Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Interview

Im Gespräch: Timo Brandt redet mit der Autorin Frieda Paris

Wenn es eine bekannte Persönlichkeit gäbe (nicht zwingend ein/e Autor/in; nicht zwingend real), mit der du einfach so auf einen Kaffee oder ein Bier gehen könntest – wer wäre das?

Momentan (beschäftige ich mich mit der Bildhauerin) Alina Szapocznikow. Ich hätte Fragen zu den >>Wahrscheinlichs<< in ihrem Lebenslauf.

Was liest du gerade? Oder welches Buch liest du immer wieder? (+ deine Impressionen dazu?)

Immer wieder: Die gesammelten Gedichte von Friederike Mayröcker. In erster Linie, weil ich, als es auf meiner ersten Mayröckerlesung um mich Geschehen war, von einem Gedicht zerrissen worden bin, das ich bis heute nicht wieder gefunden habe. So grabe ich (im Sinne von Alexander Kluges Graben für: Lesen), grabe also in ihren Gedichten, auf der Suche nach einem Pfirsich und Berge kamen vor und Füße vielleicht.

Hat alles für dich poetisches Potenzial?

Alles, ja. Nur erkenne ich nicht jedes All. Gerade weht ein über einem Ofen an der Wand hängendes Blatt Papier nach oben, nach unten usw. Dazu notiere ich:

messe den Puls eines Blattes
er ist < meinem Ruhepuls

Was ich nicht sehe, wird ein anderes Auge, ein Ohr finden, malen, berechnen, bauen, formen etc. Dennoch sind Überschneidungen wichtig, also verlassen darf ich mich nicht auf ein >>wird schon wer anderer sehen<<.

Was gibt dir den stärksten Anstoß ein eigenes Gedicht zu beginnen, zu schreiben? Ein Gefühl, eine Lektüreerfahrung? Ein Bild, ein flüchtiger Eindruck? Eine lange in dir hin und her gewälztes Thema?

Das All, weswegen ich nicht mehr schlafen kann. Mein innerer Lichtschalter ist schon lange auf on, ich wälze mich viel. Zwischendrin schreibe ich auf (nächstgelegene Unterlage). Am Morgen dann Montage. Dann bin ich wach und der Text liegt, lange. Und wenn ich Sehnsucht habe nach dem Text, setze ich mich an das Gebilde und überarbeite, streiche, ersetze. Dann lese ich den Text viele Male laut. Dann schlafen wir ein. Wann der Text letztlich fertig ist, kann ich nicht sagen; wenn wir den gleichen Ruhepuls haben vielleicht. Aber dann notiere ich schon wieder Neues und kann nicht schlafen und so weiter.

Vergleichst du deine literarische Arbeit oft mit der von anderen?

Nein, vergleichen nicht. Das wäre zusätzliches Futter für`s Kopfkino. Schreiben ist anstrengende Stirn genug. Aber mich freut, dass jemand etwas ausdrücken kann, was ich nicht gesehen habe. Oder ich drücke aus, was jemand geschrieben hat, ohne es zu wissen. Einmal schrieb ich

den herbst im herzen haben

Den hatte Mascha Kaleko glaube ich auch. Also ich habe erst viel später gelesen, was sie früher geschrieben hatte zum Herbst im Herzen.

Welche Frage sollte man dir öfter stellen?

Darf ich bleiben?

Fixpoetry 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge