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Interview

Nur noch Text sein

Theresa Hahl in Hamburg

In Hamburg fanden im Oktober die 15. Deutschsprachigen Poetry-Meisterschaften statt. Es sollten die größten der Welt werden. Das hatten sich die Jungs so in den Kopf gesetzt. Und es wurde auch der größte Poetryslam seit der Erfindung dieses Kulturgenres in den USA vor 25 Jahren. Selbst der Erfinder himself fand den Weg von Chicago nach Hamburg und performte vor Ort (außer Konkurrenz). Sein spoken-word-act war teils aufmunternd und anrührend, teils, ja, halt so kitschig und klischeeverhangen wie Amerikaner nun mal sein können, wenn sie an Glauben oder Treue oder eine innere Mission appellieren.

Sowohl unter Veranstaltern und Moderatoren waren die Frauen – Friederike Moldenhauer und Tina Übel –  in der Minderzahl als auch unter den Performern. Um so mehr fielen im Finale in der O2-Arena - wo sonst Bob Dylan, Udo Lindenberg oder Ina Müller auftreten - die wenigen weiblichen Stimmen auf. Sie legten es nicht so auf den sicheren Lacher oder das naheliegende Kolumnen-Thema oder den athletischen Show-Act an, sondern wirkten nachdenklicher, ja, durchdachter.

Ich hatte es leider nicht geschafft, Samstagnachmittag das Halbfinale in der rustikalen Umgebung der „Fabrik“ in Altona anzuschauen, was ich um so mehr bedauerte, wenn in der O2-Arena nach jedem Auftritt das helle Bahnhofslicht anging, damit die Tafeln mit den Wertungen der Juroren im Publikum überhaupt zu sehen waren. Dann war der, die, das Ambiente ernüchternd und man fühlte sich eher wie bei einem Eishockey -Turnier. Die Slammer erlebten den optischen Gegensatz nicht so stark, weil während der 5 Minuten, die der Auftritt dauerte, die Arena dunkel dahin lag. Akustisch hingegen waren die knapp 4000 Zuhörer – angefixt vom Moderator - allerdings zu vernehmen: Applaus gab es mehr als reichlich. Meine ungeteilte Zustimmung – so stellte i c h mir Slam vor – und meine Sympathie bekam eine junge Frau, die es unter den 250 Mitbewerbern, die in den Tagen vorher in 9 Locations in der Slam-Hochburg Hamburg bis ins Finale geschafft hatte, in dem 8 Poeten um den Endsieg rangen. Apropos Endsieg: Die aufgepeitschte Menge klang ab und an fast schon wie andere aufgepeitschte Mengen so klingen ...

Die 22jährige Theresa Hahl, meine Favoritin im Finale, wurde in Heidelberg geboren, studiert in Mainz Literaturwissenschaften und wurde – von einer anderen Stadt - in diesem Fall von Kassel ins Rennen geschickt. Ob sie eine szeneübliche Wollmütze trug, weiß ich jetzt gar nicht. Ich hatte mehr als eine Frage an sie, deshalb vertagten wir das Interview um ein paar Tage. Es blieb so angenehm frisch wie die – geduzte – Dichterin:

Machte die Größe der Arena einen Unterschied für Dich? Wäre Fabrik oder Schauspielhaus nicht die bessere Umgebung gewesen?

TH: „Ich hatte davor gerade einen unglaublichen Auftritt in der Fabrik gehabt, einen der besten überhaupt (wenn man echt das Gefühl hat auf der Bühne nicht mehr man selbst , sondern der Text zu sein, wirklich grandios, ein Grund warum ich so gern auf den National fahre, da sind die Auftritte unheimlich intensiver als irgendwo sonst) und war deshalb noch vollkommen adrenalingetränkt und hatte die Dimensionen noch nicht ganz realisiert... ich wollte einfach nochmal Spaß haben und auf der Bühne war das, als würde man ein wenig gegen die Dunkelheit oder die Milchstraße reden...“

Erstaunt es Dich, wenn ich sage: Ich kann aber gar nicht erinnern, WAS ich so gut fand?

TH: „Nein, eigentlich nicht. Eigentlich ist das doch irgendwie ein großes Lob. Ich will ja ein authentisches Gefühl vermitteln, das fern von jeder Kategorisierung seine Berechtigung verteidigt und sich deshalb auch schwer in ein, zwei Sätzen zusammenfassen lässt. Man weiß ja auch nicht was an der Angst so erschreckend oder an der Liebe so großartig ist, denn man kann es zwar benennen, muss es aber empfinden um es zu verstehen.

Könntest Du ganz kurz anreißen, worum es in Deinem Gedichttext „drei lebensweisheiten in vier strophen, oder: wir sind unsere eigenen philosophen“ ging?

TH: „Es geht darum, trotz der vielen berechtigten, dennoch subjektiven Lebensansichten, die einem immer präsentiert werden und sich gerade zu aufdrängen, seine eigene Wahrheit zu finden und ein bisschen in sich und die Welt zu lauschen“

Hast Du diesen Text bewusst und aus Kalkül für das Finale eingesetzt

TH: „Es hat sich so ergeben, vor allem, weil ich in den Vorrunden andere potentiell finaltaugliche Texte vorgetragen habe, da ich eigentlich immer meinem Gefühl vertraue, den Text zu machen, auf den ich in diesem Moment gerade am meisten Lust habe und im Finale kam beides zusammen, also eher Zufall als Kalkül“.

Mit wie vielen Texten bist Du nach Hamburg gekommen?

TH: „Ich hatte drei wirklich gut ausgefeilte, auf die ich auch Lust hatte und auch vorbereitet hatte, sonst habe ich aber zehn bis zwölf solcher Texte für die Bühne“.

Wie oft wiederholen sich Texte?

TH: „Goldene Regel ist es in einer Stadt und auf einem Slam niemals den gleichen Text vorzutragen, sonst entscheide ich tatsächlich nach dem Gefühl und das bringt eigentlich genug Abwechslung, vor allem, weil ich immer den Antrieb habe, neue zu schreiben, sobald ein Gedicht ein paar mal auf der Bühne war.

Wie wichtig ist für Dich die Darreichungsform Slam – das gesprochene Wort?

TH: „Ich finde es eine viel authentischere Darbietungsform von Literatur. Sprache gehört nun mal gesprochen, denn Worte leben doch auch sehr von ihrem Klang und beim stillen Lesen, geht da einiges an Potenzial verloren, was der Text eigentlich verwirklichen kann, wenn er vorgetragen wird“.

Wie möchtest Du Dein Publikum zurücklassen? Beseelt? Erheitert? Verwirrt? Oder gar traurig? Was meinst Du, nimmt das Publikum am ehesten zu Herzen?

„Ich will einfach, dass sich da irgendwas bewegt in den Menschen, egal ob sie mich hassen, über meine Gedichte lachen oder nachdenken. Hauptsache es kratzt unter der Oberfläche ein bisschen Alltagsgrausinn ab und am besten eignet sich dazu tatsächlich Begeisterung und authentisches Erzählen, egal ob lebensnahe Kurzgeschichten mit pointiertem Ende oder Gedicht. Ich finde, nichts merkt das Publikum schneller, als wenn man aufgesetzt wirkt und keinen Spaß beim Vortrag hat“.

Gibt es Dich gedruckt? Wäre Dir das wichtig?

TH: „Ist in Arbeit. Ich habe aber eine Schneckendevise was das angeht, hängt aber mehr mit Bedacht als mit Mangel an Material zusammen. Ich kann mich in den Prinzipien der modernen Lesekultur nicht wieder finden, deshalb ist es mir auch nicht unglaublich wichtig. Ein Buch ist eben ein Konzept für sich und nicht zwei Buchdeckel mit ein bisschen gutem und viel Füllmaterial dazwischen, deshalb sollte es auch als autonomes Werk stehen und nicht weil ich ein Buch rausbringen möchte…“

Frage an Dich als Literaturwissenschaftlerin: Welche Anklänge Deiner Poesie mit Dichtern der Vergangenheit gibt es. Hilft Dir Dein Studium als Slammerin?

TH: „Es gibt sicherlich Inspiration. Ich weiß allerdings nicht unbedingt mit wem ich mich vergleichen will oder kann, das hat immer sowas Epigonenhaftes…(Pause)…. vielleicht von der kunstästhetischen Auffassung oder bestimmten Konzepten oder Programmatiken einiger Strömungen, aber das geht in diesem Rahmen vielleicht ein bisschen zu weit..“

Ja. Dann eine letzte Frage: Hattest Du in Hamburg eigentlich Deine Mütze auf? Gibt es in der Slammer-Szene einen Dress-Code?

TH: „Dresscode ja und nein - wichtig ist bloß, dass man auf der Bühne glaubwürdig erscheint. Es gibt wenig Anzugträger unter den Slammern, das hat auch seinen Grund.“

Vielen Dank, Theresa! Und viel Erfolg !

 

 

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