Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Interview

Im Gespräch: Timo Brandt redet mit der Autorin Monika Vasik

In deinem ersten Gedichtband „nah.auf.stellung“ setzt du dich mit Neonazismus auseinander. Wie kam es zu dieser thematischen Entscheidung? Bist du über diesen Aspekt des Engagements zum Schreiben gekommen?

Nein, es war umgekehrt, zuerst war das Schreiben, das ich dann aus beruflichen Gründen über Jahre hintanstellen musste und das ich, von Skizzen und Notaten abgesehen, erst 1992 wieder stärker in den Fokus rücken konnte.

Das Thema Neonazismus hat mich immer begleitet. Es erschütterte mich zum Beispiel, dass Ende der 70-er Jahre jemand auf einer Party über meine Freundin (eine tolle, intelligente Frau, mit der ich herrlich streiten konnte) sagte, er rede nicht mit ihr, denn sie habe eine jüdische Nase. Ich war fassungs- und sprachlos! Oder dass es seit einigen Jahren „schick“ unter manchen Jugendlichen ist, gegen ihre politisch korrekten Eltern, Nachbarn oder LehrerInnen mit Naziparolen und –symbolen aufzubegehren und anzuecken. Dass dieses Erbe einfach nicht ausstirbt, dass diese Gesinnung nie zu Ende war und schon wieder / noch immer allzu viel möglich ist, hat mich umgetrieben und auch, dass so wenige Willens waren, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Ich habe meiner Irritation rund 20 Jahre lang in Gedichten Ausdruck gegeben, habe nach einer passenden Sprache gesucht, war ständig damit befasst, wie poetisch die Sprache in einem politischen Gedicht gerade noch sein darf, wie präzis die Verse gewebt sein müssen, um nicht von der falschen Seite vereinnahmt werden zu können. Als ich 2006 erkrankte und mit der eigenen Sterblichkeit konfrontiert wurde, saß ich auf einem Berg von thematisch ganz unterschiedlichen Texten und hatte nur einen Wunsch, erst abzutreten, wenn ich ein eigenes Buch habe, nicht irgendein Buch, sondern eines, das ich für notwendig erachte und meinen Kindern gern zurücklassen möchte – ich finde solche Ziele auch deshalb hilfreich, weil sie den Blick vom Tageselend weg in eine nahe Zukunft richten können. Es hat dann noch ein paar Jahre gedauert, die ich fürs Verwerfen und für Korrekturen nutzte, doch 2011 erschien schließlich mein Debut.

Natürlich schreibe ich weiterhin auch politische Texte, aber ich muss nicht mehr, gebe mir die Freiheit, mich anderen Themen zuzuwenden. Und dass dem ersten Buch noch drei weitere, eindeutig unpolitische folgen konnten, ist für mich ein sichtbares Zeichen meiner Widerständigkeit, die nicht zuletzt die Sujets und Notwendigkeiten vorgab.

Wenn es eine bekannte Persönlichkeit gäbe (nicht zwingend ein/e Autor/in; nicht zwingend real), mit der du einfach so auf einen Kaffee oder ein Bier gehen könntest – wer wäre das?

Simone de Beauvoir – Alice Schwarzer – Carolin Emcke.

Du schreibst auch Rezensionen und Berichte für fixpoetry, z.B. letztens zur neuen Ausgabe der Literaturzeitschrift „die horen“. Was reizt dich an dieser Form von Text? Ist sie eine Möglichkeit, sich mit den Lektüreerfahrungen auseinanderzusetzen? Oder geht es mehr um die Möglichkeit, anderen etwas nahezulegen, einen Einblick zu ermöglichen, den Verlagstexte nicht bieten können?

Verlagstexte sind Werbetexte und dienen dem Buchverkauf. Eine kritische Rezension hat ganz andere Ziele und Aufgaben. Sie muss frei und unabhängig sein, darf keine schonende Gefälligkeit, keine Lobhudelei, kein Preisen um des Preisens oder des eigenen Vorteils willen sein. Das klingt wie ein Allgemeinplatz, manche werden sagen „eh klar“, doch nach jahrzehntelanger Lektüre von Buchbesprechungen erachte ich es für immer notwendiger, darauf hinzuweisen. Ich bin weder PR-Frau für irgendeinen Verlag, noch habe ich einen missionarischen Anspruch, bin nicht von Überzeugungsfuror getrieben, wenn ich Rezensionen verfasse, sondern setze mich kritisch mit einem Buch und meiner Lektüreerfahrung auseinander, die ja nicht im Nichts fußt, sondern auf einem reichen Schatz von Leseerfahrungen und Auseinandersetzungen mit Büchern aufbaut. Durch eine eingegangene Rezensionsverpflichtung bin ich gezwungen, einen Text noch genauer, oft auch mehrmals zu lesen, kann mich nicht herumschwindeln um langweilige Stellen und einfach ein paar Seiten überblättern. Denn am Schluss geht es nicht um mein privates Daumen rauf oder runter und dann ab ins Bücherregal mit dem Buch, sondern ich soll Stellung beziehen und mein Urteil präzis in Worte und Sätze kleiden, die den Facetten des Buchs gerecht werden und dann auch noch ausreichend verständlich formuliert und gut lesbar sind. Und natürlich ist es mir lieber, mich einem gelungenen Buch zu widmen, denn für ein misslungenes Buch Lebenszeit zu verschwenden empfinde ich als Zumutung. Ein Verriss ist überdies viel anstrengender, weil er noch präziser auf den Punkt gebracht werden muss – dahinter steht ja ein Schreibender, der vom eigenen Tun überzeugt ist, steht ein Verlag, der ein Buch für publikationswürdig erachtet hat. Aber am Schluss muss trotzdem gesagt werden, was gesagt werden muss.

Wenn ich mir zu rezensierende Bücher aussuchen kann, wähle ich gern das etwas Abseitige, lasse meinen Blick und meine Aufmerksamkeit schweifen, weil mich interessiert, wie man anderswo dichtet, welche (Bild)Sprache verwendet wird usw., zum Beispiel in Südafrika, Indonesien oder Israel. Und weil es so viele interessante Bücher gibt, neige ich dazu, mich zu übernehmen und zu viele Verpflichtungen einzugehen. Andererseits helfen mir diese über unkreative Schaffensphasen hinweg, zwingen mich zur Konzentration, zum Dranbleiben und dazu, einfach weiterzumachen, weil immer etwas mir Wesentliches zu tun bleibt. Allerdings: Rezensionen sind Dienstleistungen, die man für jene Medien erbringt, in denen diese dann publiziert werden. Die Honorare, die für solche Dienstleistungen gewährt werden, so es denn überhaupt welche gibt, sind meist beschämend niedrig, derart niedrig, dass nicht einmal ein Bruchteil des Aufwandes, den das Erarbeiten einer Rezension bedeutet, damit abgegolten ist. Dies ist für mich ein Zeichen der Geringschätzung geisteswissenschaftlicher Arbeit. Tatsache ist: Ich rezensiere gern, kann mir das Verfassen von Rezensionen aber nur leisten, weil ich es nicht als Broterwerb machen muss, sondern ein anderwärtiges Auskommen habe, das mein Rezensieren und somit jene Medien, für die ich arbeite, subventioniert.

Gibt es ein Thema, über das du einmal wahnsinnig gerne einen Text schreiben würdest, aber du weißt bisher nicht, wie du es anstellen sollst?

„wahnsinnig gerne“ – nein, eigentlich nicht! Ich bin froh über jeden einzelnen Text, der entsteht, auch wenn ich oft nicht weiß, woher er genau so, wie er dann da steht, kommt. Aber ich muss zur Kenntnis nehmen, dass ich Schwierigkeiten habe, Texte zum Thema Krankheit zu schreiben, egal ob Prosa oder Lyrik, weil ich als Ärztin und Patientin zu nahe dran war und bin. Ich brauche ausreichend Distanz, um einen Themenbereich für mich literarisch fruchtbar zu machen. Und wenn hierzu doch ein Text entsteht, fehlt mir die Fähigkeit zur objektivierenden Kritik, weil ich ständig nur das Nichtgelingende sehe und Larmoyanz auch dort, wo vielleicht gar keine vorhanden ist.

Hat sich für dich etwas im Schreiben geändert, seit du deinen ersten Gedichtband publiziert hast?

Ich denke, ich bin mit jedem meiner bisher vier Bücher sicherer geworden, habe mehr Zutrauen zu meinen schriftstellerischen Fähigkeiten gewonnen und kann mit meinen steten Zweifeln, die immer auch Zweifel an der Qualität meiner Texte waren und sind, jetzt besser umgehen.

In welcher literarischen Form fühlst du dich am wohlsten? Arbeitest du viel mit Notizen?

Eindeutig in der Lyrik! Wenn ich mir vornehme, einen Prosatext zu schreiben, werde ich allzu schnell grantig und merke, dass ich das einfach nicht will. Ganz selten ergibt es sich, dass mir die Kurzprosa die geeignetere Form für ein Thema zu sein scheint, dann wird es eben Prosa, an der ich dann auch dranbleibe, ein oder zweimal im Jahr, bestimmt nicht öfter. In beiden literarischen Formen arbeite ich viel mit Notizen, von Anfang an. Das lässt sich aus meiner typisch weiblichen Biografie erklären. Jahrelang hatte ich bloß zwei bis drei Stunden Schreibzeit pro Woche, in der ich und mein Schreiben nach dem Motto „jetzt oder nie“ funktionieren mussten: Hinsetzen, schreiben, ohne erst groß auf einen Musenkuss zu warten. Hier helfen Notizen, das heißt Einfälle, Verleser, Namen, Skizzen, die ich zwischendurch aufschreibe und dann produktiv zu nützen versuche, als Starter oder als etwas, das über einen kreativen „Hänger“ drüberhilft.

Würdest du für viel Geld eine Reportage über ein aktuelles, politisches Ereignis schreiben?

Ach, was ist schon „viel Geld“? Das ist mir zu plakativ und spricht doch bloß die Neidgenossenschaft an. Ich würde es sehr begrüßen, wenn mehr fundierte Reportagen zu aktuellen politischen Ereignissen verfügbar wären, die mir Zusammenhänge begreifbar machen. Doch die können nicht von mir kommen, ich bin keine Journalistin und maße mir nicht an, solche Texte schreiben zu können. Außerdem bin ich dafür zu langsam. Daher erübrigt sich für mich persönlich deine Verführungsfrage – wo keine Reportage, da kein Geld, so einfach. Ich halte sehr viel von Expertise. Und wenn Journalismus mehr bedeuten soll als Dilettantismus, frei nach dem Motto: das kann ohnehin jeder/jede, oder ein paar unter Zeitdruck irgendwie hingefetzte Artikel, wird Geld natürlich zur Kernfrage. Denn eine gute Reportage gibt es nie kostenlos. Sie braucht unabhängige JournalistInnen und reichlich Zeit für Recherche, fürs Gewichten von Informationen und deren Aufarbeitung, und sie braucht vor allem Fachwissen. Wenn guter Journalismus wirklich die vierte Säule unserer liberalen Demokratien sein und bleiben soll, muss er unseren Gesellschaften etwas wert sein und angemessen bezahlt werden! Und es bräuchte wohl auch einen breiteren Willen, sich mit diesen Reportagen, deren Lektüre anstrengt, dann auch wirklich auseinanderzusetzen.

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