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Wir reden über Literatur
Interview

Gespräch: Timo Brandt redet mit Sigune Schnabel

Vor kurzem ist dein erster Lyrikband „Apfeltage regnen“ beim Geest-Verlag erschienen. Gratulation! Sind die Gedichte für den Band in letzter Zeit oder über mehrere Jahre entstanden? Was bedeutet dir diese Einzelveröffentlichung? Ist sie ein wichtiger Schritt für dich?

Die Gedichte entstanden über mehrere Jahre, der Schwerpunkt liegt jedoch auf neueren Texten. Die Veröffentlichung bedeutet mir sehr viel. Der Gedichtband gliedert sich in sieben Kapitel. Jedes wird durch ein Bild der Düsseldorfer Malerin Gertraude Nitsch illustriert. Der Kontakt kam zufällig zustande. Als ich meine Großmutter fragte, ob sie mein Cover gestalten würde, lachte sie nur. Dabei wäre sie durchaus fähig dazu gewesen; schließlich hat sie nach dem Krieg eine Bildhauerlehre gemacht und u. a. eine Figur im Dresdner Zwinger restauriert. Wenn sie früher bei uns zu Besuch war, brachte ich ihr bereits morgens um sechs Stifte und Papier ans Bett und bat sie, für mich zu malen. Sie verwies mich an ihre Cousine Gertraude Nitsch, die ganz in meiner Nähe in Düsseldorf wohnt, die ich aber zu dem Zeitpunkt noch nicht kannte.

Meine Gedichte werden auch unter malerischen Aspekten gestaltet, daher war ein Dialog zwischen Lyrik und Malerei naheliegend.

Du warst dieses Jahr Finalistin beim Literarischen März in Darmstadt. Würdest du einige Eindrücke von der Veranstaltung schildern?

Im Vorfeld waren meine Gefühle zunächst euphorisch, später wurde jedoch die erste Hochstimmung immer mehr von Realismus überlagert. Zum Glück durfte ich schon als Dritte lesen – zum einen spät genug, um besser einschätzen zu können, was mich erwartet, zum anderen früh genug, um noch einen langen Tag ohne Nervosität zu genießen. Insgesamt war es eine sehr interessante Erfahrung mit schönen Bekanntschaften.

Aus der Jurydiskussion konnte ich leider nur wenig mitnehmen, schließlich ging es auch um Präsentation von Wissen und Unterhaltung des Publikums und nicht ausschließlich um ein Urteil. Nur eine Textstelle überarbeitete ich im Anschluss.

Dennoch bin ich dankbar, dass ich diesen Wettbewerb erleben durfte.

Eine Aussage, die man als Lyriker*in oft zu hören bekommt: man kann davon ja nicht leben. Hast du den Ehrgeiz eines Tages vom Schreiben leben zu können? Oder wird Schreiben immer etwas sein, das nebenher läuft?

Ich bin Realist, manche würden mich sogar als Pessimist bezeichnen, und mein Sicherheitsbedürfnis ist sehr ausgeprägt. Daher glaube ich, dass ein fester Lebensunterhalt – so sehr er mich auch oft in meinem kreativen Schaffen bremst – doch die nötige Grundlage bildet. 

Was liest du gerade? Oder welches Buch liest du immer wieder? (+ deine Impressionen dazu?)

Prosa: Zuletzt habe ich von Lars Comino „Eli oder Die Halbwertszeit des Lebens“ gelesen. Diese Mischung aus Selbstreflexion, Einsichten über das Leben und subtilem Humor mitten im Scheitern hat es mir angetan.

Lyrik: Zuletzt angefangen habe ich mit „Ferner“ von Sascha Kokot und mit den Versnetzen.

Was hältst du von Literaturzeitschriften und Anthologien? Gibt es Literaturzeitschriften, die du regelmäßig kaufst und liest?

Für mich waren Literaturzeitschriften ein wichtiges Mittel, meine ersten literarischen Schritte in der Öffentlichkeit zu gehen. Heute habe ich das Gefühl, dass die Literaturzeitschriftenszene fast eine Art Gemeinschaft bildet, in der man immer wieder alten Bekannten begegnet. Besonders gut gefallen mir die Zeitschriften Karussell und Die Rampe.

Hat jeder Gegenstand für dich poetisches Potenzial?

Grundsätzlich ja. Nicht der Gegenstand, sondern die Darstellung machen für mich Kunst aus.

In welcher literarischen Form fühlst du dich am wohlsten? Arbeitest du viel mit Notizen?

Am häufigsten schreibe ich Gedichte ohne feste Versformen. Meine erste Zeitschriftenveröffentlichung im Jahr 2014 war jedoch ein Sonett.

Schon früh habe ich verschiedene lyrische Formen ausprobiert. Als wir in der Schule einmal unser Epochenheft frei gestalten durften, schrieb ich Gedichte in verschiedenen Stilen. Benotet wurden diese Arbeiten nicht, aber es gab ein kurzes Urteil in Textform, das ich bis heute aufgeboben habe. Es lautete: „Ihr Heft zur Literaturgeschichte hat mich tief berührt und begeistert zugleich. Ihre Gedichte im Stile der jeweiligen Epochen sind Meisterleistungen, die zeigen, dass Sie mit wunderbarer Sensibilität die Diktion eines Dichters sich aneignen und anverwandeln konnten. So haben Sie von der jeweiligen Epoche der deutschen Literatur mehr verstanden als durch manch langen Essay.“

Dennoch schrieb ich lange Jahre danach fast ausschließlich Prosa. Erst 2013 fing ich wieder an, mich mit Lyrik zu beschäftigen.

Notizen mache ich mir selten, allerdings behalte ich jede Fassung und kopiere die Überarbeitung immer oben in die Datei, sodass manchmal seitenlange Dokumente mit verschiedenen Entwicklungsstufen entstehen. Ich hoffe, diese Zwischenschritte werden nach meinem Tod vernichtet und nie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Was fällt dir zu dem Wort „Pathos“ ein, wie verhältst du dich zu diesem Begriff?

Ethos, Logos und Pathos sind die drei Säulen der Rhetorik. Bei Aristoteles, der sie in seinem weltweit ersten Lehrbuch der Rhetorik darstellte, fehlte dem Wort „Pathos“ noch jeder negative Beigeschmack, den unsere Umgangssprache damit verbindet. Pathos ist der Begriff für Leidenschaften und Gefühle, die Reden wie Gedichte transportieren. Die emotionale Ebene in lyrischen Texten spricht den Leser anders an, erreicht ihn tiefer und wühlt etwas in ihm auf. Wenn man Sprache nicht empfindet, ihren Klang nicht fühlen kann, bleibt sie leer und abstrakt.

Dennoch möchte ich im Zusammenhang dieser Frage weniger das Wort „Pathos“ verwenden, da es im heutigen Sprachgebrauch eine Wertung von „zu viel“ beinhaltet, sondern eher den Begriff „Emotionen in der Lyrik“. 

Mir ist es wichtig, durch meine Gedichte Gefühle anzusprechen. Ein Text, der sich nur an den Verstand wendet, ist wie ein kleiner Tropfen, der in einen See fällt und schnell verschwindet. Wird auch das Empfinden berührt, versinkt der Tropfen nicht sofort; es bilden sich Wellen an der Oberfläche, die noch eine Weile kreisen. Manchmal wirbeln sie lang Vergessenes in der Tiefe auf, wenn sie hinuntergleiten. Natürlich muss die Emotion subtil genug sein, um keine Distanz durch innere Abwehr hervorzurufen. Diese Grenze ist wohl von Mensch zu Mensch sehr verschieden, vielleicht ein wesentlicher Unterschied zwischen Mann und Frau.

Was würdest du antworten, wenn man dir vorwerfen würde, nicht politisch genug in deiner Kunst zu sein?

Der Zweck von Kunst besteht nicht allein in politischem Bezug. Zudem glaube ich nicht an Kunst als Mittel der Veränderung desinteressierter Leser. Um gesellschaftliche Umstände zu verändern, muss Kunst im Kleinen unmittelbar bei den Menschen ansetzen. Mit einem Gedicht kann ich nicht das System verändern; mit Gedichten in Schulen vielleicht aber die Denkweise künftiger Generationen und damit möglicherweise zukünftige Systeme. Damit meine ich nicht die trockene Analyse vorhandener Texte, sondern die Entwicklung und Förderung des eigenen schöpferischen Ausdrucks. Wenn eine Richterin, wie kürzlich in der Rheinischen Post beschrieben, einen jungen Mann zu 20 Stunden Lesen verurteilt und er als Abschlussarbeit sich kreativ mit dem Gelesenen auseinandersetzen soll, kann Kunst meiner Ansicht nach Menschen positiv prägen. Man müsste auch am Schulsystem ansetzen, das in der Regel die natürlich vorhandene Phantasie des Kindes erstickt, und zwar durch frühes, einseitiges Training rationalen Denkens und das gleichzeitige Bewerten jeglicher Tätigkeiten. Auch heute schaltet mein Gehirn noch häufig in diesen Bewertungsmodus um – der Tod jeder Kreativität.  

Wovon wünschst du dir mehr/weniger in der Gegenwartsliteratur?

Mehr Lyrik, die durch neue, überraschende Bilder ein Aha-Erlebnis auslöst, emotional berührt und nicht nur kopflastige Konstruktion ist.

Wie wichtig ist dir, dass etwas rezipiert wird, das du geschrieben hast?

Sehr.

Gibt es Lyriker*innen und/oder lyrische Werke, denen du dich in Bezug auf dein Schreiben besonders verbunden fühlst?

Die einfache und schlichte Naturlyrik von Angelica Seithe spricht mich immer wieder an. Sie geht über eine bloße Beschreibung hinaus und erreicht eine Ebene des Alltags, des Zwischenmenschlichen und lässt eine allgemeingültige Erkenntnis über das Leben zu, ohne dabei aufdringlich zu wirken. Weitere Lyriker, die ich gerne lese, sind Hilde Domin und Erich Fried.

 

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