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Wir reden über Literatur
Interview

Gespräch: Timo Brandt redet mit Thomas Amann

Vor etwas über eine Woche wurdest du mit dem Feldkircher Lyrikpreis ausgezeichnet. Gratulation! Wie hast du dich gefühlt als du von der Auszeichnung erfahren hast? In der Laudatio wird deine Lyrik als „poetische Versuchsanordnung“ bezeichnet – würdest du dieser Einschätzung zustimmen?

Ich hab bisher immer in eine Art Hohlraum hinein geschrieben, bin also, was das Schreiben betrifft, Troglodyt. Und natürlich irritiert das zuallererst einmal, wenn Licht in die eigene Dämmerwelt fällt; ich hätte auch nie im Leben mit diesem Preis gerechnet. Aber die Adaptionsfähigkeit meiner Augen trägt schon auch ihren Teil bei, und die Freude über den Preis, dieses bisschen Licht, war dann und ist natürlich auch jetzt noch sehr, sehr groß!

Zu deiner zweiten Frage: Mein Arbeiten – so empfinde ich's zumindest – ist aufgespannt in einem mehrdimensionalen Raum. Dort wabern Ebenen, Wirklichkeiten; überschneiden sich, schrammen aneinander vorbei. Und was da unter jeweils verschiedenen Umständen ins Gedicht einfließt... das kann man – wenn man will – schon mal auch als Versuchsanordnung bezeichnen; „bezeichnen“ also im Sinne eines Notbehelfs, Gestalt von Gedichten begreiflich zu machen. Aber abgesehen davon, dass ich prinzipiell nichts von Etikettierungen halte, geht das Gedicht - zumindest bei mir - von etwas anderem aus, das nichts mit Versuch, trial and error, zu tun hat.

Wie kamst du zur Lyrik? Ist es eine bereits lange währende Leidenschaft oder existiert die Beschäftigung damit noch gar nicht so lange?

Es war schon immer so, dass ich fürs Stimme-Erheben zu schwach war. Und ich merke nach wie vor, dass da ein Riss verläuft zwischen dem Sprechen und mir. Das hier geht ja auch nur, weil ich dir schreibend antworten kann, wobei ich mich bemühe, dir möglichst „sprechend“ zu antworten, um den Schein zu wahren... Im normalen Leben bin ich vollkommen kopflos. Da treffe ich genauso wenig irgendeine Aussage, wie ich sprechend ins Schwarze treffen könnte. Beim Schreiben hingegen hatte ich immer schon das Gefühl, zum Denken und Sagen zu kommen. Und erst da wächst mir mein Kopf und mein Mund. Und ich muss nicht sprechen und bin trotzdem mitten in der Sprache.

Auch wenn das alles vordergründig selbstbezogen klingen mag, geht es letztlich gar nicht mehr um einen selbst und die eigenen leeren Befindlichkeiten. Man verschwindet im Gedicht. Und es macht sich ein anderes Sprechen breit, das an anderen Nabelschnüren hängt.

In dem Zyklus, der in Feldkirch den ersten Preis gewann, sind öfters kleine fremdsprachige Einsprengsel, Worte und Sätze, zu finden – auf Italienisch, Englisch, Russisch. War das eine Spielerei oder ist diese Mehrsprachigkeit ein wichtiger Aspekt deines Schreibens?

Spielerei gibt es in meiner Lyrik nicht. Und wenn, verliert sie sich, da ich an manchen Gedichten monatelang, teilweise Jahre arbeite.

Mehrsprachigkeit ist nicht wirklich ausgeprägt in meinen Gedichten, finde ich. Und sie ist auch nicht Thema meiner Arbeit. Solche sprachlichen Splitter würd' ich eher als Staub der sich im poetischen Raum schneidenden Ebenen (auch Sprachebenen) bezeichnen, oder als so etwas wie Späne von Wirklichkeiten (bessere Worte fallen mir jetzt dafür nicht ein), die sich im mehrdimensionalen Raum des Gedichts, oder besser: die sich in diesem mehrdimensionalen Raum, der eben ein poetischer ist und letztlich zum Gedicht führt, ausbreiten. Und bestimmte Ebenen finden mittels solcher Splitter halt ihren Niederschlag im jeweiligen Gedicht.

Was liest du gerade? Oder welches Buch liest du immer wieder? (+ deine Impressionen dazu?)

Du meinst, was sich derzeit z.B. auf einem „Oddvar“ neben meinem Sofa stapelt und nicht notgedrungen gerade gelesen oder wieder gelesen wird....?: ein Band „Griechische Tragiker“ (in Übersetzungen von Droysen, Solger und Hartung), ein LTB-Band „Phantomias auf Abwegen“, eine Reclam-Ausgabe „Althochdeutsche poetische Texte“, Wolfgang Herrndorfs „Tschick“, Celan, die „Ilias“ in der Schadewaldt-Übertragung, Band 9 der chronologischen Bremer Hölderlin-Ausgabe und Band IV der kleinen Stuttgarter, norbert c. kaser, die „Apophthegmata Patrum“, Else Lasker-Schüler und „Anarchismus: Theorie – Kritik – Utopie“. Aber wie gesagt – einiges davon liegt da eigentlich nur so rum.

Du bist nicht nur Lyriker, sondern auch Komponist und Musiker. Trennst du die beiden Kunstsparten für dich oder verbindest du sie auch? Und wenn ja, wie?

Ich hab mich nie wirklich als Komponist verstanden, und schon gar nicht gefühlt, auch wenn ich über 15 Jahre lang als Komponist tätig war. Und die Wahrheit ist auch, dass das Komponieren und ich seit ein paar Jahren getrennte Wege gehen. Aus vielerlei Gründen. Vielleicht führen diese Wege irgendwann mal wieder zusammen, vielleicht auch nicht, mal sehen.

Als Musiker versteh' ich mich ohnehin nicht, da ich nie – bis auf meine Instrumentalausbildung in Innsbruck – ausübend tätig war.

Es gibt keine Verbindung zwischen meinem Komponieren und meiner Lyrik. Dass mir Klanglichkeit, formale Anlage innerhalb eines Gedichts aber sehr wichtig sind, dass das wesentliche Aspekte meiner Arbeit sind, dass ich das Gefühl habe, eine eher musikalische Arbeitsweise an den Tag zu legen (obwohl ich jetzt nicht sagen könnte, worin eine solche bestehen würde, und ob sie nicht vielmehr eine nächtliche ist), hat ziemlich sicher etwas mit dieser einen Hälfte meines zur Zeit gebrochenen Doppellebens zu tun.

Was würdest du antworten, wenn man dir vorwerfen würde, nicht politisch genug in deiner Kunst zu sein?

Was heißt „genug politisch“ in der Kunst zu sein? Wo beginnt das Politische, wo hört es auf?

Gedichte sind nicht greifbar. Das meint auch, dass Gedichte auch ohne schlagwortartige Klarheit politisch relevant sind. Begriffene Klarheit prolongiert ja nur das Eh-schon-immer-Bekannte. Und auch das ist „müder Flug“.

Dem aggressiven Sprachgebrauch (den es vielleicht so immer schon gegeben hat, nur heute viel penetranter ins Aug springt und ins Ohr fällt), Bemühungen entgegenzusetzen, Sprache zu entwaffnen, sie abzurüsten, ohne selbst den Stachel sprachlicher (aber nicht nur sprachlicher) Rätselhaftigkeit und Andersheit einzubüßen, sie wehrloser zu machen, empfinde ich als hochpolitisch.

Woran sich nichts ändern wird: Dichter sind immer Opposition. Und Dichter sind denjenigen, die den jeweiligen Moden und Gegenmoden nachreden, den Angepassten (von denen es ja selbst in der Kunst mehr als genug gibt) immer lästig und verdächtig.

Welche Frage sollte man dir öfter stellen?

Wovor hast du Angst?

(….abgesehen davon, dass man Fragen immer selbst produzieren sollte und sich – denke ich – auch immer selbst stellen.)

Was fällt dir zu dem Wort „Pathos“ ein, wie verhältst du dich zu diesem Begriff?

Eine Haltung Begriffen gegenüber gibt es bei mir nicht. Und wie mit allen Begriffen, die ein gefundenes Fressen abgeben für letztlich ins Nirgendwohin zielende Diskussionen und die oftmals auch nur als Zensurstempel daher kommen, ohne es jemals sein zu können, kann ich mit „Pathos“ als Begriff absolut nichts anfangen.

Wenn du die Hauptthemen, um die dein literarisches Schaffen kreist, benennen müsstest, wie würden sie lauten? Gibt es formelle Gesichtspunkte, nach denen sich dein Schreiben immer richten wird? Hat jeder Gegenstand für dich poetisches Potenzial?

Ich arbeite mich nicht an Themen ab. Sicher gibt es bestimmte Aspekte, die sich durch meine Lyrik ziehen (die Suche nach dem Du vielleicht, das ständige Abgleiten am Gegenüber, die Sehnsucht nach dem großen Bogen, dem langen Atem, der dauernde Sturz und die Kurzatmigkeit im Schreiben...). Aber das liegt letztlich nicht an mir das festzuhalten.

Potenzial hat im Übrigen jedes Sprachlos-werden; jedes Verlieren der eigenen Standpunkte; wie Hegel sagt: „das Verzichtleisten auf eigene Vorstellungen“.

Aber nochmals – ich lege mir keine Themen vor. Erst wenn einen die eigenen Unfähigkeiten an die Klippe führen, beginnt das Sagen des Gedichts.

Wie wichtig ist dir, dass etwas rezipiert wird, das du geschrieben hast?

Das Gedicht kämpft nicht um Leser. Natürlich wünscht man sich, dass gelesen wird, was man schreibt. Das war aber nie treibender Impuls für meine Arbeit. Ich bin mir aber sehr wohl bewusst darüber, dass man immer „für“ jemanden schreibt, im Sinne von „an seiner Stelle“ und auch „hin zu jemandem“.

Gedichte führen aber letztlich ihr Eigenleben, weisen ihre eigenen Reichweiten auf; sie lesbar zu machen, liegt nicht mehr an einem selbst.

Bei welchem Thema, egal ob in der Literatur oder allgemein, erlebst du am häufigsten ein mangelndes oder fehlendes Bewusstsein für die tatsächliche Dimension, Lage und/oder Beschaffenheit desselbigen?

Die Frage ist wahrscheinlich bündiger als es die Antwort jemals sein könnte. Denn so was wie mangelndes Bewusstsein ist ganz sicher nicht auf ein einziges Thema zu beschränken, weil's, neben anderem, wahrscheinlich die bestverteilte Sache der Welt ist. Man könnte beim mangelnden Bewusstsein schon der Kunst gegenüber beginnen und irgendwann vielleicht bei Werten der Aufklärung enden; dass es beispielsweise in der Kunst nicht um ein Abspulen von immer zu kurz greifenden Mode-Schablonen geht, dass man nie über den Begriff der Toleranz hinauskommt und dabei ständig nur im Sprechen stecken bleibt.... Aber ich muss da sprechend kapitulieren.

Gibt es Lyriker*innen und/oder lyrische Werke, denen du dich in Bezug auf dein Schreiben besonders verbunden fühlst?

Die gibt es klarerweise. Aber – und ich schließ' da jetzt an den Anfang an – als Höhlentier mit dem eignen Dämmer im Maul wär's wohl klar verfehlt, Namen zu nennen, die im Licht stehen, auch wenn's ein erzwungenes ist.

Wegmarken, Begegnungen – um jetzt eine andere Antwort auf deine Frage zu geben – waren in der ersten Zeit (also so mit 15 oder 16) ganz sicher norbert c. kaser, Robert Lax und Raoul Schrott, die Wiener Gruppe; auch Werner Schwab. Viel später dann Thomas Kling. Und Friederike Mayröcker, deren Name zwar ganz klar ins Licht gehört, der ich aber halt doch sehr viel verdanke, weil sie mich letztlich ermutigt hat, mit und im Schreiben weiter zu gehen. Und doch auch immer wieder die alten Griechen......

Schreiben weiter zu gehen. Und doch auch immer wieder die alten Griechen......

Vielen Dank für das Gespräch Thomas Amann & Timo Brandt!

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