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Wir reden über Literatur
Interview

Friederike Mayröcker im Interview mit Astrid Nischkauer

   „Ich bin ja an und für sich ein glücklicher Mensch, weil ich schreiben kann.“

 

 

FM: Es fällt mir schwer, mich einem Interviewer zu stellen, ich falle aus der Rolle, das bin nicht ich, die hier stammelt, das ist eine Minderperson, bitte bedenken Sie das, wenn Sie sich dieses Interview durchlesen, mein tatsächliches Ich ist in meinen Gedichten, lesen Sie also bitte, was ich schreibe.

AN: Mitten im Satz, so endet „fleurs“, wird das nächste Buch auch mitten im Satz beginnen?

FM: [Kurzes auflachen] Herrliche Frage, das kann ich dir noch nicht sagen, es ist noch nicht so weit. Dieses Buch, also das nach „fleurs“, an dem ich jetzt schon eineinhalb Jahre arbeite, mache ich jetzt gerade fertig. Und das wird im Frühjahr 2018 erscheinen. Natürlich fängt es am Anfang auch so mitten drin an, aber wie es jetzt endet, das weisz ich noch nicht.

AN: Gibt es Atempausen zwischen den Büchern, oder schreibst du ohne Unterbrechung einfach weiter?

FM: Ja, es gibt schon eine kleine Atempause, wenn ich lange an einem Buch gearbeitet habe. Und dann musz ich mir ja auch vorstellen können, was ich als nächstes schreiben will.

AN: Wenn du mit einem neuen Buch beginnst, ist dann das Buch am Anfang schon als Ganzes da, also als Konzept, oder entsteht es erst im Schreiben?

FM: Ist nicht als Konzept da, ich habe keine Ahnung, wenn ich anfange, wohin es geht.

AN: Und dann zum Schreiben: Hat sich das über den langen Zeitraum in dem du kontinuierlich schreibst und weiterschreibst verändert? Also ist Schreiben heute etwas anderes für dich, wie es früher war?

FM: Ja. Ja, es verändert sich eigentlich ununterbrochen.

AN: Und inwiefern?

FM: Vor allem die Form. Zum Beispiel bei „études“ – „études“ war ein biszchen anders als „fleurs“ und auch anders als „cahier“ in der Form. Und zwar meine ich damit, dasz ich bei „études“ ... Warte, wie soll ich dir das sagen?
...
„études“  ist glaube ich abstrakter, als „cahier“ und „cahier“ ist abstrakter als „fleurs“, in der Form. Und „fleurs“ ist glaube ich am wenigsten abstrakt. Ja.

AN: Gab es Momente im Schreiben, wo du überlegt hast aufzuhören mit dem Schreiben?

FM: Nein. [auflachen]

AN: Und weil heute eben der Weltfrauentag ist, es im Literaturbetrieb auch keine wirkliche Gleichstellung gibt und man es doch schwerer hat als schreibende Frau, wollte ich fragen, wie deine Erfahrungen damit sind?

FM: Also nach dem zweiten Weltkrieg, 45, hat es ja dann eine neue Literatur gegeben. Da war die Wiener Gruppe und da war Ernst Jandl, Okopenko und ich. Also wir haben nicht zur Wiener Gruppe gehört, waren aber sehr befreundet mit der Wiener Gruppe, vor allem mit Artmann und Rühm. Und dann haben wir angefangen, Okopenko, Ernst Jandl und ich, eine neue Sprache, eine neue Literatur zu finden. Das ist uns dann auch gelungen, aber erst allmählich. Und in Österreich war das so, dasz wir keinen Verlag gefunden haben. Auch die Wiener Gruppe hat keinen Verlag gefunden. Und dann hat Ernst Jandl versucht, in Deutschland einen Verlag zu finden und den hat er in Deutschland nicht gefunden, aber in der Schweiz hat er ihn gefunden. Und ich habe einen Verlag in Deutschland gefunden, und zwar war das der Rowohlt Verlag. Und die Wiener Gruppe haben auch lange suchen müssen und die haben dann auch einen Verlag in Deutschland gefunden. So war es also sehr, sehr schwierig, diese Nachkriegsliteratur zu schreiben, weil wir alle sehr experimentell waren und das wollte niemand lesen. [auflachen]

AN: Und dann wollte ich noch zu Wien fragen: Was bedeutet Wien für dich und wie wichtig ist die Stadt für dein Schreiben?

FM: Ja, ich bin in Wien geboren, habe eigentlich die meiste Zeit in Wien verbracht und sicher ist Wien für mich wichtig fürs Schreiben, und zwar meine Wohnung. Also ich war zwei Jahre in Berlin, da hat es für mich ein DAAD-Stipendium gegeben. Und in diesen zwei Jahren – Ernst Jandl war auch dort – er hat sehr viel geschrieben und ich habe kein Wort in den zwei Jahren geschrieben. [auflachen] Weil ich brauche einfach meine Wohnung. Und dann habe ich dort einen kleinen Hund kennengelernt. Den Hund von den Leuten, wo wir gewohnt haben mit diesem DAAD-Stipendium. Und wir waren in Zehlendorf, das war in Westberlin, und dieser Hund war so lieb, der hat den Leuten gehört, die dort gewohnt haben und wir waren die Untermieter, sozusagen. Und mit dem bin ich den ganzen Tag spazieren gegangen, mit dem kleinen Hund, und darum habe ich auch nichts geschrieben. [auflachen]

AN: Friederike Mayröcker, das ist für alle, die dich etwas kennen, freudestrahlende Neugier und Lebensfreude.

FM: [auflachen]

AN: Und im Kern vermittelt dein Schreiben eine ungeheuer positive Lebenseinstellung, wie machst du das?

FM: Naja, das ist schwer zu sagen. Ich bin ja an und für sich ein glücklicher Mensch, weil ich schreiben kann. Und ich denke mir oft, Menschen, die das nicht machen können, die also nicht schöpferisch arbeiten können, haben es eigentlich schlechter im Leben. Und ich schreibe ja schon seit – ich weisz nicht wie vielen Jahren. Also ich habe angefangen nach dem Krieg und habe eigentlich ziemlich kontinuierlich gearbeitet. Aber ich musz sagen, ich muszte ja, um mein Leben überhaupt zu fristen, einen Brotberuf ausüben. Ich war Englischlehrerin. Und das hat mich furchtbar angestrengt. Vierundzwanzig Jahre muszte ich in der Schule unterrichten. Das hat mich nicht gefreut, weil das die Zeit war, nämlich in der Früh und am Vormittag, wo ich sonst immer schreibe. Und nach vierundzwanzig Jahren habe ich mir dann eine Frühpension genommen. Das heiszt ich bin ausgestiegen, ich habe den Abschied genommen vom Unterrichten, aber ohne Gehalt, also ohne Bezahlung. Auf die Dauer war das schwierig. Und mit dem Schreiben kann man nichts verdienen. Überhaupt nichts. Ich kann heute noch nicht von meinen Büchern leben. [auflachen] Das geht uns allen so.

AN: Gibt es etwas, das du jüngeren Autorenkollegen gerne mit auf den Weg geben würdest?

FM: Ja.

Ja, vielleicht ist es wichtig zu sagen, dasz ein Dichter immer bei dem gleichen Verlag bleiben sollte, weiszt du. Am Anfang, habe ich dir ja auch gesagt, war ich bei Rowohlt. Und ich bin aber von Rowohlt weggegangen, weil mir der Verlag nicht alles so erfüllt hat, wie ich es mir vorgestellt habe, als junge Autorin. Ich habe mir vorgestellt, ich könnte jedes Jahr ein Buch machen. Das war ausgeschlossen, weil ich meine, das war experimentelle Literatur, die der Verlag nicht vertreten konnte. Und diese Ablehnung, nach dem zweiten Buch bei Rowohlt wollte ich ein drittes gleich im Jahr darauf, und da hat mir Ledig-Rowohlt, der Chef des Verlages, meine Bitte abgelehnt. Und ich war eine junge Autorin und habe mir gedacht: Nein, also wenn mir der Verlag das ablehnt, dann gehe ich von dem Verlag weg. Und das war der gröszte Blödsinn, den ich gemacht habe. Wenn ich geblieben wäre, Rowohlt ist ein guter Verlag, wenn ich geblieben wäre, dann hätte ich mich da entwickeln können. Ich bin weggegangen und zwar bin ich zu Luchterhand gegangen. Das war das Schlimmste, für mich. Weil der Verlag zu dieser Zeit nur politische Literatur gemacht hat. Und ich glaube, da bin ich nur mit zwei Büchern gewesen und zwar mit experimenteller Literatur, die ja überhaupt nicht zu verkaufen war. Und dann bin ich auch von Luchterhand weggegangen. Das war aber richtig, das war kein Blödsinn, sondern das war richtig. Und dann habe ich sehr viel Glück gehabt. Ich habe nämlich mein nächstes Manuskript, das schon fertig war und das ich nicht mehr bei Luchterhand veröffentlichen wollte, versucht bei Suhrkamp einzureichen. Und das war sehr gut, dasz ich das gemacht habe. Innerhalb von kürzester Zeit habe ich einen Brief vom Suhrkamp Verlag bekommen, der dieses Manuskript sehr gerne machen wollte. Das war 1975 und seither bin ich bei Suhrkamp. Und bin sehr zufrieden. Das ist meine literarische Heimat. Das ist wunderbar und ich kenne alle Mitarbeiter dort und habe eine wunderbare Lektorin: Doris Plöschberger, die nicht nur ein ungeheuer gescheiter Mensch ist, sondern auch ein Mensch, der mir ganz nahe steht. Ich bin mit ihr befreundet und ich kann mit ihr alles besprechen.

AN: Wie ist es für dich, zu lesen?

FM: Ja, man musz lesen. Wenn man schreibt musz man lesen.

AN: Also laut vorlesen, liest du laut vor?

FM: Ach so, du meinst Lesungen machen, oder?

AN: Beides.

FM: Ja, also Lesungen mache ich sehr, sehr gerne. Aber wenn du mich jetzt fragst, wie es mit dem Lesen ist: Also ich meine, man musz als Dichter lesen, um schreiben zu können. Also ich exzerpiere sehr viel. Ich lese alles Mögliche, vor allem Jaques Derrida. Und da habe ich viel exzerpiert aus seinen Büchern, habe aber immer angegeben, dasz es von ihm ist. Das musz man machen.

AN: Und es ist ja nicht nur das Schreiben anderer Autoren, das in dein Schreiben einflieszt, sondern auch alles, was dich umgibt. Also auch Musik und Bildende Kunst.

FM: Ja, vor allem Bildende Kunst. Ich habe jetzt ein Belegexemplar gekriegt, herausgekommen in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, da habe ich heute die Belege bekommen. Und da habe ich über einen Maler geschrieben. Ich kann dir aber jetzt den Namen nicht sagen, kein berühmter.  Und es hat mir so viel Freude gemacht. Und da habe ich heute die Belegexemplare bekommen, das ist ein dickes Buch, ein Katalog, da findet man verschiedene Dichter, die über Bilder geschrieben haben. Ich habe sehr viel über Bildende Kunst geschrieben. Eines meiner Taschenbücher handelt nur über Bildende Kunst, nämlich Magische Blätter VI. Und ich habe weiter über Bildende Kunst geschrieben, auch in den anderen Büchern, die ich geschrieben habe, kommt immer wieder Bildende Kunst vor. Manchmal habe ich das Gefühl, vielleicht hätte ich lieber Maler werden sollen. [auflachen]

AN: Und es gibt ja umgekehrt auch viele Bildende Künstler, die deine Texte als Ausgangspunkt nehmen.

FM: Ja, ja.

AN: Wirkt das dann wieder zurück auf dein Schreiben?

FM: Ja, wirkt dann wieder zurück, ja. Also ich habe viele Lieblingsmaler. Alte Meister, aber auch vor allem Gegenwartskünstler. Vor allem der Surrealismus, den ich besonders gern habe. Max Ernst, wunderbar. Magritte, wunderbar. Picasso.

AN: Und die Musik?

FM: Ja, die Musik ist auch wichtig für mich, aber nicht so wichtig, wie die Bildende Kunst.

AN: Hörst du manchmal Musik beim Schreiben?

FM: Ja. Ja, und zwar höre ich Skrjabin. Seit ungefähr einem Jahr höre ich nur diese eine Platte, jeden Tag wenn ich schreibe. Immer nur diese eine Platte vom Skrjabin. Und das macht mich so ... bringt mir so wunderbaren Elan.

AN: Und du schreibst immer am frühen Morgen?

FM: So um halb 5 fange ich an im Bett zu schreiben, mit der Hand. Und dann schreibe ich so ein, zwei Stunden. Dann mache ich mir ein Frühstück und nehme meine Medikamente ein. Und dann setze ich mich zur Maschine und versuche zu schreiben.

AN: Vielen herzlichen Dank für das Gespräch!

 

Dieses Gespräch wurde am 8.3.2017 im Café Sperl in Wien geführt.

Normalerweise stellt Astrid Nischkauer in ihren Literarischen Selbstgesprächen keinerlei Fragen, aber Friederike Mayröcker kann man einfach keinen Wunsch abschlagen.

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