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Interview

Olga Grjasnowa im Gespräch mit Elisabeth Grün

Gott ist nicht schüchtern, Olga Grjasnowa, aufbau Berlin 2017

Olga Grjasnowa erzählt in ihrem neuen Roman „Gott ist nicht schüchtern“ von zwei Syrern aus der gehobenen Mittelschicht, dem in Frankreich approbierten Arzt Hammoudi und der Schauspielerin Amal, die sich im kriegsgeschüttelten Syrien für Menschenrechte und medizinische Versorgung von Kriegsverletzten engagieren und sich schließlich auf die schwierige Flucht über die Türkei und Griechenland nach Deutschland begeben müssen.

 

Ein Gespräch über das Buch, die Situationen von Flüchtlingen und den bedenklichen Begriff der „Migrantenliteratur“.

 

Olga, Sie spielen in Ihrem Buch auf zwei Klassiker der deutschsprachigen Exilliteratur an: Als Amal sich in der Türkei befindet, holt sie aus ihrem Reisegepäck Anna Seghers „Transit“ und Remarques „Nacht in Lissabon“. Diese Bücher spiegeln exakt Amals und Hammoudis Situation.

Das ist der ganze Vorbau des Buches. Es ist ja kein syrischer Roman – es ist ein durch und durch europäischer Roman, worauf auch die den drei Teilen vorangestellten Motti hinweisen. In der deutschen Exilliteratur wurde alles schon genau beschrieben, was jetzt so erschreckend aktuell ist: die Jagd nach Visa, die Hoffnungslosigkeit, die Flucht und der Krieg, mit all seinen Schrecken – dies ist der theoretische Unterbau des Romans.

Sie treiben Ihre beiden Protagonisten vom Krieg ins Elend einer Flüchtlingsexistenz; der hochsensible Arzt Hammoudi wird Opfer eines Brandanschlags auf ein Flüchtlingsheim. Wie in einer Art Anti-Hollywood sind gleichsam alle typischen Ingredienzen des Flüchtlingslebens in der Erzählung verarbeitet. Warum gönnen Sie Ihren Figuren nicht ein bisschen mehr Glück?

Im Vergleich zu dem, was tatsächlich in Syrien passiert, sind dies noch die glücklicheren Wendungen und vergleichsweise harmlos, selbst die Folterungen und Schilderungen aus dem Gefängnis oder Hammoudis Überfahrt.

Die Hintergründe sind aufs Genaueste recherchiert. Wie kamen Sie auf die Thematik Syrien?

Bevor ich meinen Mann, der aus Syrien stammt, kennen lernte, habe ich nie daran gedacht, ein Buch über Syrien zu schreiben. Plötzlich ging es in unserem Leben um nichts anderes mehr als um Syrien, wer noch dort ist und heraus will und auf welchem Wege man dies erreichen könne.

Und es war eine umfangreiche Recherche: Zunächst habe ich alles über Syrien gelesen, was ich bekommen konnte; dann bin ich gereist, war sieben Monate in Istanbul, dann in Izmir an der Küste, auf Lesbos, in Athen und im Libanon. Ich habe sehr viele Interviews geführt, beispielsweise mit Ärzten, die in Untergrund-Krankenhäusern gearbeitet haben, Schauspielern, die an dem Schauspielinstitut [Anm.: der Protagonistin Amal] studiert haben. Über befreundete Dokumentarfilmer kam ich an sehr viel Archiv- und Videomaterial, das ich auswerten konnte, um wirklich sagen zu können, wie die Städte vor, während und nach der Revolution aussahen ...

… so dass Sie mit Bestimmtheit sagen können, Ihr Roman schildere noch nicht die schlimmsten der Geschehnisse?

Es handelt sich ja nicht um eine Reportage, sondern um Literatur, die ganz anderen Gesetzen gehorcht als der Journalismus. In der Literatur geht es um Wahrscheinlichkeit. Zu viel Leid oder Dinge, die zu unwahrscheinlich erscheinen, können in einem literarischen Buch nicht oder nur in begrenztem Maße vorkommen.

Haben Ihr eigener migrantischer Hintergrund – Sie sind ja elfjährig mit Ihren Eltern aus Aserbaidschan nach Deutschland gekommen – und der Ihres Mannes damit zu tun, dass in Ihren Büchern die Themen der  Heimatlosigkeit und des Wurzelschlagens so präsent sind?

Ehrlich gesagt: In keinem einzigen meiner Bücher geht es um diese Themen.  „Gott ist nicht schüchtern“ handelt am ehesten noch von politischer Verfolgung, die Ursachen für die Flucht und – zum ersten Mal im Gegensatz zu meinen anderen Büchern – von der Flucht selbst. Bei mir geht es um die Dekonstruktion des Begriffes Heimat.

Was genau daran möchten Sie dekonstruieren?

Ich finde, Heimat ist ein sehr gefährlicher Begriff, denn er wird geografisch ausgelegt, obwohl er etwas meint, das zeitlich basiert ist: eine konservierte Erinnerung an einen Zeitpunkt, wo man vermeintlich noch glücklich und heil war. Sobald Heimat im politischen Diskurs auftaucht, geht es immer darum, sie gegen jemanden zu verteidigen. Und dieser Jemand ist sehr schnell ausgemacht.

Ich verstehe bis heute nicht, woher diese Frage der Heimatlosigkeit oder Wurzellosigkeit kommt, die mir immer wieder gestellt wird. Wie kommen Sie auf die Frage?

70 Jahre in Deutschland zurück, und wir haben diese Konstrukte der Heimatlosigkeit, der Heimatvertriebenen … Es gibt m. E. Parallelen zu den aktuellen Ereignissen, die Sie in Ihrem Buch schildern: Nach dem Zweiten Weltkrieg fiel es Menschen, die aus dem Krieg kamen, schwer, sich in der Wirklichkeit des wieder hergestellten Friedens zurecht zu finden. Auch Amal und Hammoudi haben jeweils eine Geschichte hinter sich, die ihre vormaligen bürgerlichen Existenzen gesprengt hat, und kommen in die heile, ahnungslose Welt der Berliner Prenzlmuttis. Die extremen Kontraste zwischen Krieg und zivilem Zustand erschweren das Ankommen und Hineinfinden.

Ich weiß nicht, ob ich dem zustimmen würde. Es geht in der Lebensrealität der Geflüchteten nicht ums Ankommen oder um Heimatfindung, sondern ums physische Überleben, darum, ob man subsidiären Schutz bzw. Asyl bekommt und ob die Familien nachkommen können. Das sind die primären Fragen, die sich eher einstellen als die nostalgische Erinnerung an ein paar Weinblätter. Wir vergessen das, wenn wir von Integration reden. Es geht nicht um die Mitgliedschaft im Schützenverein oder das Abo für die Oper. Das kommt viel später, wenn man weiß: Kann man bleiben oder muss man übermorgen nach einer anderen Möglichkeit schauen?

Hinzu kommt, dass die Kriege in Syrien oder Afghanistan noch nicht vorbei sind. Ich glaube, das kann man am ehesten noch vergleichen mit dem Schicksal von Leuten, die aus dem KZ geflohen sind: Man ist zwar geflohen, aber Hitler ist noch immer an der Macht. Mit so etwas müssen die Leute klar kommen – da steht das Ankommen noch gar nicht so zur Debatte.

Ist Integration also eher eine Wunschvorstellung von Menschen in Staaten, die Flüchtlinge aufnehmen?

Sehr gute Frage. Ich weiß bis heute nicht, was eigentlich mit Integration gemeint ist, schaut man sich etwa das Interview1 mit Josef Schuster, dem Präsidenten des Zentralrats der Juden, an. Der meinte, bei den russischen Migranten dauere die Integration mindestens noch ein, zwei Generationen.

Ich bin Migrantin der ersten Generation. Was muss ich denn noch machen?! Ich sehe bei keinem meiner Freunde ein Defizit: Alle waren auf einem altsprachlichen Gymnasium und haben einen Universitätsabschluss, alle hier Geborenen wachsen auf mit Reiten, Sportverein und was immer vermeintlich dazu gehört …

Klingt nicht nach Heimatlosigkeit ...

Der Begriff verfolgt mich schon seit meinem ersten Buch. Dabei geht es darin definitiv nicht um Heimatlosigkeit, sondern um die Fragen: Wann wird man anerkannt als ein Teil der Gesellschaft und was muss man noch dazu tun?

Man kann dreißig Bücher schreiben – und ist immer noch Migrationsautor und kein deutscher Autor. Für mich ist der Begriff „Migrationsliteratur“ ein paternalistisches und rassistisches Konzept. Es suggeriert, dass Leute gerade mal gelernt haben, die deutsche Grammatik weitest gehend richtig anzuwenden. So wie der Begriff im Feuilleton gebraucht wird und in der Germanistik besetzt ist, werden da Sachen vermischt, die miteinander nichts zu tun haben. Das sind für mich politische, keine literarischen Diskussionen.

Der Begriff Migranten- oder Migrationsliteratur ist also fragwürdig?

Diese Kategorisierung ist ausschließlich durch die Biografie zu erklären, d. h.  Migrationsliteratur ist ausschließlich Literatur von jemandem, der – oder dessen Eltern – irgendeinen Migrationshintergrund nachweisen können. Sherko Fatahs2 einzige Migration war die von Ost- nach Westberlin. Aber trotzdem ist er Chamisso-Preisträger.3 Saša Stanišić, Lena Gorelik, Nino Haratischwili u. a. – unsere Werke zählen alle zur Migrantenliteratur, obwohl wir stilistisch und inhaltlich weit voneinander entfernt sind. Das zweite Buch von Stanišić spielt in Brandenburg und zählt trotzdem zur Migrantenliteratur.

Ich habe mich oft mit Leuten gestritten, die glaubten, Migrationsliterarisches in wissenschaftlichen Arbeiten stilistisch oder inhaltlich nachweisen zu können – nein, kann man nicht! In Deutschland ist jemand, der auch nur als Säugling ins Land gekommen ist, Migrationsliterat, während in Großbritannien oder den USA die Diskussion schon dreißig, vierzig Jahre weiter ist.

Amal, deren Karriere in Syrien gerade begonnen hat, kommt nach Deutschland und reüssiert hier wider Willen als Ethno-Köchin, also über das vermeintlich Exotische des Fremden. – Eine Anspielung auf Initiativen für Flüchtlinge, wie etwa „Über den Tellerrand kochen“?

Oh, das gibt es tatsächlich? Wusste ich nicht. (Lacht)

„Mein Flüchtling kocht“ in dem Buch ist natürlich eine Anspielung auf sehr vieles: Meine Beobachtung ist, dass, je stärker die Parteien gegen Einwanderung sind, desto größer der Absatz an orientalischen Kochbüchern ist. Und je größer die Vorurteile auf der Straße, umso lieber beschäftigen die Menschen sich mit dieser Küche. Eine sehr interessante Entwicklung, wie ich finde. Dieses Kochen mit Flüchtlingen, jetzt sind wir beste Freunde – das hält doch niemand aus, selbst mit den eigenen Nachbarn nicht! Würde man in einem Berliner Hochhaus die Leute zwingen, mehr miteinander zu tun zu haben als beieinander die Post-Päckchen abzuholen? Wieso sollte man sich auf einmal mit Leuten, die man überhaupt nicht kennt, ganz dringend anfreunden?

Integration ist ja nicht klar definiert – und das ist das Schöne daran: Man kann sich in die Gesellschaft einbeziehen oder zurückhalten; es ist großartig, wenn alle dieselben Rechte und denselben Respekt genießen, aber sich selber aussuchen können, wie sie leben möchten.

Gott würfelt nicht, und Gott ist auch nicht schüchtern. Woher kommt eigentlich der Titel Ihres Buches?

Es ist ein aus dem Zusammenhang gerissenes Zitat aus dem Koran, den ich zuerst in englischer Übersetzung aus dem Arabischen hörte, wo es heißt: „God is not shy“, Gott ist nicht schüchtern, ein Beispiel zu geben für seine Macht. Das ist ein anderes Bild als das vom gütigen Gott, bei dem es eh von vorn bis hinten nicht klappt. Und für den syrischen Geheimdienst ist Baschar al-Assad sogar noch größer als Gott. Schüchternheit aber war das Attribut, das die westlichen Medien Assad andichteten, als er an die Macht kam: der demokratische Erlöser, dessen Ehefrau kein Kopftuch trug – integriert eben – und damit schienen die Menschenrechte schon gesichert.

Es ginge also mehr um ein Miteinander verschiedener Menschen anhand ihrer Berührungspunkte statt um eine Integration, die ja immer hierarchisch ist?

Die IST hierarchisch, so als müsse man die Barbaren integrieren! Da fängt man bei den Ausländern an und macht bei den Homosexuellen weiter. Carolin Emcke hat das ja alles sehr schön herausgearbeitet. Mir reichen gleiche Rechte für alle, den Rest können Menschen sich so ausmalen, wie sie wollen.

 

Vielen Dank Olga  Grjasnowa und Elisabeth Grün.

  • 1. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/zentralrat-der-juden-regt-kz...
  • 2. in Ost-Berlin geborener, deutscher Schriftsteller aus irakischer Familie, dessen Werk die gewalttätigen Auseinandersetzungen im kurdischen Grenzgebiet zwischen Iran, Irak und der Türkei thematisiert
  • 3. Damit wird seit 1985 das deutschsprachige, bereits publizierte Werk von Autoren prämiert, die nichtdeutscher Sprachherkunft sind.

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