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Interview

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Ein neuer Blog zum Thema »Autor*innenschaft und Elternschaft«. Katharina Bendixen, eine der Initiatorinnen, erzählt von konkreten Anlässen und Beweggründen.

Simone: Liebe Katharina, wie ist die Idee zu dem Blog entstanden? Gab es einen konkreten Anlass?

Katharina: Sibylla Vričić Hausmann, David Blum und ich sind schon lange im Austausch darüber, welchen Einfluss Kinder auf das Schreiben haben. Ich glaube, einerseits vereinfachen Kinder das Schreiben, weil sich plötzlich viel mehr Themen eröffnen. Das Problem ist nur, dass man mit Kindern keine Zeit mehr hat, diese Texte dann auch aufzuschreiben. Einen kontinuierlichen Schreiballtag mit Kindern zu organisieren, ist viel schwieriger, unter anderem, weil die Möglichkeiten schrumpfen, mit dem Schreiben Geld zu verdienen. Lesereisen und Aufenthaltsstipendien sind zumindest mit kleinen Kindern nicht mehr ohne weiteres möglich. Nachdem ich im letzten Jahr drei zugesagte Aufenthaltsstipendien absagen musste, weil die Orte sich nicht darauf einlassen konnten, dass ich mich zumindest zeitweise dort mit meiner Familie aufhalte, habe ich gedacht, dass sich etwas ändern muss.

Simone: Hast du das Gefühl, dass das Thema »Autorschaft und Elternschaft« mittlerweile auf mehr Interesse stößt? Dass mehr Bedarf und Bedürfnis zum Austausch besteht? Die poetin nr. 25 zum gleichnamigen Thema hat ja bereits viele unterschiedliche Stimmen und Resonanzen versammelt …

Katharina: Für den Blog schreiben rund zwanzig Autor*innen, und diese Autor*innen haben wir binnen weniger Wochen gefunden. Nur wenige haben unsere Anfrage abgelehnt. Und die, die aus zeitlichen Gründen nicht zusagen konnten, haben ihre Sympathie mit der Seite bekundet. Es scheint also ein großes Bedürfnis zu geben, über das Thema zu sprechen und zu schreiben. Der Blog ist sehr lebendig, und wir müssen nun überlegen, was wir davon abgesehen erreichen können, auch wenn uns die Schließung der Kitas und Schulen gerade etwas ausbremst … etwa was die Familienfreundlichkeit von Stipendien betrifft.

Simone: Welche Kriterien sind für dich in Hinblick auf familienfreundliche Stipendien wichtig? Was würdest du dir konkret wünschen?

Katharina: Zunächst könnte es deutlich mehr Werkstipendien geben, vielleicht auch Werkstipendien, die Autor*innen mit (kleinen) Kindern vorbehalten sind. Für die meisten Autor*innen mit Kindern ist es einfach am praktikabelsten, in ihrem gewohnten Umfeld zu bleiben und dort finanziell abgesichert zu schreiben. Aber auch bei Aufenthaltsstipendien würde ich mich über ein Umdenken freuen. Zum Glück gibt es einige Orte, bei denen die Anreise mit Kindern ganz selbstverständlich ist; das dürfen aber ruhig noch mehr werden. Und auch bei den familienfreundlichen Orten könnte ich mir bessere Bedingungen vorstellen. Es müsste unbedingt Orte mit Kinderbetreuung geben, damit auch Alleinerziehende auf Stipendien reisen können. Und es wäre denkbar, dass die Sommermonate in bestimmten Künstlerhäusern Autor*innen mit Schulkindern vorbehalten sind, die ja nur in den Sommerferien verreisen können. Außerdem müsste man die Altersgrenze von 35 anheben, wenn Autor*innen vorher Kinder bekommen haben und dementsprechend weniger Zeit für ihre Texte hatten. Aber das sind nur unsere Vorstellungen; demnächst wollen wir noch mehr Stimmen zu dem Thema sammeln.

Simone: Was erhofft ihr euch von dem Blog?

Katharina: Zum einen genau das: Dass wir Stimmen sammeln, dass wir uns ermutigen, dass wir uns besser vernetzen und auf diese Weise Künstlerhäuser und andere Institutionen zum Umdenken bewegen. Mit Kindern zu leben, ist für mich etwas Wunderbares. Und es ist sehr wichtig – auch für die Kinder –, dass die Strukturen erlauben, dass man das genießen kann. Das geht eben dauerhaft nur, wenn sich die Elternschaft konstruktiv mit dem Berufsleben vereinbaren lässt. Es geht uns auch nicht nur um Stipendien, wir möchten beispielsweise auch ganz grundsätzlich das Bild des Autors als einsames Genie hinterfragen. Und nicht zuletzt würden wir uns über Austausch mit anderen Berufsgruppen freuen. Denn dass das Arbeitsleben nicht sehr familienfreundlich ist, das ist ja kein Alleinstellungsmerkmal des Literaturbetriebs.

Vielen Dank Katharina & Simone!

 

 

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