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Kolumne

„Das aufgebläht Babylonische erfordert viele Figuren“

Die Eröffnung der Frankfurter Buchmesse steht unter einem Europäischen Stern

„Das aufgebläht Babylonische erfordert viele Figuren“, so spricht Robert Menasse auf der Eröffnungsveranstaltung der „Open Books“, dem Lesefest zur Frankfurter Buchmesse,  am gestrigen Abend, Menasses zweitem Abend als Preisträger des Deutschen Buchpreises, über Brüssel, den Schauplatz seines Romans „Die Hauptstadt“, über Europa und seine Krise. Und die Frankfurter Buchmesse spricht mit ihm mit.

Die Verleihung des Deutschen Buchpreises, die traditionell am Vorabend der Messe in Frankfurt stattfindet, setzt vor den Beginn der diesjährigen, 69. Frankfurter Buchmesse einen Doppelpunkt: eine Einladung, eine Aufforderung, eine Fokussierung auf das Politische, auf das Demokratische, das neu Engagierte, auf Europa. In den vorangegangen Wochen hüllten Debatten rund um die krisenhaften Entwicklungen der Demokratie die Vorbereitungen auf die Messe ein: So wurde Jürgen Boos, dem Direktor der Messe, unter vielen anderen auch vom PEN-Zentrum Deutschland vorgeworfen, mit der Einwilligung des Standes vom „Antaios Verlag“ RechtsextremistInnen eine Bühne zu bieten. Daneben stand die Einladung des französischen Staatspräsidenten Macron, der eine Woche nach seinen Forderungen um Europareformen nun auch in Frankfurt den Blick auf Brüssel lenken würde. Und nicht zuletzt reagierte der Börsenverein auf die aktuelle Krise der Meinungsfreiheit und Zensur mit der Erschaffung der Veranstaltungsreihe „Für das Wort und die Freiheit“ (#FreeTheWords) mit einer Solidaritätslesung für Deniz Yücel am kommenden Messesamstag. Die Wiege der diesjährigen Buchmesse ist ein Politikum.

Für die Eröffnungsveranstaltung des Lesefestes „Open Books“ wurde das Blaue Sofa, das „literarischste aller Möbelstücke“, wie Luzia Braun lobte, von Berlin in die Nationalbibliothek Frankfurt geholt. Hier wurde gestern dieses literarische zu einem politischen Möbelstück. Sein Blau erinnerte mit dem Abend zunehmend an die Flagge aus Brüssel. Eva Demski, Jürgen Becker, Robert Menasse und Didier Eribon waren eingeladen, Platz zu nehmen. Ina Hartwig, Kulturdezernentin der Stadt Frankfurt, stach mit ihrer Begrüßungsrede, für die sie sich – ein wenig flattrig, sehr sympathisch und vom Frankfurter Publikum wie immer herzlich empfangen – zögerlich entschuldigte, denn sie sei noch in einer „anderen Sphäre“, nachdem sie den Präsidenten Macron heute „dreimal erlebt“ habe, ins Blaue. Sie stellte die AutorInnen vor, sprach über Europa und erwähnte, dass sowohl der literarische Verfechter der Institutionen Europas, als auch der Sprecher „der Abgehängten" zu Gast seien. Menasse und Eribon zuckten. Aber erst einmal war die „Grande Dame Frankfurts“ dran, Autorin Eva Demski. Es ging um Leben, Literatur, Demut. Es war heiter und unordentlich.

Dann kam Menasse, der Preisträger, der frisch gekürte Europaliterat der Stunde.

Er setzte sich, zückte sein Handy, wie bei der Preisverleihung machte er ein Foto vom gespannten Saal, sprach über den Preis, seine Wirkmacht, über seinen Roman,  für den er nach Brüssel gezogen war, für den er mit zahllosen EU-Beamten sprach, sie beim Fahrradfahren beobachtete und in das Archiv der Kommission einstieg, das sie dort „Vatikan“ nennen. Und dann kam, wie es sein musste, die Politik. Er wurde hitzig, für Europa, für Demokratie, die Überwindung von Nationalismen, er selbst sei kein Österreicher, das möchte er nicht mehr hören, er ist Wiener. Und Menasse packte die Sphäre der Kulturdezernentin beim unantastbaren Schopfe, bestätigte Macron in seinen Anliegen zum einheitlichen Fiskus, das Publikum applaudierte, die Literatur engagiert sich.

Didier Eribon, der französische Soziologe und Philosoph, saß am anderen Flügel. Kam auf die Bühne. War erkältet. Weil sich am Ende dann doch „Europa zwischen Paris und Frankfurt geschoben“ hatte, er den ICE nehmen musste, wo die Klimaanlage grundsätzlich zu kalt sei. Das war noch unverfänglich. Hier lachten noch alle. Dann holte ihn René Aguigah, sein Gesprächspartner auf dem Möbel, herunter, auf das omnipräsente Thema, wieder: Europa. Ob er es nun doch bereue, dass er nicht bei der Eröffnungsveranstaltung mit dem Staatspräsidenten gewesen sei, zu der er nicht gehen wollte, wie er am Vortag im Interview mit der Süddeutschen gesagt hatte, weil „Macron nicht sein Präsident“ sei. „Nein“, Didier war ruhig, er bereue viel eher, dass er in Frankreich nicht auf der Straße sei, bei den Demonstrationen gegen die Politik Macrons, welche die Bedingungen für Kultur zerstöre. Das Publikum spaltete sich still, spätestens hier. Didier, ein kleiner Star auch in Deutschland seit seiner „Rückkehr nach Reims"  im letzten Jahr, zeigte kurz unauffällig auf Menasse, seine These, es gäbe keine Fiskalunion, sei falsch, im Gegenteil, die einheitliche Finanzpolitik Europas hätte dazu geführt, dass es in Griechenland niemanden mehr gäbe, der Bücher kaufen könne. Nein, er sei nicht enttäuscht, nicht da gewesen zu sein, bei Merkel und Macron. Ein Freund hätte ihm einen Teil von Macrons Rede per SMS geschickt. Das Buch sei dem Präsidenten das höchste Kulturgut? Das glaubt Didier ihm nicht. Er zerstöre sie, die Kultur, wie Thatcher damals. Seine StudentInnen haben keine Zeit zum Lesen, weil sie arbeiten müssen, geschweige denn Geld für Bücher. Hin und wieder ein kleiner, einsamer Jubel im Publikum, der Saal in der Nationalbibliothek zerreißt ein wenig, Ina Hartwig wirkt angespannt, sie scheint aus der Macron-Sphäre gefallen. Didier setzt einen drauf, gegen die neoliberale Politik, gegen seinen Staatspräsidenten, gegen die Scham der Marginalisierten, gegen das Schulsystem, gegen seine Vorredner, aber nie in Angreiferton, immer höflich, die Kultur sei nicht vom Rest der Nation gespalten. Das Publikum ist es. Der Applaus seiner Hälfte wird stärker. Aguigah übernimmt, setzt einen Punkt, „ich denke, Ihre Position ist recht klar geworden“, die Spannung fällt ab, der Saal atmet wieder. Jetzt können alle lachen. Zu Didiers Abgang von der Couch stimmen dann auch die Unentschlossenen mit zumindest respektvollem Applaus ein.

Jürgen Becker schließt den Abend ab. Mit Lyrik. Ein Blick auf den Moment, ein Blick frei von Brüssel. Barbara Wahlster vom DRadio Kultur, seine Gesprächspartnerin, atmet ein, sie sei nun wohl vorbei, die „geballte politische Phase“.

Die zahlreichen Veranstaltungen im Rahmen der Buchmesse, mit und ohne Europafokus:
Buchmesse  /  Open Books  /   BookFest  /  Für das Wort und die Freiheit  /  GegenBuchMasse

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