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Wir reden über Literatur
Kolumne

Literaturdebatte

Die Fixierung auf den Nationalstaat durchbrechen

Derzeit wird mal wieder darüber diskutiert, wie langweilig, satt und selbstgefällig die deutsche Gegenwartsliteratur daherkommt. Die Debatte ist nicht neu, zum Teil sind sogar die Beteiligten die alten geblieben. Maxim Biller gehört zu denen, die in schöner Regelmäßigkeit die Keule gegen das literarische Establishment schwingen.

Worum geht es diesmal?

Den einen sind die immer populärer werdenden Schreibschulen – allen voran Leipzig und Hildesheim – ein Dorn im Auge. Diese, so der Vorwurf, würden dazu beitragen, dass immer mehr junge Schriftsteller literarischen Einheitsbrei abliefern. Ob das stimmt, ist fraglich. Gäbe es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen literarischer Trivialität und akademischer Schreibausbildung, müssten einem bei der Lektüre britischer oder amerikanischer Autoren, wo das sogenannt „creative writing“-Studium eine lange Tradition hat – David Foster Wallace absolvierte seinen Master an der University of Arizona, Ian McEwan an der University of East Anglia – vor Langeweile permanent die Augen zufallen. Das jedoch hat bislang keiner behauptet.

Andere wiederum meinen, es fehle den jüngeren Autoren schlicht an Erfahrungen, die es wert wären, erzählt zu werden. Soll heißen: Wer kein Schicksal am eigenen Leib erfahren hat, wovon soll der bitteschön berichten? Wenn Schule, Hochschule und Literaturinstitut im wahrsten Sinne des Wortes zur ‚Schule des Lebens‘ werden, dann mag das für unser politisches Gemeinwesen sprechen, womöglich auch dafür, dass die europäischen Gesellschaften das eine oder das andere aus ihrer Geschichte gelernt haben. Für die Gegenwartsliteratur jedoch sei der Mangel an existenziellen Erfahrungen eine Bürde.

Keine Frage, die Stahlbäder, die Fluchthelfer-, Schwarzhändler- und Wiederaufbaugeschichten, die vergangene Autorengenerationen geprägt haben, sind uns abhandengekommen. Bedauern wird das hoffentlich niemand. Grund zur Hoffnung besteht dennoch. Auch andere Jahrhunderte haben bedeutsame Literatur hervorgebracht – man denke nur an das 19., an Balzac, Stendhal, Maupassant, Flaubert –, ohne dass sich ihre Urheber auf das Durchleben zweier Weltkriege hätten berufen können.

Ungleich schwerer wiegt der von Biller formulierte Vorwurf, der deutsche Literaturbetrieb schotte sich nach außen ab, sei zu sehr problembefreite Mittelklasse, zu homogen – und nicht zuletzt: zu weiß!

Doch erweist sich auch diese Diagnose bei genauerem Hinsehen als nicht haltbar. Wer sich aufs Schreiben als Beruf einlässt, begibt sich finanziell gesehen fast immer auf dünnes Eis. Und seien wir ehrlich, wer tut das heute noch gern, zumal wenn man in anderen Betätigungsfeldern mit deutlich weniger Aufwand ein sehr viel besseres Auskommen erreichen kann. Das Vorhandensein materieller Rücklagen kann da durchaus beruhigend wirken; oder andersherum, das Fehlen der selbigen womöglich zu einer anderen Berufswahl führen. Davon abgesehen sollten wir uns nichts vormachen. Der literarische Betrieb war mehrheitlich schon immer ein Phänomen der Mittelklasse. Das gilt gerade auch für die Autorinnen und Autoren mit Migrationshintergrund. Wer etwas anders glaubt, hängt einer Illusion an.

Deutschland verfügt bekanntlich über eine andere Zuwanderungshistorie als beispielsweise die USA oder Großbritannien. Die Feststellung, dass auch wir mittlerweile ein Einwanderungsland sind, war bis vor kurzem keine Selbstverständlichkeit. Wer jedoch neu in einem Land ist, kümmert sich in der Regel erst einmal um die praktischen Dinge des Lebens (und freut sich, das nur am Rande, wenn die Kinder Ingenieur oder Arzt werden, sprich: einen berechenbaren Karriereweg einschlagen). Ins Getümmel des Literaturbetriebs kann man sich dann immer noch in der zweiten oder dritten Generation begeben. Das mag ignorant klingen, entspricht aber der Realität, und ist auch in den Ländern nicht anders, die uns in Einwanderungsfragen ein gutes Stück voraus sind. Hanif Kureishi und Zadie Smith kamen in Großbritannien zur Welt, Yasmina Reza, Tochter eines Iraners und einer Ungarin, wurde in Paris geboren.

Die beklagte Tristesse der deutschen Gegenwartsliteratur resultiert also weder aus der angeblichen Standardisierung der Lebens- und Ausbildungswege von Autoren, noch ist sie der vermeintlichen Homogenität des Literaturbetriebs geschuldet. Das Problem ist ein anderes. Es betrifft die Auswahl der literarischen Stoffe. Und die fortgesetzte Fixierung aller Beteiligten auf nationalstaatliche Denkmuster. 

Während in Wirtschaft und Wissenschaft und sogar in der Politik mittlerweile zunehmend in globalen Maßstäben gedacht und gehandelt wird, ist der deutsche Literaturbetrieb ein Refugium des Nationalstaates geblieben. Die wichtigsten Literaturpreise sind allesamt nationale Auszeichnungen (der Booker Prize etwa ist deutlich weltoffener). Die größten Bucherfolge der vergangenen Jahre waren im Kern deutsche Familiengeschichten. Und eine unter Literaten begehrte Position ist die des Stadtschreibers in Mainz, Offenbach oder Bergen-Enkheim. Sie gilt als eine Möglichkeit des Rückzuges und der literarischen Besinnung. Verwundert es da wirklich, dass es keinen nennenswerten Roman aus der Feder eines jüngeren deutschsprachigen Autors gibt, der das Attribut ‚europäisch‘ verdienen würde?

Symptomatisch für die Misere sind die diesjährigen Nominierungen für den Preis der Leipziger Buchmesse. Fabian Hischmann lässt in „Am Ende schmeißen wir mit Gold“ seinen (ziemlich spießigen) Protagonisten zwar ein wenig in der Welt herumreisen, aber nur, um ihn am Ende auf die Ludwigsburger Filmakademie zu schicken. Davon abgesehen handelt es sich um eine Sohn-Eltern-Geschichte. Bei Per Leo steckt der deutsche Familienroman bereits im Titel: „Flut und Boden. Roman einer Familie“, inklusive Nazi-Großvater, Wirtschaftswunder und allem was sonst noch so dazugehört. Saša Stanišić‘ Roman „Vor dem Fest“ ist in Gänze in einem Dorf in der Uckermark angesiedelt. Martin Mosebachs „Das Blutbuchenfest“ ist eine Geschichte aus dem Frankfurter Bürgertum, bei der der Autor dummerweise übersehen hat, dass es 1991 noch keine Mobiltelefone gab (eine nachträgliche Überarbeitung lehnte er ab). Und schließlich die lesenswerteste Nominierung, der Roman „Vielleicht Esther“ von Katja Petroskaja, ein Familienepos aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges.

Was verspricht Abhilfe aus diesem Dilemma?

Erstens: Die deutsche Literatur muss endlich in der Gegenwart ankommen. Es kann nicht sein, dass etliche Geisteswissenschaften, die sich qua Definition mit der Vergangenheit befassen, wie die transnationale und globale Geschichtsschreibung, mittlerweile deutlich innovativere Ansätze verfolgen als die allermeisten zeitgenössischen Autorinnen und Autoren. Statt deutsche Provinz- und Familiengeschichten nachzuvollziehen muss Literatur sich endlich wieder mit den Themen befassen, die in der Welt heute relevant sind und unsere Gesellschaften prägen. Sie muss dorthin gehen, wo das Leben stattfindet. Nicht nach Konstanz oder Heidelberg, und auch nicht in den Prenzlauer Berg, sondern in die multinationalen Unternehmen, die Banken, die Behörden, die Parlamente, die NGOs.

Zweitens: Förderprojekte – egal ob öffentlich oder privat – müssen derlei Vorhaben unterstützen. Anstelle von Stadtschreiberstipendien in Tübingen sollten Praktika und Recherchemöglichkeiten weltweit angeboten werden. Hinzu kommen Möglichkeiten des Austausches, die es jungen Autorinnen und Autoren erlauben, die Welt da draußen zu verstehen, um sie anschließend literarisch zu erfassen.

Und drittens: Jurys, Verlage, Kritiker und alle anderen am Literaturzirkus Beteiligten müssen endlich dazu übergehen, Bücher zu honorieren, die über den Tellerrand deutscher Befindlichkeiten hinausblicken, statt Jahr für Jahr aufs Neue die Shortlists der Buchpreise mit in der Rückschau gefangenen Familienromanen zu befüllen.

Sind diese Rahmenbedingungen erst einmal gegeben, stehen die Chancen gut, dass wir absehbar auch wieder Literaturdebatten erleben werden, die nach vorne gerichtet sind, sich mit Gegenwart und Zukunft befassen, anstatt wie bislang viel zu häufig mit längst vergangenen Zeiten.

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