Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Interview

Im Gespräch: Timo Brandt redet mit dem Autor Jürgen Brôcan

Welchen reflektierten Hintergrund sollte man deiner Meinung nach haben, wenn man heute Gedichte schreibt? Ist Schreiben eher als eine Notwendigkeit oder ein selbstgewähltes Privileg anzusehen?

Trotz allen Unbehagens bei Verallgemeinerungen behaupte ich einmal: Es kann nicht schaden, sich sehr vieler heute zur Verfügung stehenden Formen und Möglichkeiten bewußt zu sein (wie das die Schreibenden wohl mehr oder weniger zu allen Zeiten taten) – für welche man sich dann letztlich entscheidet, geben das Gedicht und sein Inhalt selbst vor. Ein gewisser Bildungshorizont ist ebenfalls hilfreich, aber keine zwingende Voraussetzung. Wichtiger scheint mir sowas wie eine dezidierte Geisteshaltung zu sein: Offenheit für das, was uns umgibt; Aufrichtigkeit; Ablehnung der Egozentrik. Denn das Schreiben ist für mich beides, innere (und manchmal von außen angestoßene) Notwendigkeit und ein Privileg. Was mir an der Literatur mißfällt, ist die Arroganz, mit der viele Autoren (mich sicherlich oft eingeschlossen) ihr Tun und ihr Werk betrachten. Schreiben ist, obwohl zivilisationsfördernd und -erhaltend, ein Luxus, für den man verdammt dankbar sein sollte, und keine Selbstverständlichkeit. Wenn ich sehe, in wievielen Weltgegenden kein freies Schreiben möglich ist und in wievielen ein Teil der Bevölkerung sich neuerdings wieder in freiwillige Unterwerfung begeben will, dann fühle ich jeden Tag, welch hohes Privileg meine Schreibtischstunden sind.

In welcher literarischen Form fühlst du dich schreibend am wohlsten? Arbeitest du viel mit Notizen?

Mir liegen beim Schreiben die Formen, die nicht allzu lang sind, es spielt dabei keine Rolle, ob Lyrik oder Prosa. Das Gedrängte, Konzentrierte einerseits, das Ange- und Umrissene, Offengelassene andererseits fasziniert mich an der kürzeren Form. Ich mag einprägsame, berührende Bilder und Formulierungen; deshalb befindet sich in meiner Tasche meist ein Notizbuch und neben dem Bett liegt ein Stapel mit Zetteln. Gefundene Worte oder unerwartet eingefallene Zeilen montiere ich oft zusammen, nur wenige meiner Gedichte sind ohne solche Zettel aus dem Furor des Moments heraus entstanden.

Hat alles für dich poetisches Potenzial? Ist Lyrik also eine Möglichkeit, etwas in den Fokus zu rücken? Oder sucht die Lyrik nach Objekten, die vor ihren Ansprüchen bestehen können, sich in den Fokus rücken lassen?

Zum Glück kennt die westliche Dichtung heute keine Tabu-Themen mehr. Es wäre aber Unsinn zu fordern, daß man über alles schreiben müsse. Man kann und darf es – es kommt auf die Haltung, die Fähigkeit zum lyrischen Zugriff an. So gesehen, hat tatsächlich rein theoretisch wohl alles ein lyrisches Potenzial – wobei vielleicht gewisse Perversionen und Gewalttaten keine wirklich gute Basis darstellen. Lyrik ist gerade wegen ihrer Kürze für mich das ideale Medium, noch das Kleinste, scheinbar Unbedeutende in den Fokus zu bringen. Die Dichtung nimmt eine Demokratisierung der Sujets, der Objekte vor. Damit wird nicht alles gleich wichtig; aber es läßt sich frische Bedeutung hervorkitzeln.

Wenn es eine bekannte Persönlichkeit gäbe (nicht zwingend ein/e Autor/in; nicht zwingend real), mit der du einfach so auf einen Kaffee oder ein Bier gehen könntest – wer wäre das?

Mensch, jetzt setze ich mich voll ins Fettnäpfchen oder in eine gewisse andere organische Substanz... Wenn es ein „schöner“ Abend oder Nachmittag werden soll, würde ich mit den meisten Autoren, Komponisten, Künstlern und anderen Zelebritäten wohl nicht ins Café gehen, sie wären mir zu kompliziert, zu anstrengend. Aber ich muß ja antworten –: also, vielleicht mit Mr. Spock oder einem Klingonen, der Shakespeare im klingonischen Original rezitiert...

Du arbeitest auch als Herausgeber, gibst die edition offenes feld und die gleichnamige Literaturzeitschrift heraus. Wie kam diese Tätigkeit zustande? Und wie sind deine bisherigen Erfahrungen damit, auch gemessen an deinen Erwartungen?

Als Lyriker schreiben wir ja in seltensten Fällen etwas, das attraktive Verkaufszahlen verspricht. Wenn ein Lyriktitel dann nicht von offizieller Seite finanzielle Unterstützung mitbringt, ist er oft nicht realisierbar. Nun orientiert sich die Wichtigkeit eines Textes aber, zum Glück, nicht an seiner Verkäuflichkeit – da das „Offene Feld“ als eingetragener Verein sozusagen eine non profit organization ist, müssen wir nur zusehen, daß wir die alten Titel halten und immer ein paar neue bringen können. Natürlich verfügen wir nicht über die Werbemittel eines größeren Verlags, darum ist die Verbreitung irgendwo eingeschränkt; das war von Anfang an nicht anders zu erwarten, ist trotzdem manchmal etwas bitter. Meine Erwartungen sind in einem allerdings übertroffen worden: Die uns angebotenen Texte sind von immer wieder von erstaunlicher Qualität. Carsten Zimmermanns Roman „Nichts geschieht“ zum Beispiel ist für mich einer der besten deutschen Romane der letzten zehn Jahre. Und gerade haben wir einen Gedichtband von Ulrike Bail gebracht, ich gebe zu, daß ich die Autorin als Lyrikerin nicht kannte, doch das angebotenen MS mit ungemein starken Kurzgedichten hat uns dermaßen überzeugt, daß wir ihr sofort eine Zusage für ein Buch gegeben haben. Das ist wirklich das Schönste: zu sehen, wie innerhalb kurzer Zeit so viele richtig gute Texte als Hardcoverbände zu den Lesern und Leserinnen gehen können.

An was schreibst/arbeitest du zurzeit?

Neben Übersetzungen von Ralph Waldo Emerson für Matthes & Seitz und William Goyen für Manesse schreibe ich an einem neuen Gedichtband mit dem Titel „Wacholderträume“, durch den unter anderen die Droste, Mörike, Meyer, Keller, Raabe, Robert Walser, die Maler der Düsseldorfer Schule, Thomas Cole, Vilhelm Hammershøi und irgendwie eine Menge 19. Jahrhundert geistert, das ich ins 21. transportieren will; außerdem feile ich an einem Band mit neun Erzählungen, momentan noch ziemlich ins Blaue hinein, weil die Erzählung ein bei Verlegern derzeit leider gar nicht beliebtes Genre ist...

Würdest du für viel Geld eine Parodie auf Johann Wolfgang von Goethe oder Friedrich Schiller schreiben?

Ich würde es sogar für'n Händedruck tun. Eine gelungene Parodie macht sich ja nicht nur über  die Vorlage lustig, sie enthüllt deren Schwächen, aber auch Eigenarten, und insofern ist sie fast eine Art Liebeswerben – sie umkreist das Objekt mit Respekt, will manchmal sogar unter der Maske der Humoreske einen todernsten Inhalt preisgeben. Wo endet die Parodie? Denk mal an Hölderlin, der Schillers Hymnenton aufgriff und die Resultate dessen eigener Zeitschrift anbot, mit den unausgesprochen ziemlich lauten Worten: So macht man's besser. Aber einen so hohen Anspruch muß die Parodie ja gar nicht haben, Respekt und Kritik in Balance, das wäre es wohl. Aber ob ich es überhaupt könnte...?

 

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