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Kolumne

Schreiben in Istanbul

Teil V

Man gewöhnt sich an alles, auch an Istanbul, und die Eingewöhnung geht hier recht schnell. Je länger man in der Stadt ist, je besser man sich in den verwinkelten, labyrinthischen Gassen zurechtfindet, je vertrauter die Gesichter werden, desto heimischer fühlt man sich. Was bleibt ist die Magie. Der Geruch dieser Stadt, ihre Geräusche, ihre Luft, ihre irrsinnigen Temperaturwechsel, die manchmal innerhalb von Minuten geschehen; ihre Hektik, ihre Hybris, ihre Bescheidenheit, ihre Ruhe. In der einen Straße regiert glitzernder Luxus, in der nächsten blicken die Katzenaugen aus verfallenen Ruinen. In einem Viertel ist jeder Tag der von vielfältigen Einflüssen geprägten über zweitausendjährigen Geschichte spürbar, während im nächsten Viertel alles planiert und ausgemerzt wurde zugunsten hochgestylter aber völlig toter Luxusfassaden. Osmanbey wirkt wie ein Friedhof für Wohlhabende, die in Istanbul sein wollen, ohne wirklich in Istanbul zu sein. In Beyoglu, Eminönü oder Üsküdar verdrängen die unsäglichen unzähligen Starbucks, Burger Kings und McDonalds in rasender Geschwindigkeit die alteingesessenen Händler und Restaurants. Ich gebe zu, es macht mir Angst. Angst davor, dass es hier in wenigen Jahren aussehen könnte wie in jeder anderen gleichförmig-trostlosen Innenstadt der Welt, von Köln über Berlin, Paris, Mailand bis nach London. Es ist alles ein Brei. Und langsam kommt dieser Brei auch hier an, und er riecht und schmeckt hier ebenso übel wie im Rest der Welt.

Das Beyoglu, das Jörg Fauser in „Rohstoff“ beschrieb, existiert längst nicht mehr. Sicher hat das auch seine Vorteile. Noch vor kaum zehn Jahren war das Viertel eine No-Go-Area, ein Ghetto für Kleinkriminelle, ein verruchtes Rotlichtviertel. Heute ist es ein touristischer Hotspot, dessen Partymeilen sich ausbreiten wie ein Geschwür. Sicher ist es jetzt, man kann sich auch nachts alleine auf die Straße trauen, erzählt mir eine junge Frau in einem Café. Die Frage ist, ob man es noch will, wenn die Gentrifizierung in wenigen Jahren jegliche Individualität gefressen haben wird. Seit ich vor eineinhalb Jahren zuletzt hier war scheinen sich die Tinnef-Läden für Touris verdoppelt zu haben. Die Libraire de Pera hält wacker aus, aber wie lange noch? Wie lange noch wird sich der gut sortierte kleine Plattenladen am Tünel halten können, wenn auch die Istanbuler in den völlig überteuerten Saturn-Markt auf der Istiklal Caddesi rennen, dem ein traditionsreiches altes Kino weichen musste? Wie lange noch werden die Müllsammler in ihrem besetzten Haus in Tophane ausharren können, um sich ihren kläglichen Tagelohn zu verdienen, während um sie herum alles abgerissen wird?

Andererseits: Ist diese Sicht nicht der aus den Übeln des Kapitalismus gespeiste Kulturpessimismus, der heutzutage ebenfalls eine Modeerscheinung ist? Istanbul verändert sich pausenlos, seit einer Zeit, die so lang ist, dass ihre Dimensionen das Denken übersteigen. Vermutlich haben die einstigen Einwohner Dasselbe gedacht, als die Osmanen die Stadt übernahmen, und vermutlich gab es ähnliche Ängste, als Atatürk seine Reformen durchpeitschte. Vielleicht sind alle Ängste unbegründet, und die Stadt wird die kapitalistisch-konsumistische Invasion ebenso überstehen wie alle vorherigen Widrigkeiten. Irgendwann werden sich ohnehin die Kontinentalplatten des Themas annehmen und sämtliche menschlichen Irrtümer verlachen.

Bis es soweit ist, kann man Gedichte schreiben…

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