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Interview

Ritual. Artikulation. Aktion. Die »Dichterlesung« seit den 1950er Jahren.

Fragen an Elisabeth Wandeler-Deck von Konstantin Ames

1

Konstantin Ames:  Ich bitte Sie, sich an einen einschlägigen Sketch von Loriot aus dem Film „Pappa ante portas!“ (1991) zunächst zu erinnern; formulieren Sie bitte, woran Sie sich erinnern. Und vergleichen Sie bitte (erst danach), was Sie sehen, wenn Sie auf den Link zum Clip „Krawehl, Krawehl“ klicken, um das Erinnerte mit dem frischen Eindruck zu vergleichen.

Elisabeth Wandeler- Deck:  Satire Loriot / Dichterlesung
Erinnert hatte ich sehr wenig, atmosphärische wohl, doch keine Szene. Solche sog. Dichterlesungen habe ich nie besucht, ich habe mich nie in solchen Umgebungen bewegt.
Seit ich aber zu Lesungen gehe, ist mir sowas nie begegnet; aus meiner Sicht, ich gehe von einem gewissen Realitätsbezug aus, Satire. Einführungen können misslingen, jemand kann ungeübt sein, ins Stottern geraten – doch die Figur ist in ihrer Gekünsteltheit mir doch sehr fremd bzw. kommt mir übertrieben vor. Schwierige Situationen mit "schwierigen" Personen im Publikum gibt es auch in Literaturhäusern etc.

Konstantin:  Deckt sich das mit den Assoziationen, die die Begriffe ›Dichter‹ und ›Dichterlesung‹ bei Ihnen auslösen? Trifft die Satire?

Eilsabeth: Dichter, Dichterin, ich habe Situationen erlebt, da diese Benennungen in sehr selbstverständlich-lockerer Weise eingesetzt waren, sodass man auch sehr selbstverständlich als jemand da war, las, der / die so was ansonsten Seltsames macht eben wie Lyrik schreiben / publizieren / vorstellen.
Dichterlesung als Bezeichnung einer Veranstaltung ist mir fremd, kommt mir witzig vor, kann ironisch beinah auch eingesetzt werden.

Konstantin: In urbanen Szenen zirkuliert der Begriff ›Lyriklesung‹ oder ›Lyrikperformance‹. Halten Sie das für die überzeugendere Alternative?

Elisabeth:  Lyriklesung geht, doch ziehe ich vor, wenn etwas Präziseres, auf den Anlass bezogenes gewählt wird: Lesung plus Präzisierung … Lyrikperformance dann, wenn das Performative über das reine Lesen hinausgeht, wieso nicht.

Konstantin: Der Begriff ›Dichterlesung‹ scheint ja nicht geschlechtergerecht zu sein. Gibt es da einen alten Zopf, der abgeschnitten gehört? Oder gehört zur ›Dichterlesung‹ ein gänzlich anderer sozialer Kontext?

Elisabeth: Da ich in Praxi dem Ausdruck "Dichterlesung" kaum je begegne, schliesse ich, falls in Gebrauch heutzutage, dass ein anderer Kontext vermutet werden muss, wie auch die Frage suggeriert. Loriots Sketch kann als eine Verfilmung einer Performance genommen werden, aus einer mir fremden Zeit, fremden Kultur (wie auch die meisten seiner weiteren Sketches) quasi ach so läuft das ungefähr in der BRD (damals hiess das so) minus das Übertriebene daran.
Vorteil Lyriklesung, bräuchte keine grammatikalische Spezifizierung von Gender / Geschlecht
In meinen eigenen Ankündigungen scheibe ich von Lesung / es lesen (die, der xxx), xxx stellt / stellen ihren / seinen neuesten Lyrik-, Gedichtband vor, dann wenn es sich nicht um einen komponierten Abend, komponiert aus (laut gelesenem) Text und Musik geht, der z.B. als "Konzertlesung" angekündigt wird.

Konstantin: Ist Körperlichkeit ein Thema für Dichterinnen, aber nicht (oder zu wenig) für Dichter? Was wäre dann der Unterschied – abgesehen vom biologischen Geschlecht – zwischen einer Dichterinnenlesung und einer Dichterlesung?

Elisabeth:  Körperlichkeit – meinen Sie des Auftritts? Die Bühne, der Körper, man tritt auf, als Körper – das wird abgesehen vom Satiregehalt, in Loriots Sketch sehr deutlich gezeigt: der Körper des Publikums, einer einzelnen Person, die sich durch Geräusche, Bemerkungen, Sich-erheben, daraus hervorhebt; die Körperlichkeit der begrüssenden Person als Gesehener, Gehörter, dessen ist sie sich bewusst oder nicht, das hemmt sie; die Körperlichkeit des Dichters, der Autorin, der, die sich als Dichter, Dichterin inszeniert, der Körper spielt seine Streiche.
Unterschied zwischen Dichterinnen- und Dichterlesung? Wie stelle ich mich hin / aus / setze ich mich – kommt wohl aus dem Verhaltensvorrat, den jeder und jede zur Verfügung hat, ansonsten? Wie flirtet Dichter, Dichterin mit dem Publikum, dem Moderator, der Moderatorin (nicht).

Konstantin: Verfügen Sie selbst über eine professionelle sprecherische Ausbildung?

Elisabeth:  Ich habe Sprechkurse besucht.

Konstantin: Wen würden Sie (für sich) als vorbildliche oder inspirierende Vortragskünstlerin (m/w/*) ihrer oder seiner Poesie/Lyrik bezeichnen?

Elisabeth:  Sicher keine Schauspieler, keine Schauspielerin – die meisten wenigstens, sie dramatisieren, emotionalisieren zu sehr.
Melanie Katz macht das sehr schön.

Konstantin:  Am Leipziger Literaturinstitut wird seit einigen Semestern ein Kurs in „Rhetorik/Vortragskunst“ angeboten. Diesen Kurs haben eine Sprecherzieherin und eine Autorin angeboten. Gehört das zum Handwerks- bzw. Mundwerkszeug der Dichterin (m/w/*) dazu? Ich bitte Sie, Ihre Einschätzung zu begründen.

Elisabeth: Sprechkurse, Kunst des Vortragens erweitern einerseits die Bewusstheit der verschiedenen Dimensionen, die das Verlauten, das Lautwerden von Text bestimmen, Raum, Zeit, Dynamik; sie befördern die Fähigkeit , den Ort, die (auch soziale) Situation einzuschätzen, zu erkennen, dies auch über die Verkörperung von Text, die im Auftritt, durch die Lesung oder Rezitation, die Performance passiert. Die Suche nach einer lautlichen, im extrem einer musikalischen Interpretation von Text befördert auch das Verständnis des eigenen (oder fremden) Texts, kann als ein Weg der Textanalyse begriffen werden. Von daher sind auch Rückwirkungen auf das eigene Schreiben zu erwarten. So verstanden, nicht einfach als "wie lese ich besser", könnte man sagen, dass Sprechkunst, Vortragskunst zwingend in einen Ausbildungsgang Lyrik als Sprachkunst gehören würde.

Konstantin:  ›Lyrik‹ und ›Poesie‹ werden in akademischen und außerakademischen Kontexten fast durchgängig synonym gebraucht; auch von Ihnen?

Elisabeth: Lyrik? Poesie? Nein, ich gebrauche diese beiden Begriffe unterschiedlich. Lyrik verstehe ich als einen eher formalen, die Struktur des Textes betreffenden Ausdruck, Poesie ist mir heute ein Ausdruck aus einer Alltagssprache – das ist ja wirklich poetisch, spricht vom Poesiealbum, das ich aber nicht aus der Praxis kenne, im Alter da man sowas hatte, sprach man bloss vom Album.
Daher: oft wird auch von meiner Prosa als Lyrik gesprochen, was mich dann auch irritieren mag, nicht so sehr bei meiner Veröffentlichung "Visby infra-ordinaire" …

Konstantin: Sie erleben und beobachten die deutschsprachige Poesieszene seit mehreren Jahrzehnten als kritische Akteurin.

Elisabeth: Beobachte ich? Beobachte ich, indem ich teilnehme?

Konstantin: Von welchen Paradigmenwechseln bzgl. Ihrer eigenen Auftrittspraxis können Sie berichten? Diese Frage zielt auf mediale Umbrüche ebenso wie auf Aspekte des Habitus.

Elisabeth:  Paradigmenwechsel in meiner Auftrittspraxis:
Mir ist schon länger aufgefallen, dass ich kaum mehr Performances im Sinne von Text-Musikimprovisationsperformances aufzubauen und durchzuführen die Gelegenheit finde.
Einerseits gibt es die Orte, die einem kulturellen Untergrund zugerechnet werden könnten, nicht mehr (Koprod Zürich; La Rada Locarno; Frauenraum Reitschule Bern; etc.), bzw. die Leitung ist an jüngere Generationen übergegangen, die sich mehrheitlich für bildende Kunst, für die Einrichtung von Ausstellungen interessieren. Aber doch, es gibt noch Gelegenheiten, Seetaler Poesiesommer, Kellertheater Winterthur, aus der sog. Alternativszene hervorgegangen, man wird sich was ausdenken.
Anderseits ist die von Institutionen unabhängige Organisation, Konzeption, Erarbeitung, Durchführung sehr arbeitsintensiv und anstrengend, zu anstrengend vielleicht für nun doch alte Menschen, KünstlerInnen, MusikerInnen so zwischen 65 und 88 (ich denke an das Improvisationsquartett "bunte hörschlaufen", welchem in angehöre). Und nochmals anders: Wenn so die Öffentlichkeit, die Präsenz der eigenen Formationen abnimmt, entsteht auch Unsichtbarkeit über den nahen Arbeitskontext hinaus.
Indem ich bei eigenen, "reinen", also nicht in Zusammenarbeit mit KünsterInnen in anderen Bereichen (Musik; Sprechkunst; bildende Kunst; Schauspiel) konzipierten Lesungen auf den performativen Aspekt, die klangliche Interpretation eines Texts als Partitur Gewicht lege, führe ich Erfahrungen in die reine (nochmals!) Lesesituation über, was auch vom Publikum sehr oft, fast immer als positiv angemerkt wird – man hört, dass Sie, dass du Musikerin bist).

Konstantin: Haben Sie auffällige Unterschiede innerhalb der deutschsprachigen Länder bemerkt?

Elisabeth: Auffällige Unterschiede innerhalb der deutschsprachigen Länder, dazu weiss ich nichts zu sagen. Performative Text-Musik-Bild-Sachen habe ich im ganzen deutschsprachigen Raum gemacht, im Publikum sitzend einiges wenige kennen gelernt. Die Frage nach den Unterschieden hat sich mir nie gestellt, ich habe eher, im Voraus, danach gefragt, was werden die und die machen und wie, auch mit welchen technischen Hilfsmitteln, ev. ganz ohne, bloss, Körper, Raum, Papier [gar kein Papier, das kam kaum je vor (es kommt vor) – anders als z.B. in Russland, in arabischen Ländern, wo Lyrik auch frei rezitiert wurde].

2

Konstantin:   Die Literaturwissenschaftlerin und Performerin Swantje Lichtenstein insisitiert auf der „Kommentarbedürftigkeit“ (Metonymie, hg. v. N. Lange, 2014) von moderner Poesie. Sie sieht darin durchaus ein Definiens von Poesie, die im Kontext der historischen Avantgarden und in deren Gefolge entstanden ist. Autorinnen und Autoren von Poesie werden mit allerlei Forderungen konfrontiert bzw. in Autor*innenpoetiken werden normative oder ethische Standards (s. bspw. die Debatte um die Nobelpreisvergabe an Peter Handke) eingefordert. Im Editorial der IDIOME 12 ermahnt Florian Neuner streng: „Politisiert euch lieber, als euch zu poetisieren ...“

Elisabeth:  Swantje Lichtenstein und die Kommentarbedürftigkeit von moderner (heutiger? zeitgenössischer?) Poesie.

Konstantin:  Empfinden Sie selbstkommentierende, mit Anekdoten geschmückte Hinführungen zu poetischen Darbietungen (Lesung, Performance, Wettbewerb) als hilfreich (z.B. auflockernd) oder als störend (z.B. manieriert, anbiedernd)? 

Elisabeth: Mich stören selbstkommentierende und mit Anekdoten geschmückte Lyriklesungen, eine Spezialität italienischsprachiger Dichter und Dichterinnen. Müssten meines Erachtens sehr sparsam eingesetzt werden, dies auch bei Spoken-Word-Darbietungen, bei Slam-Poetry, es sei denn sie seien sehr gezielt einkomponiert in den Ablauf der Performance und hätten so nicht den didaktischen Charakter oder erschienen auch nicht als Effekt des mangelnden Vertrauens des Vortragenden, der Vortragenden in die Sache (Text, Vortragsweise etc.), als Zurücknahme, Entwertung der im Zentrum stehenden Texte.

Konstantin: Was erwarten Sie als Autorin generell vom Publikum?

Elisabeth: Was ich erwarte bzw. erhoffe? Zuhören, Zuschauen, Geduld, eine gewisse Spannungs- Irritationstoleranz. Auch falls ein Gespräch angeboten / geplant, was interessanter ist in Situationen mit zahlenmässig kleinerem Publikum, Beispiel die Lesungen in St. Urban, Luzern, da gibt es einen Kern, der gerne einsteigt auf Gedichte, ev. auch ein einzelnes auseinandernehmen mag, das ist erhellend, auch für die Vortragende, den Autor.

Konstantin:  Es gibt derzeit nur einen (einzigen) Preis für „komische Lyrik“ und ebenfalls nur einen einzigen für „politische Lyrik“. Bleiben Möglichkeiten der Popularisierung von Poesie (Reim, Dialekt) in Deutschland ungenutzt?

Elisabeth: ach! Was soll das, ein Preis für xxx-Lyrik etc. das interessiert mich nun wirklich nicht, empfinde ich als abwertend, auch die xxx-Lyrik, also Bindestrichlyrik abwertend.

Konstantin:  Ist Poesie (im Vortrag) Demokratiekunst, ähnlich dem Drama auf der Bühne? Ein „Hochseilakt“ (Rühmkorf)?

Elisabeth: Demokratiekunst – was meint das?
Wenn damit die Frage der gesellschaftlichen Zugänglichkeit gestellt ist, die auch durch den Ort geformt wird, dann fallen mir nicht die Gedichte und DichterInnen ein, sondern die Orte und bezogen die Orte, die Art ihrer Verlautung. Ich denke an Strassen, Orte des öffentlichen Verkehrs, an den Tag der Poesie in Basel mit Strassenveranstaltungen, an die Gruppe INTERCO, eine KünstlerInnengruppe, die sich durch den Kanton Zürich würfelte und so an überraschende und (kunst-)fremdesten Orte geriet, dort in unterschiedlichsten Weisen performativ und rezipierend aktiv wurde, dabei ignoriert, angesprochen, angequatscht, immer wieder sich in lebendigsten Zusammenhängen fand, manchmal aber an völlig menschenleeren Orten landete: Demokratiekunst? Ich denke dabei nicht an das Agitieren, direkte, explizite Analysieren gesellschaftlicher Momente – mag eintreffen, kann sein …
Theater als Demokratiekunst, Theater als beschränkt öffentlicher Anlass – zu diskutieren wäre der Ort, der Zeitpunkt, der Kontext von Theater bzw.sog. Dichterlesung. Um zu sog. Demokratiekunst zu werden, bräuchte es der entsprechenden, je nach politischer Lage, Rahmenbedingungen – ich denke an ein Festival in Syrien im Jahr 2007, das mitten in einem Wald im Berggebiet der Provinz Tartous durchgeführt so ca. 2000, 2500 Personen anzog, die, für mich als Fremder, aus dem Nirgendwo angefahren waren – wie das stattfinden konnte trotz des diktatorischen Regimes, ich wunderte mich (ich war die einzige Vortragende aus "Europa"; meine ins Arabische übersetzten Gedichte trug eine syrische Schauspielerin, ich trug sie in der Originalsprache vor).

Konstantin: Gehört poetische Bildung zur politischen Bildung dazu? Müssten Faktoren wie Aura, Charisma und Prestige dann nicht systematisch neutralisiert werden, etwa durch anonyme Formen des Poesie-Events? Beispiel: Konzept*Feuerpudel

Elisabeth: Sprachbildung, die auch Lyrik umfassen kann, ja, gehörte zur politischen Bildung, da geht es um das Wie der Aussage, des Schriftstücks, das Wie der Rede, der Ansprache, der Antwort, des Flugblatts, der Abstimmungs- und Wahlunterlagen, um all das Mündliche und Schriftliche, das das politische Geschehen ausmacht. Wo schweigt der Text, wie vernebelt der Text was, wo und wie blitzt es auf, das möglicherweise Wichtige?
Aura, Charisma, Prestige, Rampensau also: betrifft die Qualität des Auftritts, das über die Lippen, das Gesicht Hinausgelangen des Texts in seiner stimmlichen Form.
Aura, Charisma, Prestige: die Loriot-Figur, da wird davon die negative Form aufgeführt und in Bild und Ton gesetzt, der Schluckauf quasi als Strafreaktion, die Folge für diese Weise des Auftretens.
Geht es bei dieser Frage auch um das Verbot der Lust am Auftritt – systematische Neutralisierung, die hat man ja tendenziell schon mit der gedruckten Form des Texts in Händen, auch bloss tendenziell, da die grafische, typografische Gestaltung auch eines Klebers, eines Flugblatts eben gerade nicht Neutralität herstellen soll. Lust am Text, Erotik des Texts – Lust am Auftritt, Stimmlust, Lust an der Lauterzeugung, am Hinüberbringen, ja des Texts, der hoffe ich, es auch verdient, angehört zu werden.
Anonymisiert, namenlos gemacht, o.k. wenn X meine Gedichte als vorgefundene, nicht unterzeichnete verlauten will, vertonen. Doch ich meine, ich als Publikum, auch ein zufälliges Publikum möchte wissen, wer das, was zu Gehör gebracht wird, verantwortet.
Zu "Feuerpudel: scheint mir als eine weitere, andersartige Erfahrung interessant zu sein, in einer gewissen Analogie zu Wettbewerbsausschreibungen, für welche die Einreichungen anonymisiert geschehen müssen. Die unterschiedlichsten Textsorten dargestellt von einer einzigen Stimme, auch das ist interessant – vielleicht treten die Unterschiede, die auf den Texten und nicht auf der stimmlichen Interpretation beruhen, deutlicher hervor.

Konstantin: ach der Debatte um das von feministischen Aktivist*innen und Studierenden der Alice-Salomon-Hochschule Berlin als sexistisch eingestufte Gedicht „avenidas“ ist seit Herbst 2019 eine Debatte um Literaturkritik entbrannt, die nun ebenfalls im Verdacht steht, sexistisch zu sein.

Elisabeth:  Literaturkritik, Positionen DER Literaturkritik erweisen sich als politisch-gesellschaftlich bedingte, d.h. erwachsen aus den persönlichen, kontextabhängigen Vorlieben, Orientierungen, aber auch Tendenzen, die sich "im" Feuilleton latent oder dominant nachweisen lassen – so kann auch Sexismus, Rassismus einfliessen oder gezielt eigesetzt werden in Kritiken.

Konstantin:  Werden Dichterinnen anders kritisiert als Dichter?

EWD: Was sicher geschieht, dass experimentelle Literatur, wenn sie denn von Frauen geschrieben ist, noch weniger häufig besprochen wird als jene von Männern, noch schwerer Zugang zu einer vielleicht etwas breiteren Öffentlichkeit findet.
Ich erinnere mich an Radiosendungen zu Gedichten eines Autors, sein Name ist mir entfallen, seine Natursensibilität, sein Schreiben als Gefühlskunst, Ausdruckskunst begeisterte den Kritiker. Beim Zuhören, da dachte ich, welcher Art wäre die Reaktion, handelte es sich um die Gedichte einer Autorin, wären diese überhaupt als radiowürdig gesehen worden. Die eine kleine Anekdote, vielleicht mein eigener Genderbias.

Konstantin:  Fühlen Sie selbst sich anders kritisiert als männliche Kollegen?

Elisabeth:  Vielleicht nicht so sehr anders kritisiert sehe ich mich, eher kaum, was die grossen Zeitungen anbelangt. Bei Lesungen ist das nochmals anders, z.B. im Rahmen von Festivals mit auftretenden Männern und Frauen, da, nein.

Konstantin:  ie sähe Ihre Kritik der Lyrikkritik aus?

Elisabeth:  Ich wünschte mir von KritikerInnen in Publikumszeitungen mehr Wagemut, sich wirklich in die zu besprechenden Texte zu vertiefen, dann auch davon abzusehen, am Ende zu warnen, dass der Text doch schwierig sei, dass es sich aber dennoch lohne ihn zu lesen, sondern, falls schwierig, ist nicht jedes Gedicht schwierig, zu schreiben, zu sagen, was dann das "Schwierige" ausmacht und was den Ärger, die Freude am Text. Ich möchte, auch bei Besprechungen von Lyrikbänden, davon lesen, wieso ich mich vertieft mit genau dieser Veröffentlichung beschäftigen soll, wieso ich zur Lesung der Autorin, des Autors soll, wieso ich das Buch erwerben und lesen soll.

3

Konstantin:   Benn dekretierte in Probleme der Lyrik: „Das moderne Gedicht geht gelesen eher ein.“
EWD:  Probleme der Lyrik gemäss Benn.

Konstantin:  Mirko Bonné rät im Nachwort zum Jahrbuch der Lyrik 2019 die gründliche Auseinandersetzung mit (bühnen)präsentischen Formen der Poesie an, v.a. mit ›Poetry Slam‹.

Elisabeth: Mirko Bonné fordert gründliche Auseinandersetzung mit (bühnen-)präsentischen Formen der Poesie.

Konstantin: Teilen Sie diese Ansicht?

Elisabeth: Ja, ich teile diese Ansicht, diese Formen sind doch ernst zu nehmen und es ist fad, bloss darüber zu "tratschen". Es geht ja um Kunstformen unter anderen Kunstformen in ihrer Beweglichkeit, mit ihren Ästhetiken, ihren manifesten und latenten Dimensionen, ihren Bedeutungen, ja, und auch ihren Absichten, ihren ProtagonistInnen, ihren AutorInnen, deren Körper, deren Sprache, deren Orte.

Konstantin: Ist das tatsächlich ein Pensum für die kommende Dekade?

Elisabeth:  Ich verstehe die Frage, so gestellt, nicht. Und für wen sollte das ein Pensum sein?
Ich führe also bloss die oben angerissenen Gedanken noch etwas weiter. Diese Weisen des sprachkünstlerischen Tuns gibt es, es ist doch interessant, sich intensiv mit diesen Kunstformen zu befassen. Nicht nur wegen der oft auch politisch relevanten oder relevant gemeinten Auftritte von Slam-, Spoken Word-, etc.- Dichterinnen im öffentlichen Raum oder im geheimen Untergrund.

Konstantin:  Welchem Szene-Slogan – verbunden mit der Bitte, dies kurz zu begründen – können Sie am ehesten beipflichten:
a) „Poesie als Lebensform“ / b) „poetisiert euch!“ / c) „Dichtung für Freunde der Popmusik“?

Elisabeth:  Die Slogans, Aufrufe … vielleicht am ehesten b) "poetisiert euch" – wieso? Wieso nicht? Was meint das? Im Sinne des Dada? Der SurrealistInnen? Auch, wie wird im Slogan Poesie, poetisieren verstanden? Romantisiert Euch? – von Roman? Lyrisiert Euch? Lyrik als Lebensform? Kunstet Euch? Kunst als Lebensform? Als Kitzel, Provokation … Die unter dem Slogan verborgene Frage nach möglichen Lebensformen wäre interessant: Wie leben? Wie zusammenleben unter der Lampe, dem Schein der Lyrik, Lyrik als Scheinwerfer (oder doch: Poesie? Oder doch: Dichtkunst?) – Dichtung für Freunde des / der … könnte ja über einem Anlass stehen. Dichtung für Freunde und Freundinnen, für Feinde … der Dichtung?

Konstantin:  Was ist für Sie eine ideale Lyrikperformance bzw. Dichterlesung bzw. Dichter*innenlesung? Wenn Sie mögen, können Sie sich gern auf eine Liste von Ernst Jandl beziehen („Hinweise für eine Veranstaltung mit Ernst Jandl“, in: Die ideale Lesung, hgg. v. K Siblewski/ H. Ortheil. DVB, 2017, S. 10-13). Aufgrund Ihrer zusätzlichen Expertise als Architektin wäre ich in besonderem Maße interessiert an Ihren Ausführungen zu Idealräumen für eine poetischen Darbietung.

Elisabeth:  Die ideale Lesung … der ideale Ort / Raum dafür … eine seltsame Frage, die Frage nach dem Ideal.
Stichworte zum materiellen, also technisch-architektonischen Aspekt der Dichtkunst: Raumakustik, Beleuchtung, Raumtemperatur, Lage im Gebäude, gute Sicht für Publikum auf Vortragende, von Vortragenden aufs Publikum, hoffentlich funktionierende Technik, falls vom Raum her oder vom Vorhaben der lesenden, vortragenden Person nötig …D.h., wenn ich lese, wenn ich auftrete, brauche ich die für meine Absichten möglichst günstigen materiellen Bedingungen, die auch vor der Veranstaltung, wie bei einem Konzert auch, getestet werden müssen.
Stichworte zum institutionellen Aspekt: Wer organisiert, wer lädt ein, an wen richtet sich die Institution, das konkrete Programm … (Im Literaturhaus xx kann wohl keine Untergrundveranstaltung stattfinden)

Begrüssung, etc., das bräuchte oft etwas mehr Vorbereitung, vorteilhaft, falls vorgesehen, ist eine Moderatorin, ein Moderator, der, die sich doch einigermassen mit der auftretenden Person befasst hat, falls denn so etwas wie ein Gespräch vorgesehen ist.

Ja, was ist mir als Auftretender oder als Teil des Publikums eine ideale Lyrikperformance, eine sog. Dichterlesung? Sei es im Ensemble, sei es in einer Einzellesung, ob im Publikum sitzend oder auftretend: Es ist sehr wichtig, zuerst mal schon sich willkommen zu wissen; nächste Wichtigkeit haben: gute Akustik, ev. technisch unterstützt, angenehme Beleuchtung, für beide Seite weder zu hell (Blendungen vermeiden!), noch zu dunkel; ich auf dem Podium muss den zu lesenden, den vorzutragenden Text ja gut sehen können, damit nicht ein mühseliges Entziffern den Vortrag beeinträchtigt, den ev. Kontakt mit dem Publikum verhindert; ich mag weder in überheizten Räumen schwitzen (Schwitzen aus Leidenschaft ist eine andere Sache!) noch allzu sehr frösteln – d.h. alles, was die Konzentration beeinträchtigt, wäre doch bitte zu vermeiden.

Der Ort ist immer auch als theatralisch nutzbarer zu denken? Leseperformances verschiedenster Art, als Überraschung oder als Vorschlag auch der VeranstalterInnen? Ich erinnere mich an Veranstaltungen in der hiesigen Roten Fabrik in den 1980er-Jahren, es wurde mit Formen der Verlautung, der Darbietung, des Sichtbarmachens, der Raumaneignung, der Dramaturgie, der Raumformung durch die Performenden, in Zusammenarbeit auch mit den Veranstaltenden, gearbeitet, gespielt, weitergearbeitet. Ich hatte solches sehr gern.

Man macht ja sehr schöne Erfahrungen in ad-hoc-Räumen. Am schönsten ist es, wenn man soviel Kenntnis von den Räumen hat, damit es damit zu spielen möglich wird, falls der performative Aspekt der Lesung mit einbezogen werden soll (ich selber mag das). Daher ist es auch nötig, die Räume für die Auftretenden genügend früh zugänglich zu machen, die für die Technik Zuständigen früh genug aufzubieten

Wir danken Elisabeth und Konstantin für das Gespräch!

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