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Wir reden über Literatur
Interview

: gelbes istanbul/mehr taksis als new york und

Beyoğlu Blues

Julietta Fix:
Gerrit, du hast den Gedichtzyklus Beyoğlu Blues geschrieben. Wie es auch Dr. Erika Glassen, die das Vorwort zum Buch geschrieben hat, sofort aufgefallen ist, tauchst du in den Istanbuler Stadtteil in einer Form ein, die der Besucher so heute nur noch ganz vereinzelt wahrnehmen kann. Wie hast du Zugang zu dieser Atmosphäre gefunden?

Gerrit Wustmann:
Ich denke schon, dass man all das auch heute noch sehr deutlich wahrnehmen kann, wenn man denn will, auch obwohl sich rund um Beyoglu durch zahlreiche Gentrifizierungsmaßnahmen einiges im Wandel befindet. Ein Wandel, den man sehr kritisch sehen muss, denn da wird viel Gewachsenes zerstört. Ich habe, um ehrlich zu sein, gar nicht nach einem irgendwie gearteten besonderen Zugang gesucht. Ich habe lediglich die Eindrücke und die Atmosphäre an diesem ganz besonderen Ort auf mich wirken lassen. Was man verstärkt wahrnimmt, ist letzten Endes subjektiv, wie auch der Blick des Lesers, der dann seine ganz eigene Subjektivität in den Text mit einbringt.

Julietta Fix:
Lass uns noch ein bisschen in Istanbul bleiben, der Stadt, die wie keine andere polarisiert zurzeit in Europa. Die Stadt mit den höchsten Mieten und Immobilienpreisen, mit der rasantesten Entwicklung in allen kulturellen Belangen, die Stadt, die ihre Besucher in zwei Lager teilt, wie früher New York die Stadt war, die man entweder lieben oder hassen konnte. Wie hast du Istanbul erlebt?

Gerrit Wustmann:
Ich war im vergangenen Jahr zum ersten Mal in Istanbul, nachdem mir Freunde und Bekannte über Jahre hinweg immer wieder gesagt hatten, ich müsse dort unbedingt hin, ich würde diese Stadt lieben. Sie behielten Recht. Istanbul ist ein Ort, an dem es mehr Leben gibt als an jedem anderen, den ich kenne, vielleicht ist das einer der Gründe für die Polarisierung. Auf den ersten Blick wirkt alles riesig, laut und chaotisch, und der Durchschnittseuropäer mag es ja gerne geordnet und kontrollierbar. Istanbul hat eine ganz eigene Geräuschkulisse, die man schmerzlich vermisst, wenn man sie nicht mehr um sich hat. Wobei ich nicht von Istanbul sprechen sollte, sondern eher von Beyoglu und Umgebung: Galata, Karaköy, Tophane, Cihangir, Eminönü.

Julietta Fix:
Die Gedichte in deinem Zyklus lassen mitunter auch dunklere Saiten anklingen…

Gerrit Wustmann:
Natürlich. Du sprichst die rasante Entwicklung an, und die ist nicht ausschließlich positiv. Istanbul hat viel durchgemacht in seiner langen Geschichte und auch in den letzten Jahren – eine Geschichte, zu der ein schwieriges Verhältnis herrscht. Hinzu kommt die Armut, die man an vielen Ecken sieht. Es strömen immer mehr Menschen in die Stadt, nicht nur aus Anatolien, sondern aus der ganzen Welt, es gibt Schätzungen, nach denen die Einwohnerzahl inzwischen bei über 15 Millionen liegt. Da stößt jede Gesellschaftsstruktur an ihre Grenzen, und sie kollidiert mit einer meines Erachtens völlig verfehlten Politik der Stadtverwaltung, die der EU gefallen will. Dass die Mieten so hoch sind liegt nicht zuletzt an der Gentrifizierung, die rasend schnell vorangetrieben wird. Während in der einen Straße die Häuser verfallen, ist in der nächsten alles saniert und auf Hochglanz poliert. Familien, die seit Jahrzehnten dort wohnen können die Mieten nicht mehr zahlen, müssen fortgehen, und an ihre Stelle treten neureiche Yuppies, die sich mitunter einen Dreck scheren um die kulturellen Strukturen und Eigenheiten der Stadt. Es ist kein Wunder, dass es da hin und wieder kracht, wie etwa letzten Herbst, als Einwohner von Tophane auf eine Galerie losgegangen sind, deren Betreiber sich nicht um die Bitten geschert haben, doch nicht unbedingt jede Nacht auf offener Straße durchzufeiern. Dass diese Entwicklung dazu führt, dass ausländische Investoren den Immobilienstandort Istanbul inzwischen höher bewerten als München, sollte eigentlich alle Alarmglocken klingeln lassen. Das sind genau die Leute, die auf schnelle Rendite aus sind und eine Schneise der Verwüstung hinter sich lassen. Die freuen sich natürlich über die Baumafia, die an jeder Ecke wackelige Gebäude hochzieht ohne sich um Erdbebensicherheit zu scheren. Das ist billig und effektiv, und wenn nicht gegengesteuert wird, dann wird vom Areal um die Köprü nicht viel übrig bleiben, sobald die Kontinentalplatten mal aktiv werden – auch das kommt ja in einem der Gedichte zur Sprache.

Julietta Fix:
Bist Du schon mit der Absicht nach Istanbul gereist, deine dortigen Eindrücke literarisch zu verarbeiten, oder hat das pulsierende Leben dich erst dazu angeregt?

Gerrit Wustmann:
Eigentlich habe ich eher selten die Absicht, Gedichte zu schreiben. Das passiert einfach. Das Areal um den Galataturm und die Köprü ist von einer Schönheit, der ich mich nicht entziehen konnte und auch nicht wollte. Ich ließ mich treiben und habe die Vielfältigkeit der Stadt auf mich wirken lassen, was dazu führte, dass der Antrieb, das Gesehene und Gefühlte zu Literatur werden zu lassen, ganz von selbst kam.

Julietta Fix:
Beyoğlu Blues läßt sich hören, ein poetisches Klanggewebe, zart und intensiv in besonnenem Rausch, schreibt Oya Erdogan über deinen Lyrikband. Sind die Gedichte spontan vor Ort entstanden oder mit etwas Abstand nach der Rückkehr?

Gerrit Wustmann:
Die Gedichte und noch einige weitere, sowie einen Prosatext, habe ich vor Ort geschrieben, zumeist nachts. Nachts relativiert sich alles. Die Eindrücke des Tages können sich setzen, und dann ist da die Ruhe, die zum Schreiben nötig ist. Es ist also eine Art Teilspontaneität, aber wenn ein Text da ist, dann muss er raus, sonst kriege ich kein Auge zu. Überarbeitet habe ich, als ich wieder in Deutschland war.

Julietta Fix:
Die türkischen Dichter Sait Faik, Nazim Hikmet und Orhan Veli werden von Dir in deinem Zyklus erwähnt bzw. zitiert, dazu der Deutsche Jörg Fauser. Inwieweit haben diese Autoren Dich inspiriert?

Gerrit Wustmann:
Sait Faik, Hikmet und Veli hatte ich teils schon vorher gelesen, habe sie mir aber alle noch mal vorgenommen, als ich in Istanbul war. Es ist das eine, die Stadt mit eigenen Augen zu sehen, das andere, sie durch die Augen dieser großartigen Dichter zu betrachten. Man liest da Verse, die einem am nächsten Tag in Form realen Lebens begegnen, da kommt es dann zur Vermischung von Literatur und Realität. Eine Wechselwirkung, die mich fasziniert. Das fließt dann in meine Texte ein, so wie ich mich beispielsweise in einem der Gedichte in „Beyoglu Blues“ mit der Köprü auseinandersetze und Sait Faiks Perspektive in die meine mit einwebe. Fauser, dessen Roman „Rohstoff“ für mich das beste Werk der deutschen Nachkriegsliteratur ist, war vor Jahren meine erste Berührung mit dem Thema Istanbul, das mir seither nicht mehr aus dem Kopf ging. Natürlich ist das heutige Beyoglu ein ganz anderes als das zu Zeiten von Fauser, aber gerade das ist interessant, denn darin wird einmal mehr der rasante Wandel dieser Stadt deutlich, den ja auch Fatih Akin in „Crossing The Bridge“ thematisiert.

Julietta Fix:
In der Sprache eines Volkes, so sagt man, spiegeln sich seine Kultur, seine Seele und seine Denkweise wider. Gerrit, deine Muttersprache ist Deutsch, die sprachliche Linse durch die du Beyoglu betrachtest und die Sprache, in der du die Gedichte geschrieben hast. Miray Atli, eine junge Germanistin, die in Köln lebt, hat die Gedichte übersetzt. Wie seid Ihr in diesem Prozess vorgegangen und welche Erfahrungen hast du gemacht?

Gerrit Wustmann:
Mir war wichtig, für die Übersetzung jemanden zu haben, der Istanbul gut kennt und den Zyklus auch inhaltlich nachvollziehen kann, daher musste ich nicht lange überlegen und gab die Gedichte Miray. Da ich nur wenige Brocken Türkisch verstehe, gab ich das erste übersetzte Gedicht an Achim Wagner weiter, der in Ankara lebt, und fragte nach seiner Meinung. Er bestätigte mir, dass die Übersetzung in die richtige Richtung geht. Das genügte mir. Ich ließ Miray machen, ich habe ihr darin komplett vertraut. Am Ende haben wir mit Hilfe einiger Personen, die alles gegengelesen haben, noch kleinere Korrekturen vorgenommen.

Julietta Fix:
Farben, Gerüche und Töne sind für mich die Basis der Wahrnehmung. gelbes istanbul, das rostgold gebrochene licht, schwarzes wasser lauten poetische Beschreibungen in Gerrits Gedichten, Assoziationen werden geweckt. Du Oya, bist in der Türkei geboren, in Österreich aufgewachsen und lebst heute in Istanbul und Berlin. Deine Gedichte schreibst du auf Deutsch. Was glaubst du, wie die Gedichte von Gerrit auf Türkisch wirken? Anders? Und wie klingen Wahrnehmungen von Gerüchen und Tönen, welche Assoziationen weckt ein gelbes Istanbul in der türkischen Sprache, wie fühlen sich Farben an, was transportieren sie?

Oya Erdoğan:
Ich mag die türkische Übersetzung von Gerrits Gedichten sehr. Auf Türkisch klingen seine Gedichte natürlich nochmal anders – vor allem klangreicher! Das liegt an der türkischen Sprache mit ihrer agglutinierenden Wortstruktur, der Anheftung von Suffixen, die der Vokalharmonie folgen. Der Rhythmus eines Gedichts und die Melodie der Worte können die Wahrnehmung verändern, sie synästhetisch bereichern. Das gilt meines Erachtens aber für jede Sprache und hängt letztlich von der Sensitivität und Empfänglichkeit des Lesers bzw. des Zuhörers ab. Vertraute Gerüche haben dann plötzlich Klang und Farbe, Geräuschkulissen erhalten eine malerischen Ton, Farben – wie das Gelb der Istanbuler Taxis – wecken Assoziationen von reflektierendem Sonnenlicht, Hupkonzerten oder verschmutzter Luft oder einer Verabredung, zu der man dank eines wahnsinnigen Fahrers rechtzeitig erscheint.

Julietta Fix:
Oya, eine letzte Frage an dich. Du schreibst Gedichte, Prosa und arbeitest an philosophisch-literarischen Essays. Kannst du uns einen kurzen Einblick in dein literarisches Schaffen geben?

Oya Erdoğan:
Ich habe als Philosophin angefangen zu schreiben.  Mein erstes Buch, an dem ich über drei Jahre gearbeitet habe, handelt von Wasser und den Anfängen der Philosophie mit Thales. Es ist ein essayistischer Versuch, Wasser zu denken. Irgendwann, als ich daran schrieb, überkam mich wie in einem Schwall ein fertiger Text, der poetischer Natur war, und ich entschied, ihn wie einen heiligen Gast zu behandeln,  gab ihm das Wort als Vorwort im Buch. Das war der erste Trieb meiner erst viel späteren Neigung, Gedichte zu schreiben. Und jetzt ist es endlich soweit, mein erster Gedichtband reift. Ich arbeite aber auch bereits an meinem ersten Roman, der in der Schwarzmeer-Region der Türkei angesiedelt ist. Erstlingswerke haben für mich diesen Zauber des ersten Wurfs, der verquickt ist mit einer Energie des Aufbrechens und Suchens. Das Schreiben beginnt zwar immer am Abgrund, doch ist mir das Unbekannte inzwischen sehr lieb geworden, weil es mich jedes Mal überrascht mit dem, was sich da letztlich wie seinen Ausdruck verschafft.

Ich danke Gerrit Wustmann und Oya Erdoğan herzlich für das Gespräch.
 

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