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Wir reden über Literatur
Interview

Die Peter-Huchel-Preisträgerin 2017 Orsolya Kalász im Gespräch mit Kathrin Schadt

Sie wuchsen zweisprachig auf und schreiben Ihre Gedichte mal in ungarischer, mal in deutscher Sprache. In welcher Sprache fühlen Sie sich (wann?) mehr oder weniger zuhause?

Keine Sprache, nur Menschen, mit denen ich eine schöne Nähe teile, geben mir das Gefühl zuhause zu sein. Ich glaube jede Zwei- oder Mehrsprachigkeit hat ihre eigene Geschichte, natürlich geht es dabei um viel mehr als um Sprachfertigkeiten. Wie verändert sich meine Wahrnehmung, wenn ich zum Beispiel in Berlin eine Trauerweide betrachte und szomorúfűz sage und den Baum weiter anschaue, oder umgekehrt in Budapest vor einem tölgy stehend Eiche murmle? Selbstbeobachtungen dieser Art sind ein schönes Spiel.

Sie übersetzen Ihre Gedichte auch in die jeweils andere Sprache und nennen dies selbst „Variationen“. Ist die Übersetzung also ein anderer, ein neuer Text, der in seiner Sprache dann ggf. auch andere Antworten liefern kann?

Am Anfang ging es mir darum meine ungarischen Gedichte in deutscher Sprache zugänglich zu machen. Also habe ich die Texte übersetzt. Heute ist es mehr eine Möglichkeit alles, was mit dem Schreiben eines konkreten Gedichtes  zu tun hat auszuweiten, dem Wunsch  fertig zu werden nicht voreilig nachzugeben. Der Einfluss einer grammatischen Struktur auf mein Denken lässt sich im Sprachwechsel für einen Augenblick außer Kraft setzen. Andere Wege, andere Zwänge werden geboten. Das macht was mit einem! Ungarisch und Deutsch sind nämlich zwei Systeme, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Aber eine Frage stelle ich mir immer wieder. Worüber kann und muss ich in einem Gedicht schweigen, um nicht wie ein von allem und jedem getrenntes Wesen zu sprechen?

„Verstehen heißt Antworten“. Auf welche Fragen möchten Ihre Texte antworten?

Ernst Ferstl schrieb den schönen Satz: Nicht jede Antwort stammt von einer Frage ab.

Wie erarbeiten Sie sich ein Gedicht?

Wenn das Gedicht abgedruckt, veröffentlich ist, steht es wie das Ende von etwas da. In der Mathematik ist es möglich und auch notwendig das Verfahren, das zu einem konkreten Ergebnis führte, festzuhalten. Das dient dem Verständnis. Stimmt das auch für das Erleben, Genießen, Verstehen von Gedichten? Ich bin mir da gar nicht sicher. Einen der Texte in diesem Band habe ich fünf Jahre lang mit mir herum getragen. Es gab unzählige Fassungen. Wie könnte ich mich noch an alle Schritte erinnern? Ich arbeite mit Hingabe an meinen Texten. Das ist alles, was ich sagen kann. Eine Methode für zukünftige Gedichte möchte ich nicht haben. Nicht zu wissen, was kommt, ob überhaupt noch etwas kommt, das hält meine Sinne wach.  

In Ihrer wundervollen Dankesrede zum Peter Huchel Preis sagten Sie: „Wo ein verstandenes Du ist, ist auch ein verstehendes Ich“: Sprache, Gedichte also, um die Welt zu durchdringen, um darüber auch zu einem „Selbstverständnis“ zu gelangen? Sprache also als Spiegel?

Danke, freut mich sehr, dass Ihnen die Rede gefallen hat. Wenn wir über das Lesen von Gedichten sprechen, so finde ich ein Bild, das Anja Utler dazu entworfen hat, sehr anmutend. Sie spricht in ihrem Buch Von der Sanftheit der Knochen, von einem Raum, in den ich als Leserin hineintreten kann und im lesenden Hindurchgehen wird eine Welt im Präsens erlebbar. Eine Welt erleben die voller Gegenwart ist, wie in der Liebe, die erwidert wird! Das ist für mich eine sinnliche, eine betörende Vorstellung. Auch das Übersetzen von Gedichten kann beglückend sein. Es ist  ja auch eine sehr zugewandte, intensive Form des Lesens.

Welchem Ihrer Bücher (oder Texte) fühlen Sie sich am meisten verbunden?

Nur Texten, die im Entstehen sind fühle ich mich nah. Anders geht es nicht. Abgeschlossene Gedichte, oder Bücher, so viele sind es ja nicht, brauchen meine Hingabe nicht mehr. Dann ist es mir viel wichtiger zu erfahren, ob andere Freude daran haben die Sachen zu lesen, ob sie in ihnen etwas Schönes entdecken, oder was auch immer.

Wie würden Sie die Zusammenarbeit mit Ihrem Verleger Ulf Stolterfoht (Brueterich Press) an Ihrem ausgezeichneten Band "Das Eine" beschreiben? Welche Rolle spielte er bei der Entstehung?

Ulf Stolterfoht, der auch als Autor diese Erfahrungen macht, sah das Buch schon, als ich erst ein Dutzend einzelne Gedichte auf dem Tisch hatte. In seiner sanften, aber entschiedenen Art brachte er mich dazu, vom Ende her zu denken. Ab einen gewissen Punkt war es notwendig für das Buch zu schreiben, zu berücksichtigen, was dem Ganzen noch fehlt, Texte wieder rauszunehmen. Es ist auch gut, zwischendurch von jemandem zu hören, dass das was man gerade macht, ziemlich oder gelegentlich verdammt gut ist.

In Ihrer Dankesrede zum Peter Huchel Preis sprachen Sie außerdem vom „wertfreien Lesen“ eines Gedichtes, fern von Rangordnungen oder Beurteilungen. „Das Gedicht als Gegenüber“ und der Leser der dem Gedicht einfach „nur“ begegnen darf. Die Landschaft der Literaturpreise, Stipendien und Verleihungen scheint in den letzten Jahren immer vielfältiger geworden, regelrecht explodiert zu sein. Was bedeuten Ihnen eine Auszeichnungen, wie die, die Sie gerade erhalten haben? Warum sind sie wichtig?

Über die Frage, welche Art der Förderung die Selbstbestimmtheit des Autors erhöht, wird auch in meinem Freundeskreis heftig diskutiert. Ich gebe denen Recht, die meinen, es wäre besser, wenn Lyriker ihren Lebensunterhalt hauptsächlich über ihre Bücher bestreiten könnten. Zumal viele Stipendien sofort wegfallen, wenn man Kinder großzieht. Was mir der Peter Huchel-Preis bedeutet, kann ich nicht in Worte fassen, immer noch nicht. Ich glaube aber nicht, dass Preise bestimmen können, welche Bücher, Gedichte in Erinnerung bleiben, wiedergelesen, wiederentdeckt werden. Mir gefällt der Gedanke, dass man nicht wissen kann, was alles noch passieren wird - irgendwann.

„Der scheue Vogel will seine Arbeit lautlos verrichten“, heißt es in einem von Ihnen zitierten Gedicht von Huchel. Wie würden Sie Ihr eigenes Arbeiten beschreiben?

Wenn ich daran denke, wie wenig Gedichte ich bis jetzt fertig bekommen habe, bin ich schon am Zweifeln, ob ich mich Dichterin nennen darf. Anderseits will ich, dass so bleibt, dass ich nur dann schreibe, wenn unüberwindbare Dringlichkeit besteht. Und was mache ich dann? Wenn ich schon glaube, es müsse eine poetische Anrede von mir kommen: Dann versuche ich die Schönheit, die Einmaligkeit, letztlich die lebensbejahende Unergründlichkeit der Dinge nicht arg zu verfehlen. 

Vielen Dank Orsolya Kalász & Kathrin Schadt
Am 27. April liest Orsolya Kalász im Rahmen der Hafenlesung #10. Näheres hier.

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