Interview

Im Gespräch: Timo Brandt redet mit dem Autor Vladimir Vertlib

Am 21. April 2016 hatte im Arge-Kulturhaus in Salzburg dein Stück „ÜBERALL NIRGENDS lauert die Zukunft“ Premiere. Es setzt sich mit Migration auseinander, verknüpft dieses aktuelle Thema aber auch mit dem Holocaust – ein Überlebender des Shoah, David, trifft in einem Flüchtlingscamp auf den syrischen Geflüchteten Ibrahim und sie führen Gespräche über Vertreibung, Vorurteile und Flucht. Wie ist das Stück entstanden? Wieso wolltest du einen Bogen spannen zwischen der Geschichte von David und der Geschichte von Ibrahim? Was sind deine Hoffnungen in Bezug auf die Wirkung des Stücks?

Vor etwas mehr als zwei Jahren sprach mich Regisseurin Christa Hassfurther an und fragte, ob ich ein Stück über jüdische „Displaced Person“ schreiben wolle. In Hallein, einer kleinen Stadt in der Nähe von Salzburg, in der sich das Theater „bodi end sole“ befindet, das Christa Hassfurther leitet, hat es in den Jahren 1945-49 einige DP-Lager gegeben. Die meisten jüdischen Flüchtlinge, Überlebende der Shoah, waren auf dem Weg nach Palästina/Israel. Einige von ihnen oder ihre Kinder und Enkelkinder kehrten Jahrzehnte später an die Orte ihrer Flucht zurück, besuchten nicht nur KZ-Gedenkstätten, sondern auch die Stätten, wo sich einst die Flüchtlingslager nach dem Krieg befunden hatten.
Schon 2014 sprachen Christa und ich über Flucht und Fluchthelfer, Schlepper und überfüllte Schiffe und Boote, die sich auf den Weg ins Gelobte Land befanden, und schon damals war mir klar, dass das geplante Stück einen Gegenwartsbezug haben sollte. Als kurze Zeit später die Flüchtlingskrise einsetzte, in Salzburg Zeltlager und Camps entstanden, der Bahnhof voll mit Transitflüchtlingen war und ich selbst als freiwilliger Flüchtlingshelfer die Not der Menschen unmittelbar erlebte, war es mir klar, dass ich beide Motive verbinden würde, und zwar aus mehreren Gründen: ich wollte die ZuschauerInnen darauf aufmerksam machen, dass Flucht und Vertreibung, dass Not und Elend, ein immer wieder kehrendes Phänomen ist und mit uns allen etwas zu tun hat, mit unserer Geschichte, mit den Familiengeschichten der meisten Einheimischen oder früher Zugewanderten, wenn man nur wenige Generationen zurückschaut. Die Flüchtlinge von heute sind unser Spiegel und unsere Projektionsfläche, sie haben mehr und viel unmittelbarer mit uns zu tun, als den meisten von uns bewusst ist. Das Stück sollte auf die ähnlichen Erfahrungen von Juden und Arabern, Einheimischen und Fremden, von heute und vorgestern aufmerksam machen und vor allem den individuellen Aspekt in den Vordergrund stellen. Was Literatur und besonders das Theater leisten können, ist die Sichtbarmachung des Persönlichen und seine Verdichtung zum Exemplarischen. Die syrischen Flüchtlinge sind nicht mit den jüdischen Shoah-Überlebenden vergleichbar, aber ihre Gegenwart macht unsere (die deutsche und österreichische) Geschichte wieder präsenter, als sie es vor ein paar Jahren war. Wenn Israelis, die früher DPs waren und syrische Flüchtlinge, die antisemitisch indoktriniert wurden, einander begegnen, wird der Nahost-Konflikt im Kleinen ausgetragen, die gemeinsame Leid-Erfahrung bietet aber auch die Chance, einander emotional näher zu kommen. Letzteres ist programmatisch, aber auch nicht unrealistisch. Die Wirkung des Stücks ist schon erreicht, wenn einige BesucherInnen nicht nur über die Flüchtlingskrise oder die Shoah, sondern auch über sich selbst und die eigenen Gefühle nachdenken – jede und jeder auf ihre bzw. seine Art. Nach mehreren Aufführungen (die letzte fand am 16. November in München statt) habe ich den Eindruck, dass wir (die Regisseurin, die SchauspielerInnen, das ganze Team und ich) bei einigen dieses Ziel erreicht haben.

 

ÜBERALL NIRGENDS lauert die Zukunft (Teaser Making of Premiere ARGEkultur Salzburg) from Christa Hassfurther on Vimeo.

 

Was liest du gerade? Oder welches Buch liest du immer wieder? (+ deine Impressionen dazu?)

Ein Buch, das ich immer wieder lese, ist „Der Meister und Margarita“ von Michail Bulgakow. Die Mischung aus bissiger Politsatire, magischem Realismus, Existenzialismus und einer berührenden Liebesgeschichte, die große Anzahl stimmiger Metaphern, literarischer Anspielungen, die gelungene Psychologisierung der Figuren, die beeindruckende und keineswegs konstruiert wirkende Verbindung von differenzierten und slapstickhaften Szenen macht diesen Roman zu einem ganz besonderen Lesevergnügen, das jedes Mal anders ist. Das erste Mal las ich das Buch mit 14. Erst wenige Jahre zuvor war es in voller Länge erschienen, nachdem das Manuskript jahrzehntelang in KGB-Archiven verwahrt worden war. Bulgakow war 1940 gestorben, seinen Roman, an dem er mehr als zehn Jahre gearbeitet hatte, beendete er kurz vor seinem Tod. Mit 14 gefielen mir vor allem die humoristischen, lustigen und absurden Szenen, später faszinierte mich die Liebesgeschichte, dann die historischen Passagen über Pontius Pilatus, eine Zeitlang las ich vor allem die Szenen rund um „Satans Ball“, und immer wieder alles noch einmal und entdeckte immer wieder andere Facetten und Aspekte dieses vielschichtigen, abgründigen, beängstigenden und doch so unterhaltsamen Romans. „Der Meister und Margarita“ ist ein Buch, mit dem man altern kann und das sich einem doch stets neu und frisch in anderem Gewand präsentiert.

Inwiefern ist Schreiben für dich ein politischer Akt? Haben Schriftsteller*innen eine politische Verantwortung, wenn sie publizieren?

Ich denke, die politische Verantwortung erwächst aus der Haltung. Pamphlet-Literatur ist keine gute Literatur, aber ihre politische Haltung werden AutorInnen auch dann nicht verleugnen können, wenn sie eine scheinbar neutrale Position einnehmen. Wer sehenden Auges durch die Welt geht und auf diese schreibend reagiert, wird stets politische Texte schreiben. Gute Literatur ist fast zwingend die Literatur jener AutorInnen, die – ob bewusst oder unbewusst – eine politische Verantwortung verspüren. Emiliy Dickinson hat sich wohl kaum als politische Schriftstellerin gesehen, und doch wäre es falsch, ihre Gedichte nicht auch politisch verstehen zu wollen. Tabucchis „Erklärt Pereira“ ist Weltliteratur, es ist ein historischer Roman, ein Psychogramm und gleichzeitig ein hochpolitischer Text, der von den Ängsten, der Zerrissenheit und der Verantwortung des Einzelnen in Zeiten der Diktatur berichtet, aber auch von Zivilcourage im Allgemeinen. Der Autor ist zweifellos bewusst politisch vorgegangen, als er diesen Roman publiziert hat, und hat ein Stück Weltliteratur geschaffen, das wohl noch sehr lange aktuell bleiben wird. Dasselbe gilt z.B. für Coetzees Roman „Schande“ oder für Bulgakows Novelle „Hundeherz“.

Wie kam es dazu, dass du Autor wurdest? Wie lange steht für dich schon fest, dass Schreiben das ist, was du tun willst/musst?

Ich begann mit Tagebuchaufzeichnungen im Alter von vierzehn Jahr. Damals war ich mit meinen Eltern als Migrant in den USA und schrieb mein Tagebuch lange Zeit auf Russisch. Später wechselte ich ins Englische und schließlich, als meine Eltern und ich wieder in Österreich waren, ins Deutsche. Ich stellte bald fest, dass die Aufzeichnung mir nicht nur dabei halfen, schwierige Alltagssituationen (zum Beispiel im Umgang mit Beamten in Einwanderungsämtern) und deren Folgen emotional zu „bearbeiten“ (eine „Bewältigung“ ist ja letztlich ein Ding der Unmöglichkeit), sondern auch, dass ich die Welt schreibend erkunden, hinter die Oberfläche des Offensichtlichen schauen konnte und durch phantasievolle Ergänzungen der Authentizität des Geschehens und vor allem seinen Ursachen näher kam als durch die simple Wiedergabe von Tatsachen. So wurde das Tagebuch immer mehr zu einer Ansammlung von Kurzgeschichten und „erfundenen“ Episoden. Auch nachdem meine Tagebuchzeit vorbei war, hörte ich mit dem Schreiben nicht auf. Bis ich etwas publizieren konnte, vergingen jedoch noch viele Jahre. Ich studierte Volkswirtschaftslehre, arbeitete einige Jahre im erlernten Beruf und wagte erst mit 27 Jahren den Schritt ins freie Schriftstellerdasein. Mein erstes Buch, die lange Erzählung „Abschiebung“ (auch wenn das Buch etwa 190 Seiten lang ist, wagte ich damals noch nicht, es Roman zu nennen), erschien, als ich 28 war.

In welcher literarischen Form fühlst du dich am wohlsten? Arbeitest du viel mit Notizen?

Am liebsten würde ich längere Erzählungen und Novellen schreiben. Tschechow und Babel gehören zu meinen Lieblingsautoren, und bei beiden schätze ich vor allem ihre Erzählungen. Nachdem aber Erzählungen bei uns als unverkäuflich gelten, schreibe ich in erster Linie Romane – eine Form, die mir ebenfalls liegt. Die Grenzen zwischen einer Novelle und einem Roman sind sowieso fließend, und ob man einen Episodenroman als Roman oder als Erzählband betrachtet, ist Ansichtssache und eigentlich von geringer Relevanz. Für den Buchmarkt ist dieser Punkt allerdings fundamental. Die Leserinnen und Leser möchten Romane lesen bzw. Bücher, auf deren Umschlag das Wort „Roman“ steht.
Ich mache mir viele Notizen. Stets habe ich ein Notizbuch bei mir, in das ich meine Gedanken, einzelne Sätze oder Formulierungen notiere. Die besten Einfälle kommen mir während der ausgedehnten Spaziergänge, die ich täglich mache. Ich arbeite mich von Parkbank zu Parkbank, in der Nacht von Straßenlaterne zu Straßenlaterne. So entstehen erste Skizzen, manchmal auch ganze Kapitelfragmente.

Neben zahlreichen publizistischen Beiträgen hast du bereits sechs Romane veröffentlicht. Was macht für dich einen guten Roman aus? Welche Bedeutung/Relevanz kann es (heute) haben, Geschichten zu erzählen?

Vor kurzem erklärte mir eine Bekannte, „keine zehn Pferde“ würden sie dazu bringen, Belletristik zu lesen, die besten und spannendsten Geschichten seien immer noch jene, die das Leben selbst schreibt. Das erinnerte mich an eine Studentin, die ich in meiner Jugend kennen gelernt hatte. Sie sagte mir damals, sie lese keine Gedichte, schon gar keine Liebesgedichte. Wozu? Sie habe ja schon einen Freund.
Solche Menschen verstehen nicht, dass Literatur nicht nur aus Inhalt, sondern auch aus Sprache besteht, dass die Form entscheidend ist, dass scheinbar erfundene Geschichten dennoch authentischer sein können als jene so genannte Realität, deren Oberfläche man beiläufig wahrnimmt, und dass oftmals die Art und Weise der Darstellung Räume öffnet und das Dargestellte wichtiger macht, als es zunächst zu sein scheint, die Leserinnen und Leser dadurch bewegt und verändert und Türen zu Gedanken- und Assoziationswelten öffnet, die bis dahin im Verborgenen lagen. Dies alles gilt grundsätzlich für alle Literaturgattungen, also auch für den Roman. Was einen guten Roman ausmacht, ist die sehr simpel scheinende Eigenschaft, dass er nicht nur in sich stimmig, sondern auch spannend und unterhaltsam sein sollte. Ja, Literatur soll nicht nur irritieren, beeindrucken und ein Mehrwert an Erkenntnis und Gefühl bringen, sondern auch unterhalten, manchmal auch zerstreuen. Der Roman ist die beste Gattung dafür, zumal er den Leserinnen und Lesern die Möglichkeit bietet, für einen etwas längeren Zeitraum als bei einer Erzählung, einem Theaterstück oder einem Gedicht, in eine Geschichte bzw. in die vom Roman durch Inhalt und Sprache erzeugte eigene Welt einzutauschen, sich dieser Welt hinzugeben und von diesem Zustand in vielerlei Hinsicht zu profitieren. Kaum jemand kann sich dem suggestiven Sog von Antonio Tabucchis „Erklärt Pereira“ entziehen; vor etwas mehr als zwanzig Jahren las ich dieses Buch – atemlos, fasziniert und gleichzeitig bedrückt und entrückt durch die Geschichte und die ungeheure Suggestivkraft von Tabucchis Sprache und der Form, die er für seinen Roman gefunden hatte. Als Erzählung von 20 oder 30 Seiten würde das Buch diese Wirkung niemals entfalten können.   

Gibt es Lyriker*innen und Gedichte, die dir viel bedeuten?

Dazu gehören vor allem die Gedichte russischer LyrikerInnen – Klassiker wie Puschkin und Lermontow, die ich schon als Kind gelesen hatte, aber auch Blok und Gumiljow, Mandelstam und Brodsky. Einer der größten Lyriker des 20. Jahrhunderts war der russische Schauspieler und Liedermacher Wladimir Wyssozky (1938-1980). Bekannt geworden durch seine sozial- und zeitkritischen Lieder, die er in der Sowjetunion anfangs nur heimlich, vor einem ausgewählten Publikum vortragen konnte (vieles wurde auf Tonband aufgenommen), war Wissozky ein Meister der Sprache, der Nuancierung, der überraschenden Metapher und treffenden Zuschreibung. Auch wenn die sowjetische Wirklichkeit seiner Zeit den Hintergrund für seine Liedtexte bildet, sind ihre Wirkung und ihre Aussage zeitlos. Wissozky ist heute weiterhin, und das auch bei jüngeren Menschen, im gesamten postsowjetischen Raum populär. Dasselbe gilt für den Liedermacher Bulat Okudschawa (1921-1997), der nicht nur ein Lyriker und der Verfasser von Liedtexten, sondern auch ein ausgezeichneter Erzähler war.

Im besonderen Maße beeindrucken mich außerdem immer wieder die Gedichte polnischer LyrikerInnen, hier insbesondere jene von Wislawa Szymborska, Czeslaw Milosz und Ewa Lipska.

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