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Kolumne

Die 11. Literaturtage Bielefeld [2]

Fatma Aydemir liest aus „Ellbogen“

Seltsamerweise wird an diesem Lesungsabend kein Wort darüber verloren, dass Ellbogen, Fatma Aydemirs Debüt, in wenigen Wochen im Bielefelder Theater Premiere feiern wird. Zeit online bezeichnete das Werk als dramaturgisch misslungen, vor dieser Einschätzung ist es schon ein gewisser Witz, dass der Roman für die Bühne adaptiert wird.

Stattdessen referiert die Moderatorin brav, dass Fatma Aydemir 1986 in Karlsruhe geboren wurde und als Journalistin arbeitet. Seit kurzem leitet sie das zweisprachige Onlineprojekt taz.gazete. Dass sie seit zwei Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft hat, und ihre Großeltern als Gastarbeiter nach Deutschland kamen, als Aydemirs Eltern Teenager waren, erzählt sie später im Gespräch über ihr Buch, eine Unterhaltung, die zunächst stockend anläuft, zum Ende aber doch noch ganz interessant wird.

Jedenfalls ist Fatma Aydemirs Roman ziemlich erfolgreich. Im September erhielt sie den mit 10.000 Euro dotierten Klaus-Michael-Kühne-Preis des Harbour-Front-Literaturfestivals für den besten Debütroman des Jahres, das Buch wurde in nahezu allen namhaften Zeitungen besprochen, die Wut, die dieses Mal eine weibliche Protagonistin auslebt, hat offensichtlich in ein Wespennest gestochen. „Dieser Tritt das bin ich“, sagt Hazal als sich ihre ganze aufgestaute Wut an einem Studenten entlädt, und dieser Tritt landete auf dem aufnahmewilligen bis begeisterten Boden der Rezensenten.

Aydemir liest eine Szene in der Hazal, die wütende Protagonistin des Romans, beim Abendessen mit ihrer Familie agiert. Da ist viel Milieuschilderung, viel Migrationsproblematik, die sich zum Beispiel darin niederschlägt, dass die Eltern das türkische Fernsehen gucken, während Hazal auf deutsche Sender umschaltet, aber auch ganz viel ganz normale Reibung zwischen Pubertierenden und Eltern. Mutter und Tochter zicken sich an, der Vater wartet nur auf den geeigneten Augenblick, um zu verschwinden.

Hazal, sagt Aydemir im anschließenden Gespräch, sehnt sich nach Unabhängigkeit und obwohl dem Leser schnell klar wird, dass diese Unabhängigkeit aus finanziellen und familiären Gründen nicht möglich ist, ist Hazal selbst so naiv zu glauben, ihr bevorstehender achtzehnter Geburtstag wird die lang ersehnte Freiheit bringen.

Die nächste Szene spielt in der Schlange zum Berghain. Hazal und ihre Freundinnen sind schon ziemlich angetrunken, aufgetakelt sowieso. Und dann geschieht die Katastrophe, die jungen Frauen werden nach Hause geschickt. Die Tür des angesagten Clubs bleibt für sie, wie so viele andere Türen in ihrem Leben, verschlossen. Jetzt beginnt die ohnehin ständig auf kleiner Flamme kochende Wut zu lodern, und auf die anderen überzugreifen. Hier kommt Aydemir in Fahrt, sie liest rastlos, fast gehetzt, so ähnlich, wie Hazal sich vermutlich fühlt. Schließlich treffen die drei Freundinnen auf einen Studenten, der sich abfällig, sexistisch und rassistisch über sie äußert. Und die Katastrophe nimmt ihren Lauf.

Aydemir sagt, sie habe herausfinden wollen, wie Gewalt im öffentlichen Raum entsteht, und dass der Student ein zufälliges Opfer sei.

In der letzten Sequenz, die Fatma Aydemir liest, ist Hazal bereits in Istanbul. Geflüchtet vor ihrer Tat, die sie nicht bereut, untergeschlüpft bei einer Chat-Bekanntschaft, Mehmet. Auch hier warten Enttäuschungen auf sie. Istanbul ist nicht die Traumstadt, sondern ein Ort mit Armut und sozialer Ungleichheit, ein Ort, an dem Hazal sich unsicher fühlt und wieder einmal nicht findet, was sie sucht.

Auf die Frage eines Zuhörers, ob es Hoffnung in der Hoffnungslosigkeit von Hazals Geschichte gebe, antwortet Aydemir „Ellbogen“ sei eine Emanzipationsgeschichte. Hazal scheitert zwar häufig, aber sie fängt an, eigene Entscheidungen zu treffen.

Fatma Aydemir hat sich gut geschlagen in einer schlecht moderierten Lesung vor einem gespaltenen,1 aber zahlreichen Publikum.

  • 1. Eine Hälfte des Publikums verlangt, ermutigt durch die Worte Ransmayrs von der Geiselhaft bei Autorengesprächen, das Aydemir nur lesen solle, die andere Hälfte schweigt und stellt nach anfänglicher Irritation eigentlich ganz interessante Fragen.

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