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Wir reden über Literatur
Interview

Im Gespräch: Timo Brandt redet mit dem Autor Tristan Marquardt

Inwieweit glaubst du, muss ein Leser einem Gedicht entgegenkommen, etwas hineinprojizieren/-legen, damit es wirken kann? Oder können Gedichte auch so funktionieren, dass der Leser schon alles vorfindet, wie bei einer Anleitung, die er bloß zu befolgen braucht?

Die Sache mit der Verallgemeinerung, puh. Lass mich ausweichen. Nimm diesen krassen Rilke-Satz am Ende des Torso-Gedichts: „Du mußt dein Leben ändern.“ Wenn ich da dem Gedicht entgegenkomme, etwas hineinlege, damit es wirken kann, brauch ich es bloß zu befolgen.

Wie ist dein Verhältnis zu dem Wort/Begriff „Pathos“?

Abstoßung, Anziehung, Gebrauch. Pathos nervt, wenn es eine Entschuldigung für Ungenauigkeit ist. Pathos nervt, wenn es Authentizität mit Emotionalität verwechselt. Aber ich liebe Pathos. Und ich liebe die Herausforderung, mit ihm zu arbeiten. Gerade denke ich: Vielleicht ist es ok, wenn man das Pathos im Griff hat und nicht umgekehrt.

Seit 2012 organisierst du die Lesereihe meine drei lyrischen Ichs in München, aktuell mit Nora Zapf, Daniel Bayerstorfer und Annalena Roters. Wie kam es dazu und wie würdest du die Bedeutung von Lesereihen/Lesungen für die Wahrnehmung von Lyrik einschätzen?

Das Prinzip Indie: aus einem Mangel heraus. Wir wollten die Lesungen machen, zu denen wir selbst gehen wollten. Und wir sind ziemlich happy, dass wir das jetzt tun. Aus zwei Gründen: 1. Es ist eine Binsenwahrheit, dass das gedruckte Papier nur eine wichtige Form fürs Gedicht ist. Aber es entsteht zurzeit auch immer mehr Lyrik, für die die Lesung, die Lecture-Performance oder überhaupt die Arbeit mit Räumen kein Bonus, sondern integraler Bestandteil ist. Das schätzen und pushen wir, auch in Zusammenarbeit mit bildenden Künstler*innen. 2. Wir glauben an Literatur als soziale Praxis, und dass es mehr Orte dafür braucht.

2013 erschien dein Debütband das amortisiert sich nicht bei Kookbooks. In der Verlagsbeschreibung heißt es u.a., deine Gedichte legen „den Finger vom Resultat auf den Prozess“. Wie würdest du diesen Passus in eigenen Worten erläutern? Inwieweit spiegelt sich darin deine Vorgehensweise beim Schreiben wider?

Das sind eigene Worte! Und ich meine damit, glaube ich, Unabschließbarkeit als Modus. Auseinandersetzung. Gäbs ein „that’s it!“, dann wär‘s das, dann bräucht ich nicht mehr zu schreiben. Solange ich dichte, dichte ich so, dass ich mich sprachlich auf die Suche begebe und beim Schreiben bestenfalls herausfinde, wonach.

Wenn es eine bekannte Persönlichkeit gäbe (nicht zwingend ein/e Autor/in; nicht zwingend real), mit der du einfach so auf einen Kaffee oder ein Bier gehen könntest – wer wäre das?

Gestern Nacht habe ich Carolin Emckes Dankesrede zum Friedenspreis gesehen. Dass ihr Statement für Pluralität so einen Optimismus ausstrahlt, war umwerfendes Empowerment. Wenn ich je den Mut verlieren sollte, gehe ich mit Carolin Emcke einen Kaffee trinken.

Was würdest du antworten, wenn man dir vorwerfen würde, nicht politisch/engagiert genug in deiner Kunst zu sein?

Ich denke immer mehr, dass es nicht nur darum geht, engagiert zu sein, sondern auch darum, wer engagiert ist bzw. wer sich überhaupt engagieren kann. Ich bin ein weißer, heterosexueller Mann mit bildungsbürgerlichem Hintergrund und meine Möglichkeiten, auch politisch Gehör zu finden, stehen nicht schlecht. Aber ich denke, es sind ganz andere Stimmen, die mehr gehört werden sollten. Und deshalb habe ich mich entschieden, mich in den kleinen Feldern, in denen ich mich bewege – die Lyrik im deutschsprachigen Raum und die Literatur in München –, für mehr Empowerment zu engagieren.

Würdest du für viel Geld eine Fortsetzung zu Harry Potter schreiben?

Kurz gehadert, aber: Nein.

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