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Kolumne

Frankfurt 13

Die Frankfurter Buchmesse wird geliebt und gefürchtet. Sie ist so riesig, dass leicht das Gefühl aufkommen kann, in der Flut der Neuerscheinungen unterzugehen. Doch nimmt man sich Zeit, wird sie rasch zu einem Ort der Begegnung, der unzählige Neuentdeckungen ermöglicht.

Messeturm in Frankfurt am Main

Nicht nur der Messeturm reckte sich eines Morgens nebelbedingt in die Endlosigkeit, auch die Weiten der Messehallen sind kaum zu überblicken. Wo beginnen? Die Frage stellen sich wohl viele im ersten Moment. Beginnt man beim Haupteingang, dann kann man diese Frage noch etwas hinausschieben und sich erst einmal von den Laufbändern ein Stückchen des Weges mitnehmen lassen.

Jeder erlebt eine andere Messe und nimmt andere Eindrücke mit. Auch ist jede Lesung anders, selbst wenn man sich eine Lesung eines Autors mehrmals anhört und dieselben Textstellen gelesen und ähnliche Fragen gestellt werden. So kann sie beispielsweise einmal spannungsgeladen und daher für das Publikum besonders interessant sein, beim nächsten Mal aber ganz reibungslos ablaufen und dadurch wesentlich blasser wirken. Nachvollziehbar ist es auch, wenn gerade Preisträger, welche fast ohne Pause zu lesen haben, am Anfang durchwegs sympathisch und motiviert auftreten, gegen Ende der Messe jedoch auch dem Publikum etwas von ihrer Erschöpfung und zunehmenden Genervtheit spüren lassen. 

Allein das Messeprogramm durchzuarbeiten, um sich besonders interessante Lesungen herauszusuchen, verlangt einem wegen der Fülle an Angeboten einiges an Durchhaltevermögen ab. Wäre nicht so vieles gleichzeitig, ginge sich das ganze Programm niemals in nur fünf Tagen aus.

Besonders schön an der Frankfurter Buchmesse ist, dass man ganz zufällig tolle Autoren und Bücher entdecken kann – im Vorbeigehen sozusagen. Die Buchmesse macht es möglich, sich in kürzester Zeit einen Eindruck von unzähligen Autoren und Büchern zu machen – dieser kann sowohl positiv, als auch negativ sein. Wenn man schon einmal da ist, hört man sich einfach an, was es gibt, ohne lange zu überlegen – und wenn man schon nach wenigen Sätzen weiß „das Buch ist sicher nichts für mich.“ so geht man einfach weiter – etwas, das unter „normalen“ Lesungsbedingungen stören würde, hier aber nicht weiter auffällt. Oft fand ich gerade am frühzeitigen Rückweg von „enttäuschenden“ Lesungen unerwartet in einem Nachbargang eine ganz wunderbare Lesung.

„Die“ Frankfurter Buchmesse 2013 lässt sich von einer Einzelperson nicht beschreiben. Selbst die persönlichen Eindrücke von fünf so intensiven Tagen lassen sich schwer fassen. Gleich danach schwirren einem die vielen neuen Eindrücke so wild im Kopf herum, dass man kaum mehr weiß, wen oder was man alles gehört hat. Erst nach und nach, wenn die „literarische Reizüberflutung“ langsam abklingt, ordnet sich wieder alles ein.

Das Gastland Brasilien hieß die Besucher ganz besonders herzlich willkommen und bewies sich als äußerst vorrausschauender Gastgeber im eigenen Forum. Denn was wünscht man sich nach einem langen, anregenden, aber gerade deswegen besonders ermüdenden Messetag, wie sonst nichts? Richtig. Eine Hängematte. Eine Hängematte und die passende Musik dazu. Und genau das war im Brasilien-Forum zu finden: Hängematten mit Kopfhörern, in denen brasilianische Musik erklang. Nicht wenige erschöpfte Besucher werden dabei im ersten Moment wohl an eine Fata Morgana gedacht haben…

Buchmesse Frankfurt, Brasilien Forum

Vorausgesetzt man konnte sich von den Hängematten trennen, bot das Brasilien-Forum noch einige weitere sehr interessante Stationen an.

Wichtige literarische Persönlichkeiten aus Brasilien waren durch lebensgroße Säulen mit Abbildungen vertreten. Diese waren aber keine gewöhnlichen Säulen, sondern ein Stapel aus Zetteln mit Daten zu den Autoren. Von oben konnte man sich jeweils ein Blatt abreißen und mitnehmen. Dadurch schrumpften die Stapel zunehmend und zeigten so das Ausmaß des bisherigen Interesses an den verschiedenen Persönlichkeiten an.

Brasilien Forum, Autorenbiografien

Schwer beschreiben lässt sich die „Film-Station“, auch wenn es eigentlich einfach sein müsste. Versuchen wir es trotzdem: Sechs große Kisten, die in einem Kreis aufgestellt und an der nach innen gewandten Seite offen waren. Auf die hintere Kistenrückwand wurden Filme projiziert. In der Mitte des großen Kreises der Kisten standen noch einige Sitzhocker, auf denen man Platz nehmen konnte. Soviel zur räumlichen Anordnung. Das besondere waren jedoch die Filme, die gezeigt wurden. Denn manchmal zeigte jede Kiste einen anderen Landschaftsausschnitt, ein anderes Gesicht Brasiliens (z.B. Großstadt, Baustelle, Natur, Dschungel, etc.). Dann wiederum wurde in allen sechs Kisten das gleiche 360° Panorama gezeigt – man konnte sich also ganz im Kreis herumdrehen.+

Mit einem leichten Augenzwinkern wurde das Messepublikum bei der „Radfahrstation“ gefordert – hier standen Räder vor den Bildschirmen mit Kopfhörern bereit.

Buchmesse Frankfurt, Fahrradstation

Und natürlich wurde auf der Buchmesse auch im Brasilien-Forum den Büchern selbst viel Raum zu Verfügung gestellt. Zahlreiche Bücher zu Brasilien und Bücher brasilianischer Autoren (sowohl auf Portugiesisch, als auch in Übersetzung) wurden in einem großen Bücherregal, auf Tischen und in zwei Bücherhandwagen präsentiert. Bei den zum Verweilen einladenden Matratzen in menschlicher Form vor dem großen Bücherregal handelte es sich um ein Werk von Heleno Bernardi mit dem schönen Titel „Während ich spreche, vergehen die Stunden“.

Buchmesse Frankfurt 2013, Brasilien Forum

Buchmesse Frankfurt 2013, Club de Choro

Bevor der Messetag ganz zu Ende ging, brachten noch die fünf Musiker der brasilianischen Gruppe „CLUBE DO CHORO“ die hohen Pappwände beinahe zum Umkippen. Mit großer Begeisterung, viel Witz und gelegentlichen Anekdoten vermittelten sie einen Einblick in die Vielfältigkeit brasilianischer Musik.

Man kann auf der Frankfurter Buchmesse ganz leicht seinen eigenen Horizont gehörig erweitern und die eigenen Sprachgrenzen einfach überspringen – indem man z.B. einer japanischen Teezeremonie beiwohnt, sich eine Lesung georgischer Lyrik anhört, einem „gläsernen Übersetzer“ beim Übersetzungsprozess über die Schulter schaut, oder bei einer Präsentation von Büchern aus Kasachstan vorbeischaut. Und wann kann man sich sonst einfach so hinsetzen und in aller Ruhe ein Bilderbuch auf Färöer durchlesen?

Läuft man mehrere Tage lang durch die Gänge der Frankfurter Buchmesse, so kann man sehr schnell zu der Überzeugung gelangen, dass man über alles Bücher schreiben kann und dass es zu fast allem auch schon Bücher gibt. Aber nicht nur viele, neue und gute Bücher findet man auf der Buchmesse – auch schöne Bücher gibt es in großer Zahl zu entdecken. Eine eigene Ausstellung widmete sich den schönsten Büchern der ganzen Welt. Und viele Kunstbuchverlage präsentierten ihre wunderschönen Künstlerbücher – oft Unikate und richtige Kunstwerke. Und auch der etwas andere Zugang zum Buch war in Frankfurt vertreten: Buch-Kunst, Kunst, die vom Buch als Material ausgeht. Hier nur zwei Beispiele aus der Ausstellung „Jenseits der Bibliothek“:

Fabio Morais, Erste Schritte, 2009, Elektrische Eisenbahn, Schienen und Bücher

Fabio Morais, Erste Schritte, 2009, Elektrische Eisenbahn, Schienen und Bücher

Ist man zwar Büchernarr, hat sich aber bisher von den Menschenmassen abschrecken lassen, so kann ich beruhigen: Ja, es ist viel los, es sind viele Menschen und es kann manchmal laut werden. Aber alles in allem ist es gar nicht so schlimm: wird es einem zu viel, dann hilft es, kurz in eine der internationalen Hallen zu flüchten – dort ist es meistens etwas ruhiger. Wenn das Wetter passt, gibt es auch noch den Hof und die große Terrasse. Und außerdem sind genug gute Bücher zur Hand, in die man ganz einfach hineinlesen und die Umwelt dabei gänzlich vergessen kann.

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