst, aber es ist schwer bis unmöglich, genauer zu beschreiben oder auch nur zu erkennen, wie diese Beeinflussung wirkt. Oft sind es ja Dichter*innen selbst, die über Gedichtbände schreiben, Menschen, die und deren Arbeit ich schätze, deren Ansichten mich interessieren, die für mein eigenes Nachdenken über Gedichte wiederum fruchtbar sind. Martina Hefter hat unlängst die Frage gestellt, inwieweit Gespräche über Gedichte selbst Teil von Gedichten, von dichterischen Prozessen sind, was an Mathias Traxlers Frage danach, wo Gedichte anfangen und wo sie aufhören anknüpft. Dass jemand von einem Gedicht oder einem ganzen Gedichtband dazu angeregt wird, sich schreibend damit auseinanderzusetzen, ob gegen Bezahlung oder nicht, finde ich erst mal erstaunlich. Und oft genug, gerade im direkten Gespräch, zum Beispiel bei Lesungen, wo man häufig professionelle Kritiker*innen als Gesprächspartner*innen hat, gibt es auch ein ehrliches und persönliches Interesse am Austausch. Diese vielen Rekontextualisierungen und situativen Einbettungen, die Gedichte erfahren und die sie auch brauchen, empfinde ich als sehr belebend.

5 Wenn ich mich recht entsinne, erzähltest du mir einmal, dass sich in eines Deiner Gedichte eine Referenz auf die »Harry Potter«-Buchserie eingeschlichen habe. Wie übt sich die Omnipräsenz von Popkultur auf die Lyrik aus und welcher Nutzen – ob poetologischer, ästhetischer oder sogar ökonomischer Natur – lässt sich daraus für das Schreiben ziehen?

Ach Nutzen. Ach Omnipräsenz. Für mich hat die Beschäftigung mit popkulturellen Phänomenen vor allem Auslockerung gebracht, die Texte sind weniger verkrampft. Ich mag auch die spielerischen Überzeichnungen, wo plötzlich Abgründe ziemlich grell aufblitzen, daran entzündet sich was. Gerade weil Körperlichkeit für mich so ein Thema ist, sind Superhelden, Models, Pop- oder Pornstars gute Reibungs- und/oder Kristallisationsflächen.

6 Wie beginnt bei Dir ein Gedicht – und wann ist es fertig?

Naja. Ich sammle Notizen. In einem Heft, einer Datei oder mehreren, im Smartphone. Das können Wortfügungen sein, Begriffe, Zitate, eigene Schnipsel oder auch Namen, Websites, Lektüren, Veranstaltungen, Dinge, die ich noch recherchieren will oder recherchiert habe. Viele Fragmente. Auch Variationen, grammatische, rhythmische, lautliche Varianten bestimmter Fügungen und Folgen. Ich vertraue in gewisser Weise darauf, dass sich in diesem Material abzeichnet, was mich gerade umtreibt. Eben weil es das ist, was ich in einem bestimmten Zeitraum wichtig genug gefunden habe, um es zu notieren. Als würde mich eine Frage umtreiben, aber ich weiß noch nicht, welche, ein noch nicht näher zu bezeichnender Konflikt, und das zu schreibende Gedicht reagiert darauf, erfindet einen fruchtbaren Umgang damit. Wie aus diesen Archiven dann konkrete Texte entstehen, ist mir immer wieder kaum erklärlich. Es ist schwer und oft langwierig, die passenden Teile und ihre Ordnung zu finden. Ihre Schwebe. Denn es soll (Un-)Gleichzeitigkeit geben, (Gegen-)Bewegung, Zu- und Widerreden. Auch auf der prosodischen Ebene. Elastische Fährten, die von den Ohren aus expandieren. Schmirgeln, Schlürfen, Knarzen und Quietschen. Fluide Syntax. Plastizität. Und Lücken. Unwuchten, wo Erosion sichtbar wird. Wo ich etwas nicht schon verstehe, überempfindlich bin. Mit dieser Überempfindlichkeit ist im Alltag schwer umzugehen. Aber ohne sie könnte ich nicht an den Ort des Gedichts gelangen. Dieser Kompositionsprozess findet ein Ende, wenn der Text Instrument genug geworden ist, um das alles aufzufangen. Momente, in denen jedes Detail ganz konkret und zugleich schon aufgehoben ist.

7 Mit Linus Westheuser und Tristan Marquardt erscheinen zwei Debüts junger Autoren bei kookbooks. Welche Tendenzen siehst du in der Lyrik der End-80er/Anfang 90er-Jahrgänge und welche Perspektiven eröffnen diese in Hinsicht auf zukünftige Entwicklungen in der Gegenwartslyrik?

Diese dauernde Rede von Tendenzen verstellt nur den je eigenen Blick auf das, was da ist, was auch noch da ist. ‒ Ich habe verschiedene detailliertere oder ausgreifendere Antworten versucht, aber was Dichtung für mich ausmacht, entsteht eben aus der je eigenen Sprache, den eigenen Fragen, von Autor*in wie Leser*in, in einer konkreten textlichen Komposition und Situation (noch in Uncreative Writing und Conceptual Poetry sind es Personen, Stimmen, deren Fragestellungen die Versuchsanordnung bestimmen). Von Tendenzen zu reden, glättet, verkleinert, patronisiert, widerspricht dem, was Dichtung ist. Die lese jede*r lieber selbst.

Fixpoetry dankt Daniela Seel und Kristoffer Cornils.

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