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Kolumne

Die 11. Literaturtage Bielefeld [1]

Christoph Ransmayr stellt auf den Literaturtagen in Bielefeld seinen hochgelobten Roman „Cox oder Der Lauf der Zeit“ vor

Nahezu parallel zur Buchmesse in Frankfurt finden die elften Bielefelder Literaturtage in der Stadtbibliothek am Neumarkt statt.

Während die Auftaktveranstaltung, ob gewollt oder zufällig, in Anlehnung an das diesjährige Gastland der großen Messe in Frankfurt, von einer französischen Autorin bestritten wurde, Marie NDiaye las aus ihrem Roman „Die Chefin. Roman einer Köchin“, hat man Christoph Ransmayr für die zweite Veranstaltung am 12. Oktober gewinnen können.

Schwarz gekleidet und entspannt schlendert er vor Beginn der Lesung durch die Bibliothek, spricht mit diesem, plaudert mit jenem.

Nahezu alle Plätze sind besetzt, als der vielreisende und derzeit in Irland beheimatete, Ransmayr einige einleitende Worte vor der eigentlichen Lesung spricht. So erzählt er, wie er zu der Geschichte von Alister Cox und Quiánlóng, dem chinesischen Kaiser, gekommen ist. Auf seiner Rückreise aus Tibet, so Ransmayr, sei er vor einigen Jahren in Bejing gestrandet. Aufgrund der Wetterverhältnisse sei ein Weiterflug erst fünf Tage später möglich gewesen, so dass er einen Freund, der in Peking lebt, besuchte. Besagter Freund nahm ihn mit zu einem gerade eröffneten „Pavillon der Uhren der verbotenen Stadt“. Auf ihrem Weg zum Pavillon sahen die beiden Männer einen endlos langen Seidenteppich, auf dem eine Prozessionen Uhren tragender Menschen vorbei defilierte. 2.000 Uhren, so ist es überliefert, begleiteten den Kaiser auf seinen Wechseln von Sommerresidenz zu Winterresidenz.

Schließlich war es insbesondere eine Uhr, die Christoph Ransmayr im Pavillon beeindruckte. Ihr Schöpfer hieß Alister Cox.

Der historische  Cox, berühmter Uhrmacher seiner Zeit, war niemals in China und kam niemals in Kontakt zum Herrn der Zeit, als der sich der chinesische Kaiser, der Unbesiegbare, ebenfalls empfand. Dass der berühmteste Uhrmacher seiner Zeit und der Herrscher der Zeit an sich, einander nie begegnet sind, obwohl sie Zeitgenossen waren, das war ein Umstand, den Ransmayr schreibend ändern wollte.

Ransmayr liest die ersten zwei Kapitel des Buches. Es beginnt mit einer Demonstration der schier unbegrenzten Macht des chinesischen Kaisers. Nichts ist mehr naturwüchsig in der verbotenen Stadt, der Kaiser herrscht über den Lauf des Wassers ebenso wie über die Gedanken seiner Untertanen.

Cox Schiff, das sieben Monate auf schwerer See unterwegs gewesen ist, läuft gerade ein, als der Scharfrichter 27 Finanzbeamten die Nasen abschneidet.

Die allumfassende Übermacht Quiánlóngs ist souverän geschildert, ein allegorisches Märchen, dem das Publikum andächtig lauscht.

Auch die Strafmaßnahme deren Zeuge Cox bei seiner Ankunft wird, ist detailliert beschrieben, wobei nicht verschwiegen wird, dass die Zuschauer des Spektakels das Nasenabschneiden als Akt der Gnade ansehen.

Die Perspektive schwenkt zu Cox, der die Einladung des himmlischen Kaisers, nach zwei Monaten Bedenkzeit, nicht zuletzt deswegen annimmt, weil er hofft, der unendlichen Trauer über den Tod seiner nur fünf Jahre alt gewordenen Tochter, und dem Verstummen seiner Frau, mit dieser Reise etwas entgegen setzen zu können.

Bevor er die letzten Seiten liest, erläutert Ransmayr die Unmöglichkeit einen Bogen vom Reich der Mitte in die westliche Welt zu schlagen. Um das zu betonen, sind die Kapitel mit einem chinesischen Schriftzug und der Übersetzung ins Deutsche überschrieben. Eines der Kapitel sollte nun die Überschrift „Der Unbesiegbare“ tragen, woraufhin Ransmayrs chinesischer Übersetzer ihn darauf hinwies, dass dieser Begriff nicht ins Mandarin übertragbar sei, weil niemand unbesiegbar ist, es sei denn, er maßt sich diese Eigenschaft an, wie es der Kaiser tat. Schließlich wurde der Unbesiegbare übersetzt in: der Mann, der so einsam ist, dass er keine Gegner mehr findet.“

Die Schilderungen von einem Kaiser, der sich zeigt, wie der erste Schneefall, der andererseits 1.000 Tote pro ausgehobener Meile für den kaiserlichen Kanals hinnimmt, aber auch Beobachtungen von Wasserbüffeln, die Pflüge über Reisfelder ziehen, und von einer Prozession von mit Opfergaben beladenen Elefanten, die mit Honig und Blüten bedeckt sind, und so Scharen von Vögeln um sich versammeln, lassen Bilder einer gleichermaßen märchenhaften wie grausamen Welt vor den Augen der Zuhörer entstehen.

Das Ende der Lesung ist gleichzeitig das Ende der Veranstaltung. Eine Gesprächsrunde bezeichnet Christoph Ransmayr als „Geiselhaft“ für die von ihm vermuteten 90% der Zuhörer, die nach der Lesung gehen wollten, aber der Höflichkeit wegen  die Frage- und Antwortrunde über sich ergehen lassen müssen.

Vielleicht sensibilisiert das Schreiben eines Romans in dessen Mittelpunkt die Zeit steht, zu einem besonders achtsamen und vorsichtigen Umgang mit Zeit. Jedenfalls klatschen einige, bevor sie gehen.

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