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Kolumne

Faible?

Ein Brief an Lütfiye Güzel anlässlich ihrer Best-of-Sammlung

Liebe Lütfiye,

ich muss jetzt mal wieder … ist schon viel zu lang her, dass ich über eins Deiner Bücher geschrieben habe. „faible?“ ist schon das achte. Und endlich: Best of! Greatest Hits! Ja, es ist wirklich Zeit für die Güzel-Bewegung! Aber ich schreibe Dir lieber einen Brief anstelle einer Rezension. Ich bin zu voreingenommen, sagt die Schildkröte, die den Bücherstapel auf meinem Schreibtisch bewacht. Aber irgendwie muss ich den Leuten verklickern, dass sie etwas verpassen, wenn sie Deine Bücher nicht lesen. Güzel nicht lesen! Völlig irre! Es gibt ja sogar in der Lyrikszene noch den ein oder anderen, der Dich nicht kennt.

Weißt Du noch, die erste Lesung damals beim Literatürk mit „Herzterroristin“ im Oktober 2012? Also dieses Buch, über das Du sagst: „Ich hatte eigentlich nur ein einziges Buch geschrieben, obwohl es offiziell sechs waren. Es war mein Einziges, weil es zu Fuß ging, erschöpft und radikal war. Abwechselnd und gleichzeitig. Die anderen fuhren mit dem Bus. Komfortabel.“ Und ja, wenn man alles nebeneinander hat jetzt, dann sieht man schon, wie anders dieses Buch ist. Aber das heißt nicht, dass Du den Bus nicht trotzdem ordentlich aufgemischt hast. Da ist keiner mehr als der ausgestiegen, als der er eingestiegen war, soviel steht fest. Und wievielen Dichtern gelingt das schon heutzutage, dass was hängenbleibt und etwas mit einem macht?

Ständig sage ich irgendwem: Lies Güzel! Und hoffe, dass es was bringt. Seit das Jahrbuch der Lyrik kaum mehr was taugt, steigen die Chancen. Deine Bücher kann ich blind aufschlagen und finde immer etwas, das mich mit einem Knall rauskatapultiert aus dem, was ich gerade mache und von dem ich mir einrede, es hätte irgendeine Bedeutung. Glaubt mir bestimmt wieder keiner, also Versuch eins:

„die persönlichkeit ist eine tickende uhr / mit pass / und die zivilisation ein wackliger zahn / mit einer schnur an der türklinke“.

Natürlich hast Du Recht. Wir haben keine Chance mehr, die Scheiße da draußen noch irgendwie einzufangen. Das war auch vor Trump schon klar. Immerhin haben wir einen Grund mehr, uns zu betrinken. Versuch zwei:

„kann die buchstaben / in den raum werfen / & die zeilenabstände / sonnenauf- & untergang / vergrößern & verkleinern / alles ist irgendwas / & wenn es nichts ist.“

In Berlin im Sommer 2015 hast Du dieses Stück gelesen – ich finde es gerade nicht – darüber, dass Du keine Pointe bist und dass jeder ruhig aufstehen und gehen kann und keine Angst haben muss, dass ihm dann alle auf den Hinterkopf starren. Natürlich stand niemand auf. Es war einer dieser Tage, an denen ich ahnte, dass sich gerade eine Menge Scheiße zusammenbraut, aber ich ignorierte das Gefühl, Dein neues Buch in der Tasche. Es erst ein paar Wochen später zu lesen, das war ein Fehler. Man lernt ja immerzu... Zurück in Istanbul las ich es dann gleich drei- oder viermal und hätte am liebsten jede Zeile auf die Hauswände in Cihangir geschrieben. Aber die Hauswände waren längst grau, weil die Stadtverwaltung täglich Gedichte übermalen ließ. Man stelle sich die Malertrupps wie Sisyphus vor, ihr Wortschatz beschränkt sich auf ein energisches „Dennoch!“

Seither war ich nicht mehr in Berlin. Macht nichts. Ich mochte Berlin vorher schon nicht. Wenn etwas zu sehr gehyped wird, ist es in der Regel ziemlicher Mist. Was hält Dich da bloß? Später spazierte ich mit Stan durch Marxloh und dachte: Alles, was Du über Duisburg geschrieben hast, stimmt. Vor allem das, was Du über die Brücken sagst. Die sind tatsächlich noch hässlicher als die in Berlin. Aber wenigstens halten sie sich selbst nicht für schön oder hip oder so...

„die welt zerfällt / und ich schreibe gedichte / oder gucke aus dem fenster“

… und wie froh ich bin, dass Du Gedichte schreibst, trotz allem. Ich schreibe keine mehr. Nicht weil die Welt zerfällt. Das tut sie so oder so. Wozu noch Gedichte? frage ich mich und hoffe, dass Du und ein paar andere, dass Ihr nie aufhören werdet, Gedichte zu schreiben. Sonst würde etwas fehlen. Aber im Ernst: Wenn man nach Jahren einen Literaturpreis bekommt, und einem die Ministerin zum Fotofinish die Urkunde überreicht, die nun in irgendeiner Schublade liegt zwischen alten Steuerklärungen und Liebesbriefen... in dem Moment wusste ich: Es reicht.

„wie öde der gang durch den supermarkt ist / wo es alles gibt / nur nichts was satt macht“

- keine Gedichte also. Lass uns mal Gedichtlesungen in Supermärkten machen. Wir stellen uns auf die Förderbänder oder in die Kühlregale, dann kommt keiner an uns vorbei. Aber eigentlich ist es doch irre, den Leuten Gedichte vorzulesen, nicht wahr? Gedichte hat man in sich oder eben nicht. Ob sie am Ende geschrieben werden – wen schert das? Aber halt! Bei Deinen schert es mich sehr, nimm Dir also bloß kein Beispiel an mir. Die großen Preise kommen noch, alles andere wäre lächerlich. Durch das Drumherum musst Du dann durch. Beiß einfach die Zähne zusammen, geht schon irgendwie. Denk an Deinen Vater, wie er Dich stolz anblickte, nachdem Du ihm sagtest: „Ich vertraue niemandem!“ Oder denk an das Ding, das er für 50 Pfennig auf dem Trödelmarkt gekauft hat: „Ich hab's für fünfzig Pfennig gekriegt! Ist doch egal, was es ist!“ Ein Bekannter von mir hat mal stapelweise zerlesene Bücher gekauft, weil er es nicht ertragen hat, sie zwischen den Konsaliks stehen zu lassen. Gelesen hat er sie vermutlich bis heute nicht, denn darum ging es nicht. Im Zweifelsfall, wenn irgendwas oder irgendwer nervt, denk ich an Deinen Vers: „alles nur topfblumen hier“. Der geht immer, weil er immer passt.

„es ist nicht wahr / dass die zeit / alle wunden heilt / es ist nicht wahr / dass jeder kriegt / was er verdient / es ist nicht wahr / dass man sich / an alles gewöhnt“

- dieses Gedicht in „faible?“ wieder zu finden, war schön, weil es damals stimmte und heute auch. Oft, wenn man nach Jahren in einem gelesenen Buch blättert, glaubt man, man hätte sich geirrt, man hätte es gar nicht gelesen, denn man liest, ohne sich an ein Wort zu erinnern. Beim Lesen von „faible?“ merke ich: Ich erinnere mich an jedes einzelne Gedicht. Auch an die lange zurückliegenden.

Die einzigen Bücher, die mein Vater las, waren Ratgeber von irgendwelchen Management-Hampelmännern, in denen ich als Kind manchmal blätterte. Ich erinnere mich, dass einer von denen in der Einleitung schrieb, seine Autobiografie (ca. 150 Seiten in Großdruck, da weißte, wasde hast...) sei, als würde man sich selbst am offenen Herzen operieren. Und ich hielt das damals schon für affektierten Scheiß von einem, der gar nicht weiß, was er sagt. Daran dachte ich, denn wer weiß, was er sagt, schreibt stattdessen:

„ich fürchte / mich vor dem glück / ich bin nicht geübt darin / ich fürchte / mich vor dem unglück / ich bin nicht geübt darin / ich halte mich fern / vom glück / ich halte mich fern / vom unglück / & dazwischen / liegt die bäckerei“.

Es braucht keine Regentage und keine Ruhrpott-Depression, um Deine Gedichte zu lesen. Das wäre zu passend. Man liest sie besser, wenn die Sonne brennt und blendet und mal wieder so tut, als wäre alles, wie es gar nicht ist.

In diesem Sinne … hadi öptüm
G.

faible? Best of Go-Güzel-Publishing, 200 Seiten, 12 Euro
hier bestellen: lguezel@yahoo.com

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