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Kolumne

Blanka Beirut (Tagebuchstaben # 62)

Blankas Gedanken grasen in Geräuschgebüschen

Es gibt keinen schöneren Sport, als mit Steinen auf
Diktaturen zu werfen.

(Ai Weiwei)

Blanka Beiruts Gedanken grasen in der S-Bahn vor schaukelnden Geräuschgebüschen aus Pfiffen, Rauschen und crescendierenden Vokalen, die aus einer Grünanlage mit Bildschirm aufsteigen. Ja, wie Ballons oder unsichtbare florale Gespenster. So undefinierbar ist die temporäre Landessprache, kurz FÄN genannt.

Andernorts, in China, wird ein Künstler, in dessen Haus Katzen die Türen öffnen, für seine Kunst und die Freiheit zum Topfmodell. Und er treibt Steinesport mit Notizen gegen die herrschenden Kingkongs. Was kümmert es die Menschen, die Diktaturen mit Bällen besuchen? Der Ball fliegt zielsicher an jedem Kingkong vorbei und lädt diesen freundlich ein.

Auch Blanka sammelt Steinchen und Notizen in der Bahn. Sie steckt sie in ihre Handtasche. Da kommt auch der Nymphensittich wieder reingeflogen und pickt daran herum.

Blankas Gedanken weiden, ja, auch in der nun vorbeitorkelnden Landschaft. Und auf einmal kotzt sich der Himmel so richtig aus. Umgestülpte Wolkeneimer. Die Gedanken ekelt‘ s und friert‘ s. Der Nymphensittich lockt zwei fette nasse Tauben in den Zug. Die picken nach Blankas Brötchen, in dem zuvor noch eine Schweinswurst gesteckt hat. Ein Fenster ist undicht und besprüht eine margeritenblond gefärbte Russin. Auf einem von großen Autobahnen gerahmten Wiesendreieck sieht Blanka Beirut einen Städter Saxophon spielen. Leise, aber unbeirrbar lehnt sich der weiche Klang gegen fänsprachige Lärmhecken. Entführt Blanka Beirut süßlich in heimische Wortkammern.

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