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Kolumne

Die 11. Literaturtage Bielefeld [7]

Anna Kim liest aus „Die große Heimkehr“

Anna Kim, 1977 in Südkorea geboren, kam bereits im Alter von zwei Jahren nach Westdeutschland. Zunächst lebte sie in Braunschweig und Gießen, ab 1984 in Wien. Ihre Mutter wollte ihre Dissertation über eine Frage der Philosophie der Ästhetik schreiben und hatte dafür in Wien einen idealen Doktorvater gefunden. Von 2000 bis 2002 lebte Kim in England, derzeit wohnt sie Berlin.

Seit 1999 erscheinen ihre Arbeiten in Literaturzeitschriften, der erste Roman folgte 2004. „Die große Heimkehr“, die fälschlicherweise häufig für ein autobiografisches Werk gehalten wird, ist bereits ihr vierter Roman. Aber anders als ihr Alter Ego Hanna im Roman, die sich in Südkorea auf die Suche nach ihren leiblichen Eltern macht, und eher durch Zufall viel über die Geschichte Koreas erfährt, bezieht sich Anna Kim mit diesem Titel auf die Parole Kim Il Sungs, der 1960 allen Koreanern, die in Japan lebten, Arbeit, Wohnungen, Schulen und Ausbildungsplätze anbot und sie zur Rückkehr nach Nordkorea aufforderte. Der Grund für diese Anwerbung unter dem Motto „Die große Heimkehr“ war ein Arbeitskräftemangel im Land, erklärt Anna Kim später im Gespräch, und ergänzt, dass es in erster Linie Südkoreaner gewesen sind, die zurückkehrten. Die gemachten Versprechen sollten sich für sie nie erfüllen, denn diese Menschen wurden vom Regime als Humankapital angesehen, die, so heißt es im Buch, „weniger wert sind als eine Schüssel Reis“.

Das Faszinosum „Kalter Krieg“ sei der ausschlaggebende Grund gewesen, warum sie diesen Roman geschrieben habe, erklärt Kim bevor sie mit einer angenehmen Lesestimme Stellen aus ihrem Roman vorträgt. So lernen die Leser Hanna kennen, die bereits als Säugling von Deutschen adoptiert wurde, und in Seoul auf der Suche nach ihren leiblichen Eltern den 78-jährigen Yunho Kang kennen lernt, der ihr im Laufe des Romans anhand seiner Lebensbeichte die Geschichte Koreas nahe bringen wird. Es ist dieser Yunho Kang, der im Laufe der Geschichte sagt, Jazzclubs seien die denkbar geeignetsten Verstecke, da Politik hier nicht die geringste Rolle spielt. Auf diese Weise konnte Anna Kim Billie Holiday Songs in den Roman einweben, Lieder die dem Erzählten einen sehnsuchtsvoll melancholischen Background verleihen

Die musikalische Begleitung ist an diesem Abend genauestens auf die Literatur eingestellt, so spielen die anwesenden Musiker zwischen den Lesungen „Solitude“, „Blue Moon“ und andere Billie Holiday Lieder.

Im zweiten Teil den Anna Kim liest, werden die grausamen Umerziehungsmaßnahmen geschildert, die Menschen wurden gefoltert und geschlagen, und wenn die Umerziehungsmaßnahmen nicht den gewünschten Erfolg zeigten, erschoss man die renitenten Bürger. Yunho Kang berichtet von den Zuständen in den Gefängnissen, von Massenerschießungen, die von amerikanischen Soldaten beobachtet und fotografiert wurden. Auch die Mutter Yunho Kangs wurde hingerichtet. Es sind schwer erträgliche Szenen, in denen geschildert wird, wie die Toten nicht einmal begraben wurden, die Leichen hat man nur notdürftig mit Erde bedeckt.

Im anschließenden Gespräch mit Angelika Teller, erzählt Kim, die sehr ausführlich recherchiert hat, sie machte Reisen nach Korea, um dort lebende Verwandte zu befragen und besuchte mehrere Archive, von der besonderen Bedeutung, die der Bericht von Alan Wellington für sie und den Roman gehabt habe. Wellington hatte einen erschütternden Bericht über das Grauen des Koreakriegs geschrieben, den Anna Kim schließlich ausfindig machen konnte. Sie habe stellenweise daraus zitiert, sagt sie, wie sie überhaupt eine Vielzahl von Quellen gesucht habe, dabei ging es ihr allerdings weniger um eine Rekonstruktion von Geschichte als vielmehr um die Demontage. Erst vor zehn Jahren begann in Korea zögerlich die Aufarbeitung dieses Teils der Geschichte. Eine Wahrheitskommission leistete entscheidende Schritte auf diesem Weg, unter einer neuen Regierung wurden die Mittel für diese Arbeit jedoch wieder gestrichen.

Bei allem historischen Profit, den der Leser aus „Die große Heimkehr“ ziehen kann, lässt sich der Roman Anna Kims nicht darauf beschränken, er schildert zusätzlich eine berührende menschliche Geschichte, in der drei Menschen unter schwierigsten Verhältnissen versuchen zu überleben, und ihre Würde zu bewahren.

Besonders wertvoll seien die Berichte ihrer Familie gewesen, sagt Anna Kim. Ihre Mutter lese das Buch gerade, und halte immer wieder inne, um zu sagen: „Das habe ich dir erzählt!“.

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