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Wir reden über Literatur
Kolumne

Die Stimmen der Freiheit

Es gibt Erdogan – und es gibt die andere Türkei, deren Stimme wir auch in der Literatur finden.

Türkische Literatur war in Deutschland lange Zeit ein Nischenprodukt. Deutsche Leser kannten allenfalls den Nobelpreisträger Orhan Pamuk, vielleicht noch Elif Shafak. Das ändert sich jetzt. Und langsam entdecken auch die Medien die Stimmen der „anderen“ Türkei.

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan ist laut. Er übertönt alle anderen. Er provoziert um jeden Preis. Und seine Anhänger machen es ihm nach, auch in Deutschland. Das führt viel zu oft dazu, dass die Stimmen der „anderen“ Türkei weniger wahrgenommen werden. Weil sie ruhiger sind, besonnener. Weil sie argumentieren statt zu polarisieren.

Aber diese Stimmen sind nicht weniger kraftvoll – im Gegenteil. In den letzten Monaten erschienen viele Bücher von türkischen Schriftstellern in deutscher Übersetzung, und sie zeichnen ein vielschichtiges Bild der Türkei. Ein Bild, das sich den alltäglichen Vereinfachungen entgegenstellt.

Da ist zum Beispiel Yavuz Ekinci. Er ist Kurde, stammt aus Batman, arbeitet in Istanbul als Lehrer und Schriftsteller. „Der Tag, an dem ein Mann vom Berg Amar kam“ (Kunstmann, München 2017) ist bereits sein siebter Roman. Aber es ist der erste, der auf Deutsch erscheint, übersetzt von Oliver Kontny. Er erzählt die beklemmende Geschichte des Walnusstals und eines kleinen Dorfes am Fuß des Berges Amar aus der Sicht seiner Bewohner. Die Dorfgemeinschaft lebt in Angst. Ständig schwebt über ihr der Schatten der drohenden Vernichtung. Und eines Tages hört Eyüp, der im Sterben liegt, von draußen seinen Sohn rufen: „Sie kommen!“. Obwohl nie erklärt wird, wer „sie“ sind, assoziiert man mit der unsichtbaren Bedrohung die türkische Armee oder den IS.

Die in einer märchenhaften, sehr unmittelbaren Sprache erzählte Geschichte ist durch die Gräueltaten im türkischen Südosten nach Aufkündigung der türkisch-kurdischen Friedensgespräche hochaktuell. Sie gibt jenen eine Stimme, die zwischen den Machtmühlen der großen Politik zermalmt werden.

Deren Geschichten erzählt auch Asli Erdogan in ihren Essays, die unlängst unter dem Titel „Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch“ (Knaus Verlag, München 2017) erschienen sind. Es sind jene Texte, wegen denen sie in der Türkei vor Gericht steht, wegen denen sie 2016 132 Tage lang inhaftiert war. Trotz der poetischen Sprache sind es Texte, die den Leser erschüttern. Schonungslos klagen sie die Gewalt, die Folter, das Unrecht an, von dem die heutige Türkei beherrscht wird. Erdogan schreibt über die Massaker in Cizre, wo 177 Menschen bei lebendigem Leib von der Armee verbrannt wurden. Sie schreibt über Menschen, die einfach verschwinden. Und über allem steht die Frage, wie es überhaupt möglich ist, dieses Entsetzen in Worte zu fassen. Die Hoffnungslosigkeit ist das zentrale Thema, und doch ist die reine Existenz solcher Schriften eine machtvolle Auflehnung gegen diese Hoffnungslosigkeit. Asli Erdogans Stimme ist eine Stimme der Freiheit, ein Symbol des unbedingten Willens zum Frieden. Und das macht sie zur Gefahr nicht nur für Recep Tayyip Erdogan, sondern für jeden, der Spaltung und Unterdrückung vorantreiben will. Schon immer war es so, dass Schriftsteller und Journalisten die ersten Opfer von Diktatoren wurden. Weil sie den einfachen Antworten schwierige Fragen entgegenstellen. Und den Zweifel.

Ece Temelkuran erzählt vom Zweifel und von schwierigen Fragen aus der Sicht von Kindern. Die Protagonisten ihres Romans „Stumme Schwäne“ (Hoffmann & Campe, Hamburg 2017, übersetzt von Johannes Neuner) sind erst acht Jahre alt. So alt wie die Autorin selbst zur Zeit des Militärputsches im Jahr 1980. In einem Interview mit taz.Gazete sieht Temelkuran die Ursprünge der heutigen Ereignisse in der gesellschaftlichen Spaltung und den Umwälzungen von 1980, als auf den Straßen sich Nationalisten und Linke bekriegten, als Sunniten Massaker an Aleviten verübten und die Unsicherheit regierte.

Es ist gerade die naive kindliche Perspektive, die den Reiz des Buches ausmacht – und seinen Schrecken. Die Beamtentochter Ayse und ihr guter Freund Ali, Sohn der Putzfrau von Ayses Eltern, fassen einen Plan: Sie wollen die Schwäne aus dem Ankaraner Schwanenpark retten. Weil sie befürchten, dass der spätere Putschgeneral Kenan Evren ihre Flügel brechen wird. Anfangs verstehen die beiden nicht viel von den düsteren Nachrichten, die ihren Eltern so große Sorgen bereiten. Sie können mit Begriffen wie „Faschist“ oder „Revolutionär“ nicht viel anfangen. Aber je näher der Terror rückt, je bedrohlicher die Lage wird, desto mehr verstehen sie auf einer elementaren Ebene, was geschieht. Die große Politik hebt das Leben der Kinder aus den Angeln. Und wie ihnen geht es auch heute wieder Zehntausenden Kindern, deren Eltern in Gefängnissen verschwinden. Es sind vor allem die Parallelen zwischen damals und heute, die Ece Temelkuran herausarbeitet. Geschichte wiederholt sich. So wie die Schwäne in Ankara im Jahr 2013 erneut gerettet werden mussten: Gezi-Demonstranten brachten sie vor dem Tränengas in Sicherheit.

Es sind vor allem die Frauen, die aufbegehren gegen das System Erdogan. Es ist ein patriarchalisches System, das ihnen nicht nur vorschreiben will, wie sie sich zu kleiden und zu verhalten haben, sondern auch, wie viele Kinder sie in die Welt setzen sollen. Es sind Frauen, die am Weltfrauentag zu Hunderttausenden in der Türkei demonstrierten, weil sie fürchten, dass all die Freiheiten, die sie sich gerade erst erkämpft haben, wieder zerschlagen werden. Diesen Frauen widmet sich die Istanbuler Autorin Gaye Boralioglu in ihrem Erzählband „Die Frauen von Istanbul“ (Größenwahn Verlag, Frankfurt 2016, Deutsch von Monika Carbe & Wolfgang Riemann).

Die kurzen Geschichten werfen kleine Schlaglichter auf das Leben von Frauen in der heutigen Türkei. Die Protagonistinnen sind oft in sich gekehrte Charaktere, die sich ein dickes Fell haben wachsen lassen gegen herrische Ehemänner und eine Öffentlichkeit, in der die Frau an sich eine untergeordnete Rolle spielen soll. Und immer wieder gibt es die kleinen Ausbrüche. Wie die Großmutter, die mit ihrer Enkelin Kurdisch spricht. Und die Enkelin glaubt, ihre Oma spreche eine Fantasiesprache.

Gaye Boralioglu saß im Putschjahr 1980 selbst für einige Monate in Haft, weil sie an der Uni in politischen Gruppen aktiv war. Auch für sie muss das Jahr 2016 ein unangenehmes deja-vu gewesen sein. Und so sehr ihre Figuren von Einsamkeit geprägt sind, so sehr sind ihre Geschichten Befreiungsschläge aus den Ketten gesellschaftlicher Zwänge. Während man das Buch liest, weiß man eines mit Sicherheit: Jede dieser Frauen würde ihr Kreuz bei „Hayir“ machen.

In keinem Land Europas wir statistisch weniger gelesen als in der Türkei. Dabei ist die junge türkische Literatur voll von Stimmen der Freiheit, von Stimmen, die in den Kanon der Weltliteratur gehören. Dass sie auch auf Deutsch vorliegen ist ein Gewinn. Für jeden, der sie liest. Und sie zu lesen kann dabei helfen, den Blick von den Klischees ab- und der anderen Türkei zuzuwenden.

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