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Kolumne

Buchpremiere von Hellmuth Opitz neuem Gedichtband „In diesen leuchtenden Bernsteinmomenten“

Sechs Jahre nach der wie Kandis knisternden Dunkelheit, leuchten dank Hellmuth Opitz die Bernsteinmomente in der Stadtbibliothek Bielefeld.

Klaus Loest erwähnt in seiner launigen Einführung die Formvielfalt des neuen Bandes, die von Rap über Sonett reicht und sich in sieben, von Zitaten eingeleiteten, Kapitel gliedert.

Als bräuchte es Beweise, dass das zahlreich erschienene Publikum zu Recht hier ist, werden noch ein paar Preise, die Hellmuth Opitz erhalten hat, angeführt.

Aber bevor Loest einführende Worte spricht, und der Dichter selbst, an den Pult tritt, hat Kristin Shey, Bielefelder Singer Songwriterin mit ihrer Gitarre die Bühne betreten, und für eine warme melancholische Stimmung gesorgt.

Opitz beginnt seine Lesung mit einem Bericht über die Schwierigkeiten, einen Gedichtband zu komponieren, und betont, wie wichtig in solchen Momenten ein Lektor sein kann. Statt aber dann der Reihenfolge der vom Lektor vorgeschlagenen Kapitel zu folgen, beginnt Opitz mit der Kindheit, mit Gedichten, die sich mit der Erinnerung an den immerhin 15 Jahre älteren Bruder befassen, aber auch mit der Erinnerung an die selbstgemachte Zitronenlimonade einer offenbar faszinierenden Mutter eines Freundes.  

Vor jedem neuen Gedicht, erzählt Opitz kleine Anekdoten, Hintergründe zu den Gedichten, eben genau das, was den Reiz von Lesungen ausmacht.

Die Gedichte selbst, von denen es im Klappentext heißt, sie seien „wie Akkus aus Sprache“, besingen die Poesie einer Autobahnraststätte, beschwören raufaserverputzte Sonntage, funkeln vor Ironie, Witz und Wortspielen. Nicht zuletzt bestechen sie durch ungewöhnliche Verbindungen;

„Als wir vorfuhren, graste eine Herde
Harleys und Hondas auf der von Löwenzahn
gebutterten Wiese, die Maschinen umkreisten
die jungen Kirschbäume, die letzten Sonntag
noch Kommunion gefeiert hatten“

oder:

         „Spreize die Finger, um das Bild zu vergrößern,
         dann siehst du den Landeanflug der Sprache besser
         misslingen, siehst wie die Triebwerke deiner Sätze
         neu durchstarten müssen, um Höhe zu gewinnen…“

Immer wieder versteht Hellmuth Opitz es gekonnt, das Thema einer bestimmten Situation mit dem Vokabular eines ungewohnten Umfelds aufzubrechen, auszubuchstabieren.

Angefangen Gedichte zu schreiben, habe er in den 80er Jahren erzählt Opitz, als es beinahe unmöglich schien keine politischen Gedichte zu schreiben. Direkt politisch versteht er seine Gedichte bis heute nicht, allerdings bekennt er einen Verlust an Gewissheit, und dieser wird auch in den Gedichten thematisiert, auch dies leichtfüßig und mit Humor, und dieser sehr eigenen und gelungenen Verbindung unterschiedlicher Bereiche, weil eben letztendlich doch alles miteinander zusammenhängt, was man pathetisch verkünden, oder wie Opitz mit melancholischem Witz thematisieren kann.

„Seit die Kopfweiden Lichterketten bilden,
hat sich die offene Partie in eine Party verwandelt.
Nur die Fäuste bleiben geschlossen,
bleiben Ballungszentren der Wut:
darin die Summen der Empörung,
darüber das Summen der Drohnen,…“

Natürlich könnte ich noch eine ganze Weile weiter zitieren, „Strohhalme, die in das „leuchtende Licht des Sommers“ gesteckt werden, „Hängematten der Gesinnung in kugelsicheren Westen“, das ist witzig, aber mit Tiefsinn.

Zwischen den Gedichtblöcken, das soll hier auch erwähnt werden, gibt es musikalische Einlagen von Kristin Shey, die von Lied zu Lied besser wird, ihre Stimme entfaltet sich mehr und mehr, und man spürt, ihre Lieder singt und spielt sie nicht nur mit der Stimme, sondern mit echter Leidenschaft.

Einer der ungewöhnlichsten, und für mich berührendsten, Blöcke, waren die Gedichte vom Betteln. Diese mit „Skulpturenpark der Demut“ überschriebenen und mit einem Zitat von Blaise Pascal eingeleiteten Gedichte, beschreiben unterschiedliche Typen von Bettlern, und allein dadurch, dass dieses Phänomen, das jeder kennt und so gut wie möglich zu übersehen versucht, hier explizit thematisiert wird, sind diese Gedichte eine Form der Gesellschaftskritik. Auch hier besticht Opitz durch Humor, Skepsis und Selbstironie. Wenn er bestimmte Bettlerpersönlichkeiten Bielefelds beschreibt, geschieht das fast zärtlich, immer jedoch voller Respekt.

Wird der Dichter einmal ernster, scheint das Publikum nur auf die nächste Pointe zu warten. Vielleicht darum gibt es eine Pause.

Der zweite Teil der Lesung wird mit den „Gegenstandsgedichten“ eröffnet, Manchmal hat man das Gefühl, die Gedichte sind Kompromisse, Zugeständnisse an das Publikum. Explizit dann, wenn Opitz sagt seine Gegenstandsgedichte seien diejenigen Gedichte, die als „Türöffner für jene dienen, die sonst nichts mit Gedichten anfangen können.“ Selbstironisch bemerkt Opitz „man müsse sich auch einmal unter dem eigenen Niveau amüsieren können.“

Das Publikum ist hell erfreut über Gedichte wie  „Miele ist müde“, in der der Waschmaschine ein Schleudertrauma attestiert wird.

Dabei sind nicht einmal die vermeintlich einfachen und nur auf einen Lacher abzielenden Gedichte so flach und eindimensional, wie sie vielleicht auf den ersten Blick erscheinen mögen. Madame Rowentas xenophobes Genörgel entpuppt sich letztendlich ziemlich zeitkritisch als Ausdruck der Angst um den eigenen Arbeitsplatz.  

Hellmuth Opitz schließt die Lesung mit jenen Gedichten, die den Band eröffnen, den Liebesgedichten. Mit „Blaukelchen des Blicks“, einer „Lichtung des Gesichts“ und „einem hastig gepflückten Strauß Komplimente“, auch solche Romantik gelingt, weil im „Wunder die Wunde schon drinsteckt.“

Opitz besticht nicht allein durch Formvielfalt, der neue Band ist auch eine bunte Mischung von Themen und Stilen, vom Kalauer zum tiefsinnigen Gedicht ist alles nicht nur einfach vertreten, sondern immer wieder in ein Spannungsfeld versetzt. Es ist diese Spannung, zwischen dem, was man auf den ersten Blick zu erkennen meint, und dem, was bei näherer Betrachtung nachhallt, zwischen den Konzessionen ans Publikum, und dem sehr genauen, häufig auch unbequemen Beobachten, die den Reiz von Opitz Gedichten ausmacht.

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