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Wir reden über Literatur
Interview

Im Gespräch: Timo Brandt redet mit dem Autor Rudi Nuss

Beim diesjährigen Open-Mike wurde dein Text „kurze Szenerie mit Loch“ mit dem Preis der taz-Publikumsjury ausgezeichnet, (außerdem gab es noch eine lobende Erwähnung der Jury). Wie war es für dich, beim Open-Mike zu lesen?

Mein Unmut gegenüber Events und großer Aufmerksamkeit musste ich mal kurz hinunterschlucken, wir leben leider in einer Welt, in der man eine physische Präsenz repräsentieren muss. Also habe ich das Beste daraus gemacht und es sogar fast ausschließlich genossen. Es war schön, all diese Resonanz zu bekommen, auch wenn man nur ein einziger Ballen aus Stress war.

Die Texte, die ich bisher von dir gelesen habe, arbeiten/spielen viel mit meta-aktuellen Bezügen, Popkulturreferenzen und philosophisch-spirituellen Seitenhieben. Wie wichtig sind diese Elemente für dein Schreiben? Wo setzt du an, wenn du einen Text beginnst? Würdest du sagen deine Texte sind komisch in ihrer Metaphysik oder metaphysisch in ihrer Komik (oder keins von beidem)?

Ich steh‘ drauf, metaphysisches Gedöns in meine Texte einzubauen, weil metaphysische Betrachtungen (oft) so absurd sind. Vor allem arbeite ich gerne mit absoluten, manchmal esoterischen, allumfassenden Fantasien. Aber wie eine Realität umfassen, die vollkommen zerbrochen und unendlich zerteilt ist? Und dann noch darüber hinausgehen? Sie [die Texte] sind somit komisch und tragisch in ihrer Metaphysik.

Wie beginne ich einen Text? Einen konkreten Startpunkt gibt es da nicht. Ich würde sagen, im Alltag lagern sich so Sedimente aus unterdrückter Wut und Schmerz ab, z.B. ausgelöst durch einengende Identitätskonstrukte oder die Leere des Konsumerismus, die ich dann in abstrakter Form im Text zu überwinden versuche. Außerhalb von durch Normen eingegrenzten Identitäten, im Zwischenraum der Zeichen, da warten neue Formen des Menschseins und hier werde ich selbst mega metaphysisch.

Was würdest du antworten, wenn man dir vorwerfen würde, nicht politisch genug in deiner Kunst zu sein? Inwiefern ist Schreiben für dich ein politischer Akt?

Ich vermische in meinen Texten Banales und Ernstes; ich schneide gerne für mich wichtige Themen an, richte mein Fokus aber nie auf etwas Einzelnes, sondern will oft eine Riesenfülle auf einmal. Ich frage mich natürlich stets: Bin ich politisch genug? Dann ist aber auch wieder die Frage, wer definiert das Poltische? Und ist nicht alles, vor allem das Nicht-Politische, hochgradig politisch? Texte, in denen bestimmte Probleme nicht angesprochen werden? In denen Sachen aus dem Rahmen der Bedeutsamkeit gestoßen werden? Was ist bedeutsam? Ich versuche zumindest einige Dinge, die für mich wichtig sind und über die ich mich anmaße, zu schreiben, in diesen Rahmen einzuspannen.

Ich traue mir dennoch oft nicht zu, mit vollkommenem Ernst an eine Thematik heranzugehen. Mein Text beim Open Mike behandelt eigentlich ein sehr ernstes Thema: hate crime. Doch scheint der Text voll von anderem, sinnlosen Kram und absurden Kleinigkeiten zu sein. Aber ich glaube, ich kann nur in so einem absurden Rahmen über ernste Themen schreiben; ein absurder Rahmen, der sich bestimmten Normalitäten verweigert, sowohl erzählerisch als auch in seiner Vermittlung von Wirklichkeit. Ich kann einfach nie aufhören, die allgegenwärtige Absurdität (und in dieser wiederum den ständigen Horror der Existenz, der so brutalen Ereignisgeschwindigkeit von Wirklichkeit) zu betonen.

Derzeit studierst du vergleichende Literaturwissenschaften in Berlin. Weißt du schon wie es danach weitergehen wird mit deinem Leben, deinem Schreiben? Gibt es Pläne, Wünsche, Möglichkeiten?

Ich versuche auf jeden Fall mein Romanprojekt zu verwirklichen, über eine sehr lange Zugfahrt und eine unendliche Apathie, Kapselhotels und Kloakentiere. Und ich werde viel kreative Arbeit mit Kindern und Jugendlichen für den lieben & schönen „Schreibenden Schüler e.V.“ machen.

Wie lange steht für dich schon fest, dass Schreiben etwas ist, das du tun willst?

Ich habe NIEMALS behauptet, ich wolle schreiben.

Sind TV-Serien die neuen Romane?

Serien werden immer besser darin, dich zu fesseln. Sie werden immer besser in ihrer bloßen Funktionalität, wenn ich an Walking Dead oder Orange Is The New Black denke, die ja eigentlich nur noch pures Traumaporn sind. Das beantwortet die Frage nicht, aber das wollte ich mal gesagt haben!!!!

Würdest du für viel Geld einen Heimatroman schreiben?

Wenn nicht weiter spezifiziert wird, was darunter zu verstehen sei... würde ich es tun. Es kann ja ein subtil subversiver Roman werden, bei dem die Leser*in erst relativ spät versteht, dass jedem Charakter die Gesichtshaut fehlt.

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