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Wir reden über Literatur
Interview

Widerstand gegen den Lauf der Zeit (2006)

Der Herrgott ist in gewissen Teilen der Bibel ein "jüdischer Schriftsteller"

Gespräch mit Oleg Jurjew. Nowoje literaturnoje obosrenije / Neue Literaturrundschau (Moskau), Nr. 66, 2004

Das Gespräch führte VALERY SCHUBINSKY

(Gekürzte Fassung)

Frage: In den 80er Jahren begannst Du – in Russland – als Lyriker und Dramatiker. Die Prosa nahm in diesen Jahren eine verhältnismäßig untergeordnete Stellung in deinem Schaffen ein, und das waren (vielleicht habe ich Unrecht) Beispiele für gerade die „Lyrikerprosa“ – ein besonderes Genre mit einer großen Geschichte in der russischen Literatur. Nach Deinem Umzug nach Deutschland im Jahre 1991 publiziertest Du zwei Erzählbände und danach zwei Romane. Zur Zeit nehmen Dich viele in erster Linie als Prosaiker wahr. Womit hängt zusammen, dass Du Dein literarisches Repertoire gewechselt oder vielmehr erweitert hast (denn Gedichte schreibst Du, wie ich weiß, noch immer) – mit dem Alter, mit dem Ortswechsel, mit der Veränderung der literarischen Situation?

OJ Ich denke, zur Prosa bin ich infolge meines damaligen Verfahrens, Gedichte zu schreiben, gekommen, das auf „Destillation“ basierte (d.h. auf Entfernung aller Dinge, die mit der unverbesserlichen „schlechten Realität“ des Sowjetlebens infiziert waren, aus dem schaffenden Bewusstsein). Ich behielt immer viel unbenutztes Sprach- und Lebensmaterial zurück. Zuerst, in der Mitte der 80er Jahre, begann es, zu Theaterstücken geformt zu werden, dann, wenig später, zu Prosa. Aber allgemein gesprochen denke ich, dass das Resultat eines kleinen Gedichts gleich dem Resultat eines großen Romans ist (wenn sowohl das eine als auch das andere gelungen ist, versteht sich) – und dieses Resultat ist: die Stille, die aus dem Text aufsteigt. Eine Stille, in der es keine Zeit gibt. In deiner Jugend schreibst du dieses Gedicht und gehst einen drauf machen, später fängst du an, dich an der Illusion zu erfreuen, dass du ein werktätiger Mensch seiest, der vor dem Schreibtisch sitzt und arbeitet.

Frage: Als ich die ersten Seiten des „Neuen Golems“ gelesen hatte, schien mir, dass Du Deinen Stil radikal geändert hast: So wenig ähnelte es sowohl dem metaphorischen Stil Deiner Erzählungen als auch der „langsamen“, ornamentalen Umgangssprache der Helden Deines ersten Romans.

OJ:  Eine gewisse Besonderheit meiner Autorenpsyche, die wahrscheinlich die Gewöhnung an mich als Autor erschwert, liegt darin, dass ich eigentlich jedes Mal nicht bloß ein anderes Buch schreibe, sondern gleichsam eine andere Literatur, die nach Gesetzen existiert, die sich etwas (oder sogar wesentlich) von der Gesetzgebung der vorigen Bücher unterscheiden. Deswegen kann, wer mich unter dem Eindruck eines Buches lieb gewonnen hat, leicht unter dem Eindruck des nächsten Buches in seiner Liebe enttäuscht werden. Das ist traurig, aber dagegen kann man nichts machen. Auch mit den Theaterstücken war es das gleiche – jedes war nicht so sehr ein anderes Stück wie eine etwas andere Dramatik, und in der Prosa wurde diese Eigenschaft sogar stärker. Wenn man hier die Gedichte hinzufügt, ergibt sich auch auf der nächsten Ebene ein ziemlich uneinheitliches Bild: Es gibt Menschen, die meine Gedichte lieben und absolut gleichgültig gegenüber meinen Theaterstücken und meiner Prosa sind, Liebhaber der Theaterstücke können zu den Gedichten mit den Schultern zucken. Und so weiter, in allen möglichen Kombinationen. Die mir eigene gewisse harmlose Giftigkeit gegen mich selbst wendend könnte ich sagen, dass ich im Grunde sogar kein Schriftsteller, sondern die Nationalliteratur irgendeines sehr kleinen Landes sei. So eines wie Liechtenstein.

FrageWie würdest Du das Genre des Romans bezogen auf die gegenwärtige Situation der Literatur definieren? Schließlich entstand dieses Genre, könnte man sagen, „unter der Treppe“, in der Literatur „für’s Volk“. Und stieg später ins Wohnzimmer auf, zu den gebildeten Herrschaften. Was geschieht jetzt mit ihm? Ist er vielleicht wohlauf in sein schmutziges Kellergewölbe zurückgekehrt, während im Wohnzimmer Geister hocken, die ihn ersetzen – zum Beispiel das ausgebreitete „Prosagedicht“, um deine eigene Metapher zu benutzen?

OJ: Es fällt mir schwer, ernsthaft den Roman als Genre zu diskutieren. Heutzutage wird jedes in Prosa geschriebene Buch ab 150 Seiten Umfang Roman genannt, und das völlig zurecht. Zurecht, weil das Wort fast nichts mehr bedeutet, außer dem Umfang und einem gewissen allgemeinen Zusammenhang des in diesem Umfang Angebotenen. Ein Roman, das ist ein Text, der deutlich größer als eine Erzählung und zusammenhängender als ein Erzählband ist. Mit dem klassischen europäischen Roman des 18. und 19. Jahrhunderts, dem Archetyp aller nachfolgenden „Romanheit“, hat der moderne Kunstroman sehr wenig gemein, anders als sein Vetter, der Unterhaltungsroman, der gänzlich darauf aufbaut. Im „Neuen Golem“ ist aus meiner Sicht nicht mehr vom „Roman“, als in der „Halbinsel Judatin“, und mehr von der „Prosa“ im oben beschriebenen Sinne, was in erster Linie durch den für mich neuen Phrasenrhythmus bestimmt wird (den auch Du bemerkt hast). Wenn dieser Rhythmus, im Rahmen eines Gedankenexperiments, dem Text genommen wird, so wird sich herausstellen, dass alles andere mehr oder weniger mit dem vereinbar ist, was ich früher geschrieben habe.
Die Idee der Wanderung der niedrigen Genres nach oben aber ist zweifellos eine wunderbare Idee, und höchstwahrscheinlich funktioniert sie hervorragend bei der Beschreibung der Literaturprozesse des 18. oder 19. Jahrhunderts, d.h. vor dem Erreichen einer fast vollständigen Alphabetisierung der Bevölkerung und dem Entstehen von Massenmedien in Europa. Für das 20. Jahrhundert funktioniert dieser wunderbare Gedanke, scheint mir, entweder gar nicht oder mit jedem neuen Jahrzehnt immer schlechter und schlechter. Aus vielen Gründen, zumindest wegen des Entstehens eines solchen Grades soziokultureller Einheitlichkeit, dass man überhaupt nicht von „volkstümlicher“ oder „unvolkstümlicher“ Kultur sprechen kann.

Frage:  Das jüdische Thema ist für Dich eines der wichtigsten. Im Massenbewusstsein in Russland wird das Judentum mit der Intelligentsija und ihren Werten assoziiert, und natürlich mit der Hinwendung zum Westen hin, und wird in diesem Sinne den „Blut und Boden“-Bewegungen und dem Traditionalismus gegenübergestellt. Du strebst in Deinen Romanen (wie mir scheint) danach, diese Verbindung zu lösen. In „Judatin“ durch die Darstellung „ganz anderer Juden“, die dabei volkstümlichste russische Leute sind, im „Neuen Golem“ durch die Beschreibung einer den Juden und den Russen gemeinsamen Mentalität, die der „europäischen“ gegenübergestellt wird.

OJ:  Darauf antworte ich sofort, direkt und bestimmt: Ich denke nicht thematisch. Ich hoffe, dass ich in meinen Werken in Bildern denke, was ja auch meine Aufgabe ist. Eine andere Geschichte ist, dass durch meine Herkunft, durch meine Biographie, durch meine unter anderem auch außerliterarischen Interessen mir im Überfluss „jüdisches Baumaterial“ bereitgestellt wurde. Ihm auszuweichen hätte (seinerzeit) bedeutet, bewusst dem auszuweichen, was dir durch die Umstände ursprünglich gegeben ist, und dabei aus Gründen, die nur niedrig und beschämend hätten sein können. Ehrlich gesagt hatte ich, als ich 1984 die ersten beiden Stücke geschrieben hatte, „Miriam“ und „Kleiner Pogrom im Bahnhofsbuffet“, gar keine Ahnung, wo mich das hinführen würde, nämlich in die Rolle eines „jüdischen Schriftstellers“.
Das ist alles eine Frage der Definitionen. Es hängt davon ab, wie der Begriff „jüdischer Schriftsteller“ definiert ist. Wenn das ein Autor ist, der in seinen Werken vorwiegend jüdische Charaktere und Geschichten aus deren Leben benutzt, dann ist auch der Herrgott in gewissen Teilen der Bibel ein „jüdischer Schriftsteller“. Dann bin ich einverstanden. Wenn wir dagegen nach der Sprache der Niederschrift bestimmt werden, dann schreibe ich auf Russisch. Obwohl ich nicht vor Gericht ziehen würde, um mir den Status eines „russischen Schriftstellers“ bestätigen zu lassen. Ich bin ein unaufdringlicher Mensch. Letztendlich haben alle ihre eigenen Definitionen.
Bezüglich meiner Romane hast Du das sehr scharfsinnig bemerkt, und mir gefällt das, was Du gesagt hast. Nur strebe ich das nie absichtlich an. Das bedeutet nur, dass die Koordinaten meiner Vorstellungen hinreichend deutlich hervorgetreten sind und das Publikum sozusagen eine Alternative zum gewöhnlichen Zugang hat. Das ist schon sehr viel wert. Aber um mich zu wiederholen: Absichtlich bemühe ich mich nicht darum. Meine Aufgabe ist, alles, was ich vorliegen habe, zu einem funktionierenden Bild der Welt zu machen. Über das, was herauskommt, staune ich danach manchmal auch selbst.
 

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