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Wir reden über Literatur
Interview

Im Gespräch: Timo Brandt redet mit dem Autor Matthias Engels

Vor etwa einem Jahr ist dein Roman „Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun“ erschienen. Dieses Buch, das eine Art Doppelbiographie ist und dabei mit dem Gedanken spielt, dass sich die beiden Protagonisten 1881/82 in den vereinigten Staaten von Amerika begegnet sein könnten, ist bereits deine vierte eigenständige Prosaveröffentlichung. Wie würdest du das Buch zusammenfassen? Wie bist du vorgegangen, wie ging es dir beim Schreiben und bei den Recherchen? Und wie blickst du nach einem Jahr auf das Buch zurück?

Die „Passagen“ waren ein Kraftakt sondergleichen. Ursprünglich als kurze, knappe Sache gedacht, kam immer mehr Stoff, kamen immer mehr erstaunliche Parallelen in beiden Biographien zum Vorschein, fielen mir sozusagen wie Schuppen von den Augen: Beide zeitgleich, aber unter völlig verschiedenen Voraussetzungen in Amerika, beide später unglaublich populär, dann vom Sockel gestoßen, verurteilt und entehrt. Es gab so viel großartige Quellen und ebenso viele spannende Leerstellen – das alles zu gewichten, zu ordnen, zu einem runden Ganzen zu komponieren, war Schwerstarbeit. Aber ich bin das erste Mal auch nach einem Jahr noch recht zufrieden mit einem Buch und auch mit dessen Rezeption. Die positiven Kritiken überwiegen bei Weitem und zu guter Letzt waren die „Passagen“ dann kürzlich Kandidat für die diesjährige Hotlist, auf die wir es dann nicht geschafft, aber trotzdem ein gutes Ergebnis bei der online-Abstimmung erreicht haben.

Wenn es eine bekannte Persönlichkeit gäbe (nicht zwingend ein/e Autor/in; nicht zwingend real), mit der du einfach so auf einen Kaffee oder ein Bier gehen könntest – wer wäre das?

Da fallen mir eine Menge ein – aber letztlich, denke ich, wäre ein Tee mit Oscar Wilde einerseits extrem unterhaltsam und eventuell würde er die Lücken schließen, die mir, trotz dreijähriger Beschäftigung mit diesem sonderbaren Vogel, in der Beurteilung seines Charakters geblieben sind.

Neben Romanen und anderen Prosatexten machen Gedichte einen wesentlichen Anteil deines Werkes aus. Welchen reflektierten Hintergrund sollte man deiner Meinung nach haben, wenn man heute Gedichte schreibt? Was denkst du dir in diesem Zusammenhang, wenn jemand zu dir sagt: ich schreibe Lyrik, ich schreibe Gedichte?

Na, das ist so eine Frage. Ich bin ja Autodidakt – ein schnöder Buchhändler von Haus aus … Ich gestehe, dass mich manche akademische Diskussion über Literatur wirklich abstößt. Kunstwerke, sei es nun ein Gedicht, ein Lied oder ein Gemälde, sind oft – zumindest anfänglich – spontane und völlig unreflektierte Reaktionen auf Erlebtes, Gefühltes. Sich da augenblicklich selbst eine Fülle von Reglementierungen aufzuerlegen, empfinde ich als fatal und als Grund für viele unglaublich modern erscheinende Texte, die mich persönlich aber, in den allermeisten Fällen, völlig kalt lassen.

Natürlich gibt es Dinge, die heute nicht mehr gehen; ich staune zum Beispiel, dass in Hobby-Poeten-Foren Sonett-Kränze en masse geflochten werden, die klingen wie 1880. Man sollte die Moderne schon kennen und z.B. auch ein Sonett verfassen können, aber die Haltung sollte modern und individuell sein. Generell sehe ich in der Lyrik fast alles als erlaubt an, außer Langeweile. Aber ich will davon berührt sein und keine Demonstration akademischer Regeln abgeliefert bekommen.     

4. Wovon wünschst du dir mehr/weniger in der Gegenwartsliteratur?

Ich wünsche mir tatsächlich etwas weniger erzwungene ironische Distanz, nicht nur in der Literatur, sondern in vielen anderen Bereichen auch. Wir sind so bemüht eine überlegene, distanzierte Haltung gegenüber allem einzunehmen, lassen vieles gar nicht mehr an uns heran. Das kann künstlerisch wertvoll sein, aber ich vermisse hier und da echte Erschütterung und große Worte, die viele Autoren zu meiden scheinen wie der Teufel das Weihwasser. Allzu viel Abgeklärtheit ist in meinen Augen – auch künstlerisch – eine Beschränkung.

An was schreibst/arbeitest du zurzeit?

Ich habe seinerzeit, als mich der Stoff für die „Passagen“ geradezu überfiel, eine Art Liebesgeschichte beiseitegelegt. An die habe ich mich nun wieder zurückgewagt und es geht nun – vielleicht auch durch den zeitlichen Abstand – erstaunlich gut voran. Eine komplett andere Geschichte, moderner, knapper und nicht ohne Kritik an den Umständen unserer Gegenwart. Ein Versuch über das Modell „große Liebe“ und dessen Möglichkeit heute. Der Arbeitstitel lautet „Bullerbü brennt“

Was würdest du antworten, wenn man dir vorwerfen würde, nicht politisch genug in deiner Kunst zu sein?

Das ist ja eine Geschmacksfrage. Ich selbst halte nicht viel von offensichtlich politischer Literatur – andere tun das. Mir kommt z.B. die Lyrik der 68er-Generation schmalbrüstiger und verstaubter vor, als vieles davor Entstandene. Generell aber bin ich eh der Meinung, dass Literatur mit einem gewissen Anspruch, der über reine Unterhaltung hinausgeht, per se zumindest gesellschaftlich, wenn nicht politisch relevant ist, denn sie ist m.E. von Grund auf ein subversiver Akt – sie produziert nicht: kein Geld, keine Leistung, keinen Gewinn – nichts Messbares. So steht sie automatisch unserem System kritisch und irritierend gegenüber. Die meisten großen Texte, auch wenn sie vordergründig nicht zur politischen Literatur gezählt werden würden, haben in meinen Augen politisches Potential – das gilt für die meisten großen Gesellschaft- oder Familienromane und auch für manches Liebesgedicht.

Würdest du für viel Geld eine 100 Seiten-Studie über Ernst Jünger schreiben?

Ja, warum denn nicht? In der Auseinandersetzung mit kontroversen Autoren habe ich dank Thomas Mann (um den sich mein zweiter Roman drehte), Wilde und Hamsun ausreichend Erfahrung und offenbar auch eine Neigung zu solchen Charakteren. Ich denke nicht, dass Jünger eine Figur ist, an der man sich als Autor die Hände schmutzig machen würde – wenn der Ansatz stimmt, versteht sich. Im Gegenteil: die Brüche in seiner Vita empfinde ich viel mehr als reizvoll.

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