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Kolumne

Blanka Beirut (Tagebuchstaben # 66)

Magenknurren des Himmels, Sommerpausen

Ich muss auflegen.
Diese endlose Aufzählung von monotonen Klängen

raubt mir das Genick.
(Wienke Treblin)

Was ist dem Sommer bloß über die Leber gelaufen? Hatte man ihn bedrängt? Leberschädigung? Wechseljahre? Er kotzt und kotzt. Und hat Hitzewellen. Blanka Beirut versucht ihm aus dem Weg zu gehen und landet dabei hinter dem Bildschirm. Später knurrt dem Himmel der Magen in regelmäßigem Fortepiano. Und ein Gewitter schaltet die Geräte ab,  zählt dann auf, wer der Herr im Himmelhause ist. Wer? Bahnhof? Kampfjets, Geld, Leibesübungen? Ihre Nase bleibt im Geräusch stecken vor Schreck. Kein Wunder, denn seit hunderten von Tagen wird sie von einem kurzen Wort verfolgt. Bis in ein rosa Frauentaxi in Beirut hinein wuchert das Wort, das aus Syrien herrschsüchtig eingefallen ist, und nun Krieg führt. Dort und anderswo. Damit jeder es hört. Schließlich war man anderswo zu nah am Frieden gewesen. Man weiß nie, ob das gut geht. Und ob Frieden die Lösung ist. Irgendein Herr im Hause will immer wieder vom Frieden weg, plappert der Nymphensittich kindisch. Derweil wartet die Welt am olympischen Ofen tatenlos auf das bevorstehende Blutbad in der Heimatstadt von Blankas Tante. Beider Seiten Wahnsinn rüstet auf und der Friedensherr der Welt sorgt sich, die wenigen Haare raufend. Und wieder erklingt das Wort, ohne verstanden zu werden. Blanka Beiruts Genick, wie das vieler anderer, geraubt. Deshalb beginnt sie die Zeit zu messen, die sie zum Aufschreiben eines ganz gewöhnlichen Satzes mit Nebensatz braucht. Ohne das Wort. Aus der Handtasche kommt fürchterliches Geschrei. Der Nymphensittich fliegt zur Meise auf, über den Balkon. Vom Unfug Schätzling Silbenquadrat weg. In die Sommerpause hinein. Nun drückt Blanka Beirut den Himmel endlich aus der Leitung.

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