Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Interview

Ritual. Artikulation. Aktion. Die Dichterlesung seit den 1950 er Jahren. [2]

Fragen an Walter Fabian Schmid von Konstantin Ames

1. Die Schriftstellerinnen Felicitas Hoppe und Kathrin Lange-Müller haben sich, angesprochen auf ihre Jury-Erfahrung beim Nachwuchswettbewerb „Open Mike“ (unabhängig voneinander und zu verschiedenen Zeiten) mit Blick auf die Performances von der Professionalität der Teilnehmenden irritiert gezeigt. Beim den TddL, um d e n medialisierten Literaturwettbewerb im dt. Sprachraum zu nennen, gilt die ungeschriebene Regel (Ausnahmen: Nora Gomringer, zuvor Michael Lentz), dass ein wirksamer Vortrag (registrierbar anhand von Applaus, Lachen oder ähnlichen Beifallsbekundungen des Publikums) dem Verdacht der Effekthascherei ausgesetzt wird.

 Sich beim „open mike“ über die Professionalität von jungen Menschen zu beschweren, welche ja gerade deswegen dort antreten, um ihre Professionalität zu beweisen oder diese von den anwesenden Gatekeepern legitimiert zu bekommen, verstehe ich nicht wirklich. Ich kann aber die Unterscheidung zwischen „open mike“ und TddL sehr gut verstehen. Aus performativer Sicht reden wir hier eigentlich vom Unterschied Theater vs. Film. Beim „open mike“ hast Du eine grosse Bühne und einen tiefen Zuschauerraum, bei den TddL eine Kamera mit grösstenteils Nahaufnahmen (auch wenn Publikum im diesem kleinen Studio sitzt, reden wir mehrheitlich von einer TV-Rezeption). Die grossen Gesten des Theaters (das meint hier auch Sprachgesten, Lautstärke und -modulation, Körpereinsatz sowie strenges Timing der Sprecheinsätze und Pausen) wirken im Fernsehen lächerlich, übertrieben, eben „gespielt“. Und ich würde den Autoren jetzt unterstellen, dass sie auf der Bühne erfahrener sind als vor der Kamera. Das wäre dann ein Mangel an Professionalität – ist das nicht erfreulich?!

 1.1   Schmälert es nach Deinem Dafürhalten den Blick, und zieht ihn von der Textsubstanz ab, wenn bei Lyrikwettbewerben verstärkt auf die Performance der Wettbewerber (w/m/*)? Würde das die Schrift zur bloßen Partitur degradieren, entheiligen?

Nein überhaupt nicht. Die Frage ist ja auch: Wird das Schriftliche durch einen Vortrag inszeniert oder ist es nicht schon vertextlicht Gesprochenes. Das ist eine ganz andere Voraussetzung, schon bei der Textgenese. Wir müssen also noch einen Schritt zurück. Nicht nur der Vortrag der Texte, sondern auch wie diese Texte entstanden sind, ist entscheidend! Meine eigene Matrix sähe arg vereinfacht etwa so aus:

1) Dieser Begriff wird hier breiter gefasst als in der Sprechakttheorie. Einfach Gesprochenes und Aufgeschnapptes, Mundart.
2)  Bereits durch die Verschriftlichung findet eine Interpretation statt. Gerade wenn man mit Dialekten arbeitet, kommt es auch zu semantischen Verschiebungen. Über Semantik wäre ohnehin noch zu reden!
3) Ein nackter Gedanke bleibt auch auf dem Papier eine Totgeburt, wenn ich ihn nicht in einen Körper versetze. Da ich keine Personen habe wie in der Erzählung, muss ich auch ins Gedicht verschiedene Stimmen und Sprechhaltungen hineinlegen, damit der Gedanke lebendig wird.
4) Den Unterschied zwischen einer Inszenierung und einer Rezitation ziehe ich in der Interaktion, also dem, was live in einem Raum zwischen den Anwesenden passiert. Eine Rezitation ist ausschliesslich Performanz, ein Vortrag unter Einsatz von Stimmtechniken. Sowohl Inszenierung als auch Rezitation ist eine Interpretation, klar. Und im Optimalfall wird eine solche für das jeweilige Publikum, den Ort und den Raum neu ausgelegt

Das ist bei der Vorbereitung auf einen Vortrag immer wieder ein spannender Kampf. Will man die eingeschriebene Sprechhaltung noch mehr betonen, sie ironisieren, verzerren oder in einen Dialekt übersetzen? Da hilft dann oft der Inhalt/die Semantik weiter. Kurzum: Der Vortrag ist eine eigene Kunstform und gehört auch eigens bewertet. Wir haben uns zu sehr daran gewöhnt, dass nur das, was Schwarz auf Weiss gedruckt steht, etwas gilt.

Und damit zur zweiten Frage: Die Textgestaltung gehört ebenso eigens bewertet. Sie erfordert dieselbe Professionalität wie der Vortrag. Verschiedene Schrifttypen transportieren unterschiedliche Semantiken und die Buchstabenanatomie beeinflusst die Leseerfahrung. Ich selbst setze oft verschiedene Schrifttypen ein, um dem Text seine verschiedenen Stimmen zuzuordnen. Aber bei Wettbewerben sind bisher weder die Ordnungsfunktion noch verschiedene Semantiken wahrgenommen worden. Ein ziemlich unterbelichteter Juror auf diesem Gebiet meinte sogar, sein Drucker sei defekt. Dafür braucht es noch wesentlich mehr Sensibilität! Was den meisten Leuten ins Auge fällt, ist lediglich Makrotypograhie, also die Textanordnung im Layout. Auch sie spielt eine entscheidende Rolle für die kognitive Verarbeitung. Vor allem in Hinsicht auf die Simultanität wurden hier immer wieder neue Versuche gemacht, mit Spalten, Tabellen, Fussnoten etc. All diese Dinge funktionieren unabhängig vom Vortrag, weil der Vollzug der lautlichen Gestaltung dann wiederum ein anderes Medium ist. Was einem Sänger seine Vokalisen sind eben dem Designer seine Raster …

Was ich vorschlagen würde, wären mehrere Notenschlüssel wie beim Turnen, wo es eine Note für die „Schwierigkeit“ und eine Note für die „Ausführung“ gibt. Nur gibt es allein schon mindestens zwei „Ausführungen“: Textgestaltung und Vortrag. Statt „Schwierigkeit“ wie beim Turnen wäre freilich eher die inhaltliche Bearbeitung/thematische Verarbeitung und der Innovationsgrad zu bewerten (falls ein Preis überhaupt das Ziel verfolgt, die Literatur vorwärts zu bringen). Dann nähern wir uns langsam einer Bewertung der Dichtkunst inklusive ihrer Darstellungsformen, weil sie ohne eine Darstellungsform gar nicht existent wäre, zumindest nicht intersubjektiv erfahrbar.

1.2 ›Lyrik‹ und ›Poesie‹ werden in akademischen und außerakademischen Kontexten (Feuilleton z.B.) fast durchgängig synonym gebraucht; auch von Dir?

Nö. Im Laufe der Zeit ist der Begriff Poesie ja leider so verengt worden. Zudem wird er auch völlig fremd in nichtliterarischen Bereichen verwendet. Poesie hat längst seine Bedeutung verloren. Eigentlich ein gutes Beispiel dafür, wie Sprache Realitäten schafft. Wenn nicht klar ist, was das überhaupt sein soll, ist ja klar, dass man nichts damit anfangen kann. Noch dazu ist das Adjektiv voll peinlich. Auch der jüngere Begriff Belletristik (der sich ja nur auf die Schrift bezieht und zusätzlich noch einmal vom Buchhandel verengt für Erzählliteratur verwendet wird) ist mir zu blumig.

1.3 Wen würdest Du (für Dich) als vorbildliche Vortragskünstlerin (m/w/*) ihrer oder seiner Poesie/Lyrik bezeichnen?

Die Frage lasse ich lieber unbeantwortet. Ich möchte keine Charts erstellen.

1.4 Am Leipziger Literaturinstitut wird seit einigen Semestern ein Kurs in „Rhetorik/Vortragskunst“ angeboten. Diesen Kurs haben eine Sprecherzieherin und eine Autorin angeboten. Gehört das zum Handwerkszeug bzw. Mundwerkszeug der Dichterin (m/w/*) dazu? Ich bitte Dich, Deine Einschätzung zu begründen.

Unbedingt! Dafür habe ich schon zu viele Vorträge – auch von Studenten aus Leipzig erlebt – die ihre Gedichte einfach nur Zerlesen haben. Ich gehe aber auch mit anderen Erwartungen auf eine „Lesung“, was ich sehr selten tue, weil mich klassische Lesungen höchst langweilen und ich nach 5 Minuten abschalte. Aufgrund meiner miserablen Konzentration brauche ich ständig Abwechslung – Stimmvarianten, modulierte Tonlagen und Lautstärken. Da lese ich viel lieber und nehme mir Zeit zur Reflexion als mich angestrengt aufs Flüchtige konzentrieren zu müssen und mir dann doch nichts merken zu können. Aufnahmen dagegen sind super! Nur leider sind dafür die Produktionsbedingungen beschissen. Gibt ja quasi keine Infrastruktur wie Verlage dafür und wenn du es selbst machst, kannst du auch gleich all deine Verwertungsrechte in die weite Welt hinausjodeln.

1.5 Verfügst Du selbst über eine professionelle sprecherische Ausbildung?

Naja. Da gabs mal ein Blockseminar „Sprecherziehung“ für Journalisten und PR-Leute an der Uni, aber auch das „Einführungsseminar in die Sprachwissenschaft“ war gut. Dort lernt man ja die Grundlagen der Phonetik, der Lautartikulation auch aus praktischer und anatomischer Sicht. Eigentlich kriegt man mit einem soliden Germanistikstudium schon viel Mundwerkszeug an die Hand.

Zugute kommt mir sicher, dass ich seit meinem achten Lebensjahr auf der Bühne stand. Ballett, Chor, Schülertheater. Für meine Mutter waren auch Vorlesewettbewerbe ganz wichtig. Nach der Schule gings dann an ein semi-professionelles Kindertheater. Da hatten wir gute Sprechtrainer und ich konnte viel mitnehmen bezüglich Sprechhaltungen, Dialekte, Stimmmodulation und Phrasierung. Was mir aber am meisten geholfen hat, ist meine Herkunft. Bloss nicht mit Bayern und dem Bayerischen Wald in Verbindung gebracht werden! Wär nur noch das Appenzeller Deutsch meines Vaters schlimmer gewesen. Deswegen hab ich mich seit meiner Jugend auch aus politischen Gründen stark für Aussprache und Sprechtechnik interessiert.

1.6 Welche Assoziationen lösen die Begriffe ›Dichter‹ und ›Dichterlesung‹ bei Dir aus? In urbanen Szenen zirkuliert der Begriff ›Lyriklesung‹ oder ›Lyrikperformance‹. Hältst Du das für die überzeugendere Alternative?

Spontane Assoziation für eine „Dichterlesung“: Martin Walser. Als Student war ich mal auf einer Veranstaltung von ihm und fühlte mich wie im Zuschauerraum von Thomas Manns „Wunderkind“. Keinem zu wünschen, inmitten so einer Anbetung zu sitzen.

Ich glaub, mit dem Begriff Dichter werden mittlerweile nur noch tote Schriftsteller in Verbindung gebracht. Die meisten Leute wissen doch gar nicht, dass es so etwas wie Lyriker oder Dichter noch gibt. Und wenn, dann ist damit eher ein verehrter Schriftsteller höheren Alters gemeint. Die Dichterlesung wäre dann so eine Art mystische Zeremonie.

Den Begriff Lyriklesung finde ich an und für sich gut. Er beinhaltet nämlich nicht, dass der/die Vortragende eigene Gedichte präsentiert. Rezitationen von nichteigenen Gedichten kommen einfach viel zu kurz. Gerade hier tut sich ein riesiges Interpretationsspielfeld auf!

Eigentlich halte ich den Begriff Lesung aber falsch. Er proklamiert die Hegemonie des Schriftlichen. Lesen tut man ja ganz unmetaphorisch ausschliesslich Schrift.

„Performance“ fand ich schon immer etwas dumm. Was soll es denn sonst sein, ausser performativ, wenn jemand Gedichte vorträgt?

Ich persönlich finde den Begriff Präsentation nicht so verkehrt. Jemand präsentiert seine oder andere Gedichte. Wie der- oder diejenige das macht – verfilmt, vertont, gedruckt, gemalt oder klassisch vorgetragen – bleibt völlig nebensächlich und somit gleichrangig. Ein neutraler, unaufgeregter Begriff. Auch wenn ich selbst eher von Vortrag spreche, weil ich meist die stimmliche Präsentation meine. Nur wenn ich lustig sein will, sag ich Vorsingen. Haha, Akademikerwitz.

1.7 Welche Rolle spielt für Dich Körperlichkeit im Schreiben, und im Vortrag des Geschriebenen: Gibt es einen Unterschied – abgesehen vom biologischen Geschlecht – zwischen einer ›Dichterinnenlesung‹ und einer ›Dichterlesung‹? Lehnst Du die Aufzeichnung einer lyrischen/poetischen Darbietung zur audiovisiuellen Wiedergabe ab?

Im Schreiben spielt der Körper gar keine Rolle. Im besten Fall bedeutet Schreiben die Überwindung des Körperlichen. Flow. Organischer Stillstand. Transzendenz. Spätestens wenn man aufs Klo muss, wird man aber daran erinnert, dass man in einem ekelhaften, zerfallenden Organismus steckt. Und im Vortrag ist man auf den dann angewiesen! Ich glaube, da geht es allen Geschlechtern gleich. Warum ich als Rezipient lieber Dichterinnenvorträge mag, ist mir nicht wert zu hinterfragen. Rein subjektiv. Vielleicht tun sich Frauen leichter, eine intimere Atmosphäre zu schaffen und somit mehr Intensität herzustellen.

Gegen Aufzeichnungen hab ich nichts. Einfach vorher fragen. Wenn ich nicht gerade Texte ausprobieren will, bereite ich jeden Vortrag ohnehin mit Tonaufnahmen vor. 10 Minuten Vortrag kosten leicht 5 Stunden Vorbereitung. Die lohnt sich dann wenigstens, wenn das jemand aufzeichnen will. Und würde ich die Gedichte nicht so veröffentlichen wollen (und ein Vortrag ist eine Veröffentlichung!), würde ich sie sowieso anders vortragen. Eine andere Frage ist, ob und wo die Aufnahme verbreitet wird …

1.8 Du erlebst und beobachtest die dt.-sprachige Poesieszene seit mehr als zwei Jahrzehnten als kritischer Akteur. Von welchen Paradigmenwechseln kannst Du berichten? Diese Frage zielt auf mediale Umbrüche ebenso wie auf Aspekte des Habitus von Dichterinnen (m/w/*). Hast Du Unterschiede zwischen poetischen/lyrischen Lesungen in Deutschland und der Schweiz bemerkt?

Darüber kann ich echt nicht viel sagen. Ich bin gerade mal 11 Jahre im Lyrikzirkus und abseits der Epizentren. Wie bereits gesagt, kann ich mit Lesungen nicht so viel anfangen. Ausser ich hab sie moderiert oder veranstaltet, was aber eine ganz andere Rolle ist denn als Zuhörer.

Als passiver Zuhörer bin ich eher selten anzutreffen. Deswegen wäre es fatal, wenn ich hier einen Längsschnitt machen würde. Was ich mach, sind eher Stichproben. In der Schweiz war ich in den letzten 6 Jahren tatsächlich nur auf 3 Lesungen.

2. Die Literaturwissenschaftlerin und Performerin Swantje Lichtenstein insistiert auf der „Kommentarbedürftigkeit“ (Metonymie, hg. v. N. Lange, 2014) von moderner Poesie. Sie sieht darin durchaus ein Definiens von Dichtung, die im Kontext der historischen Avantgarden entstanden ist.

2.1 Empfindest Du selbstkommentierende, mit Anekdoten geschmückte Hinführungen zu poetischen Darbietungen (Lesung, Wettbewerb) als hilfreich (z.B. auflockernd) oder als störend (z.B. manieriert, anbiedernd)?

Jegliche Abwechslung innerhalb einer Lesung ist willkommen (siehe mein Problem mit der Langeweile und Konzentration)! Daraus nehm ich mehr mit als aus den Gedichten, die eh nur an mir vorbeirauschen. Dann fühle ich mich auch in den Vortrag involviert. Ich mag das Dialogische. Für mich gehört das zur Inszenierung. Und eine solche ist eben mehr als reine Performanz (siehe auch meine Matrix oben). Bei der Inszenierung spielt auch die Interaktion eine Rolle, weil man sich Gedanken macht zur Beziehung mit dem Zuhörer. Was passiert durch die Darstellungs- oder eben Darlegungsweise zwischen den Anwesenden in einem Raum? Ins Gesamtpaket gehört auch der Kontext und „Paratext“. Als Zuhörer finde ich das sehr wichtig. Darüber hinaus: Ey, ich bin gelernter Literaturvermittler, natürlich bin ich dafür!

Ehrlich gesagt, weiss ich gerade auch nicht, wo dieses Verbot – oft fälschlich zugespitzt auf „die Dichtung braucht keine Didaktik“ – eigentlich herkommt. Kling? Benn? Autoren, die das vehement für sich in Anspruch nehmen, unterstelle ich eine Art Taktieren. Entweder sind die Gedichte so verklausuliert oder konzeptlos und/oder inhaltsleer, dass sie gar nichts Schlaues dazu sagen können – und solche Autoren habe ich leider auch als Moderator erlebt – oder er/sie will einen auf Genie machen, sich zumindest stilisieren, und die „Aura“ nicht durchbrechen. Also recht elitär. Ich halts da eher mit Brecht und habs ganz gern, die vierte Wand einzureissen.

2.2 Welche Gefahr stufst Du als die größere ein: Die theoretische Hypertrophie von Poesie/Lyrik (moniert von Thomas Kunst, ridikülisiert von Norbert Lange) oder eine „Poesieverdrossenheit“, die sich infolge des Umstands einstellen könnte, dass Poesie zum Lifestyle-Accessoir verkommt, zum Konsumgut für eingeweihte Kreise?

Ersteres. Hypertrophie durch das übermässig mittelmässige Vortragsangebot. Gedruckt wird ja auch nicht jeder Depp; also warum findet bei Veranstaltern nicht eine strengere Selektion nach Vortragsqualitäten statt? Einen grossen Beitrag dazu leistet der Poetry Slam. Auch wenn dort die Vortragsqualität stimmt, aber meist sind das ja Quatsch-Comedy-Clubs, die von den Leuten missverstanden werden als Lyrik. Leider setzt da keine Verdrossenheit ein.

Zweiteres sehe ich anders. Ich würde Gedichte nicht als Lifestyle-Accessoire, sondern als Luxusgut bezeichnen. Zumindest in Form von Büchern. Die Begehrlichkeit des Physischen nimmt ja mit dem digitalen Konsum eher zu. Eine Sehnsucht nach Verbindlichkeit, Beständigkeit, Wert. Dieser biedere Konservatismus zieht sich ja bereits quer durch die Gesellschaft.

Gedichtbände allerdings sind noch immer viel zu billig, um als Luxusgut zu funktionieren. Und welche Leser würde man sich damit erkaufen? Rolex, Lamborghini, Bücher? Nogo.

2.3 Autorinnen und Autoren von Poesie werden mit allerlei Forderungen konfrontiert bzw. in Autor*innenpoetiken werden normative Standards eingefordert. Was erwartest Du als Dichter vom Publikum?

Eigentlich erwarte ich nur eines: Neugierde! Da die meisten Lyrikveranstaltungen in Fachkreisen stattfinden, sitzt man oft vor ziemlich abgestumpften Zuschauern, die nicht mehr unkritisch geniessen können. Alles Wissen, alle Erfahrung hat die Neugierde getötet. Allerdings ist der Glaube, schon alles zu kennen, die Ursache für Kanonisierung, Schubladisierung etc. Wer sich dagegen eine naive Neugierde bewahren kann, hat eine offene Aufnahmehaltung. Das ist verdammt viel!

Ich selbst gehe ja auch nur noch zu Lesungen, wenn das gegeben ist. Und das ist nicht allzu oft. Da bin ich selbst das beste Negativbeispiel. Also mit was für einem Recht soll ich hier Forderungen aufstellen?

2.4 Es gibt derzeit nur einen (einzigen) Preis für „komische Lyrik“. Bleiben Möglichkeiten der Popularisierung von Poesie (Reim, Dialekt) in Deutschland ungenutzt? Gibt es nach Deinem Dafürhalten Fortschritte seit Christian Morgenstern?

Der Versuch Lyrik zu popularisieren macht wenig Sinn. Für anspruchsvolle Literatur interessieren sich verständlicherweise nur wenig Menschen. Wissenschaftsbücher, komplexe (Nicht)Erzählungen und Lyrik sind halt einfach anstrengend. Selbst wenn Lyrik auf einmal einfacher und zugänglicher wäre, würde es sehr lange dauern, bis sich die Wahrnehmung gewandelt hat. Das würde vielleicht sogar eine neue Regelpoetik fordern, nach der man sich die nächsten Generationen zu richten hätte. Uncool.

Ich glaube, der Preis für dieses Ziel ist schlichtweg zu hoch und am Ende hat man sich nichts erkauft. Da zahlt man doppelt drauf. Damit schenkt man die Lyrik her. Ich sehe nämlich in dem Versuch der Popularisierung eher die Gefahr einer Auflösung als die Rückbesinnung zu Formen wie den Reim.

3. Benn dekretierte in Probleme der Lyrik: „Das moderne Gedicht geht gelesen eher ein.“

3.1 Mirko Bonné rät im Nachwort zum Jahrbuch der Lyrik 2019 die gründliche Auseinandersetzung mit (bühnen)präsentischen Formen der Poesie an, v.a. mit ›Poetry Slam‹. Teilst Du diese Ansicht? Ist das tatsächlich ein Pensum für die kommende Dekade?

Ja, absolut. Auch wenn ich dafür sicher nicht zu Poetry Slams raten würde. Sonst kommt man noch auf die Idee, sich poetologisch daran zu orientieren. Das ist ja, jetzt mal ganz wertungsfrei gesagt, eher pointenreiches Storytelling. Der Grundfehler am Poetry Slam liegt aber im Wettbewerbs- und Bewertungsmodus. Ziel ist es, das Publikum mit allen eingesetzten Mitteln auf seine Seite zu ziehen. Kunst als Mittel zum Zweck. Dieser Diskurs wird ja ständig geführt, sobald sich Gedichte hinter eine Politik stellen. Dort finde ich es aber vergleichsweise harmlos. Im Zentrum soll dort ja die Message stehen. Zweifelhafte Inhalte kann man schon mal in Gedichtform packen. Aber hey, Poetry Slam prostituiert von Grund auf unsere poetischen Mittel!

Die interessantesten Vortragskonzepte waren eh vor der Zeit des Buchdrucks. Logisch, da kommt die Lyrik ja her. Nur weil Poesie nicht für jedermann überdauernd festgehalten werden konnte, waren Schallformen wie Reim und Metrik oder bestimmte Verslängen nötig, damit man sie sich leichter merken kann und sie sich trotzdem durch viele Münder verbreitet.

Daraus stell ich jetzt mal die Hypothese auf, dass der Wille zur Vervielfältigung und der Wille etwas hinterlassen zu wollen, was sich im subjektiven und noch besser im kollektiven Gedächtnis festsetzt, die poetischen Mittel entscheidend geprägt hat. Dann stellt sich aber die Frage, ob rhetorische Mittel nicht von Haus aus Eindrucksschinderei sind. Dann hätte der Poetry Slam am Ende recht.

Egal. Der Buchdruck hat uns ja davon befreit. Trotzdem fände ich es schön, öfter zu sehen, dass sich der Vortrag auch in der Gedichtform niederschlägt. Und damit meine ich nicht, Gedichte auf den Vortrag hin zu schreiben. Ich meine hier in erster Linie die entgegengesetzte Richtung. Nur: Selbst wenn ich anderen Lyrikern sage, dass ich viele Texte aus dem Vortrag heraus entwickle, schauen die mich an wie vom Mars. Dabei ist es das der ursprüngliche Weg der Poesie. Wenn man sich doch nur ein bisschen von dieser Schrifthegemonie lösen könnte!

3.2 Welchem der der lyrikhautpstädtischen Szene-Slogans – verbunden mit der Bitte, dies zu begründen – könnest Du eher beipflichten:

a) „Poesie als Lebensform“ b) „poetisiert euch!“ c) „Dichtung für Freunde der Popmusik“?

Ich hab zwar keine Ahnung, wo diese Lyrikhauptstadt liegen soll, für mich hört sich das alles recht Berlinerisch an, aber egal. Also:

Bei a) Frage ich mich, was Poesie dann für eine Lebensform wäre. Eine Flechte vielleicht?

Bei b) reagiere ich recht infantil. Wenn mir jemand sagt, was ich zu tun und lassen habe, sag ich erst mal: Fuck you, ich muss erst einmal gar nichts.

Also bleibt nur c), wenn ich es anpassen darf zu „Dichtung für Freunde der Volksmusik“. Die Lyrikszene funktioniert ja wie ein guter Stammtisch. Immer die gleichen Anwesenden, viel Schulterklopfen und Lästern. Dann stimmt man sich zu, dann fetzt man sich wieder, dann trinkt man wieder einen. Das fühlt sich doch gut an, irgendwie heimisch. Recht kuschelig. Also für mich vielleicht doch lieber Emocore statt Volksmusik.

3.3 Was ist für Dich eine ideale Lyrikperformance/Dichterlesung? Wenn Du magst, kannst Du Dich gern auf die Liste von Ernst Jandl beziehen („Hinweise für eine Veranstaltung mit Ernst Jandl“, in: Die ideale Lesung, hgg. v. K Siblewski/ H. Ortheil. DVB, 2017, S. 10-13).

Zu einer klassischen Gedichtpräsentation braucht es ja nicht viel: Körper, Raum, Publikum. Den Körper bring ich mit, Publikum müsst selbst kommen. Gern viel, so um die 400 Leute. Mit so einer Menge hab ich noch immer am meisten Erfahrung. Die Bühne gern gross. Was ich als Zuhörer mag, hasse ich als Vortragender: Intimität.

Ich wechsle gern zwischen Sitzen und Stehen, am liebsten in freier Bewegung. Also Headset und ein rustikaler Tisch. Wasser bitte ohne Kohlensäure. Aufstossen stört den Vortrag. Irgendwann rülps ich einfach drauf los, wenn die Veranstalter keine ordentliche Wasserglaslesung hinkriegen.

Ca. 1,5 Stunden vorher bräuchte ich Zugang zu einem schalldichten Nebenraum fürs Aufwärmen. 2 weitere Akteure wären noch gut. Proben ab eine Woche im Voraus, pro Text etwa 1,5 Stunden. Zwischen den Texten gerne Entspannungseinlagen für Bauchmuskeln, Atemwege und Stimmapparat. Räuspern, Husten, Lallen, Hecheln. Gesten- und Artikulationsgeblödel. Auch das bitte Proben. Vielleicht noch jemand, der mit einem Synthesizer umgehen kann. Ein bisschen Klangteppich fürs Geblödel schadet nicht. Ein Beamer ist ab und zu gut, komm drauf an, was ich grad vorhab. Das würd ich dann eher spontan voranmelden.

Im Anschluss gern 2 Halbe Bier und eine halbe Stunde in der Menge, danach sollten aber alle verräumt sein. Dann möchte ich einfach nur noch allein sein. Vielleicht ein Bad nehmen und weinen. Weil ich mal wieder zu viele Betonungen und Tonlagen verpatzt hab.

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