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Kolumne

liegengeblieben #1 [Fossile Infanten von Barbara Kloos]

Agile Renitenten

Hier begegnet einem Vieles (Fossiles), von dem man dachte, es sei nicht mehr brauchbar. Barbara Maria Kloos hat schon vieles probiert, dessen Brauchbarkeit zur Debatte stand, auch in Arten und Weisen, die noch heute oft als neu und unverbraucht gelten: Gegenschneiden beispielsweise. Ich erinnere eine Notiz über einen Abend 1986 im LCB: „Im Duett mit Kristin Schnider trägt sie eine Gedicht-Collage vor: Ingeborg Bachmann-Sentenzen (Stücke aus „Erklär mir, Liebe“, „Reklame“ und Nachgedichtetem) werden Sexshop-Anzeigen plus Preisangabe gegengeschnitten.“ Das Gegenschneiden ist ein Akt, der damals (zielsicherer als heute) Positionen gegeneinander ausspielen konnte, auch plakativer, aber nicht weniger stimmig. Verblödete Sexualität ist vermutungsweise vielleicht sogar ein aktuelleres Thema, als man annimmt, seitdem mancher nicht mehr kommt, ohne sich im „richtigen Film“ zu wähnen. BMK hatte jedenfalls weder in der Vergangenheit, noch in der Gegenwart ein Problem gegenwärtig und – pardon – dabei auch geil zu sein. Ich persönlich empfinde das als natürlich und es löst eine markante Idee aus: wer nicht geil sein kann, ist kein Dichter, sondern Schlagersänger.

Ob das brauchbar ist? Darauf könnte man ein Liedchen pfeifen, sagt sie. Ich sage: Gemach! Sie sagt: Spießer, trau dich doch! Also gut, ich trau mich: aber friß mich nicht auf. Sie sagt: doch, ich will, daß du meine Zähne spürst, ich will, daß du vertraut wirst mit dem Fossil, dem in die Welt Geborenen, das sich aus den Auflassungen bedient an den Stimmen.

Also macht sie mich vertraut. Bedeutet bei BMK: mit stets unsteter Wahrheit, die gegen den Körper schlägt und das Wellblech des Zuhauses. Nimm bitte die Trümmer ernst, das Scheitern der Ideale und das Spiel, das darüber Bescheid weiß. Bleib mit mir bei den sprachlichen Mühen, die kein Irrtum sind, wenngleich sie scheitern (und sie zitiert Gerhard Falkner: „lebe wohl, du tränenbereiter, du gramsäufer.) oder zwischen Villon und Tranströmer changieren: „Ich hab den hellen Wald mit heißem Teer gemischt.“

Ich finde das klasse. Und wie Ich zu Etwas wird: „Jemand in mir schläft, ißt mich und trinkt mich“ Alejandra Pizarnik.

Hier begegnet einem also vieles, von dem man dachte, es sei nicht mehr brauchbar. Ich finde in den Fossilen Infanten so viel direkte Poesie, ungelabert, unevoziert, unverheimlicht, verspielt und gleichzeitig in feinster Ausführung, wie sie mich in meinen Erweckungsbänden kassierte (Hinweisnamen: Gunnar Ekelöf, Christoph Meckel, Rainer Brambach), und das macht die neue Lyrik der alten Barbara Maria Kloos für mich wieder unartig und unbedingt jung.

Ich finde scharfe Beobachtungen und das Zuspitzen von Beobachtungen, genauen Hinkuck und leises Schaudern davon: ja, das stimmt so. Teils atemlos. „ … Diese schnellen / Küsse, scharfen Sommerkleidchen, der Wind wirbelt / Sie hoch, mon bijou, an den nackten Schenkeln noch / Der Abdruck vom Hotelklo, Brille, nach dem Ficken / …“. Es ist vieles nackt und seine Stimmigkeit richtet etwas an. Und dann ist vieles unverständlich, aber man weiß, ein Verstehen ist prinzipiell mit eingebaut, selbst als Nichtverstehen, teils mit unsichtbaren Fußnoten, Komplexe, die verweisen und wie ein feuchtes Moos dann trotz oder wegen seiner Rätsel fesseln. Es passt das Handwerk zu einem Blick, der Poesie nicht aus Blendung, Fälschung oder Leugnung zu lesen versucht (aus einer schönen Welt, dies nicht gibt), auch nicht aus dem japanischen Tiefenmoment, sondern sägerauh bis hobelblank in die Räume strebt und in ihm das Schwanken überlebt über den Tiefen. Etwas moderner gesagt: bleib real.

Man muß sich dazu nicht isolieren, oder einhausen, aber es hat sich als gewinnbringend gezeigt das Flattern zu begrenzen, etwas kompakt (als Paket) einfach ins Nichts zu stellen. Raum im Raum im Raum. Und ins Weithin. Seltsamerweise entgrenzt sich Formales, wenn es vom Gewollten ins Zugefallene wechselt. Vom Gefährt zur Gefährtin.

Marginalie: der Blocksatz gehört allen. Ich kenne alte Gedichte von BMK (z.B. Todesanzeige in Solo)  im Blocksatz und erinnere lyrics u.a. von Stan Ridgeway auf der Plattenhülle seines Salesman, die mit dieser loslassenden formalen Begrenzung spielen. Zu lieben begann ich es bei Tina Gintrowski, als ihr erstes Poetenladenbuch erschien und seit ca. 2011 schreibe ich selbst im Blocksatz. Das passiert derzeit immer mehr und überall, auch im Buch von BMK, und ich liebe es.  Blocksatz nimmt sehr viel vom pathologischen Pathos der Versschneiderei und demokratisiert die Prozesskammern.

BMK ist zwar schon lange dabei, aber beileibe kein Fossil. Ich war als Hase dabei, als ihre ersten Bücher erschienen, und sie schafft es noch immer mich aufzuschrecken aufs Feld. Sie schreibt Lyrik so frisch und sicher, daß sie zum Besten gehört, was man derzeit lesen kann und wäre eine verdiente Kandidatin für einen Huchel-Preis zum Beispiel.

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Fossile Infanten
Barbara Kloos
poetenladen Verlag 2017

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