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Interview

Gerrit Wustmann im Gespräch mit Dichter & Herausgeber Axel Kutsch

Das Neue, das Unerwartete, das Unerhörte

Unlängst erschien mit „Versnetze_13. Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart“ (Verlag Ralf Liebe) der neuste Band von Axel Kutschs umfangreichem Editionsprojekt, mit dem er die hiesige Lyrik kartographiert. Es versammelt rund 250 DichterInnen auf 360 Seiten, die gesamte Reihe hat längst mehr als 4000 Seiten – alles, was die Vielfalt der deutschen Gegenwartsdichtung ausmacht, findet sich hier. Der Dichter und Herausgeber Axel Kutsch feiert in diesen Tagen seinen 75. Geburtstag – ans Aufhören denkt er noch lange nicht. Zeit für ein Gespräch!

 

 

Gerade ist der neue Versnetze-Band erschienen. Der 13. Ausgerechnet in diesem Jahr diese Nummer. Bereust du schon den selbstauferlegten Lockdown der letzten Monate, in denen du allein zu Hause gesessen und Gedichte ausgewählt hast?

Axel Kutsch: Je ne regrette rien. Wie in den vergangenen Jahren während der wochenlangen Arbeit an den einzelnen Versnetze-Ausgaben war's für mich auch diesmal wieder eine wunderbare Zeit, neue Gedichte deutschsprachiger Autorinnen und Autoren zu lesen, zu beurteilen und für eine Veröffentlichung auszuwählen - oder abzulehnen. Ich lese die Texte mehrmals, bevor ich mich entscheide. Es kommt auch vor, dass ich das eine oder andere Gedicht ein paar Tage beiseite lege, um dann mit etwas Abstand eine Entscheidung zu treffen. Manchmal braucht man den als Herausgeber. Dieser selbstauferlegte Lockdown war insgesamt wieder mit einer Menge interessanter, ja spannender Arbeit ausgefüllt, die ich nicht missen möchte. Und die 13? Ich erkläre sie für Lyrik-Anthologien zur Glückszahl.

Dreizehn Versnetze, locker nochmal so viele weitere Anthologien – seit Jahrzehnten kartographierst du die deutschsprachige Lyrik. Was macht diese Arbeit so spannend? Und wie hat sich die Lyrik verändert im Laufe der Zeit?

Axel Kutsch: Das Neue, das Unerwartete, Unverhoffte, mitunter Unerhörte, die Entwicklung vieler Autorinnen und Autoren über Jahre zu verfolgen, andere zu entdecken, auch Enttäuschungen bei Einsendungen, deren Verfasser schon mal besser waren - das alles trägt zur Spannung bei. Natürlich auch, generelle Veränderungen wahrzunehmen. Nach dem lange Zeit vorherrschenden Alltagsparlando der Neuen Subjektivität hat die deutschsprachige Lyrik Mitte, spätestens Ende der achtziger Jahre wieder zunehmend an Artistik gewonnen. Zunächst haben unter anderem damals junge Autoren wie Durs Grünbein oder Thomas Kling für frischen Wind gesorgt, der dann allmählich auch breitere Kreise von Lyrikerinnen und Lyrikern ergriffen und zu mehr Höhenflügen geführt hat, als das noch in den Jahren davor der Fall gewesen war. Man kann sagen, dass die deutschsprachige Lyrik gegen Ende des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts wieder aufregender, innovativer, progressiver geworden ist. Und das betrifft nicht nur die Werke der kleinen, vom sogenannten "großen" Feuilleton gehypten Poetenschar, sondern auch Hundertschaften weniger beachteter Autorinnen und Autoren, die mit zum vortrefflichen Zustand unserer gegenwärtigen Dichtung beitragen. Für Herausgeber von Anthologien mit neuer Poesie ist das gewissermaßen ein Schlaraffenland.

Im Vorwort zu „Vernsnetze_13“ deutest du an: Die AutorInnen eher konventioneller Lyrik beschweren sich gelegentlich über Experimentelles – und umgekehrt. Sind das zwei konkurrierende Pole? Und gibt es überhaupt noch die erbitterten Kämpfe um Form und Ästhetik, oder ist das ein Relikt der Vergangenheit?

Axel Kutsch: Zur Zeit flammen hin und wieder Kontroversen zwischen Verfechtern einer leichter zugänglichen konventionelleren Realpoesie und einer schwierigen, sagen wir "akademischen" Lyrik auf, die auch Experimentelles einschließt. Da gibt es durchaus konkurrierende Pole, aber von erbitterten Kämpfen habe ich bisher nichts bemerkt. Die waren eher im 20. Jahrhundert angesagt, etwa in einer erregt geführten Debatte der sechziger Jahre um das kurze und das lange Gedicht. Heute hält sich die Erregung in Grenzen, auch wenn sie gelegentlich aufflackert. Außerdem zeichnen sich immer wieder individuelle Übergänge zwischen den Polen ab. Es gibt halt seit langem keine dominierende Richtung mehr wie noch in den Zeiten der vorhin erwähnten Neuen Subjektivität. Die quirlige Polyphonie heutiger lyrischer Schreibweisen von konventionell bis experimentell mit zahlreichen Zwischenstufen spiegelt sich auch in den Versnetzen.

Ja, die Bandbreite ist groß, es sind auch mehrere Lyrikgenerationen vertreten. Nach welchen Kriterien suchst du die Gedichte aus?

Axel Kutsch: Sie sollten vor allem nicht hausbacken, nicht verschnarcht sein, keine abgenutzte Diktion oder verbrauchten Metaphern aufweisen. Wenn beispielsweise in einem zeitgenössischen Großstadtgedicht der Begriff Häusermeer auftaucht, bekomme ich Magenschmerzen. In der Fülle eines Romans mag man so eine Plattheit vielleicht noch hinnehmen, in einem Gedicht ist sie tödlich. Bevor ich mich inhaltlich mit Lyrik befasse, lasse ich zunächst die Sprache auf mich wirken. Überzeugt sie mich mit Originalität, Frische, Rhythmus, im besten Falle mit Kühnheit, hat der Text gute Chancen, vernetzt zu werden. Inhalt und Gehalt sind dabei erst einmal zweitrangig für mich.

Von der Presse hat die Versnetze-Reihe im Laufe der Jahre beachtliches Feedback erhalten; unter Dichtern gehen die Meinungen, so wie ich es mitkriege, auseinander. Die einen freuen sich, dass es in den Versnetzen jedes Jahr Neues zu entdecken gibt, dass du immer wieder auch völlig unbekannte DichterInnen aufnimmst und nicht bloß die üblichen Verdächtigen – andere finden die Auswahl zu beliebig. Welchen Ansatz verfolgst du mit der Reihe? Du sprachst mal von „Katalog“. Das klingt sehr nüchtern…

Axel Kutsch: Da es mir auch darum geht, unsere heutige Lyrik mit ihrem ganzen Facettenreichtum vorzustellen, wirkt die Auswahl wohl auf manch einen beliebig - vielleicht auch deshalb, weil ich nicht nur lyrische Feinkost, sondern hier und da auch einfaches Schwarzbrot anbiete. Das unterscheidet meine Anthologien von den elitärer ausgerichteten "Jahrbüchern der Lyrik". Allerdings sind sich viele Autorinnen und Autoren, die dort veröffentlicht werden, nicht zu schade, ebenfalls in den umfangreicheren, katalogähnlichen Versnetzen zu erscheinen. Ihre nüchterne Aufmachung passt gut zur Gesamtkonzeption, die an manchen Stellen Werkstattcharakter hat, etwa wenn Auszüge aus noch nicht abgeschlossenen Zyklen präsentiert werden. Also: Ein Paperbackband mit 360 Seiten, 250 Poetinnen und Poeten, Unvollendetes und Schwarzbrot, dazu jede Menge Feinkost - das alles ergibt für mich einen Katalog. Man kann's natürlich auch Buch nennen.

Viele, die ihre allerersten Veröffentlichungen in deinen Anthologien hatten, sind inzwischen selbst etablierte DichterInnen – welche Rolle spielen Anthologien für den lyrischen Nachwuchs? Sind sie auch ein Seismograph dessen, wohin sich das lyrische Schaffen in den nächsten Jahren entwickeln wird?

Axel Kutsch: Für den Nachwuchs bieten sie oft die ersten Schritte in die Öffentlichkeit und vor allem eine Stärkung des schöpferischen Selbstbewusstseins. Autoren wie Marcel Beyer, Norbert Hummelt oder Jan Wagner hätten ihren Weg in der deutschsprachigen Literatur auch gemacht, wenn ich sie in ihrer Anfangszeit nicht in meinen Anthologien vorgestellt hätte. Aber vielleicht habe ich ihnen durch diese frühen Veröffentlichungen Mut gemacht. Auch heute findet man in meinen Sammelbänden immer wieder junge Talente, denen man eine aussichtsreiche literarische Zukunft prophezeien kann. Eine Aufnahme in solche Anthologien dürfte sie mental stärken, nehme ich an. Wohin sich das lyrische Schaffen in den nächsten Jahren entwickeln wird, ist bei der Vielfalt der heutigen Schreibweisen und Themen generell schwer vorherzusagen. Und jetzt kommt noch Corona hinzu. Wenn man in die relevanten Anthologien mit aktueller Lyrik blickt, fällt mir nur ein Begriff ein: Polyphonie.

Bis vor etwa zehn Jahren hast du regelmäßig Konzeptanthologien gemacht, hast ein Thema vorgegeben, zu dem du Gedichte suchtest – zum Beispiel Kurzgedichte, Stadtgedichte, Kriminalgedichte oder auch, das gefiel mir besonders, Goethe-Parodien. Willst du so etwas in Zukunft nochmal machen?

Axel Kutsch: Ich schließe nicht aus, dass ich in absehbarer Zeit wieder einen Themenband edieren werde. Es gibt da noch ein Lieblingsprojekt, das bei den meisten Lyrikerinnen und Lyrikern sowie in der Leserschaft großen Anklang finden dürfte. Aber nach der intensiven Arbeit an den neuen Versnetzen will ich zunächst mal durchatmen und versuchen, selbst das eine oder andere Gedicht zu schreiben.

Damit nimmst du meine nächste Frage fast vorweg. Es ist schon eine Weile her, seit dein letztes Buch mit eigenen Gedichten erschienen ist. „Ikarus fährt Omnibus“ ist von 2005, 2015 erschien die Werkschau „Versflug“ mit einigen zuvor unveröffentlichten Gedichten. Arbeitest du an einem neuen Band?

Axel Kutsch: Zur Zeit nicht. Es gibt von mir zwölf Bände mit Lyrik, dazu zahlreiche Gedichtveröffentlichungen im Rundfunk, in Zeitschriften, Schulbüchern und Anthologien bis hin ins ferne Ausland, zum Beispiel Kanada oder Iran. Manchmal sage ich mir, dass es genug ist. Aber ab und zu entsteht doch noch ein brauchbares Gedicht. Wer weiß, was noch kommt. Vielleicht überrasche ich mich eines Tages selbst mit einer ganzen Galerie neuer gelungener Poeme, aus denen man ein Buch machen könnte. Das Herausgeben werde ich auf keinen Fall aufgeben, solange Kopf und Körper mitspielen.

 

***Versnetze_ 13, 359 Seiten, 25 Euro, Verlag Ralf Liebe 2020

 

 

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