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Wir reden über Literatur
Interview

Die streunenden Hunde der Literatur

Alexander Graeff über die Edition Paradogs

Der Schriftsteller, Herausgeber, Kunstpädagoge und Philosoph Alexander Graeff (Berlin) hat zusammen mit der Designerin und Typographin Anke Enders (Mainz) eine neue Edition ins Leben gerufen: die Edition Paradogs. Die Edition publiziert Texte von Autorinnen und Autoren aus literaturfremden Professionalisierungsbereichen. Das erste Buch, Claas Hoffmanns Nacktmull im Solebad. Antiprosa, ist soeben erschienen und wird zur Eröffnungsfeierlichkeit der Edition am 11. Dezember 2015 in der Z-Bar in Berlin vorgestellt. Was wird uns erwarten? Hic sunt leones! Hier sind Löwen, stand früher auf Landkarten, wenn niemand wusste, was sich im bezeichneten Territorium verbirgt. Sind die Löwen Hunde geworden? Was sind das für Autoren? Was sind das für Texte? Tobias Roth sprach mit Alexander Graeff über die Ziele, die Ausrichtung und die Chancen der Edition Paradogs.

 

Die Edition Paradogs präsentiert Autorinnen und Autoren aus literaturfremden Professionalisierungsbereichen. Was verstehst du unter einem nicht-professionellen Autor oder einer nicht-professionellen Autorin?

Ganz einfach eine Laienautorin. Professionalisierung bedeutet doch, die gängigen Diskurse, die das Feld der Professionalisierung betreffen, zu kennen, ggf. sich sogar daran zu beteiligen. Das heißt ein professioneller Autor qualifiziert sich insofern immer weiter, als er an die innerhalb der Diskurse verhandelten Fragestellungen, Themen, Methoden, Strategien, aber auch Probleme anknüpft, wenn er bestrebt sein sollte, sein eigenes Schreiben vor dem Hintergrund eines überindividuellen Anspruches zu sehen. Ein Laienautor tut dies nicht zwingend.

Auf welche Lücke im aktuellen Literaturbetrieb zielt die Edition Paradogs?

In Analogie zur Bildenden Kunst denken wir dabei an eine Literatur, die jenseits des gängigen Diskurses und Betriebes stattfindet. Früher Outsider-Kunst genannt, wollen wir heute eine solche Kunst bzw. Literatur als ein Unternehmen betrachten, das neben, gerade nicht außerhalb des etablierten Schaffens stattfindet und präsentiert werden sollte.

Ist die Edition der direkte Antikörper zur bereits so verschlagworteten Schreibschulenliteratur?

Ein interessanter Gedanke! Das könnte man so sehen, ja. Was Dubufett mit seiner Art Brut als Kontrapunkt zur akademischen Kunst versuchte, denken wir mit der Edition Paradogs im Feld der Literatur. Kontrapunkt ist vielleicht wirklich der bessere Begriff, Antikörper impliziert irgendwie einen Heilungs- oder Immunisierungsprozess – wir wollen ja nicht behaupten, die Schreibschulenliteratur sei ein Virus.

Woher kam der Antrieb, eine neue Edition ins Leben zu rufen?

Beim Blick auf die Kunstgeschichte ist uns das gekommen. In der Bildenden Kunst gibt es bis heute neben akademischen und etablierten Kunstpositionen immer auch Perspektiven und Positionen von Autodidakten, Sonderlingen und Laien. In der klassischen Moderne wurden noch Kinder und Geisteskranke dazugerechnet. Derartige Positionen sind in der Kunstpraxis akzeptiert, es gibt Galerien für inklusive oder Outsider-Kunst. In diesem Feld wird einer solchen Kunst eben jenseits der notwendigen Professionalisierungsbestrebungen von Berufskünstlerinnen einiges zugetraut. Nämlich gerade einen anderen, manchmal que(e)ren, immer aber frischen Blick auf die Kunst präsentieren zu können. Heute argumentiert der aktuelle Inklusionsgedanke für Positionen, die durch den Blick von außen sozusagen oft frei(er) sind von kunstexternen Zwecken und anderen eher betrieblichen Fragestellungen. Was in der Bildenden Kunst längst dazu gehört, ist dem Literaturbetrieb weitestgehend fremd. Das wollen wir mit der Edition Paradogs ändern.

Es gibt ja auch gerade wieder eine Ausstellung von Outsider-Kunst im Museum Folkwang in Essen…

Richtig. »Der Schatten der Avantgarde«. Besonders ist diese Ausstellung, weil sie In- und Outsiderkunst nicht getrennt zeigt oder gegeneinander gestellt, sondern nebeneinander. Da hängen dann Picasso oder Gauguin neben unbekannten, autodidaktischen Künstlern der Zeit. Läuft noch bis Januar 2016.

Gibt es ähnliche Projekte oder Verlage in der deutschen Literaturlandschaft?

Nicht dass ich wüsste. Gib mal bei Google »Verlag für Outsiderliteratur« ein! Da bekommst du als die ersten 50 Einträge bloß Bezahlverlage angezeigt.

Und wie sieht es in der nichtdeutschen Literatur aus?

Darüber habe ich kein wirklich umfassendes Wissen. In der Schweiz etwa wird die Outsider-Kunst insgesamt stark protegiert, nicht nur die der Klassischen Moderne. Im literarischen Feld ist aber weitestgehend bloß Adolf Wölfli bekannt, der auch bildnerisch tätig war. Nebenbei bemerkt ist die notwendige kritische Rezeption von Wölflis Werk und vor allem seiner Person meines Erachtens viel zu kurz gekommen. Wölfli hat nicht nur tausende von Bildern gemalt und abgefahrene Texte verfasst, sondern – immer wenn sich die Gelegenheit bot – kleine Mädchen vergewaltigt.

Auch in Österreich gibt es einige Aktivitäten der Geschichte mit Personen wie Leo Navratil und seiner Zustandsgebundenen Kunst, der ähnlich wie Hans Prinzhorn in Deutschland Kunst und Literatur aus psychiatrischen Kontexten förderte.

Aus Amerika ist mir George Widener bekannt, dem man vor zwei Jahren im Hamburger Bahnhof in Berlin eine umfassende Ausstellung widmete, wobei das auch wieder kein reines Textbeispiel ist, Widener gestaltet viel mit Zahlen, entschlüsselte Spionagecodes für das US-Militär und lernte ganze Bücher auswendig. Wie gesagt, es gibt sicher auf der ganzen Welt viel Bildende Kunst aus diesem Kontext, aber nur sehr wenig Literatur.

Es geht euch aber nicht um das „Upcycling“ von schreibtherapeutischen Vor- und Nachlässen, oder?

Diese Frage musste ja kommen, wenn ich ständig Beispiele aus dem psychiatrischen Feld anführe. Für die Edition Paradogs ist dieser Teil der ehemaligen Outsider-Kunst gar nicht so zentral. Was wir literarisch waschen, föhnen und kämmen sind freilich Selbsterfahrungstexte, von denen etwa auch Michel Foucault in seinem nicht ganz so bekannten Essay Über sich selbst schreiben (1983) spricht. Hier fängt alles an und das teilen wir natürlich mit schreibtherapeutischen Unternehmungen, der große Unterschied ist aber, dass die Edition Paradogs mit den Autorinnen und Autoren Textarbeit leistet, es gibt immer ein Lektorat.

Worin besteht die Qualität des Hundes? Worin besteht das Paradox?

Der Name Paradogs ist eine Wortkreation aus Underdog und Paradox. Underdog, weil hier natürlich Assoziationen mit Outsider, Underground und Streuner geweckt werden soll; Paradox, weil unsere Edition ja im Grunde paradox vorgeht: wir geben Texte von Autorinnen und Autoren heraus, die neben – von griech. para – dem Literaturbetrieb arbeiten, edieren diese Texte aber für das etablierte Praxisfeld »Literatur«. Man könnte es auch so ausdrücken: wir mögen Streuner mit ihrem zotteligen Fell total gerne, sie laufen uns zu, wir waschen sie, föhnen sie, kämmen sie und gehen dann mit ihnen spazieren.

Wie findet die Edition ihre Autorinnen und Autoren?

Ich denke, die Autorinnen und Autoren finden uns. Streuner laufen einem zu.

Welche literarischen Kriterien lassen sich an nicht-professionelle Autorinnen und Autoren anlegen?

Ich hoffe, du meinst eher Symptome? Nun, wir wollen Texte verlegen, die irgendwie frisch wirken, lebendig sind, mutig, mit unkonventioneller Form unkonventionelle Themen bearbeiten, literarische Mischformen – Promenadenmischungen sind die schönsten Streuner! – und Texte, die einfach deutlich machen, dass auch Personen schreiben, die nicht dem klassischen literarischen Professionalisierungsmuster folgen.

Wie kann die Betriebsaußenseite auf die Betriebsinnenseite einwirken? Soll sie das überhaupt?

Ich glaube jedem System tut der Blick von außen gut. Durch die fortlaufende Professionalisierung stellt sich oft eine Systemimmanenz ein, die einen blind machen kann für Form und Inhalt jenseits der gängigen literarischen Anschlusskommunikation. Autoren, die von Außen schauen, können insofern eine Bereicherung darstellen, genauso wie die Kunst von sogenannten Outsidern, Laien, Sonderlingen das Kunstpublikum ebenso zu fesseln vermag.

Wie viele Titel werden in welchem Rhythmus erscheinen?

Geplant ist erstmal ein Band pro Jahr. Je nachdem wie die Edition dann aufgenommen wird, gerne auch mehr. Was wir allerdings von Anfang an berücksichtigt haben, ist ein einheitliches Gestaltungskonzept. Die Bände der Edition Paradogs sollen alle ein ähnliches Cover bekommen und natürlich im gleichen Format bleiben, so dass wir den Schuber für eine Sammlung von zehn Bänden nach zehn Jahren heute schon mitdenken.

Aber nun zum ersten Band der Edition, Claas Hoffmanns Nacktmull im Solebad. Antiprosa. Was ist Antiprosa, was kann man sich darunter vorstellen? Ist das ein neues Wort für Prosagedichte?

Das Wort ist keine Textgattungsbeschreibung seitens der Herausgeber, sondern ein Anliegen des Autors selbst. Er meint damit seine sehr prosaischen und oft einem Narrativ folgenden, kurzen Texte, die mit lyrischen Formelementen wie Umbrüche, Reim, Alliteration usw. arbeiten. Ihm ist aber wichtig, dass es keine Lyrik ist. Wir fanden diese Bezeichnung treffend, weshalb das auch dann Teil des Titels seines Bandes geworden ist. Man muss wissen, dass Claas Hoffmann Musiker der Time and Space Society ist, die übrigens am 9. Januar 2016 ihr drittes Studioalbum herausbringt. Er schreibt als Sänger der Band die Songtexte, und die auf Englisch. Das heißt, sein Zugang über lyrics ist sowieso noch mal ein anderer als der konventionell-literarische.

Die Ankündigung des Bandes setzte Nacktmull im Solebad in den Kontext von DADA. Ist ein Ansatz wie DADA überhaupt traditionsfähig? Wie schließt Hoffmann daran an?

Ja, siehst du, das ist die Frage einer professionellen Auseinandersetzung mit Literatur und ihrer Geschichte. Claas Hoffmann sind bestimmte literarische Strömungen wie DADA natürlich bekannt, als Musiker war er vor allem auch in den 1980er Jahren aktiv im Rahmen der, ebenso DADA nahestehenden Neuen Deutschen Welle. Er schert sich aber als Paradog nicht um Anschlusskommunikation, er streunt, er schläft mal hier, und frisst mal da. Ich als sein Lektor und Herausgeber finde, dass es mehr als legitim ist, seine streunenden Ansätze mit Verweis auf DADA zu verlegen und den Leserinnen und Lesern zu kommunizieren. Vielleicht nicht zuletzt um zu zeigen, dass vergleichbare Strömungen der Klassischen Moderne auch künstlerisch fortgesetzt werden können und nicht nur Forschungsgegenstände der Kunst- oder Literaturwissenschaft sind.1

Wie steht es in dieser Ausrichtung um den Leser? Wird er denn, ganz schlicht gefragt, erkennen, dass er hier einen nicht-professionellen Autor vor sich hat?

Es geht nicht ums Erkennen, denn es gibt nichts zu erkennen! Wir machen Belletristik. Es ist überhaupt nicht unser Ansatz, davon auszugehen, die Leserin müsste irgendwas erkennen können. Zuletzt etwas, was den Autor und seine Ausrichtung betrifft. Sie soll das Buch genießen, denken, träumen, sich selbst fragen usw. usf. Der frische Blick des Streuners auf die Welt ist das, worum es uns geht, denn dieser Blick, der bestenfalls aus den Texten spricht, erweitert möglicherweise auch den Blick des Lesers auf Welt. Das würde insbesondere dem versierten, also durchaus an der professionellen Praxis »Literatur« partizipierenden Leser (der oft auch Schreiber ist) gut tun.

Lässt sich Hoffmanns Antiprosa also auch als Paragone, als Prüfstein für den professionalisierten Literaturbetrieb auffassen? Etwa in dem Sinne, wie der Schimpanse Congo durchaus zu einem Prüfstein des Abstrakten Expressionismus geworden ist?

Nein, mir ist bewusst, dass produktionsästhetisch Claas Hoffmann sich nicht messen lassen kann mit einer Autorin, die professionell schreibt. Wirkungsästhetisch betrachtet aber können Claas Hoffmann und die noch folgenden Paradogs auf jeden Fall eine Ergänzung des vorhandenen literarischen Angebots darstellen. Als Prüfstein würde ich das aber nicht beschreiben. Genauso wie ich im Kontext des Sprechens über Kunst Kriterien ablehne, lehne ich auch Korrektive ab. Ich habe es schon erwähnt, das para in Paradogs ist uns wichtig. Es zielt auf ein Nebeneinandersein innerhalb einer Praxis, das gerade keine Innen- und Außenperspektive konturiert.

 

  • 1. Anm. der Red.: Letztes Jahr hat Alexander Graeff eine ähnliche Debatte um surreale Prosa und Lyrik angestoßen mit seinem auf Fixpoetry.com veröffentlichten Essay »Schreiben gegen die Norm(en)«.

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