Fixpoetry

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Interview

Das Schreiben ist meine Weise zu existieren

DORTHE NORS IM GESPRÄCH MIT FRANCISCA RICINSKI

Francisca Ricinski:  In Ihrer Kurzgeschichte Handkantenschlag  geht es um eine dramatisch scheiternde Beziehung zwischen Mann und Frau, und, wie der Titel schon andeutet, mit radikalem, erlösendem Schluss. Die Geschichte beginnt  mit einer kurzen Betrachtung über die Natur von Männern, die durch die Proklamation ihrer Schwächen die Frauen erobern und an sich binden. So auch Ihr Protagonist Karl Erik. Seine Zugeständnisse machen ihn quasi unwiderstehlich; er übt eine paradoxale Anziehungskraft auf Annelise aus. Irgendwann erwacht sie aus diesem Verzauberungszustand, ohne dass sie jedoch sofort eine Zäsur setzt, sie will noch ein wenig in der Illusion des Glücks verweilen. Auch wenn alles eine schmerzhafte, unerträgliche  Wendung für sie nimmt, sucht sie immer noch nach entlastenden Erklärungen für seine brutalen Vergewaltigungsakte. Auch für ihre Tat. An einer schwebenden Grenze zwischen Wirklichkeit und Rückblende bezeichnet sie die Tötung von Carl Erik im Schlaf als eine von ihr „zu überschreitende Linie“:  „ ... und schließlich nimmt man den buntesten Filzstift und übermalt alles.“  Die  Abschweifung, in der diese traumatisierte Frau sich an die schwarzen Umrisszeichnungen in den Malbüchern erinnert, die sie als Kind unbedingt ausmalen wollte, hätte unter anderen Umständen eine entlastende Wirkung im Text gehabt, aber hier setzen Sie diese Abschweifung mit dramaturgischem Geschick ein, vermutlich um die Gewissheit des Ausgangs, der sich schon einschleicht, ein wenig zu verzögern. Und wahrscheinlich weil unser Bewusstsein, vor allem in Grenzsituationen, anders als ein ungetrübter Fluss agiert. Das Hirn wirft tiefst angesiedelte Bilder ab, um latente Zusammenhänge fassbar zu machen.  Das Endbild ließe noch eine andere Interpretation zu: Dass Annelise den Peiniger nur in ihrer Fantasie durch einen „Handkantenschlag“ niederstreckt. Eine wendige Auslegung macht nicht nur diesen Text, sondern die meisten Kurzgeschichten aus Ihrem neuen Buch, das vor kurzem im Hamburger Osburg-Verlag erschien, reizvoll. 

Warum haben Sie Ihr Buch nach dem Titel dieser Geschichte benannt?  Ich denke, nicht nur weil er so kurz, bildhaft und rhythmisch klingt ...  

Handkantenschlag, Osburg Verlag

Dorthe Nors:  Nun, wie Sie wissen, schreibe ich in Dänisch, und Dänisch ist eine eigenartige Sprache, in der ein Wort – abhängig von seinem Kontext – Unterschiedliches bedeuten kann. Das gilt auch für das Wort „Kantslag“, den Titel des dänischen Originals. Später wurde es ins Englische als „Karate Chop“ übersetzt, was zu „Handkantenschlag“ in der deutschen Version wurde. In der dänischen Sprache kann „kantslag“ verschiedene Dinge bedeuten: a) Es bezeichnet den Klang, wenn eine Trommel auf der Seite oder dem Rand angeschlagen wird; in der englischen Sprache wird das Wort „rimshot“ verwendet. b) Es bezeichnet die kleinen Blessuren, die man hin und wieder an Porzellan vorfindet. Wenn man versucht, ein Stück Porzellan mit einem „kantslag“ zu verkaufen, wird man einen geringeren Erlös erzielen. c) Es ist die verkürzte Version von „handkantslag“, was „Handkantenschlag“ bedeutet, und d) es ist eine Metapher, die ich gebildet habe aus dem Wort „kant“, was „Rand“ bedeutet, und „slag“, was in Dänisch auch so viel wie „Schlacht“ bedeutet kann. Ich habe Sie hoffentlich mit so viel dänischer Etymologie nicht verwirrt.

F. Ricinski:  Keineswegs, ich bin selbst Philologin.

D. Nors:  Warum aber habe ich „Kantslag“ für den Titel gewählt. Das war eine Erleuchtung: ich arbeitete gerade an diesem Buch, und dann wusste ich plötzlich, dass der Titel „Kantslag“ sein würde. Zum Teil, weil die Geschichten kurz sind, auf den Punkt verfasst, zielgenau, treffsicher, ohne Umwege über lange Seiten hinweg, die dann erst zum Punkt führen. Dies ist SCHNELLES  Erzählen, und ich wollte, dass es wie ein „Handkantenschlag“ geschieht. Mir gefiel aber auch die Metapher aus „Rand“ und „ Schlacht“, weil alle Bücher, die ich bis dato geschrieben hatte, von Menschen handelten, die am Rand stehen, an einer Grenze, auf einer Schwelle, und die mit sich zu kämpfen hatten.

Ich weiß nicht, wie die Menschen meine Geschichten interpretieren. Ich meine, es wäre das Vorrecht des Lesers, das Lesen aus seinem Inneren zu erfahren. Ich meine aber auch, dass Annelise in der Titelgeschichte einen sehr realen „Handkantenschlag“ anbringen KÖNNTE.

F. Ricinski:  Von der Liebe, die sich anscheinend nur im Innern einer fünfunddreißigjährigen Frau entfalten kann, erzählen Sie in einer anderen ergreifenden, wundersamen Geschichte:  In diesem Sommer ging sie auf Friedhöfe. Obwohl von Friedhof und Toten die Rede ist, erzeugen Sie keine schaurigen Zustände, keine Beklemmungen. Eine Frau hat das Bedürfnis, durch die Friedhöfe, die niemand besucht, zu spazieren. Ihr Lieblingsfriedhof – ein verwilderter Park  mit überwucherten Gräbern von Dichtern und Malern. (Ich selber lernte  mit meinem damaligen Freund für die Prüfungen an der Uni im dichten Gras eines ähnlichen Friedhofs ...). Dort nimmt sie alle Dinge und Wesen wahr, kann über vieles nachdenken. Und da verliebt sie sich in einen Mann, der nur geistig bei ihr sein könnte. Geht es  hier vielleicht um die moderne Darstellung eines legendären Motivs, wo sich Erdbewohner in Wesen anderer Welten verlieben, oder um den Glauben an eine Verbindung zwischen Lebenden und Toten?  Genau so gut vorstellbar wäre, dass die mental-emotionale Ablösung von ihrem verstorbenen Geliebten, der dort liegt, nicht stattfinden kann. Sie sieht ihn überall,  setzt sich neben ihn, spürt seine Finger, sieht ihn mit dem Kind ...  Sie lebt und sieht sich zugleich tot, sieht im Tod die Chance ihrer Wiedervereinigung. Die Geschichte schreitet diffus voran, über schwingende Böden  - von exaltiertem Remember und unterschwelliger Melancholie bis nah an bildhaften Wahnsinn. Die dafür verwendeten Zeiten  -  Konjunktiv und Imperfekt -  erscheinen in einer eigenwilligen Mischung, mögliche Zukunft und Vergangenes dringen ineinander ein. Oder handelt es sich „nur“ um die Projektion eines liebesbedürftigen Menschen?   

D. Nors:  Oh, es gibt nichts Außerirdisches oder Spirituelles in dem Sinne, was die Liebe dieser Frau angeht. Sie ist eine Tagträumerin – und Sie müssen wissen, dass die Friedhöhe in Kopenhagen von den Leuten als Parks genutzt werden. Die Leute picknicken, spielen Federball, fahren Rad oder sonnen sich auf den Kopenhagener Friedhöfen – jedenfalls auf manchen von ihnen. In einer großen Stadt, die nicht genügend Parks hat, bieten die Friedhöfe einen Ort, wo man mit sich alleine sein kann. Man könnte sagen, dass die Frau sich verliebt hat in ein „Gespinst“ ihrer eigenen „Vorstellungskraft“, in eine vorgestellte Person, die sie sich erfindet, um die Zeit totzuschlagen. Oder um an ihren Hoffnungen festzuhalten.

AUCH gab es da ein Lied von einer amerikanischen Sängerin/Songwriterin, Joanna Newsom, das eine wichtige Rolle spielt in der Art, wie Tod und Liebe einander in dieser Kurzgeschichte berühren (die übrigens den New Letter`s Readers Preis im Jahre 2010 bekam) – es handelt sich um ein Fragment aus dem Lied „Sawdust and Diamonds“ (Sägemehl und Diamanten). Es lautet so:

I wanted to say: why the long face?/sparrow, perch and play songs of long face/burro, buck and bray songs of long face!/sing: I will swallow your sadness and eat your cold clay/just to lift your long face/ and though it may be madness, I will take to the grave/your precious longface/and though our bones they may break, and our souls separate/ - why the long face?/ and though our bodies recoil from the grip of the soil/ - why the long face? ” 1

Das ist Liebe, die die Gefühle jenseits des Grabes trägt. Eine zyklische und sehr weibliche Art zu lieben.

F. Ricinski:  Sie überzeichnen nirgendwo die Konturen, deuten nur so viel an wie nötig, um die Spannung und vor allem die Ambiguität, das Rätselhafte darin nicht zu schwächen.  Wieder halb offen stehende Türen und das ist gut so. Könnte man  von einer „Komplizenschaft“ der Autorin Dorthe Nors mit dem Leser sprechen, indem dieser angeregt wird, Ihre Geschichten nach seiner eigenen Auffassung oder Vorstellung zu vollenden? 

D. Nors:  Vielen Dank, ich vermute, es ist diese Offenheit – die ich in der Literatur liebe – die es den Lesern ermöglicht, die leeren Stellen selbst einzufüllen. Die es dem Leser erlauben, seine Träume, Ängste und Hoffnungen im Text erscheinen zu lassen. Ich habe ihren Liebhaber nie als einen Verstorbenen verstanden, sondern als einen entfernten imaginären Liebhaber, den sie 'außerhalb der Realität' lieben musste, weil er sie innerhalb der Realität vielleicht kaum kennt. Er ist ein Tagtraum für mich. Aber, wie ich schon schrieb - Es ist die Geschichte des Lesers, sobald ich sie losgelassen habe. Dorthe Nors hat diese Geschichten geschrieben, und ihre Leser genießen die Freiheit, sie mit ihren eigenen Sinnen zu erfahren. Das entzieht sich meiner Kontrolle.

F. Ricinski:  Der Lieblingsfriedhof dieser Frau liegt an der Grenze zwischen Frederiksberg und Valby. Gehören diese zwei Plätze zur der Liste der Ortschaften, wo Sie sich während Ihrer Reise aufhielten?  War dies sozusagen eine Dokumentationsreise für Ihr jetziges Buch?

D. Nors:  Nein, ich bin nicht herumgereist, um diese Geschichten zu schreiben. 2006 aber bin ich öfter umgezogen, weil ich mich in verschiedenen „writers' residencies“ aufhielt und auf diesem Wege viele Menschen und viele Orte kennengelernt habe. „Handkantenschlag“ habe ich 2007 geschrieben, als ich in Kopenhagen wohnte – in unmittelbarer Nähe des Frederiksberg Parks und einigen Friedhöfen. Sieben Jahre lang wohnte ich in einem Viertel der Stadt Valby, bis ich voriges Jahr nach West Jutland umzog. Die meisten Orte in „Handkantenschlag“ sind solche, die ich besucht habe. Das ist eine gute Art zu schreiben. Die Orte liefern die Szenerie und man kann den Inhalt dazu erfinden.  

 F. Ricinski: Wie verstehen Sie das Verhältnis zwischen schnörkelloser Wirklichkeit und Fantasie, normalem  Sinn und Paradoxie, bewiesener Gewissheit und suggestiver Andeutung, warum die abrupten Zäsuren?

D. Nors:  Oh je, komplizierte Frage. Ich glaube, die Einbildungskraft und die surreale Natur der Dinge sind in die Realität eingebettet und in die Art, wie wir denken. Das ist auch der Grund, warum sie in meiner Literatur sehr eng Seite an Seite existieren. Dann wiederum – mag ich die Art von Minimalismus, der bis zum Rand angefüllt ist mit Inhalt, wo aber die Form sehr ästhetisch ist. Dies gibt dem Leser einen Sinn für diese Wörter, das unkontrollierbare Innere und das erstarrtere Äußere eng miteinander verwoben.

F.Ricinski:  Eine ähnliche , sehnsuchtsvolle Projektion, wenn nicht so extrem wie die Frau am Friedhof, erlebt ein Mädchen, das Briefumschläge klebt und sich dabei den Mann vorstellt, der hinter der Adresse steckt, und den sie sucht. Nachvollziehbar und doch irgendwie irre ... Wie auch der Mann, der im Internet nach Serienmörderinnen schaut, während seine Freundin schläft, um für kurze Zeit aus dem gewöhnlichen Alltag auszubrechen und seinen sonst unterdrückten Instinkten und Geheimwünschen freien Lauf zu gewähren, es lebe Sigmund Freud!  Und das Panoptikum ist noch lange nicht ausgeschöpft. Ob der Referent im Außenministerium, der infolge einer „Erleuchtung“ (Das Universum will etwas von ihm ...) sich in einen Buddhisten verwandelt (leider ein noch größerer Lügner als sein einstiger Vorgesetzter und letzlich ein Paranoider mit macchiavellischen Zügen) oder die Jäger und andere düstere Gestalten im Mittelpunkt stehen, Goyas Bildtitel „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“ könnte das Motto solcher Geschichten sein. Trotz alledem stellen Sie niemanden an den Pranger, eine scharfe, ausdrückliche Verurteilung findet nicht statt. Das Missbilligte wird angedeutet, subtil eingeflößt oder fein spöttelnd geschildert.

Sind diese Shortstories eher fiktiv oder wurzeln sie in einer realen Gegebenheit? Aber selbst dann, nicht jede reale Gegebenheit kann auf ihre natürlichen kausalen Wurzeln zurückverfolgt werden, so Michael Matlik in „Zwischen Differenz und Gleichheit“. 

D. Nors:  Fiktion gründet immer in der Realität. Sie ist eine höhere Form der Realität, die auf Fragmenten ruht oder auf etwas, das – vielleicht – geschehen ist. Oder, wie ich in einem anderen meiner Bücher schreibe: „Ohne die Fiktion hätten wir den Zugriff auf die Realität längst verloren“. Man kann aber nicht entscheiden, was was ist, weil die Konstruktion an sich schon eine Mischung aus beidem ist. Ich mag das Zitat „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“. Das ist sehr wahr!

F. Ricinski:  A propos Zitate: „Wer sich kein galoppierendes Pferd auf einer Tomate vorstellen kann, ist ein Idiot!“, lautet eine Sentenz von Dali.  Damit sind die Höhenflüge der Fantasie gemeint, die nicht nur den Künstler selbst, sondern auch den Betrachter, in unserem Fall den Leser, betreffen. Zwar tritt in Ihrer Geschichte Die große Tomate kein galoppierendes Pferd auf, aber immerhin eine riesige Rotfrucht, die quasi die Funktion eines Liebeskatalysators übernimmt und aus den zwei einfachen, unscheinbaren Wesen ein spontanes, leichtfüßiges, lebensfröhliches Paar werden lässt. Auch in dieser Geschichte (einer der schönsten im Buch, weil so schlicht und hinreißend wie das Leben selbst), wird Puzzleteil für Puzzleteil zu einem Schlussbild zusammengefügt, aber anders als sonst, nämlich in den leuchtenden Aurafarben, die sich über die Liebenden aller Zeiten ergießen:  Dann flechten sich unsere Finger ineinander, und irgendwo über Manhattan brennt jemand ein Feuerwerk ab ... Dann greife ich nach dem Lenker seines Fahrrads und wir gehen zusammen über die Brücke. Er und ich und die Tomate.

Wissen Sie von vornherein wo eine Geschichte hinwill, ob sich Handlungsstränge weiter verfolgen lassen? Oder sind Sie manchmal selber „verwundert“ von dem Verlauf?

D. Nors:  Das ist abhängig von der Geschichte. In diesem Falle wusste ich nicht, wohin es mich führen würde. Ich hatte den Anfang mit der riesengroßen Tomate, und dann nahmen Raquel und Gabriel MICH an die Hand, und sie wanderten durch Lower Manhatten und über die Brooklyn Bridge mit mir. Die Geschichte von der Tomate entspricht übrigens der Realität. Oh, ich überrasche mich ständig selbst. Ich gehe los: Oha (hei, wow), das habe ich nicht kommen gesehen!

F. Ricinski: Greifen Sie auch auf autobiographische Elemente oder Sequenzen zurück?  Wenn ja, wie stark werden sie dann verfremdet? In „Wattenmeer“ zum Beispiel oder in „Mutter, Großmutter und Tante Ellen“, deren Titel eine solche Vermutung nahelegt?

D. Nors:  Ja, manchmal verwende ich mich selbst. Auch verwende ich meine Nachbarn. Menschen im Bus, jemanden, mit dem ich zur Schule gegangen bin; alles, das ich verwenden kann, um den Text zum Funktionieren zu bringen. August Strindberg hat einmal gesagt: „Man kennt nur ein Leben, das Eigene“ – und deswegen muss man die Erfahrungen nutzen, die man zur Verfügung hat, um plausible fiktionale Universen zu erschaffen.

Sowohl in „Wattenmeer“ als auch in “Mutter, Großmutter und Tante Ellen“ arbeite ich mit vollkommen fiktionalen Charakteren. ABER ich wohnte einmal auf der Insel Fano im „Wattenmeer“, und weil ich glaube, dass diese Geschichte vom Wattenmeer als eigenständigem Charakter handelt, könnte man sagen, dass ich den Protagonisten der Geschichte kenne – also das Wattenmeer.  „Mutter, Großmutter und Tante Ellen“ wird belebt durch eine Geschichte, die mir als Kind erzählt wurde. In dieser Hinsicht ist sie eine persönliche Angelegenheit.

F. Ricinski:  Während Alice Munros Erzählungen fein elaboriert wirken und ihre Figuren meist Zeit haben, um sich zu erzählen oder erzählen zu lassen (daher die Mäander, Umschweife, reizvolle Metaphern etc.) beeindrucken Sie durch eine schlichte, exemplarisch verdichtete Sprache, gegründet auf der maximalen Potenz eines Wortes. Als würden die Geschichten Ihnen unter der Stirn brennen und in den Fingern und eindringlich verlangen, erzählt zu werden; mancherorts erinnern sie mich an Filme des Ciné vérité. Und ich glaube, die meisten Personen Ihrer Geschichten sind mehr, als sie zu sein scheinen, und sie haben mehr zu sagen, als sie uns tatsächlich mitteilen.

D. Nors:  Mir gefällt der Gedanke, dass meine Charaktere und meine Erzähler gewissermaßen aus dem Nebel und aus dem Dunst kommen, ihre Geschichten  einem Leser oder einer anderen ihnen unbekannten Person erzählen und dann wieder im Dunst verschwinden. Es gibt da weder Anfang noch Ende; lediglich die Notwendigkeit zu erzählen, sich etwas von der Seele zu schaffen, etwas aus der Stille auferstehen und dann wieder untergehen zu lassen. Von der Warte ausgehend schreibe ich gerne. Das sind die Stimmen, die ich suche und in den Geschichten „singen“ lasse.

F. Ricinski:  Für die hohe Qualität Ihrer Kurzprosa und die Originalität Ihres Erzählstils wurde Ihnen im September 2014 der schwedische Per-Olov-Enquist-Preis für junge Nachwuchsliteraten verliehen.  Mit Sicherheit war es für Sie ein emotionaler Moment, als der hoch angesehene Schriftsteller Ihnen diesen Preis im Rahmen der Göteborger Buchmesse überreichte.  

Wie wichtig sind Literaturpreise und andere Auszeichnungen für eine Autorin wie Sie und der damit verbundene, ansteigende Ruhm?  Stießen Sie mit Ihrer Lesetour in Deutschland auf große Resonanz?

D.Nors:  Seit meinen frühen Zwanzigern hat mir Olof Enquist VIEL bedeutet. Ich studierte Schwedisch an der Universität, und er ist einer meiner liebsten schwedischen Autoren. Er ist ein skandinavischer Gigant – also einen nach ihm benannten Preis aus seinen Händen zu bekommen und mit ihm zu Abend zu essen – Oh Gott! Es ist immer schön, einen Preis zu bekommen. Ich vermute, die Preise bedeuten mehr als wir manchmal zugeben möchten. Gleichzeitig sollten sie aber nicht alles bedeuten. Es ist immer schön, Anerkennung für seine Arbeit zu erfahren, gleichzeitig aber sollte die Hoffnung, anerkannt zu werden, die Arbeit beim Schreiben nicht bestimmen.

Ich war überrascht, dass so viele Leute zu meinen Lesungen in Berlin, Gütersloh und Hamburg gekommen waren. Das war wunderbar, und sehr schön war es, der Neugierde und der Einsichtsfähigkeit der deutschen Leser zu begegnen. Ich fand es etwas seltsam, dass ich nicht in der Lage war, selbst meine Geschichten zu lesen (Ich mag das, wie Sie verstehen werden), aber mein Deutsch ist so eingerostet, und ich hatte das Glück, dass gute deutsche Sprecher auf die Bühne kamen, und diese Arbeit für mich erledigten.

F. Ricinski:  Bis zu Ihrem Durchbruch auf dem amerikanischen Literaturmarkt hat es sechs Jahre gedauert.  Welche Strategien haben Sie verwendet, um sich dort zu behaupten und von den dortigen Literaturkritikern erst wahrgenommen und dann als eine aparte, unverwechselbare Stimme gelobt zu werden?

D. Nors:  Diese Frage läßt sich nicht so knapp beantworten, ich werde es dennoch versuchen. Zunächst habe ich nichts anderes getan, als die Geschichten ins Englische übertragen zu lassen, und sie dann eine nch der anderen an amerikanissche Zeitschriften zu verkaufen. Zu einem bestimmten Zeitpunkt  wurde ich aufgestöbert von einem amerikanischen Verleger, und einer der Herausgeber der in Brooklyn erscheinenden Literaturzeitschrift  A public Place verliebte sich in meine Geschichten und so fingen wir an, zusammenzuarbeiten. Einige Zeit später begründete diese Literaturzeitschrift und die Graywolf Press eine Zusammenarbeit, und meine Geschichten wurden auserwählt, das erste Buch zu sein, das aus dieser Zusammenarbeit resultierte. Sowohl

A public Place (das seine Wurzeln in der Paris Review hat) als auch die Graywolf Press sind sehr mächtige Herausgeber literarischer Texte, und ihre Zusammenarbeit, ihr Enthusiasmus und ihre Intelligenz – ihre LIEBE zur Literatur waren behilflich, dass meine Geschichten an der Oberfläche auftauchen und sich dann auf den Weg zu den Sternen machen konnten. Das war eine unglaubliche Reise. Sie dauerte dann sechs Jahre, und es war harte Arbeit, und gleichzeitig war es so einfach, weil ich gar nicht vorgehabt hatte, in Amerika die große Karriere zu machen. Es passierte ... einfach.

F. Ricinski: Wie gehen Sie mit dem Erfolg um?

D. Nors:  Ich genieße ihn. Ich versuche, ihn auch ein bisschen zur Seite zu schieben. Ich wohne ja in Dänemark, und ich nutze die Gelegenheit, nicht immer mit ihm konfrontiert zu werden. Ich diszipliniere mich, das nicht dieser RIESENZEITAUFWAND mir die Zeit zu schreiben stiehlt (jedenfalls versuche ich es) und kürzlich bin ich an die Küste gezogen, und ich gehe auf lange Spaziergänge am Meer. Das tut allem gut.

F. Ricinski:  Gibt es unter den amerikanischen Schriftstellern welche, die Ansporn für Sie sind oder Ihr Schreiben beeinflusst haben? George Saunders vielleicht oder der Pulitzer-Preisträger Junot Diaz?

D. Nors:  Nein. Ich hatte extrem wenig von der Tradition amerikanischer Literatur gekannt, bevor ich diese Geschichten schrieb. Danach habe ich mich in Autoren wie Flannery O'Connor und Lorrie Morrie und viele andere verliebt. Junot Diaz kannte ich aber vor meinem Durchbruch in Amerika. Er ist ein großartiger Autor, aber ich glaube nicht, dass ich von ihm beeinflusst bin.

F. Ricinski:  Die meist veröffentlichten, verkauften und (noch) gelesenen Bücher in unserer Zeit sind die Romane. Sie selbst schrieben bisher vier Romane. Aber nun liegt ein Band mit fünfzehn Kurzgeschichten vor. Was hat Sie gereizt, zu dieser anderen Prosagattung überzugehen?

D. Nors:  Ich liebe es, Kurzgeschichten zu schreiben. Sie stellen eine solche Herausforderung dar, und es tut mir so gut wenn ich eine festgenagelt habe.

F. Ricinski:  Velimir Chlebnikov, Mitbegründer des russischen Futurismus und einflussreicher Sprachneuerer, meinte, die Sprache sollte am ehesten an eine Säge oder an den vergifteteten Pfeil des Wilden erinnern. Wo liegt der Schwerpunkt Ihrer Literatur,  mehr auf sprachlicher, formaler Gestaltung als auf inhaltlicher oder umgekehrt? Wie lauten Ihre weiteren Projekte?

D. Nors: Oh, es ist beides. Sie gehen Hand in Hand. Ich schreibe gerade einen Roman (ich meine, pst, pst, weil, wer weiß) und ich werde weitere Kurzgeschichten schreiben.

F. Ricinski:  Dänemark hat Hans Christian Andersen, aber im Grunde gehört er der ganzen Menschheit. Und nicht nur er. Ludwig Holberg, Johannes Ewald, Karen Blixen, Søren Kierkegaard, Peter Høeg, die Nobelpreisträger Gjellerup, Pontoppidan und Jensen ... Selbst Hamlet bleibt ewig mit dem Schloss in Helsingør, nördlich von Kopenhagen, verbunden. Als Selma Lagerlöf 1909 als erste Frau den Nobelpreis für Literatur in Stockholm entgegennahm, fragte sie sich, ob sie nicht in der Schuld derer steht, die vor ihr Prosa und Lyrik schrieben, all derer, die das Schreiben zu einer Kunst machte, der Fackelträger und Pfadfinder.  

Würden Sie ähnliches von sich behaupten? Kann man in Ihrem Fall von einer literarischen Heimat sprechen?

D. Nors:  Das weiß ich nicht. Natürlich hängt man von seinen Vorfahren ab. Natürlich kommt nichts von nichts. Man ist das Produkt von allem, das man gelesen hat, vor allem, dass man gerne gelesen hat – und vor allem,  das man zu lesen gehasst hat.

Ich bin eine skandinavische Autorin mit einer internationalen Orientierung. Das ist meine „Heimat“.

F. Ricinski: Erinnern Sie sich an Ihre Anfänge als Autorin? Haben Sie erstmals gedichtet,  wie so viele Mädchen im poetischen Gefühlsalter, oder erfanden  Sie eher Märchen und Puppenspiele, die ersten Kurzgeschichten? 

D. Nors:  Ich hatte angefangen zu schreiben, bevor ich schreiben konnte. Ich diktierte meine Geschichten meiner Mutter und bat sie, sie für mich aufzuschreiben. Dann las sie sie laut vor, und ich bekam Wutanfälle, wenn sie einen Satz anders niedergeschrieben hatte, als ich ihn diktierte.

Man kann sagen, dass Sprache von Anfang an für mich extrem wichtig war. Später schrieb ich Gedichte, kleine Dramen und sowas – dann studierte ich Literatur an der Universität. Der Rest ist Geschichte.

F. Ricinski: Was gibt Ihnen das Schreiben, das, noch verblüffender als das Leben, wie Orhan Pamuk sagt, die einzige Tröstung bleibt? Vielleicht mehr, viel mehr als das, oder noch nicht mal das?

D. Nors:  Das Schreiben ist meine Weise zu existieren. Es ist mein Daseinsgrund. Es zeigt mir, dass ich lebendig bin. Für mich ist es gleichzeitig der beste und der schlimmste Ort. Es ist Authentizität, Lebensnerv, Wahrheit – Leben. Das ist abhängig davon, von welchem Kontext und welcher Kultur die Rede ist. Vor allem muss man gut schreiben und an sich glauben, und es ist wichtig, dass man da ist.

F. Ricinski:  Wo sehen Sie die Aufgabe der modernen Literatur und über welche Eigenschaften soll ein Autor unserer Zeit verfügen? Merkt man eine Tendenz der Erneuerung oder ist alles schon gesagt und verbraucht? In welcher Richtung entwickeln sich Ihres Erachtens die Nachfragen der Literaturkonsumenten bzw. die Verlagspolitik? 

D. Nors:  Ich glaube, dass das Meiste gesagt worden ist, aber jede Generation hat das Recht, bereits Gesagtes nochmals mit ihrer eigenen Stimme zu sagen.

Ich vertraue sehr auf die Dinge, die in Amerika vor sich gehen, wo unabhängige Verlagshäuser immer erfolgreicher werden, und sich nicht nur auf Kriminalromane und softpornographische Veröffentlichungen konzentrieren. Sie glauben weiterhin an die Literatur und daran, dass die Menschen gute Literatur lesen wollen. Das ist die Zukunft, auf die ich hoffe: mehr Verleger, die ans Schreiben glauben.

F. Ricinski: Werden bedeutende Autoren von der Facebook- und Twittergeneration noch richtig gelesen?

D. Nors: Ich glaube, dass viel Schwachsinn daraus resultiert, dass Menschen ihr intellektuelles Leben in den Sozialen Medien verbringen. Ich glaube auch, dass die Art von Kenntnissen, die wir in den  Sozialen Medien vorfinden und suchen und dort kultivieren, die westliche Welt nach und nach zu einem schwachsinnigeren und ignoranten Ort werden läßt. Alles ist Unterhaltung, alles ist Oberfläche. In unserer Welt bietet die Literatur ein Rückzugsgebiet, wo die Dinge NICHT nur an der Oberfläche kratzen, und wo die Dinge, das Leben, die Politik, und solch ähnliches immer noch nachgefragt und untersucht werden. Man könnte sagen, dass Literatur nie so nötig war wie heute.

  • 1. „Ich wollte sagen: Warum solch ein langes Gesicht?/Spatz, setz dich hin und spiele Lieder von langen Gesichtern/Esel, Bock und iahe Lieder von langen Gesichtern!/singe: Ich werde deine Traurigkeit schlucken und deine kalte Tonerde essen/helle einfach dein langes Gesicht auf/Auch wenn es Wahnsinn sein sollte, ich werde zum Grabe/dein kostbares Langgesicht tragen/und obwohl unsere Knochen brechen mögen, und sich unsere Seelen voneinander trennen/ - warum dieses lange Gesicht?/ und obwohl sich unsere Körper gegen den Zugriff der Erde wehren/ - warum dieses lange Gesicht?“ (aus dem Englischen von Rainer Maria Gassen)

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