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Interview

Im Gespräch: Gerd Busse mit J.J. Voskuil (1926-2008)

In den Niederlanden ist Das Büro von J.J. Voskuil längst ein Kultbuch. Erschienen zwischen 1996 und 2000, verkaufte es sich über 500.000-mal. Dennoch wäre es falsch, den Roman – wie gelegentlich getan – als „Seifenoper für Intellektuelle“ abzutun. Das Büro ist nicht nur ein Beststeller, es hat auch das Zeug zum Klassiker. Und dass nicht nur bei unseren niederländischen Nachbarn. Das zeigt nicht zuletzt die positive Resonanz, die das Buch mit seiner Veröffentlichung ab 2012 auch hierzulande ausgelöst hat. Nachdem der erste Band noch bei C.H. Beck erschienen war, übernahm 2014 der Verbrecher Verlag unter Leitung von Jörg Sundermeier das aus Verlegersicht waghalsige Unterfangen. Mit Erfolg! In diesen Tagen erscheint der siebte und letzte Band der Büro-Serie. Als Einstimmung darauf veröffentlichen wir – erstmals in voller Länge – ein Gespräch, das der deutsche Übersetzer des Büros, Gerd Busse, im Jahr 2001 mit J.J. Voskuil geführt hat. (Florian Keisinger)

 

„Ich habe eine Abneigung gegen Bücher, bei denen sich der Autor etwas ausgedacht hat“ – Gerd Busse im Gespräch mit J.J. Voskuil, dem Autor von Das Büro

Gerd Busse: Herr Voskuil, haben Sie eine Erklärung für Riesenerfolg von Das Büro?

J.J. Voskuil: Die einzige Erklärung, die mir dafür einfällt, ist die, daß Menschen ihre eigene Arbeitssituation in Het Bureau wiedererkennen. Das hatte ich absolut nicht erwartet, zumal ich den Roman auch nicht so sehr wegen der Arbeitssituation geschrieben hatte als vielmehr wegen der menschlichen Beziehungen, die man dort antrifft. Dafür war die Schilderung der Arbeit nötig, denn sonst lassen sich die menschlichen Beziehungen nicht skizzieren. Im Nachhinein stellte ich fest, daß eine ganze Menge Leser ihren Beruf in dem meinen Erkennen und vor allem die menschlichen Beziehungen darin. Ich habe das von Leuten gehört, die im medizinischen Bereich arbeiten, von Theologen und sogar von Elektrikern. Es ist merkwürdig: auch wenn sie etwas ganz anderes machen, scheint ihr Beruf dennoch dem meinen zu ähneln.

GB: Worum geht es in Het Bureau?

JJV: Im Kern geht es um folgendes: Als ich das “Bureau” einmal verlassen hatte, stellte ich fest - und das hatte ich nicht erwartet -, daß ich dort schon nach wenigen Monaten keinen Platz mehr hatte. Ich betrat es als jemand, der dort früher mal gearbeitet hatte, aber es war deutlich zu spüren, daß man mich - obwohl das Verhältnis zu den Kollegen optimal gewesen war - lieber nicht mehr sah. Kaum hatte ich einen Nachfolger, entschied sich ungefähr die Hälfte der Leute für dessen neuen Stil und sah in mir ein Problem. Das hatte ich mir nicht träumen lassen, und ich war zutiefst geschockt. Die 30 Jahre, die ich dort gearbeitet hatte, waren plötzlich verschwunden, hatten sich verflüchtigt: ich hatte nicht gelebt. Ein oder zwei Jahre später, das Problem beschäftigte mich gerade, träumte ich, daß ich begraben wurde und aus meinem Grab noch einmal nach oben sah - das ist auch die Schlußepisode des Romans - und die Menschen nicht erkannte, die sich von meinem Grab entfernten. Das war die Situation, wie ich sie nach meiner Pensionierung erlebte. Darüber mußte ich ein Buch schreiben: Ich mußte begreifen, warum das Leben so verlaufen ist, daß ich 30 Jahre lang verhältnismäßig gut funktionieren konnte und sich dann innerhalb von zwei Jahren alles in Nichts auflöste. Dazu mußte ich mich an das erinnern, was ich verdrängt hatte. Denn man erlebt in den erzwungenen menschlichen Kontakten an seinem Arbeitsplatz Dinge, die irgendwie nicht stimmig sind, d.h. jemand tut etwas außerhalb des Rahmens, dem man ihm zugewiesen hat. Man schiebt diese Dinge weg, aber man hält sie doch fest und erinnert sich später daran. Gerade diesen Dingen habe ich meine Aufmerksamkeit gewidmet, in der Hoffnung, daß ich am Ende, wenn ich die gesamten 30 Jahre durchgearbeitet hatte, bei diesem Traum landen würde. Und ich bin exakt dort gelandet!

GB: Was ist Het Bureau - eine Berufsautobiographie, ein Büroroman?

JJV: Nein, es ist kein Büroroman, sondern es ist ein Roman über das Leben, wenn auch das Leben eines einzelnen Mannes. Doch meines Erachtens gilt das, was er erlebt hat, für jeden Werk­tätigen: man wird alt und irgendwann ausgestoßen. Das eigene Leben wird sinnlos, und sobald man alt wird, sieht man sich um, und alles hat sich inzwischen verändert. Man selbst bleibt mit seiner Vergangenheit zurück, die eigentlich niemand mehr haben will. Das ist universell. Jede Arbeit ist relativ, während sie dem, der sie tut, absolut erscheint. Doch wenn man dann eines Tages aufhört zu arbeiten und nur noch darauf zu warten braucht, daß man stirbt, erlebt man das als ein Problem. Ich habe an der Reaktion von Lesern gemerkt, daß es viele Menschen gibt, denen es so ergeht.

GB: Können Sie uns ein Beispiel nennen?

JJV: Ja, in dem Buch gibt es eine Passage, wo die Hauptfigur nach seiner Pensionierung an sein Büro zurückkehrt, um noch einige Arbeiten abzuschließen. Er hat gefragt, ob er dort ein kleines Zimmer behalten dürfe, und das hat man ihm zugestanden. Eines Tages ist sein Schreibtisch verschwunden; seine Papiere hat man ausgeräumt und in einer Ecke aufgestapelt. Ich habe mich gefragt, wem außer mir wohl so etwas widerfährt. Seither habe ich diese Geschichte bestimmt vier oder fünfmal von Leuten gehört, die dasselbe erlebt haben. Das ist doch erschütternd, das ist doch himmelschreiend.

GB: Der Theologe Erik van Halsema - der nebenbei eine interessante Website über Het Bureau betreibt - nannte Ihren Roman ein “Buch des Trostes”, weil viele Menschen in einer vergleichbaren Situation stecken und Trost aus dem schöpfen, was sie dort zu lesen bekommen. Könnte das der Grund sein, weshalb der Roman auf so viele Leser einen so tiefen Eindruck gemacht hat?

JJV: Ja, das höre ich oft von Lesern. Menschen klammern sich natürlich an ihre Arbeit, und wenn dort etwas nicht so gut läuft oder wenn sie Probleme mit ihren Kollegen haben, drängen sie es weg, weil sie es nicht zulassen können. Sie meinen, daß es nur ihnen allein so geht, denn darüber wird nicht geredet. Das Buch zeigt ihnen, daß dem nicht so ist, und ich glaube, darin liegt der Trost. Das Gefühl von Einsamkeit, das man hat, das Gefühl, jeden Moment vor die Tür gesetzt werden zu können, das erhält hier seine Form, wird sichtbar. Und das bietet Trost.

GB: Wie sah die “offizielle” Reaktion des echten Instituts, an dem Sie 30 Jahre lang gearbeitet haben, auf den Roman aus?

JJV: Bei einigen der Kollegen überwog anfangs der Ärger. Die übrigen verhielten sich stiller, fanden es unziemlich - eine Nestbeschmutzung -, meinten, daß ich Intimitäten erzählt hätte. Das Merk­würdige ist, daß ich überhaupt keine Intimitäten erzählt habe. Der Roman enthält nichts, für das sich jemand schämen müßte. Es ist die Angst des Menschen, als Hordentier in der Gruppe aufzufallen, die Angst, gesehen und beschrieben zu werden. Das wird schnell als Intimität empfunden, auch wenn es überhaupt nicht um Intimitäten geht. Dem Roman wurde häufiger vorgeworfen, daß darin kein Sex vorkomme. Aber es gibt im Büro auch keinen Sex, zumindest nicht in dem, in dem ich war.

GB: Der Eindruck, der in Ihrem Roman über die reale Vorlage des Bureaus, das P.J. Meertens-Institut in Amsterdam, vermittelt wird, hat in der Öffentlichkeit zu allerlei Problemen geführt. So mußte der neue Direktor bereits nach kurzer Zeit wieder seinen Hut nehmen.

JJV: Es war ein sehr strenger Direktor, der Ordnung in den Laden bringen wollte. Er meinte, daß das Institut nicht genug produzierte und hatte wahrscheinlich den Auftrag erhalten, es zu sanieren und nur noch die besten Leute zu behalten. Daran hat er sich die Zähne ausgebissen, denn so etwas gelingt nie. Erstens ist die Qualität eines jeden Büros doch immer mittelmäßig, und zweitens hat man alle gegen sich, wenn man erst einmal anfängt, Leute zu entlassen. Daß es ihm nicht gelungen ist, hat er der Tatsache zugeschrieben, daß Het Bureau erschienen war und alle Welt über das Institut lachte.

GB: Aber dennoch kommt das Meertens-Institut, wenn auch unter dem Namen “Het Bureau”, nicht sonderlich gut bei Ihnen weg.

JJV: Es erscheint nur deshalb so negativ, weil die Hauptperson Maarten Koning unter einem Instituts­direktor zu arbeiten beginnt, der noch zur Vorkriegsgeneration gehört und - wie die Volks­kundler in ganz Westeuropa - altmodischen Ideen über angeblich uralte Traditionen nachhängt. Das findet Maarten lächerlich, und er treibt seinen Spott damit. In den ersten Bänden des Romans werden diese Ideen beschrieben, die uns häufig ziemlich verrückt vorkommen - die “Nachgeburt des Pferdes”, die “Wichtelmännchen”, um nur zwei zu nennen -, und darüber müssen die Leser lachen. Der Spott über das “Bureau” ist jedoch sehr relativ, er ist nichts weiter als der Konflikt zwischen der alten und der neuen Generation.

GB: Het Bureau ist 5000 Seiten dick und sieben Bände stark. Wie schreibt man ein solches Buch?

JJV: Ich habe jeden Tag von halb elf bis halb sechs gearbeitet, mit sehr wenigen Unterbrechungen - 18 Tage pro Jahr Ferien. Ich habe fast jeden Tag gearbeitet und in einem ziemlich hohen Tempo, d.h. ungefähr drei Seiten am Tag. Für die 5.000 Seiten habe ich vier Jahre und drei Monate gebraucht.

GB: Wußten Sie vorher bereits, daß sie das Manuskript veröffentlichen wollten?

JJV: Es war schon meine Absicht, es zu veröffentlichen. Es wäre nicht wirklich nötig gewesen, denn es ist in erster Linie eine Selbsterforschung, doch wenn man weiß, daß es gelesen wird, ist man strenger und schärfer, als wenn man es in die Schublade legt. Es ist also eigentlich eine letzte Probe für das Ganze. Aber ich fand, daß ich es ein einziges Mal versuchen müßte, und als mein Amsterdamer Verleger Wouter van Oorschot es gelesen hatte, hat er nicht mehr gezögert.

GB: Die Literaturkritik hat Ihnen einen “blutleeren Stil” und “Buchhalterprosa” vorgeworfen. Andere Kritiker loben in Het Bureau dagegen die “Identität von Form und Inhalt”. Was denken Sie selbst darüber?

JJV: Nun, ich hätte es nicht anders schreiben können. Es geht darum, daß man sagt, was man zu sagen hat. Das muß man nicht auf eine schöne, sondern auf eine effiziente Weise tun. Und es muß so nüchtern wie möglich geschehen - gerade heraus, ohne Umschweife und Verzierungen.

GB: Für den Journalisten Max Pam ist Het Bureau ein Meisterwerk, das jedoch nur in Holland begriffen werden könne. Christoph Buchwald, Verlagsleiter bei Suhrkamp, findet das auch. Er sagt: “Ich bezweifele, ob Voskuils Anspielungen auf die niederländische Büromentalität in Deutschland beim deutschen Publikum ankommen.” Ist das, was Sie be­schreiben, tatsächlich so typisch Niederländisch?

JJV: Ich glaube schon, daß es in einem niederländischen Büro bestimmte Gewohnheiten gibt, die man in einem anderen Land nicht kennt, denn dort herrschen wieder andere Gewohnheiten. Vielleicht sind die etwas lockere Einstellung und die wenig hierarchischen Verhältnisse für Deutsche ungewohnt. Ich kann mir vorstellen, daß ein Nichtniederländer dabei kurz stutzt, aber wenn er seinen Blick daraufhin den Menschen in dem Roman zuwendet und sieht, wie sie funktionieren, warum sie etwas Bestimmtes tun oder sagen, ist diese Welt für ihn ohne weiteres erkennbar.

Was Max Pam betrifft, so schreibt er in seinem Artikel auch, daß er hin und wieder ganze Passagen überschlägt. Offenbar hat er den Roman wegen der Pointen gelesen. Aber da gibt es mehr, die das tun: sie suchen nach den witzigen Stellen - und die gibt es auch hin und wieder. Doch wenn man ganze Seiten überschlägt, um witzige Stellen zu suchen, sollte man das Buch zur Seite legen.

GB: Ein Kollege von mir, der an einem großen sozialwissenschaftlichen Institut in Nimwegen arbeitet, stellt sich bereits seit dem 3. Band des Het Bureau-Zyklus die bange Frage, was um alles in der Welt er bloß lesen soll, wenn er den Roman beendet hat. Halten Sie noch etwas Neues für ihn in petto?

JJV: Meines Erachtens sollte man, wenn man den Schluß gelesen hat, noch einmal von vorne an­fangen. Denn dann hält man erst den Schlüssel in Händen, der nötig ist, um das Buch vom Anfang her zu begreifen. Wenn man weiß, wie sich Maarten Koning am Ende verhält, kann man das tun, was der Autor getan hat, nämlich die ganze Geschichte noch einmal durchgehen und dem Mann folgen. Es gibt eine ganze Reihe von Lesern, die sofort im Anschluß an die Lektüre noch einmal angefangen haben, den Roman zu lesen. Ich begreife sehr gut, daß das natürlich sehr viel verlangt ist, aber sein muß es eigentlich schon.

Ich habe aber noch sechs weitere Bücher mehr oder weniger fertig in der Schublade liegen, darunter zwei Romane. In dem einen geht es um einen Freund von mir, der verrückt geworden ist, der andere behandelt die Periode zwischen meiner Studentenzeit und dem “Bureau”, als ich sozusagen gar nichts war, nicht wußte, was ich mit meinem Leben anfangen sollte und zögerte, erwachsen zu werden. Schließlich gibt es noch drei Bücher mit Reiseschilderungen sowie ein Buch mit Porträts und einigen losen Beiträgen.

GB: Und nun die letzte Frage, die wir Sozialwissenschaftler stets am Ende unserer “leitfaden­gestützten Interviews” stellen: Gibt es noch etwas, das bisher nicht zur Sprache gekom­men ist und das Sie gern noch loswerden möchten?

JJV: Ja, vielleicht noch dies: ich habe eine Abneigung gegen Bücher, bei denen sich der Autor etwas ausgedacht hat. Ich finde, daß ein Buch nur dann eine Existenzberechtigung hat, wenn sein Autor das Buch nötig hat, um ein Problem zu lösen, das er selbst in seinem eigenen Leben hat. Die Autoren, die so schreiben, sind eigentlich die einzigen, die es wert sind, gelesen zu werden - zumindest sind es die einzigen, die ich lese.

Herr Voskuil, ich danke Ihnen für das Gespräch.

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