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Kolumne

Motten nach Tunesien

Blanka Beirut - Tagebuchstaben (1): Januar eins / Janajer wahid

Ein Klumpen Stille versperrt die Außentür (Wolfgang Langner)

Die Außentür ist zu. Zumindest bei Blanka Beirut, kennen Sie sie? Die kölsche Späherin mit den blonden Libanonlocken? Von der jeden Tag jemand enttäuscht ist. Jeden Abend schließt sie deshalb fest zu.

In Tunesien aber geht alles auf. Jedenfalls ist von Freiheit die Rede. Dennoch friert die arme Blanka fast am Stuhl fest. Mitsamt der Tagebuchstaben, die heute vor lauter Freiheit mit den Flöhen in den Ohren husten. Oder war das der Regen, den sie gehört hat? Untergang der Welt, in Australien angefangen?

Nein, nein, nein, schreit ein Nymphensittich taktvoll verstört, in Blankas Handtasche fallend, wie in ein Schwimmbecken Federbett, fest entschlossen, dort einzuziehen. Um der Zederntochter Blanka die Welt und ihre Geräusche zu erklären. Was kann er denn dafür, dass nach Tunesien die Demokratie kommen will? In den Kerker rein, hell wie Lampenlicht. Klar das die Diktatorenbande des Nahostblocks dabei die Motten kriegt und zwar welche mit deutlich hörbarem Flügelschlag, flüstert das Vogelvieh, wie ein Kinderlied, das sich auf den Stilleklumpen in Blankas Hals reimt.

Da hilft ihr nur noch das Schaumkleid des Badewassers, denn das steht ihr so außerordentlich gut, und es vertreibt das Bild von den heldenhaften Flatterlingen.

Später wird Blanka von kaltem Sonnenlicht gestreift, das auf einer Hauswand schwimmt, und die Lampe im Laden sieht aus wie eine Trockenhaube. Sie schüttet Licht auf den Kopf eines Herrn, der einen Vortrag über die Zubereitung eines Fischs hält. Blanka Beirut starrt auf die silbernen Schuppen, in denen sich der Fernsehturm spiegelt. Und das neue Minarett an der Ecke. Da holt sie eine kleine Freude aus ihrer Handtasche, die wie ein Bonbon auf der Zunge ist. Durch Lutschen und Saugen breitet sie sich langsam in ihr aus. Plötzlich weint sie, denn auf den bitteren Geschmack der Bonbonfreude war sie wieder mal nicht vorbereitet.

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