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Interview

Fünf Fragen an Ron Winkler

Frenetische Stille

Carsten Klook: Welche Entwicklung haben Sie mit Ihrem neuen Gedichtband "Frenetische Stille" genommen? Welchen Schritt haben Sie gemacht?

Ron Winkler: Ein Softwareentwickler kann vielleicht Auskunft über seine Entwicklungen geben, aber kann und sollte es ein Autor?
Natürlich gab es Strategien, auch unbewusste, gleichwohl ist der Band kein Konzeptalbum. Die Übergänge sind fließend. Man verändert sich selbst ja auch eher sukzessive als abrupt. Eine der Ideen für die neuen Gedichte war die der Kontamination. Einer Kontamination mit Interessen und Sprechweisen des eigenen Oeuvres, vor allem aber einer Kontamination mit jener grundlegenden Verstörung, die uns umgibt und erfasst und die voller struktureller, aber auch individueller Absurditäten ist.
Zudem hat mich die Vorstellung abgeschreckt, ein spezielles Label zu repräsentieren. Repräsentieren zu müssen. Spätestens nach Fragmentierte Gewässer gab es den zementenen Anwurf, ein Naturlyriker zu sein. In dieser Enge wollte ich nicht leben. Das bedingte hier und da eine Art Selbstabkehr. Auch um mich selbst zu überraschen. Mit Surrealismen und anderen Formen. Formwandlerisch zu operieren, schien mir immer schon mehr als nur reizvoll. Es gibt die tollsten Autoren, die jedoch in prächtiger Zombiehaftigkeit verharren. Sie sind schön, aber irgendwie tot.
Was bleibt, ist der Wunsch, für besonderes Wahrnehmen zu sensibilisieren. Die Sprache zu elektrisieren, wenn auch da und dort mit einem sehr kalten Strom.

Carsten Klook: Wie arbeiten Sie? Entstehen die Gedichte im Spiel mit dem (digitalen) Zettelkasten, setzen Sie einzelne Notizen, Wörter, Satzfetzen zusammen? Oder entstehen sie zu großen Teilen am Strang im konzentrierten Sitzen am Schreibtisch?

Ron Winkler: Ich arbeite eigentlich so, wie ich bin: unregelmäßig und unstet und disparat. Zum Schreibvorgang an sich: Der mag für den Autoren phänomenale Transmissionen vom Nichts zu Etwas erlebbar machen, nach außen hin lässt er sich aber nicht als metaphysisches Leuchten an sich vermitteln. Schreiben ist auch profan. Direkt nebem dem enigmatischen Teilchenbeschleuniger wartet die triste Montagekammer.
Es gibt Gedichte, die spontan entstehen, weil das musikalisch-semantische Licht stimmt. Viele Texte erarbeite ich aber auch additiv. Der einzige Unterschied ist wahrscheinlich, dass die Phantasie dann aus unterschiedlichen Zeiten stammt. Gefiltert wird immer.
Wichtig ist auch, nicht aus jeder als lyrisch vermuteten Idee ein Gedicht erzwingen zu wollen. Oft tut es dann auch einfach eine Postkarte.

Carsten Klook: Was würden Sie antworten, wenn man zu Ihnen sagen würde: „Im Wesentlichen ging es um das Beheben der Atlantis-Cluster in dir”? Eine Zeile aus dem neuen Gedichtband …

Ron Winkler: Dass das, was hier gesagt wird, eine hübsche Utopie scheint. Der Text, aus dem die Zeile stammt, ist im Grunde ein antiutopisch-utopischer Gesang. Ein empathisches Kaddisch, das zwischen Anteilnahme und Sarkasmus schwingt. Natürlich sollte es darum gehen, inerte Potentiale abzurufen, und das nicht nur im Rahmen der Poesie. Ich will die Zeile nicht ausdeuten, aber sie markiert die Ambivalenzen, um die es mir geht — beziehungsweise von denen man nicht frei ist. So etwas wie Atlantis-Cluster, nicht handhabbare psychische (und psychotische) Ballungen vielleicht, sind in ihrer Schwierigkeit und Fatalität natürlich auch wunderbare Treibstoffe für unsere Ichs.

Carsten Klook: Was wünschen Sie sich für die Literaturszene, speziell für die Dichtung im deutschsprachigen Raum?

Ron Winkler: Für die Lyrik gesprochen: Dass der derzeitige Facettenreichtum erhalten bleibt. Keine Schulen, keine Dogmen. Wenngleich gebündelte Revolteabordnungen hier und da nichts Schlechtes wären. Und immer wieder neue chimärische Schreibweisen. Sinnlichkeit, Dekonstruktion und Gärung.

Carsten Klook: Sehen Sie sich (um im Bild der „Popband” zu bleiben) als "Frontmann" einer neuen Lyrikszene? Ihre Tätigkeiten als Herausgeber vieler Anthologien könnten in diese Richtung weisen.

Ron Winkler: Die Frage suggeriert die Existenz einer Front. Abgesehen davon: partout nein! Und: Singularität ist in gewisser Hinsicht auch ein Irrtum. Ich habe das, was ich anbiete, noch nie als alleinseligmachendes Heilsversprechen betrachtet wissen wollen. Und das ist nicht allein der pragmatische Schluss aus der Erkenntnis, dass jeder Dichter nur eine mehr oder weniger geringe Reichweite hat.
Ich glaube nicht, dass sich irgendwer von gesunder psychischer Konsistenz als Frontmann versteht. Man will anstecken, entzünden. Das ja. Und als Herausgeber hat man die Chance, dabei ästhetisch stärker zu heterogenisieren, als es der Autor kann. Da leider so vieles verpufft, muss man die Zirkulation auf schleunig halten. Und das tun viele Autoren, die ich kenne.

Das Interview wurde per E-Mail geführt.

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