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Wir reden über Literatur
Interview

Im Gespräch: Timo Brandt redet mit Sirka Elspaß

Am Wochenende vom 08. Juni – 11. Juni warst du auf dem PROSANOVA, dem Festival für junge Literatur in Hildesheim, an dem du auch organisatorisch und als Auftretende mitgewirkt hast. Was für einen Eindruck hast du gewonnen? Wie waren die Veranstaltungen, das Drumherum, die Atmosphäre? Was waren für dich die Highlights?

Für mich war das PROSANOVA eine wunderbare Möglichkeit Menschen wiederzusehen, mich auszutauschen und Künstler*innen zu treffen, die ich bisher nicht persönlich kennengelernt hatte. Mit Michael Fehr hatte ich beispielsweise eine tolle Begegnung. Weil ich selbst auf dem Festival viel zu tun hatte, hatte ich wenig Gelegenheit mir andere Formate anzusehen. Aber als am Ende von Maren Kames' Videotext-Performance "Entschuldige mal, ich denke, das wird jetzt eine Weile driften" 8 (circle) von Bon Iver gespielt wurde hat mich das für fast alle verpassten Veranstaltungen entschädigt. Oder anders gesagt: Marens Performance war ein Highlight für mich, nicht nur aufgrund der vortrefflichen Musikauswahl.

Die wohl platteste Frage von allen: wie kamst du zum Schreiben?

Die wohl platteste Antwort von allen: Schreiben als Ventil war immer auch meine Rettung.

Wenn es eine bekannte Persönlichkeit gäbe (nicht zwingend ein/e Autor/in; nicht zwingend real), mit der du einfach so auf einen Kaffee oder ein Bier gehen könntest – wer wäre das?

Herta Müller! Am liebsten auf ein Glas Wein.

Was liest du gerade? Oder welches Buch liest du immer wieder? (+ deine Impressionen dazu?)

Auf meinem Nachttisch liegen zur Zeit "Ich hatte keinen Ort" - die Tagebücher von Jonas Mekas in der deutschen Übersetzung von Heike Geißler, "Vulva" von Mithu Sanyal und Maren Kames' Gedichtband "halb taube halb pfau". Ein Buch, das ich immer wieder lese und das deshalb auf längeren Reisen nicht fehlen darf, ist "Extremely loud & incredibly close" von Jonathan Safran Foer. Vielleicht, weil es mit dem traurigsten Daumenkino der Welt schließt. Ein Buch, das mich zuletzt sehr intensiv begleitet hat, war "Any other mouth" von Anneliese Mackintosh.

Bei manchen von deinen Gedichten sind Sätze, die nicht am Anfang, sondern mitten im Text stehen, fettgedruckt und ich habe diese Sätze dann immer als Titel gelesen. Sind es Titel oder einfach hervorgehobene Sätze?

You were right! Es sind Titel.

Welche Frage sollte man dir öfter stellen?

"Would you let Britney Spears decide wether or not to unplug your life support machine?"

Etwas, über das du Lachen kannst und etwas über das du nicht lachen kannst:

Über Sexismus. Und über Sexismus. Wenn ich nicht über das lachen kann, worüber ich am wenigsten lachen kann, bricht es mir früher oder später das Genick. Ich will nicht verbittern.

Was würdest du antworten, wenn man dir vorwerfen würde, nicht politisch genug in deiner Kunst zu sein?

Ich behaupte, dass ich meine persönlichen Kämpfe sehr wohl in meiner Arbeit ausfechte. Und die sind meistens auch politisch.

Was hältst du von Literaturzeitschriften und Anthologien? Gibt es Literaturzeitschriften, die du regelmäßig kaufst und liest?

Als ehemalige Mitherausgeberin habe ich das Glück, dass mir die BELLA triste dreimal im Jahr ins Haus geflogen kommt. Die EDIT kaufe ich ein, sobald sie mir in die Hände fällt. Ansonsten stöbere ich liebend gern in Bahnhofsbuchhandlungen. Literaturzeitschriften und -magazine sind für mich immer eine willkommene Einladung breitgefächert Texte zu entdecken, auch und besonders von Autor*innen, deren Arbeiten mir vorher noch nie begegnet sind. Was Anthologien angeht, lese ich immer gerne in den „Lyrik von Jetzt“-Bänden. Nur themenbezogene Anthologien lasse ich sehr bewusst links liegen.

Bei welchem Thema, egal ob in der Literatur oder allgemein, erlebst du am häufigsten ein mangelndes oder fehlendes Bewusstsein für die tatsächliche Dimension, Lage und/oder Beschaffenheit desselbigen?

Psychische Erkrankungen, vor allem Essstörungen, speziell Magersucht. Da wird viel und gerne romantisiert und beschönigt. Unsere Gesellschaft ist empfänglich für das traurige Bild der mageren, weißen Anorektikerin. Die Amerikanerin Kelsey Osgood hat sich in ihrem Buch "How to Disappear Completely: On Modern Anorexia" differenziert damit auseinandergesetzt, ob und wie es möglich sein kann, unbeschönigt über Magersucht zu schreiben, auch und speziell was Erfahrungsberichte angeht.

Gibt es Lyriker*innen und/oder lyrische Werke, denen du dich in Bezug auf dein Schreiben besonders verbunden fühlst?

Herta Müller und Anne Sexton. Und als Jugendliche habe ich verstärkt Sylvia Plath, Björn Kuhligk und Benjamin Maack gelesen, das war sicher prägend. "Du bist es nicht, Coca Cola ist es" hat mich eine lange Zeit begleitet. Und Karl Krolow, so mit 14, seine Lyrikbände habe ich ständig aus der Stadtbibliothek ausgeliehen. Ich glaube, ich war die Einzige und ehrlich gesagt: Eine größere Auswahl an Lyrik gab es auch gar nicht.

Wenn du die Hauptthemen, um die dein literarisches Schaffen kreist, benennen müsstest, wie würden sie lauten? Gibt es formelle Gesichtspunkte, nach denen sich dein Schreiben immer richten wird?

Ich schreibe immer, ich setze mich in meiner Arbeit verstärkt mit Feminismus und dem Leben mit psychischen Erkrankungen auseinander. Ich würde sagen, das trifft es ganz gut. In meiner Lyrik geht es häufig ganz bewusst um meine eigene Körperlichkeit.

An was schreibst/arbeitest du zurzeit?

An neuen Gedichten. Ich habe eine Weile kaum geschrieben, gerade bin ich dabei wieder aus dem Kreuz zu kommen. Nichts Konkretes bisher, aber das soll nichts heißen.

Würdest du für viel Geld einen Werbejingle für MacDonalds schreiben?

Problematic!!!!

 

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