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Kolumne

Frankfurter Buchfunde

Von Jahr zu Jahr werden es weniger und wenn man mit den Verlagen spricht, zweifeln manche, ob sie im nächsten Jahr noch mit einem Stand auf der Frankfurter Buchmesse vertreten sein werden, aber noch gibt es sie, noch sind sie da, deswegen möchte ich über sie schreiben: Buchkunstverlage und ungewöhnliche Verlage mit ganz besonderen Büchern. Frankfurter Buchfunde, das sind meine persönlichen Entdeckungen beim Streifen durch die Hallen und Gänge, Bücher, über die ich gestolpert bin, an denen ich hängen geblieben bin und die mich fortkatapultiert haben aus dem Messelärm und –trubel hinein in fremde Welten und Zeiten, an Orte, an denen es ganz still ist und man nur das leise Rascheln von Papier beim Umblättern der Seiten hört.

Beginnen möchte ich mit der redfoxpress, die mich schon letztes Jahr begeisterte. Heuer gab es in den Regalen des kleinen aber übervollen Standes eine sehr große Anzahl von Büchern, die als neu markiert waren, daher stelle ich hier nur eine kleine Auswahl daraus vor.

redfoxpress, das bedeutet oft eine Einladung zu einer Zeitreise in die Vergangenheit oder die scheinbare Vergangenheit, da sie viel altes Foto- und Bildmaterial verwenden, oder auch durch alte Polaroid-Kameras auf unsere Gegenwart blicken. Eine Zeitreise der besonderen Art ist das Buch „once upon a time in the supermarket“. Es enthält Material, das sie ursprünglich für ein anderes Buch, „Grand Bazar“ gesammelt hatten. „Grand Bazar“ ist ein großformatiges Buch mit 40 Siebdrucken von Franticham, die alle um das Thema Supermarkt und Konsum kreisen und alte Bildmotive aus der Werbung weiterverarbeiten:

„once upon a time in the supermarket“ ist die kleinformatige Materialsammlung dazu, die aber auch für sich alleine stehen kann und überaus unterhaltsam ist. Man sieht alte Sparangebote, Werbefotos, die Neueröffnung eines Supermarkts ebenso wie Proteste für niedrigere Lebensmittelpreise. Damit erzählen die Bilder ihre eigene Geschichte, die zugleich auch unsere ist, denn der Weg in den Supermarkt ist ein alltäglicher.

Auch eine Zeitreise ist „Vintage Match Box Labels – Coffee“. Es mag vielleicht überraschen, wie viele verschiedene Kaffee-Werbungen auf Zündholzschachteln es gab, schön zum Ansehen sind sie allemal. Die Sammlung enthält Kaffee-Werbungen aus verschiedenen Ländern, einige sind auf Deutsch, andere Französisch oder Belgisch. Während die meisten Werbungen Bilder für sich sprechen lassen, engagierte KAISER’S KAFFEE einen hochmotivierten Werbetexter: „Für KAISER’S KAFFEE merk’ Dir dies: stürz’ ihn nicht runter – nein genieß!“

Ein ganz anderes Buch ist da „R.I.P. in Venice“. Es enthält Fotos vom Friedhof in Venedig, genauer gesagt Nahaufnahmen von Grabsteinen. Denn eine Besonderheit venezianischer Gräber ist es, dass auf den Grabsteinen ein schwarzweiß Foto des Verstorbenen oder der Verstorbenen zu sehen ist. Eine andere Besonderheit sind die knallbunten Plastikblumen daneben oder davor, welche die Fotos manchmal gar teilweise verdecken. Zusammen ergibt das einen unheimlich starken Kontrast, der durch die Nahaufnahme der Fotos noch stärker zur Geltung kommt.

Und wieder ganz anders, um mit schnellen Schritten die Vielfältigkeit der redfoxpress abzuschreiten, ist das Buch „Escrito a Mano“ von Antonio Gómez aus der Reihe „C’Est mon daDa“. Es enthält Abbildungen von kleinen Papiercollagen, die als Ausgangsmaterial handschriftliche Zeilen in unterschiedlichen Schriftfarben miteinander kombinieren. Die Papierstreifen und Stücke wurden dafür ineinander gefaltet und geflochten oder übereinandergeschichtet und geklebt. Das Schriftbild der Handschrift ist mehr im Vordergrund, als der Inhalt und die Worte, da sich diese nur manchmal stellenweise entziffern lassen. Die Schrift-Collagen bilden dabei geometrische Formen (z.B. einen Würfel), aber auch Gegenständliches (wie Puzzleteile, Sterne oder einen Menschenkopf). Die verwendeten Farben sind blau, schwarz und rot.

Das Ganze ist überaus anregend, ich denke an die vielen Stapeln handschriftlicher Vorfassungen bei mir zu Hause als Autorin und Rezensentin und sehe mich schon schnipseln und flechten und kleben... Also lieber schnell weiter zum nächsten Verlag, dessen Bücher mir gerade wegen ihrer Winzigkeit aufgefallen sind: die Poste Aérienne mit der Edition „Mikrokosmos“.

Die Poste Aérienne ist ein Kollektiv, das mit befreundeten deutschen, europäischen und internationalen Künstlern und Künstlerinnen zusammenarbeitet. Das Kollektiv ist in Deutschland und Belgien verortet. Und Mikrokosmos, das sind winzige quadratische Heftchen mit einem Seitenumfang von zwölf Seiten. Es gibt bisher drei Serien mit je zwölf Heften, also insgesamt 36 Einzelhefte. Jede Serie hat zwei Farben im Offset-Druck zur Verfügung. Bei der ersten waren es rot und blau, bei der zweiten grün und gelb und bei der dritten orange und braun. Jedes Heft des Mikrokosmos ist von einem Illustrator oder einer Illustratorin gestaltet, darunter auch bekannte Namen wie Craig Atkinson, Henrik Drescher oder Ute Helmbold. Neben internationalen Gästen haben zahlreiche Mitglieder der Poste Aérienne – etwa Dieter Jüdt, Claudia Pomowski oder Frederik Jurk – ein oder mehrere Hefte kreiert. Initiiert und herausgegeben wurde die Edition von Boris Servais. Manche der Mikrokosmen erzählen ausschließlich über Bilder, bei anderen kommt Text vor oder spielt sogar eine zentrale Rolle. Schön und besonders sind sie alle. Die drei Serien entstanden über Jahre und es gibt jedes der 36 Hefte einzeln oder auch alle auf einmal in einer eigens gefertigten Holzbox zu kaufen.

Buchmesse, das ist vor allem eines: Eine ungeheure Horizonterweiterung, lässt man sich nur auf Gespräche mit Menschen und Büchern ein. Es gibt Bücher zu allem und zu allem Bücher, das kann einen schon einmal erschlagen, wenn man sich in den Weiten der Hallen ganz zu verlieren droht. Aber es kann auch ungemein spannend sein, wenn man sich einfach eines der zahllosen Bücher heraus nimmt und zu lesen beginnt um beispielsweise zu erfahren, was es denn mit „The secret life of Date Palms“ auf sich hat. Und ich erfahre vieles, was ich nicht wusste oder mir nicht bewusst gewesen war, wie die Symbiose von Mensch und Palme: „In the early years of the Arabian Peninsula, neither human life nor palm trees could survive without the other.“ Oder der Tatsache, dass man aus Palmblättern Papier machen kann: „From the paper mills of Samarkand to the libraries of Baghdad and Alexandria, palm leaf paper was once the hallmark of academia and religious study.“ Wobei sich die Dattelpalme zur Papierherstellung nur schlecht eignet.

Papier, damit kennt sich John Gerard aus wie nur wenige sonst, ist er doch Papierschöpfer und schöpft es selbst für seine handgebundenen Künstlerbücher, die damit alle ein Unikat sind. Er sieht Papier als ein Bild und nicht als schlichten Träger von Informationen. Handgeschöpftes Papier, das bedeutet taktile Erlebnisse, eine sinnliche Erfahrung die nicht alltäglich ist. Für einen Papierschöpfer ist Papier kein fester Gegenstand, sondern etwas Flüssiges.

Als erstes Buch von John Gerard möchte ich „konfiguration II“ von Hans Arp vorstellen. Es enthält ein mehrteiliges Gedicht von Hans Arp und übersetzt es in ein Buch. Das Gedicht beginnt mit den Zeilen: „das ei aus feuer. das ei aus wasser. das ei aus wind / im seidenen sack. das ei aus luft.“ Daher wird das Ei vom Buch als Motiv aufgegriffen und es enthält graue und weiße Eier, sowie bunte, welche die Besonderheit aufweisen, dass sie sich drehen lassen. Diese Drehbewegung entspricht dem Gedicht sehr gut, da sich in ihm die Worte auch zu drehen scheinen, weil sich die Satzstrukturen immer wieder wiederholen und die Worte darin ihre Positionen vertauschen und wechseln, fast wie bei einem Sesseltanz.

4.
die buchstaben aus feuer. die buchstaben aus wasser.
die buchstaben aus luft.
alle hundert jahre machen die steine einen schritt
vorwärts. die steine tragen als schuhe tische mit vier beinen.

Was man als Papierschöpflaie nur erkennt, wenn man darauf aufmerksam gemacht wird, ist noch ein anderer Grund, warum dieses Buch sehr besonders ist: Das handgeschöpfte Papier der Seiten ist nämlich beidseitig bearbeitet, was nur sehr schwer zu bewerkstelligen ist.

Künstler-Unikat-Bücher sind meist sehr besonders und sehr schön, weisen aber oft einen nicht unerheblichen Nachteil auf: Sie sind für normale Buchliebhaber ohne Lottogewinn einfach nicht und nie leistbar. John Gerard hat sich darüber Gedanken gemacht und dann damit begonnen, auch ganz kleine Bücher zu machen – mit der gleichen Sorgfalt und Qualität, wie die größeren, aber eben zu erschwinglichen Preisen. Auch diese Bücher sind aus handgeschöpftem Papier und handgenäht. Ein Buch – ein Gedicht, ein Gedicht – ein Buch. So lässt sich diese Reihe zusammen fassen. Die Gedichte stammen dabei von Autoren wie Shakespeare, Hesse, Rose Ausländer, oder Theodor Fontane. Die kleinsten enthalten ein einziges Haiku, beispielsweise dieses von Goschiku:

Die ganze Nacht.
Das Geräusch des Wassers sagt,
was ich denke.

Das Buch besteht aus zwei handgeschöpften Papieren. Den Einband bildet ein helles stärkeres Papier, das grau getupft ist. Das innere Papier ist ganz besonders, da es aus Flachsfasern ist und damit sehr dunkel und fast durchscheinend, was dem Haiku sehr gut entspricht. 

Ein Buch, welches ein wenig umfangreicher ist als das zuletzt beschriebene, ist „nichts um nichts“ von Uwe Warnke.

immer noch nichts im nichtstext
nichts genaues
nichts näheres
nichts neues
zumindest nichts gutes
nichts anderes

Es besteht aus 3 Bögen handgeschöpften Papiers. Der erste bildet wieder den Einband, der zweite Bogen enthält den Titel als Wasserzeichen und der dritte in der Mitte enthält das Gedicht von Uwe Warnke auf einer Doppelseite. John Gerard ist auch ein Spezialist für Wasserzeichen, einige seiner Bücher arbeiten damit und enthalten Bilder oder Text als Wasserzeichen im Papier.

Dieses Buch möchte ich gleich als Überleitung zum nächsten Künstlerbuchverlag nützen, ist doch Uwe Warnke der Standnachbar von John Gerard. Sehr weit oben im Regal, aber dennoch auffällig wegen dem grünbunten Cover stand da das Buch „Don Cosmic“. Das mehrteilige Gedicht stammt von Marcel Beyer und ist aus seinem Band „Graphit“. Handschrift und Gouachen stammen von Klaus Zylla, der aus diesem Gedicht ein eigenes großformatiges Künstlerbuch machte. 13 Gouachen und Zeichnungen begleiten den handgeschriebenen Text. Eigentlich kannte ich das Gedicht schon, da ich den Band ja rezensiert habe. Dennoch erkannte ich es nicht sofort, da Klaus Zylla es zu einem eigenständigen Werk werden lässt, das für sich steht und keinerlei Kontext bedarf.

[...] Gebt Rillen, Höllenyards, gebt
uns den Groove, laßt endlich die ganze
Geschichte kippen, alles ins
Zwischenreich, alles in Moll. Her mit

dem Bademantelblues, gebt uns
die Ohren voll, der Zucker steht im
Rohr, steht gut. [...]

Das Gedicht handelt von Don Cosmic, dem Posaunisten Don Drummond, der 1965 seine Geliebte Margarita erstach und daraufhin in eine Psychiatrie eingewiesen wurde. Dass es um Musik geht wird in den Gouachen sehr deutlich, da das Gedicht in ihnen und mit ihnen richtiggehend zum Tanzen gebracht wird. Von den Farben her ist es sehr laute und wilde Musik, neugierig geworden höre ich schnell hinein, wie das so klingt, höre Schallplattenrauschen und bin etwas überrascht, als es doch wesentlich gemütlicher und weniger grell zugeht, als ich nach den Bildern erwartet hätte. Aber das Gedicht handelt ja auch nicht allein von der Musik von Don Cosmic, sondern von dem Danach, dem Ende der Musik:

[...] So. Kalt erwischt. Keine fast
magisch hingehauchten Phrasen mehr,
keine zwölf Takte Schwermut und

kein: Dinah, du bringst mich noch ins Grab.

Insofern entsprechen die Gouachen dem Gedicht sehr gut, da sie nicht die Schwermut der Musik, sondern die Grellheit des Lebens von Don Cosmic auf ihre Weise nacherzählen.

Auch noch über ein anderes Künstlerbuch aus dem Uwe Warnke Verlag möchte ich schreiben, da es so besonders ist: „Henoch“ von Ottfried Zielke. Es ist das letzte Künstlerbuch, das er noch vor seinem Tod (80jährig am 16.9.2016) abgeschlossen und signiert hat. Das Buch ist ein fertig gebundenes Packpapierbuch und wäre eigentlich als Skizzenbuch gedacht gewesen. Aber 2014/15 begann Ottfried Zielke damit, direkt in das Buch zu malen und so nach und nach alle der 40 Doppelseiten zu bemalen.

Das Buch enthält nicht allein Bilder, sondern auch handschriftlichen Text, der immer in Beziehung zu den Bildern tritt. Erzählt wird die Geschichte von Henoch, dem Sohn Kains. Er lebte 365 Jahre, was folgendermaßen erklärt wird: „Henoch nahm an einer Versammlung teil, auf der diejenigen ausgewählt wurden, die eine Erweiterung ihrer Lebenszeit erfahren sollten.“ Und auch nach den 365 Jahren stirbt er nicht, sondern wird abgeholt, von einer Wolke hinweg getragen. Es gibt ein sehr starkes Bild, in dem diese rote Wolke schon zu sehen ist, aber noch in einem Käfig aufbewahrt ist.

„Laufet über das Wasser und springet über euren Schatten.“ Dieser Satz wirkt nochmals anders, wenn man weiß, dass er von jemandem aufgeschrieben wurde, der zu diesem Zeitpunkt nur mehr ganz langsam gehen konnte. Als Ganzes ist es ein ungemein zuversichtliches und positives Buch, es gibt Bilder, in denen der kindlich anmutende Henoch Turnübungen zu machen scheint um sich auf den letzten Aufstieg vorzubereiten. Auf einem trägt er gar das Superman-Zeichen auf seiner Kleidung. Das Buch malte Ottfried Zielke, während er auf den vierten Schlaganfall wartete. Es ist ein tröstliches, Trost spendendes Buch voller Lebensfreude, das auch ganz bunte Seiten enthält, wie die, auf der ein kunterbuntes Chamäleon zu sehen ist.

Zu dem Buch gibt es eine passende Box. Auch diese ist von Ottfried Zielke bemalt. Sie zeigt ein kleines schwarzes Männlein mit Hut, das eine schwarze Treppe vor weißem Hintergrund hinauf steigt. Als er einmal am Telefon gefragt wurde: „Herr Zielke, sind Sie gläubig?“ folgte eine kurze Pause und dann die Antwort: „Leider nein.“

Im gleichen Gang wie die Verlage von John Gerard und Uwe Warnke findet sich die Hirundo Press von Caroline Saltzwedel. Zu ihren Büchern sagt sie folgendes: „Ein Künstlerbuch bedeutet für mich immer einen Dialog zwischen Wort und Bild, zwischen Interpret und Dichter, und jedes wächst organisch anders.“ Die Unterschiedlichkeit ist tatsächlich enorm und zeigt sich schon, wenn man zwei Beispiele herausgreift. Beginnen möchte ich mit dem Buch „Fire / Feuer“, das acht Gedichte zum Thema Feuer von Robert Crawford auf Englisch und in der deutschen Übersetzung von Caroline Saltzwedel sowie Originalgraphiken von ihr enthält.

PARSI

Just hold out your arms
To the sun. Stand. Feel your wrists
Pulsing with worship.

Caroline Saltzwedel geht immer vom Text aus. Dass dieses Buch „Feuer“ zum Thema hat, würde man schon alleine vom Holzschnitt-Bucheinband her erkennen, der einfach wunderschön ist:

Die Auflage des Pressendruckes beträgt 120 Stück, alle sind nummeriert und signiert. Darin enthalten sind zwei Radierungen. Und dann gibt es noch ein großes Künstlerbuch dazu, ein Leporello aus sechs Farbradierungen mit den englischen Gedichten, in einer Auflage von 10 Exemplaren.

Das zweite Buch, das ich bei der Hirundo Press bewundert habe, ist „Grotesken von Sabbioneta“, von Tobias Roth. Besonders spannend an Buchmessen finde ich immer, wenn man Bücher zu sehen bekommt, die es eigentlich noch gar nicht gibt, wie dieses hier. Caroline Saltzwedel zeigte und erklärte das Muster, Tobias Roth erzählte einiges zur Entstehung und zum Hintergrund seines Textes und las auch einen Auszug daraus vor.

[...] und hier
Wird Sand in den Sumpf geschüttet, bis er die
Stadt trägt. Sabbioneta ist kleiner, ist
Leiser, zu leicht, um zu versinken. [...]

Ausgangspunkt für das Buch ist die Stadt Sabbioneta, nahe von Mantua gelegen. Sabbioneta ist eine Renaissancestadt, von Vespasiano Gonzaga gegründet, die als Idealstadt erbaut wurde und alles enthält, was so eine Stadt benötigt – Paläste, ein Theater, Kirchen, eine Synagoge. Die Stadtmauer ist sternförmig und gleicht einer Distel. Das Absurde an dieser Stadt ist, dass sie völlig abgelegen liegt, quasi mitten auf dem Feld steht und von der Einwohnerzahl eher einem Dorf denn einer Stadt gleicht. Beides hat dazu geführt, dass es keinerlei Stadterweiterungen gab und bis heute der original Grundriss der Renaissancestadt erhalten ist. Mehr als genug Material also für einen Autor wie Tobias Roth und eine Künstlerin wie Caroline Saltzwedel.

An dieser Stelle möchte ich gerne sowohl einen visuellen Vorausblick auf das Buch, als auch auf den Text geben. Hier die Skizze des Stadtplanes, welche als Vorlage für einen Holzschnitt von Caroline Saltzwedel dient, der dann auf dem Cover zu sehen sein wird:

Das Langgedicht von Tobias Roth dreht sich um die Stadt, ihre Geschichte, Architektur, Fresken und Statuen.

Der Papst befiehlt, den Talmud zu verbrennen;
Mantua und Venedig gehorchen nicht;
In Sabbioneta wird die jüdische
Gemeinde beauftragt, eine Druckerei
Zu gründen mit dem frischen Gerät aus Mainz.

„Grotesken von Sabbioneta“ geht jetzt im Hamburger Museum der Arbeit in Drucklegung und wird im März 2018 erscheinen.

Ein anderer Verlag, der sehr besondere und schöne bzw. besonders schöne Bücher macht, ist die Edition Klaus Raasch. Das Buch, in das ich mich auf der Messe in der Ecke des Verlagsstandes vertieft habe, trägt den Titel: „Wie ein Traum! Emil Orlik in Japan“. Das Buch versammelt Holzschnitte, Lithografien und Radierungen von Emil Orlik. Am 4. März 1900 reiste er nach Japan und verbrachte dort 10 Monate um die Kunst des japanischen Farbholzschnittes zu erlernen.

Emil Orlik suchte das alte Japan, das ihm aus Holzschnitten wohlvertraut war. Was er dann vorfand, entsprach allerdings nicht ganz seinen Erwartungen:

(...) Man ist hier am Anfang so sehr enttäuscht über viele Dinge, die man sich so ganz anders vorgestellt hat: lernt man aber den scheusslichen modernen Firniss mit dem hier leider schon so vieles überzogen ist abzunehmen, so findet man doch, dass die Dinge hier noch über Erwarten schön sind.

Er sprach Japanisch und konnte sich daher frei und ohne auf Fremdenführer angewiesen zu sein im Land bewegen. Im Sommer flüchtete er vor der Sommerhitze aus Tokio und unternahm eine fünfwöchige Fußwanderung in „das von Europäern kaum besuchte Landesinnere und die Nordprovinzen, um das wirkliche Japan, das von der Cultur noch nicht abgeleckt ist, kennenzulernen.“

Soviel zum Hintergrund, nun zurück zu den Abbildungen seiner Kunstwerke, die ungemein spannend sind, da er versucht, sich nicht nur die Techniken des japanischen Farbholzschnittes anzueignen, sondern selbst „japanische“ Farbholzschnitte anzufertigen. Das heißt, er ist sehr bemüht darum, seinen europäischen Blick nicht zu verraten und auch die fremde Sprache der Motivik und des Bildaufbaus zu lernen. Seine Lithographien sind eine erste Erkundung im neuen Gelände, sie zeigen Landschaften und sind noch sehr europäisch geprägt. Die Farbholzschnitte und Radierungen zeigen vorwiegend Menschen und wirken sehr japanisch. Besonders eindrücklich ist der Farbholzschnitt „Ein Windstoß (Der Windstoß)“, 1901. Er zeigt einen Weidenbaum, der von einem heftigen Windstoß erfasst wird. Die einzelnen Äste sind dabei ungemein dünn. Emil Orlik war wirklich ein Meister des Farbholzschnittes. Aber trotz allen Versuchen der Mimikry, gelingt es ihm nie vollständig, seinen europäischen Blick auf Japan ganz zu verschleiern. Worin diese feine Nuance des Unterschiedes liegt, lässt sich nicht leicht festmachen, wird aber etwas deutlicher, wenn man zum Vergleich beispielsweise die Farbholzschnitte von Hiroshige betrachtet. Auch das geht auf einer Buchmesse sehr leicht, ein paar Hallen weiter gibt es da eine Neuerscheinung, eine Hardcoverausgabe zu „Hiroshige“, herausgegeben von Matthi Forrer, erschienen bei Prestel. 288 Seiten Hiroshige, 300 Farbabbildungen, ein Buch, das absolut großartig ist, wäre es nicht gar so groß und schwer und damit kaum zu tragen.

Aber so ist es eben auf einer Buchmesse, es gibt einfach viel mehr Bücher, als man tragen kann und das ist ja auch gut so. Und nicht immer muss ein Buch auch wie ein Buch aussehen, das ist auch etwas, das man auf einer Buchmesse lernen kann. Denn auch diese Flasche hier ist zum Beispiel ein Buch mit ISBN-Nummer:

Eine Buchmesse voller Ungewöhnlichkeiten also, wenn man sich nur Zeit für sie nimmt und genauer hinsieht. Ein anderer Verlag, der sich auf sehr stille, aber eindrückliche Art von den anderen rund um unterschied, war der Kinderbuchverlag Volatilium. Denn da wurde die rückseitige Wand von einem Künstler von Tag zu Tag weiter ausgemalt:

auch gar keinen Anspruch auf Vollständigkeit, möchte nur andere teilhaben lassen an den Büchern, die mich überrascht und mir Freude bereitet haben.

Alle Fotos (c) Astrid Nischkauer

Bücherliste
Franticham: „once upon a time in the supermarket“, redfoxpress, 2017.
Franticham: „Grand Bazar“, redfoxpress, 2013.
Franticham: „Vintage Match Box Labels – Coffee“, redfoxpress, 2017.
Franticham: „R.I.P. in Venice“, redfoxpress, 2017.
Antonio Gómez: „Escrito a Mano“ aus der Reihe „C’Est mon daDa# 114, redfoxpress, 2017.
Mikrokosmos, Poste Aérienne
Cyril Veillon:„The secret life of Date Palms“, Archizoom
Hans Arp: „konfiguration II“, John Gerard
Goschiku: „Die ganze Nacht“, John Gerard
Uwe Warnke: „nichts um nichts“, John Gerard
Klaus Zylla / Marcel Beyer: „Don Cosmic“, 57 x 38,5 cm, 22 Seiten, Unikat, Uwe Warnke Verlag: Berlin 2017.
Ottfried Zielke: „Henoch“, Unikates Malerbuch, Uwe Warnke Verlag: Schiffmühle 2015.
Robert Crawford: „Fire / Feuer“, Caroline Saltzwedel, Hirundo Press, 2017.
Tobias Roth: „Grotesken von Sabbioneta“, Caroline Saltzwedel, Hirundo Press, März 2018.
Birgit Ahrens, Rüdiger Joppien: „Wie ein Traum! Emil Orlik in Japan“, Edition Klaus Raasch, 2012.
Matthi Forrer: „Hiroshige“, Prestel, 2017.
Reza Zashkani: „Letters to the sea“, Kargahe Sepas

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