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7 Fragen

7 Fragen von Ulrike Draesner an Nora Gomringer

LIEBE NORA  
LIEBE ULRIKE, frei von der Leber mal so beantwortet:

1 Was ist (die) Stimme (für dich)?

Intimität und Ausdruck, oft überschätzt, oft zum Vernarren schön und wichtig, dann aber auch eine große Manipulatorin und im Falle von psychischer Krankheit, Mitgenommenheit das erste, was sich verabschiedet, verfärbt, den Sprecher betrügt. Die Stimme ist die Schlange im Hals.

2 Was macht die Prosa? (und was macht sie nicht – etwa im Vergleich zu Gedichten)?

Die Prosa ist eine Buchstabiererin. Die Prosa bildet ein bestimmtest Produzentenprofil aus, das ich interessant finde, aber über weite Strecken nicht teile. Prosa ist eitler als Lyrik, kann aber klempnern und ist dem Leben scheinbar zugewandt. Lyrik lässt das Wasser durch die geklempnerten Rohre fließen und ist Leben, weil lebendiger und dem Experiment näher.

3 Was war deine schlimmste Lesung?

In einer Schule hatte man mich in eine Sporthalle mit 400 Schülern gesetzt, die man unglücklich platziert hatte, so daß in meinem direkten Sichtfeld, also vor mir, fast niemand saß, dafür alle anderen so an den Seiten, daß ich Chamäleon-Augen hätte haben müssen, um alle zu sehen. Die Schüler wurden sehr unruhig, ich wurde nervös und nach 40 Minuten habe ich abgebrochen, auch, weil kein Lehrer mal eine Ermahnung hat hören lassen. Ich habe dann freundlich gesagt, daß hier Diebstahl kostbarer Lebenszeit für alle Beteiligten vorläge, habe mich bedankt und bin gegangen

Ein paar Tage später hat der Direktor mir eine Email geschrieben und mir mitgeteilt, daß mein geschätzter Kollege Bas Böttcher dieselbe Lesung vor mir mit Bravour gemeistert hätte.

Was hätte ich darauf antworten sollen? Etwa: Ja, der Kollege ist offensichtlich besser, gewandter, fähiger?  Oder: Männer sind die besseren Dompteure? Ich habe nur geschrieben, daß ich mir wünschte, dem ein oder anderen Schüler noch einmal zu begegnen, ob live oder als Text in literatur-freundlicherer Umgebung, damit sich ein Hinhören für ihn dann lohnen kann.

Überhaupt ertrage ich Lesungen nicht, die formlos sind...sprich: „Bitte stellen Sie sich unserem Publikum gerne selbst vor!“ Um diesem Satz und der Hilflosigkeit eines Einführungssprechers vorzubeugen, habe ich auf meiner Webpage einen Moderationstext eingestellt, der einfach abgelesen werden kann. Der ist kurz, nicht zu furchteinflößend und nicht gemein zu mir. Natürlich habe ich ihn selbst verfasst.

4 Spielen Monster und Gespenster Rollen? Magst du sie? Wenn ja, warum?

Ob sie Rollen spielen. Hm. Interessante Formulierung. Per se mag ich Monster und Gespenster, weil sie zwar oft vielgesichtig sind, aber eigentlich immer nur sich selbst geben, ihre eigenen Interessen verfolgen mit eigener Logik. Monster sind konsequenter als Menschen. Ich mag mich gerne gruseln – in geregelten Bahnen, also im Kinositz, auch mal bei einem Spaziergang bei Zwielicht, weil mir das zeigt, wie verletzlich man ist, wie schnell gerüttelt und verstört, wie schnell getäuscht. Das macht mich mitleidig mit den Kreaturen dieser Welt, die ja alle Teil der Schöpfung sind. Hässlich und schön, böse und gut, alles dazwischen – gehört alles zum Sein. Gerade hat Olga Martynova mir gesagt, daß es sie richtig ergriffen hätte, wie viel Mitleid ich in diesen Monster Poems für die Welt und ihre Wesen mitteilen würde. Das war ein wunderbares Kompliment. Vielleicht werbe ich für das Monströse, das ja nie von ungefähr kommt, sondern spiegelbildlich nah liegen kann – und damit für mehr clementia, Milde. Vertrackt ist das: Monster werden, Opfer sein, Opfer werden, Monster sein.

5 Wie schreibst du: brauchst du/gibt es feste Rituale? Redest du dabei laut? Überarbeitest häufig?

Ich brauche meinen Laptop und eine längere Zugfahrt oder viel Druck daheim, um arbeiten zu können. Wenn ich muss, mag ich’s zwar nicht, kann aber recht zügig arbeiten. Das gilt für „Auftragstexte“ für Zeitungen, für’s Radio, auch mal für Kurzgeschichten (Prosa! ;-) Gedichte entstehen langsam. Etwa 100 in zwei Jahren. Als Lyriker fühle ich den Luxus, mich mit vielem anderen „neben“ der Literatur beschäftigen zu können, ohne gleich alles bewusst verwenden zu müssen oder zu lange schreibend zu sitzen. In den Überarbeitungsphasen, in denen ich ständig laut vor mich hin lese, um das Material und das kleine Textgebäude auf seine Statik hin zu testen, sitze ich dann schon mal länger an einem Fleck. Zur Gedankenübung übersetze ich viele Texte ins Englische, um auf diesem Weg zwischen den Sprachen, die Sprache des Textes zu eruieren. Das mache ich oft handschriftlich. Ach ja und meistens läuft bei mir der Fernseher oder ein Film im Hintergrund. Diese redende und bilderflutende Kiste gefällt mir. Ich schätze die Arbeit von Drehbuchautoren sehr. Das ist harte Arbeit und manchmal wie Lyrik: Effektarbeit.

6 Dichten und der Brotberuf: Du scheinst das für dich gut gelöst zu haben. Stimmt das? Oder kommen sie (doch) (oft) ins Gehege?

Sie befinden sich im selben Gehege: die Direktorin und die Autorin. Die eine fördert (andere), die andere fordert (sich selbst ständig heraus). Es ist ein schönes Privileg, mit der Förderung anderer Künstler Teile des Unterhaltes zu verdienen, die Kollegen, aber vor allem ihr Werk dadurch recht gut kennen zu lernen. Außerdem tut es gut (für eine kinderlose Person wie mich), Verantwortung für andere zu üben und an neuen Aufgaben, die nicht egozentriert sind, wachsen zu können. Wenn die Stipendiaten es nicht selbst herausfinden, wissen die meisten bis zum Ende ihres Aufenthaltes nicht, daß ich Autorin bin. Das ist mir wichtig. Sie sind im Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia auf Einladung des Staatministers. Sie haben ein Recht, sich auf ihre eigene Arbeit zu konzentrieren und für diese Arbeit ihre Auszeichnung, ihr Stipendium samt Aufenthalt zu empfangen. Die Dichterin schafft es im Moment noch, sich an und aus zu knipsen wie ein Lämpchen, das dann eben die frühen Morgen- oder die späten Abendstunden heller macht. Weil ich beides trenne, so gut ich kann – das Direktorin – und Autorin-Sein – habe ich zwei 100% Jobs. Urlaub kenne ich nicht. Dafür zweimal im Jahr Mandelentzündung und die Frage, ob nicht alles zu viel ist und die Frageantwort: was wäre, wenn’s anders wäre?

7 WIE oder in welchem Sinn sind Gedichte (deine Gedichte) biographisch?

Der Humor in ihnen „gehört mir“, sie sprechen mit meiner Stimme, die Gedichte. Sie sind zu dem Grad biographisch wie ich es ertrage, Texte von anderen als biographisch zu lesen. Viele Texte sind geschrieben worden mit der Absicht, Eindrücke festzuhalten, Mementos zu schaffen für das Flüchtige, Kostbare. Was Menschen mir erzählen, die nahe an meinem Herzen sind, geht in mich wie auto-biographisch über. Ich mache da manchmal keinen Unterschied. Das Absehen können von der eigenen Person ist mir wichtig. Es ist eine Tugend und eine Lebensübung und ich übe beständig.

Fixpoetry dankt Ulrike Draesner und Nora Gomringer.

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