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Interview

Hier ist Iran!

Persische Lyrik

Soeben ist im Sujet Verlag,Bremen die von Gerrit Wustmann herausgegebene Anthologie „Hier ist Iran! Persische Lyrik im deutschsprachigen Raum“ erschienen. Das Buch portraitiert erstmals umfassend die Arbeit iranischer DichterInnen im deutschsprachigen Raum – von etablierten Stimmen bis hin zum Nachwuchs. FIXPOETRY hat den Herausgeber interviewt:

Warum dieser Titel: „Hier ist Iran“?

„Hier ist Iran!“ ist der Titelvers eines Gedichts von Sanaz Zaresani, der, so finde ich, das Konzept der Anthologie gut auf den Punkt bringt. Der Titel soll Aufmerksamkeit dafür erzeugen, dass es hier im deutschsprachigen Raum und vor allem in Deutschland eine blühende und vielfältige iranische Dichterszene gibt, was bislang weitgehend unbekannt ist. Selbst in hiesigen Lyrikerkreisen erhalten die Exilautoren eher geringe Aufmerksamkeit, von etablierten Namen wie SAID oder Abbas Maroufi einmal abgesehen. Das ist schade, und ich möchte das mit dem vorliegenden Buch ein Stück weit ändern.

Über Jahrzehnte kamen iranische Schriftsteller und Intellektuelle ins deutsche Exil und bereichern nachhaltig unsere Kulturlandschaft. Sie flüchten vor der Zensur in ihrem Heimatland, vor Repression und Verfolgung durch das Regime in Teheran. Man muss daher nichtmal nach Iran schauen, um sich mit iranischen Künstlern auseinandersetzen zu können. Iran ist längst hier.

Weshalb hast du Iran gewählt? Ist es eine politisch bedingte Entscheidung oder gibt es literarische Vorzüge, die solch eine Entscheidung beeinflusst haben?

Ich befasse mich seit vielen Jahren intensiv mit der iranischen Literatur, und insbesondere die iranische Lyrik ist für mich zu einer großen Liebe geworden. Nun ist es so, dass nur wenige Werke aus dem Persischen ins Deutsche übersetzt werden, dass nur eine Handvoll der vielen iranischen DichterInnen in Deutschland auf Deutsch veröffentlicht haben, und dass man die auf Deutsch vorliegenden Anthologien mit moderner iranischer Lyrik an einer Hand abzählen kann. Es gibt die Werke von Cyrus Atabay, Kurt Scharf, Bouzard Parsa-Nejad, aber im Grunde war es das schon. In einer Anthologie erstmals umfassend die hiesige Arbeit iranischer LyrikerInnen zu portraitieren, ist editorisches Neuland.
Natürlich spielen auch politische Erwägungen eine Rolle. Die Farbe grün ziert nicht zufällig den Buchumschlag. Sie erinnert an die Grüne Bewegung und ihre Demokratiebestrebungen, die 2009 so brutal niedergeschlagen wurden. Der gebrochene Stift ist ein Symbol für die rigide Zensur, die freie Meinungsäußerung und das Aufblühen der Kunst in Iran im Keim erstickt. Nicht zuletzt spielt die traurige Tatsache eine Rolle, dass der Exodus von Künstlern und Intellektuellen aus Iran seit dem Sommer 2009 und den gefälschten Präsidentschaftswahlen massiv zugenommen hat.

Gibt es in den von dir ausgewählten Gedichten ein zentrales Thema?

Es gibt mehrere. Das Leben im Exil, die Identitätssuche zwischen zwei Kulturen spielt eine große Rolle. Es ist das, was mein Verleger Madjid Mohit „Luftwurzeln“ nennt: Zugleich überall und nirgends zu Hause zu sein, im Exil neue Wurzeln und soziale Bindungen gefunden, sich aber trotz allem den Bezug zur eigenen Kultur bewahrt zu haben. Auch die Schwierigkeiten, sich im Exil eine neue Existenz aufzubauen, klingen an, ebenso wie bissige Kritik an den herrschenden Zuständen in Iran. Es gibt in „Hier ist Iran!“ aber auch ganz andere Gedichte, ohne politischen Hintergrund – Liebesgedichte, Gedichte mit Anspielungen auf persische Klassiker wie Hafis, Rumi, Nizami. Es war mir wichtig, die ganze thematische und stilistische Bandbreite zu zeigen. Einige der jüngeren sind in Deutschland geboren und aufgewachsen und literarisch anders orientiert. Auch die deutsche und europäische Literatur hat ihre Einflüsse hinterlassen. Kafka, Celan und einige weitere sind sehr präsent in diesen Versen.

Du sprachst von der Zensur in Iran – finden sich in der Anthologie auch Gedichte, die in Iran nicht erscheinen durften?

Ja. Für einige der hier versammelten DichterInnen war die Zensur ein wesentlicher Grund, das Land zu verlassen. Jedes Buch wird in Iran vorab vom Kulturministerium Ershad geprüft. Erst kürzlich habe ich mit einem Bekannten aus Teheran gesprochen, der mehrere deutsche Werke ins Persische übersetzt hat. Das Ministerium hat die Veröffentlichung verboten, weil in den Büchern Wein getrunken wird und weil sie erotische Passagen enthalten. Bei vielen Künstlern in Iran hat sich längst die Selbstzensur eingeschlichen, das ist eine Atmosphäre, in der Kunst sich nicht entwickeln kann.

In „Hier ist Iran!“ merkt man das vor allem bei den Gedichten von Pegah Ahmadi, die erst nach dem Sommer 2009 nach Deutschland kam. Ihre Gedichte sind wie eine gewaltige Eruption, in der sich alles Bahn bricht, was sie in ihrer Heimat unterdrücken und für sich behalten musste.

Was unterscheidet die moderne iranische von der aktuellen deutschen Lyrik?

Ich habe das Gefühl, sie hat mehr Inhalt. Die iranischen LyrikerInnen haben einen ganz anderen Erfahrungshintergrund als die jüngere deutsche Dichtergeneration. Sie haben etwas zu sagen, und man sollte ihnen zuhören. In Deutschland gibt es seit Jahren einen Trend zur Intellektualisierung. Ich mag komplexe Wortspiele sehr, aber sie sollten nicht zum Selbstzweck werden. Das geschieht aber, wenn das Theoretische den Platz des Erlebten einnimmt. Dann entsteht das, was gemeinhin unter „Germanistenlyrik“ firmiert. Ich habe zunehmend den Eindruck, dass viele deutsche DichterInnen sich heutzutage scheuen, in ihren Texten allzu politische oder auch emotionale Aussagen zu treffen und sich stattdessen hinter der Sprache verstecken, während viele Iraner die Sprache – sei es nun Deutsch oder Farsi – als Vehikel ihrer künstlerischen und menschlichen Identität verwenden. Das tun auch nach wie vor viele deutsche Dichter. Die Gedichte von Christoph Wenzel, Marie T. Martin, Achim Wagner oder Michael Arenz sind wundervolle Beispiele dafür, und es gibt weitere. Sie sind aber nicht unbedingt die „Trendsetter“.

Du wirst die Veröffentlichung des Buches mit Lesungen begleiten. Wünschst du dir manchmal, solche Veranstaltungen auch in Iran machen zu können?

Natürlich wünsche ich mir das. Aber ich glaube, das ist in der momentanen Situation illusorisch. Ein Event wie die berühmten Zehn Nächte, die das Goethe-Institut und der Iranische Schriftstellerverband 1978 in Teheran organisiert haben, wird es wohl in absehbarer Zeit nicht geben können. Es ist nicht so, als hätte ich nie versucht, mal etwas in der Richtung – freilich in viel kleinerem Rahmen – auf die Beine zu stellen. Aber es geht nicht. Entweder werfen einem die iranischen Behörden Steine vor die Füße oder sie versuchen, das Vorhaben für sich zu vereinnahmen. Man muss da enorm vorsichtig und sich immer darüber bewusst sein, mit wem man es zu tun hat. So sensibilisiert ist leider nicht jeder. Wenn beispielsweise ein geschätzter Intellektueller wie Rüdiger Safranski ankündigt, im Oktober 2011 auf Schloss Neuhardenberg mit dem iranischen Botschafter Sheikh Attar über Hafis debattieren zu wollen, ist das ein fatales Signal an die Iraner in Deutschland. Es gibt zahlreiche Hafis-Experten unter den in Deutschland lebenden Iranern. Statt mit ihnen findet diese Veranstaltung nun mit dem offiziellen Vertreter einer Diktatur statt, die ihre Künstler verfolgt, einsperrt, foltert, ermordet. Das muss man in aller Deutlichkeit ablehnen. Es geht gegen alles, wofür die Gedichte in „Hier ist Iran!“ stehen.  

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