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Wir reden über Literatur
Interview

Im Gespräch: Timo Brandt redet mit der Autorin Margarita Iov

In der letzten Bella Triste (Ausgabe 45, 2016) las ich einen Text von dir, der sich um Krebs, Risiken, Statistiken und die eigene Familiengeschichte dreht, mit dem Titel "Die sicheren Ufer verlassen". War dieser Text auch eine Art Befreiungsschlag für dich, ein Angehen gegen die Willkür, die den Themen innewohnt, oder reizte es dich einfach nur, darüber zu schreiben?

Es gab den Essay schon mal in einer Version, in der meine Familie nicht vorkam. An den musste ich sofort denken, als die Bella mich gefragt hat, ob ich nicht einen Essay zum Ausgaben-Thema "Risiko" schreiben will. Mir wurde dann klar, dass ich mich da nicht so bequem herausnehmen kann, weil ich den Text, ohne diese persönliche Verwicklung, nie geschrieben hätte. Kann jetzt nicht behaupten, mich irgendwie befreiter zu fühlen, wenn ich ehrlich bin. Für mich ist es eher so, als hätte man endlich das richtige Kabel in die Steckdose gesteckt und in den Boxen rauscht es jetzt schon mal.

Gibt es ein Thema, über das du einmal wahnsinnig gerne einen Text schreiben würdest, aber du weißt bisher nicht, wie du es anstellen sollst?

Über das Internet, wie alle anderen vermutlich auch. Zum Beispiel über Algorithmen. Überall Empfehlungen, die auf dem basieren, was man sowieso schon kennt. So wird die Welt natürlich immer schmaler und softer. Ich habe letztens irgendwo gelesen, dass die meisten Videos nur ca. 5 Sekunden lang angeguckt werden. Dann ist die Toleranzgrenze erreicht. Für genau 5 Sekunden sind wir bereit uns auf etwas einzulassen, bis wir uns langweilen. Und dann geht es eben keine Sekunde länger!

Sachen, die dir bei Texten von anderen AutorInnen auf die Nerven gehen?

Hauptsächlich so eine generelle Abgeklärtheit. Wenn ich etwas lese, bei dem ich das Gefühl habe, dass das alles für den/die Autor/in schon längst gegessen ist, denke ich immer: Naja, dann kann's ja nicht so 'ne große Sache gewesen sein.

Wenn es eine bekannte Persönlichkeit gäbe (nicht zwingend ein/e Autor/in; nicht zwingend real), mit der du einfach so auf einen Kaffee oder ein Bier gehen könntest – wer wäre das?

Idris Elba. For scientific purposes of course.

Was liest du gerade? Oder welches Buch liest du immer wieder? (+ deine Impressionen dazu?)

Meine Freunde werden jetzt sehr seufzen, aber trotzdem muss ich an dieser Stelle "Stern in der Ferne" von Bolaño nennen. Ein anderes ist "Pedro Páramo" von Juan Rulfo. In beiden übernimmt der Erzähler im Grunde die Rolle eines Biografen und versucht sich der Hauptfigur - in beiden Fällen eine Schreckens-, aber auch eine Sehnsuchtsgestalt - aus der Ferne anzunähern. Vielleicht ist "Alter Ego" hier ein wichtiges Stichwort. Außerdem haben beide Bücher diese klare, erbarmungslose Sprache und lauter spaßige Spielereien in der Erzählstruktur.

Gibt es eine andere Sprache, in der du gerne einmal schreiben würdest?

Nein. Ich bin so froh, dass es Übersetzer gibt. Das ist eigentlich Zauberei, finde ich. Dass man zum Beispiel ein Gedicht übersetzen kann, dass das wirklich geht! Ich hatte das große Glück bilingual aufzuwachsen - meine Muttersprache ist Russisch. Ab und zu übersetze ich auch mal etwas. Aber auf Russisch zu schreiben würde mir nie in den Sinn kommen, weil mir das trotz allem schon viel ferner ist. Andere Sprachen sprechen zu können ist aber prima. Gerade bringe ich mir ein bisschen Spanisch bei, um mich zumindest grob verständigen zu können, wenn ich endlich mal nach Lateinamerika komme.

Würdest du für viel Geld ein episches Langgedicht schreiben?

Aber sicher doch. Vielleicht auch schon für mittel viel Geld.

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