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Interview

Alltagskultur und Teetisch. [2]

Ein Interview mit der Dichterin Ursula Krechel über Dichter, Lesungen, Lyrikwettbewerbe und andere Pathosformen

Das zweistündige Gespräch fand statt am 30.04.2019 im Arbeitszimmer von Ursula Krechel. Es handelt sich hier um einen stark gekürzten Ausschnitt. Zunächst Teil 1 lesen.

 

KRECHEL: Körperliche Präsenz oder Nichtpräsenz, die Möglichkeit, Kontakt oder eben einen Wärmestrom zu den Zuhörern und Zuhörerinnen zu erzeugen, das ist doch ganz unabhängig vom Geschlecht.

AMES: Im Idealfall ist das so. Aber ich glaube, es gibt auch tatsächlich sehr starke Prägungen, die das Publikum betreffen.

KRECHEL: Ich verstehe gerade nicht, was Sie meinen.

AMES: Dass ein Publikum bestimmte Erwartungen hat, wie ein Herr, der sich Dichter schimpfen lässt, zu betragen hat, und wie eine Frau, die als Dichterin bezeichnet wird, aufzutreten hat …

KRECHEL: Das sehe ich überhaupt nicht so: Wenn ich gesagt habe, jemand soll, muss, etwas Neues machen, dann heißt das doch eben auch, dass die Erwartungen im Zweifelsfall vollkommen gleichgültig sind. Ich erinnere mich noch gut, dass ich als junge Autorin scheu, schüchtern war, aber auch, dass ich Formen von Selbstschutz hatte …

AMES: Darf ich fragen, welche das waren?

KRECHEL: Zum Beispiel hatte ich eine Jacke, eine gepolsterte Jacke aus einem Reissack, die ich in Paris auf dem Flohmarkt an der Porte de Clignancourt gekauft hatte. Ich habe gar nicht darüber nachgedacht, warum ich die Jacke so gerne trage … Heute weiß ich natürlich: Ich habe eine Schicht, eine …

AMES: Eine Schutzschicht, um nicht gemustert und taxiert zu werden …

KRECHEL: Die Jacke konnte schon taxiert werden. Sie gab mir das Gefühl, ich setze mich nicht so aus, sie polstert mich gegen die Welt und ´Welt´ kann nicht so nah an mich herankommen; und das war sehr gut …

AMES: Ich will ungern einhaken, aber Sie sagten vorhin, dass würde überhaupt keine Rolle spielen für Sie … da kann ich überhaupt nicht einsprechen [i.S.v. Einwand erheben] … es gab aber doch so eine Provo-Lesung; wir haben vor einer Weile darüber gesprochen, von Renate Rasp. Das muss 68 gewesen sein. Bei einer Buchmesse. Dort hat sie barbusig gelesen. Und genau mit den Erwartungshaltungen der Männer […] gespielt bzw. wollte die Männer düpieren: „Es geht euch doch gar nicht um meine Kunst, es geht euch um meinen Körper!“

KRECHEL: Ja, ich denke, sie hat für ihre Gedichte eine spezifische Form des Ausdrucks gefunden; und bei diesem Ausdruck haben nun einmal die Brustspitzen eine Rolle gespielt; darüber kann man verschiedener Meinung sein …Zur gleichen Zeit gab es das Tapp-und-Tastkino von Valie Export, die radikalen Körper-Performances von Marina Abramoviċ. Darin zeigte sich auch eine individuelle Lösung der Revolte … Revolte in einer chauvinistischen Gesellschaft, Revolte gegen die landläufige Rezeption der Kunst von Frauen.

AMES: War das ein politischer Akt, damals?

KRECHEL: Ich würde es von heute, ja, als politischen Akt sehen.

AMES: Damals?

KRECHEL: Damals natürlich auch!

AMES: …

KRECHEL: Na, selbstverständlich!

AMES: Es hätte ja sein können, dass Ihnen das damals einfach nur kokett vorgekommen ist, deswegen frage ich.

KRECHEL: Es war ein politischer Akt.

AMES: Wurde das unter Lyrikerinnen und Dichtern diskutiert, damals?

KRECHEL: Nein!

AMES: Gar nicht?

KRECHEL: Ich wüsste nicht, unter wem. Schauen Sie, ich veröffentlichte damals noch nicht. Dass eine doch vielleicht nicht so begnadete Lyrikerin durch das barbusige Lesen mehr Aufmerksamkeit haben wollte und bekam, natürlich in einem männlich besetzen Raum, war die wohlfeile Auffassung im Literaturbetrieb. Das steht außer Frage.

AMES: Wir sind jetzt im wichtigsten Teil [des Interviews], der Ihre eigene Auftrittspraxis betrifft. Sie haben mir diese Frage auch in den Mund gelegt, beinah […] Sie haben es ja vorhin schon mit dieser ´Schicht´, die zwischen Ihnen und der Welt war … Welche weiteren Wechsel oder einschneidende Zäsuren gab es denn im Hinblick auf die Auftrittspraxis?

KRECHEL: Die Auftrittspraxis ist nicht so sehr von der Person selber ausgehend. Es ist eine Veränderung der Orte, das ist sehr wichtig. Zu schützen war der Körper, besonders der weibliche Körper, weil die Pole möglicherweise: Evangelisches Gemeindehaus oder eben Kneipe hießen! Dazwischen? … Ja, doch, es gab mal ein wunderschönes Open-Air-Festival in Hamburg, im Winterhuder Fährhaus, das ist dann später abgerissen worden, ein richtig großes Festival, sehr schön. Open-Air, das gab’s nur in der Musik! Aber die ´normalen´ Auftrittsorte waren in einem Zusammenhang, in dem Lyrik nicht besonders wertgeschätzt wird, deplorabel. An einem solchen Ort wird dem Auratischen der Atem genommen, die Luft abgewürgt. Ich bevorzuge Räume, die Konzentration möglich machen […] Wozu natürlich auch Licht und Ton gehören, und ein anständiges Mikrophon, und eine Akustik, die akzeptabel ist oder einen bestimmten Stellenwert hat, das spielt für einen Auftritt eine große Rolle. Wenn ich mir überlege: Was hat sich geändert? 77 kam mein erster Gedichtband heraus... Ja, ich weiß, meine Stimme ist dunkler geworden mit der Zeit, das ist wohl bei vielen Menschen so: Es scheint mir heute auch viel sinnvoller als damals, einige poetologische Erklärungen anzubringen. Sie haben vom Anekdotischen oder Biographischen gesprochen … Auf bestimmte Dinge hinzuführen, hat in einem ganz wunderbaren Maße Oskar Pastior mit seinen hochgradig komplizierten, artifiziellen Texten gekonnt. Er hatte ausgeschriebene Kommentare, Intermezzi, und die hat er immer neu geschrieben für diese oder jene Lesung. Diese Zwischentexte, die selbst-moderierenden Texte sind ein Teil seines Werkes geworden. Ein solches Vorgehen scheint mir bei einem gewissen Schwierigkeitsgrad von Lyrik fast unersetzlich.

AMES: Haben Sie solche […] getakteten Abläufe, solche sehr detaillierten Abläufe, haben Sie sich so etwas selbst zugelegt?

KRECHEL: (perplex) Natürlich!

[...]

AMES: Da ist kein Fünkchen Impro …

KRECHEL: Was meinen sie damit?

AMES: Kein Fünkchen Improvisation? Das ist alles – im besten Sinne – nach Plan?

KRECHEL: Ich muss genau wissen, ob das Gedicht 4´20 oder 4´30 lang ist. Das gibt mir ein Gefühl für die Einheit, die ich habe, und die Einheit, die ich zum Vortragen brauche. Ich weiß, dass manche Gedichte nur 20 Sekunden sind. Und dann frage ich mich natürlich: Ist es sinnvoll, fünf Gedichte von dieser minimalen Länge hintereinander zu hängen? Wenn ich das tue, muss ich den Kontext schaffen. Das ist schon sehr geplant. Improvisiert sind Gesten, Blicke. Ich will auch bei Festivals im Vorhinein wissen: Wie viel Zeit haben wir? Zeit, die ich natürlich auch zur Vorbereitung brauche.

AMES: Und in Ihren Anfangsjahren war der Improvisationscharakter, der Spontanitätscharakter …

KRECHEL: … größer, größer. Aber nicht nur der Improvisationscharakter, sondern … ich sage es noch einmal: Evangelisches Gemeindehaus und Kneipe, als eine besondere Zumutung empfand ich Barhocker. (Pause) Ins Publikum zu schauen und entsetzt zu merken: Das, was ich mir zu lesen vorgenommen habe, geht ja gar nicht. Es ist zu schwierig. Ich erinnere mich an das Gefühl: Blättere, such doch nach Texten, die weniger voraussetzen.

AMES: Ein Zusatzfrage, weil Sie Ihr 1977 erschienenes Debüt erwähnt haben, und weil mir dieser Aspekt eines Werkes noch so gegenwärtig ist aus dem Gespräch mit Franz Mon: Der sagte, er hätte sein Debüt nicht vorgestellt! Es sei dagewesen, aber es hätte keine Lesung zur Präsentation gegeben …

KRECHEL: Nein, das gab es [mit Blick auf ihr eigenes Debüt] nie!

AMES: Wie bitte? Aber das kann ich mir gar nicht vorstellen …

KRECHEL: So etwas wie eine Buchpremiere, nein, also gar nicht. Das kam irgendwann einmal ein Volkshochschuldirektor, ein Uniprofessor oder eine Buchhändlerin fragte: „Wollen Sie nicht mal bei uns lesen?“ Der Verlag war daran nicht beteiligt, vermittelte auch keine Auftritte.

AMES: Was haben Sie dann mit Ihrem Buch in der Hand gemacht? Sie werden sich ja nicht auf den Marktplatz gestellt haben …?

KRECHEL: Ich habe mich an meinem Buch erfreut. Es ist gelesen worden, meistens gut rezensiert worden, hat eine große Auflage gehabt, ist dann ein Taschenbuch geworden. Von öffentlichen Auftritten war damals, prinzipiell, gar nicht die Rede! Es war mehr oder weniger Zufälle, wie man zu einem Geburtstag eingeladen wird oder zu einem Essen unter Freunden. Sie waren weder geplant, noch konnte man sie forcieren.

AMES: Kollege Crauss macht Wohnzimmerlesungen. Geht richtig auf Tour. Er hat natürlich auch ´regelrechte´ Auftritte in Literaturhäusern. Aber das Gros dieses Jahr ist die Wohnzimmerlesetour. Muss ich mir das Lesen in den 70ern so ähnlich vorstellen?

KRECHEL: Nein, das war schon ein größeres Publikum. Aber ich hätte das abgelehnt, weil die Privatheit des intimen Raumes natürlich auch besetzt ist von den Gegenständen. Sie wären Ablenkungen, wie ich das vorhin von den beiden Polen Kneipe und Evangelisches Gemeindezentrum gesagt habe. Es gab natürlich auch Lesungen im Freien, angelehnt an das Straßentheater. Das hat das Haus für Poesie, die damalige Literaturwerkstatt, auch noch gemacht, sie hat Autoren an Straßenecken geschickt.

AMES: Ach, Sie meinen das Format poet´s corner?

KRECHEL: Ja. Jetzt sind das ja auch geschlossene Räume. Aber ich glaube, es gab die Vorstellung, oder es ist wirklich geschehen, dass Autoren den Mut haben, irgendwo anfangen, Gedichte zu lesen, und dann bleiben Leuten stehen, oder sie bleiben eben nicht stehen.

AMES: Es gab doch 2011 diese Veranstaltung im U-Bahnhof Brandenburger Tor, wo Autorinnen und Autoren …

KRECHEL: Das war etwas anderes! Das war Dichtraum Denkraum

AMES: Das hat aber doch durchaus diese Komponente von …

KRECHEL: Nein! Das …

AMES: … Halböffentlichkeit …

KRECHEL: Das war ein peripherer, aber geschlossener Raum. Es gab wirklich Laufpublikum und Leute, die zum Beispiel gezielt zu einem Autor, einer Autorin kamen. So habe ich es konzipiert.

AMES: Ich weiß, deswegen frage ich ...

KRECHEL: Das hatte eher die Vorstellung […] des nach außen gewandten Kopfes, um tatsächlich Dichterinnen und Dichtern beim Dichten zuzusehen, zuzuhören. Das haben Etliche auf sehr schöne Weise gemacht: Ulf zum Beispiel in einem Bärenkostüm. Andere haben eine Tafel mitgebracht. Andere, mit denen ich nicht zufrieden war, haben quasi Vorgefertigtes mitgebracht. Ich erinnere mich z.B. an ein lyrikbegeistertes Ehepaar, mit dem ich noch immer Kontakt habe. Die blieben einfach zwei bis drei Stunden stehen und beobachteten, was geschah. Und es gab auch eine Interaktion, natürlich. Ich möchte sogar sagen, sie haben mitgedichtet.

AMES: Wie kam es denn zu dieser Idee; wenn ich nochmal an diesen Punkt …

[...]

KRECHEL: Das hatte sicher mit einer Unzufriedenheit über die landläufige Vorstellung tun: Der Kopf des Dichters – und der Dichterin – ist ein geschlossenes System. Wenn ich den Kopf offenlege, zumindest Teile des Prozesses, wie es zu Einfällen kommt oder wie die Spontaneität der Wahrnehmung in Gedichte eingeht, schafft das eine schöne Offenheit. Da kommt zum Beispiel jemand vorbei und hat dieses oder jenes auf dem T-Shirt stehen: wie und ob sich aus diesem Wirklichkeitspartikel eine poetische Struktur festigt, wollte ich ausprobieren. Das ist auch so verstanden worden. Wir [Teilnehmenden an Dichtraum Denkraum, KA] waren im Stundentakt oder im Halbstundentakt da, manche kamen mit einem ganzen Kasten voller Requisiten, was eigentlich nicht im Sinne der [Erfinderin war] … Ich wollte einfach nur sagen, dass die Wörter, dass das Vorgefundene möglicherweise die Requisiten wären. […]

AMES: Ja, ich erinnere mich, weil Sie sagten „vorgefertigtes Material“: Ich bin tatsächlich auch etwas feige gewesen; ich hatte allerdings nur Boulekugeln dabei …

KRECHEL: Ah! Das weiß ich gar nicht mehr. Ich wusste gar nicht mehr, dass Sie dabei waren. […] Die Literaturwerkstatt hat mir geholfen, eine Liste von möglichen Teilnehmern und Teilnehmerinnen aufzustellen. Es war ein Experiment, das ich einmal machen wollte. Heute würde man meine Tätigkeit kuratieren nennen. Und das war eine Frühform, und ich bin auch nicht unzufrieden mit dem, was dabei herausgekommen ist.

AMES: Zu Recht nicht, das ist eine gute Sache gewesen.

KRECHEL: Etwas habe ich noch, bei dem Sie mich ganz und gar falsch verstanden oder falsch zitiert haben [Bezug zum Fragenkatalog]. Der Open Mike. […]

AMES: Sie haben das Publikum dafür gelobt, dass es nicht unter Niveau gelacht hat …

KRECHEL: Das haben Sie falsch in Erinnerung.

AMES: Donnerwetter …

KRECHEL: Das würde ich nie tun. Es hat in dem Jahr, als ich Jurorin war, eine so gute, so intensive Atmosphäre im Raum gegeben. Ich komme vom Theater, man riecht ja das große Publikum; man merkt, ob es beteiligt ist – das hat eine so enorme Wirkung. Ich weiß gar nicht mehr, wem die Jury den Preis gegeben hat, ob mir das gefallen hat. Das habe ich vollkommen vergessen … Aber ich habe nicht vergessen, dass der Raum vor Energie vibrierte. Und es gefiel mir ganz außerordentlich, dass es so ein intensives und um Verständnis bemühtes, und auch verständiges Publikum war. Als wir dann in der Jury berieten, kam ich auf die Idee: Es müsste eine lobende Erwähnung oder eigentlich einen Sonderpreis für genau dieses Publikum geben! An Lachen kann ich mich gar nicht mehr erinnern, sondern nur an die adäquat enorm aufmerksame Rezeption. […] Es gibt ein unmittelbares Empfinden dafür: Wie war das Publikum? Schauspieler wissen das ja viel besser. Die können machen, was sie wollen oder genau das, was sie gestern und vorgestern gemacht haben, und irgendwie funktioniert es an diesem Abend nicht … Ich habe kürzlich in der Mainzer Akademie gelesen. Dort sind vorwiegend Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen. Die reagieren gar nicht.

AMES: (scherzend) Darf der Wissenschaftler gar nicht!

KRECHEL: Eben!

AMES (lacht)

KRECHEL: Die Art von Spontaneität, mit der jedes Konzertpublikum reagiert ... , man merkt, wenn viel geräuspert oder gehustet wird, und auf der anderen Seite dieses kopfgesteuerte Reaktionsverbot, als wäre es ein Habilitationsvortrag, bei dem man ja auch nicht die Miene verziehen kann. Es waren vielleicht 200, 300 Leute … Nachher beim informellen Teil haben die Akademiemitglieder sehr viel gesagt, das war durchaus schön. Aber ich habe während des Lesens nichts gespürt. Als wäre aus dem Sender-Empfänger-System der Strom raus, als wäre der Stecker herausgezogen.

AMES: Haben Sie das in irgendeiner Weise kommentiert? Sie hätten ja sagen können: „Wenn Ihnen nach Lachen ist, dann lachen sie ruhig.“

KRECHEL: Aber das kann ich ja nicht bei einem Romanabschnitt, der vierzig Minuten dauert.

AMES: Ich möchte an dieser Stelle übergehen zur Frage nach Überleitungen, Zwischenmoderationen. Finden Sie: Sowas sollte nicht sein, weil alles, was nicht im Text steht hinzugefügt werden muss; oder aber: es ist eine willkommene Auflockerung?

 

***Ende 2. Teil

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