Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Interview

Im Gespräch: Timo Brandt redet mit der Autorin Johanna Wieser

„Am 24.10. war ein Gedicht von dir der Text des Tages auf Fixpoetry. Kannst du etwas zur Entstehungsgeschichte oder zum thematischen Umfeld dieses Textes sagen?“

Der Text „BOJ, 16.9.“  ist Teil eines größeren Projektes mit dem Titel ‚Wegsamkeiten‘. Er ist am 16.9. in einer Hafenstadt am Schwarzen Meer entstanden. Der IATA-Code des Flughafens dieser Stadt lautet BOJ. Die erste Version des Textes ist entstanden, während ich auf einer sandstaubigen, ehemals weißen Plastikstrandliege gesessen bin und aufs Meer geschaut habe. Es war der frühe Abend des Tages der partiellen Mondfinsternis, der Mond war gerade am Aufgehen und schon pink. Wind ist aufgekommen, es wurde immer kühler. Es hat immer mehr Quallen an den Strand gespült, das Meer wurde ungestüm und es wurde zusehends schwieriger, den Text in die Notizfunktion des Smartphones zu tippen, weil ich langsam zu zittern begonnen habe.

Die Objekte und Beobachtungen solche Objekte, die ich am 16.9. gesehen habe und Beobachtungen, die ich am 16.9. gemacht habe. Dort, wo das Du auftaucht, lasse ich die zeitliche und örtliche Gebundenheit in den Hintergrund treten und sich in andere Beziehungen setzen. Auf ungefähr diese Weise entstehen die Wegsamkeiten, dieses Konzept liegt ihnen zugrunde. Sie werden in nicht allzu ferner Zukunft auf nicht allzu klassischem Wege erscheinen.

 „Etwas, über das du lachen kannst und etwas, über das du nicht lachen kannst:“

Ich kann lachen über: Situationskomisches und oft auch über Späße, die Insiderwissen bedürfen, um sie zu verstehen – gemeinsam Erlebtes, gemeinsam Erfundenes. Ganz wichtig auch: gemeinsam erdachtes Sprachliches. Mir fällt auf: ich kann oft nicht lachen über Dinge, über die so ziemlich alle anderen lachen. Auch auffallen tut mir: die Leute, die in diesen Situationen ebenfalls nicht lachen, sind solche, mit denen ich wiederum viel lachen kann. Es ist immer etwas ganz Wertvolles, so jemanden zu haben.

Und dann finde ich auch, dass es Menschen gibt, die einen ganz bezaubernden Lacher haben – da muss ich immer mitlachen, ob ich will oder nicht.

 „Was liest du gerade? Oder welches Buch liest du immer wieder? (+ deine Impressionen dazu?)“

Ich habe mir schon oft überlegt, welche Bücher ich eigentlich immer wieder gelesen habe, ob man da von Lieblingsbüchern sprechen könnte, von Lieblingsautoren – ich bin aber nie zu einer stimmigen Antwort gekommen. Jetzt habe ich mal nachgesehen, welches meiner Bücher denn am abgegriffensten ist. Und das Buch, in dem ich am öftesten in meinem Leben gelesen haben muss, ist: der Weltatlas.

 „Welche Geisteshaltungen hältst du in der Literatur für fehl am Platze?“

Ich finde wenige Geisteshaltungen per se fehl am Platze – solange sie im Zweifel schlüssig argumentiert werden können. Ob ich mit diesen Geisteshaltungen dann übereinstimme, ist eine ganz andere Frage. Das Argumentierenkönnen setzt eine bestimmte Haltung aber voraus: die Bereitschaft, immer wieder in kritische Distanz zur eigenen Geisteshaltung zu gehen. Diese Distanz und die Bereitschaft zur kritischen Betrachtung finde ich unabdingbar und ich glaube, etliche Geisteshaltungen, mit denen ich persönlich nicht übereinstimme, würden einer solchen kritischen Betrachtung gar nicht standhalten können und dadurch automatisch im Fehlplatziertsein verpuffen.

 „Welche Frage sollte man dir öfter stellen?“

Die Frage, wie es mir geht. Mit einer Auflage: dem Willen, eine ehrliche Antwort zu bekommen. Mich interessieren im Grunde generell keine Antworten außer ehrliche und ich habe auch kein Interesse daran, nicht mit zumindest dem Versuch, ehrlich zu sein, oder gar in Floskeln zu antworten.

Gerade beginne ich, über den Begriff „ehrlich“ nachzudenken und wie angreifbar der ist. Aber welcher Begriff ist schon nicht angreifbar. Vielleicht meine ich auch/eigentlich: eine ernsthafte Antwort.

Wenn ich es mir recht überlege, gibt es aber genug Leute, denen ich keinesfalls (ernsthaft) sagen wollte, wie es mir (ehrlich) geht und die mich daher doch lieber gar nicht fragen sollten.

 „Durch deine Arbeit bei Jenny beschäftigst du dich auch viel mit Lektorat. In welcher Hinsicht kann ein Lektor einen Text „verbessern“?“

Wenn sich ein Lektor auf einen Text einlässt, kann er zu erkennen beginnen, wie dieser Text funktioniert und wohin er will. Sei das inhaltlich, sprachlich, formal. Der Lektor kann durch dieses Erkannthaben jene Stellen eruieren, wo der Text es (noch) nicht schafft, an den Punkt zu kommen, an den er möchte. Ich habe oft erlebt, dass der Autor ebenfalls wusste, dass sein Text noch solche Stellen in sich trägt, sie aber nicht genau ausmachen konnte. Ich habe auch erlebt, dass Autoren gar nicht bewusst war, dass einer ihrer Texte eine erkennbare Logik in sich trägt, dass er ein ihm innewohnendes Programm verfolgt. Und oft liegen die hinkenden Stellen eben dort, wo der Text seiner texteigenen Logik nicht mehr folgt. Natürlich kann auch Programm sein, dass ein Text keiner Logik folgt. Und hier wird es dann in der Lektoratsarbeit extrem spannend, weil man auch die innerhalb dieses Programms noch hinkenden Stellen eruieren kann. (Die sind dann oft tatsächlich dort, wo ein solcher Text doch einer Logik folgt und somit nicht mehr seinem ursprünglichen Programm.) Das ist dann manchmal auch wie ein total aufregendes sich Bewegen auf der Grenze zwischen dem Verdacht, ein texteigenes Programm erkannt zu haben und einem wiederum sehr wenig auf Logik basierenden Gefühl, das man für den Text entwickelt hat.

Jedenfalls: kann der Lektor vielleicht einen Anstoß geben, wie Autor beziehungsweise Text an den Punkt kommen könnten, an den sie wollten. Manchmal reicht es, nur auf die hinkende Stelle zu deuten und zu sagen: hier ist sie. Und ein Knoten öffnet sich.

 „Würdest du für viel Geld Drehbücher für eine Soap-Opera schreiben? Wenn ja, wie könnte sie heißen?“

Wenn mich  Handlung und / oder Protagonisten und / oder die Thematik dieser Soap Opera interessieren, würde ich das auch für weniger als „viel“ Geld machen. Supernova wäre als Titel gut, weil ich das Wort so gerne mag.

Was mich am Schreiben für Soap Operas schon immer fasziniert hat, ist das Kollaborieren von mehreren Autoren, das hier oft stattfindet. Dass sie in ihrer jeweiligen Individualität an einem gemeinsamen Kosmos arbeiten, dass sie gemeinsam eine Geschichte immer weiter spinnen und noch dazu eine „Geschichte“, in der so viele kleinteilige Handlungsstränge neben- und miteinander funktionieren müssen – ich kann mir kaum vorstellen, wie das funktionieren soll. Aber ich fände es spannend, einmal an diesem Prozess und der Dynamik teilzuhaben oder sie aus der Nähe zu beobachten.

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