Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kolumne

Blanka Beirut – Tagebuchstaben 3/17

Gewöhnungen an Ungemüter oder Im Haubenhaus wohnt die Taube ohne Angst

..zeigt der Sittich mit seinem Schnabel auf einen gefalteten oder gerollten Zettel, den man erreicht bekommt und auf dem ein Vers von Hafiz steht, man nennt dieses Orakel f稷-e Hafis ...“ Mathias Enard

Rauchende Sicherheit über den Dächern von Köln. Himmelfarbe aus zertretenem Kaugummi und Aprikose. Blanka Beirut flaniert in der wundervollen Stube Freier Tag. Wandbehang wie es ihr gefällt und Stundenklang wie Sektzwitschern. Plötzlich wollen  Minuten voll seltsamen Geruchs ihre Aufmerksamkeit. Blankas Nase kräuselt sich. Es ist der Zeitgeruch namens Gewöhnungen der da auf Flimmerhärchen hockt und sich nicht wegschnäuzen lässt. Ja, die Gewöhnung an jene, die dem Himmel das Blau stehlen wollen, setzt ein. Aber Blanka Beirut will sich nicht gewöhnen. Schon gar nicht an DIESE Gemüter, besser Ungemüter, die neuerdings überall etwas zu sagen haben und sogar Blankas Steuergeld kriegen. Ja, auch Leute of Kalla müssen für die, die ohne Vorankündigung zu Scheißfarbenen werden, bezahlen. Und Männer bringen die mit, selten eine Frau, die Muskeln voller Salz und die Zunge ein fetter lahmer Fisch, der dem Einheitskonsonanten fröhnt. Dieser lässt sich mit Bier herstellen und auch ihr Hobby, Frieden vernichten. Wie die Taube im Fänger langsam verblutet, denkt Blanka. 

Aber selbst wenn sie wollte, könnte sie sich nicht gewöhnen. Dazu müsste sie Weißhäuterin sein mit arisch reinem Pass. Nur die können sich gewöhnen und viele von ihnen tun es rasch.

Abrupt verlässt Blanka die Flanierstube Freier Tag und niest den Gewöhnungsgeruch gezielt in einem Rutsch auf die Straße, wo sie liegt wie Vogelkot. Was weiter?

Im Haubenhaus wohnt die Taube ohne Angst, trällert der Nymphensittich, der einen neuen Beruf gefunden hat: Orakelvogel für Mensch und Tier aller Kalla. Nicht nur von Hafiz, wie seine iranischen Federnkollegen, die auf Bettlerschultern durch die Gassen Teherans gehen und Weissagungen verticken. Nein, vor allem den wahren Gestank der Scheißfarbenen verkündet der Nymphensittich, bevor sich sämtliche Nasen dran gewöhnen, wie die der Städter an Abgas- und Müll- und Hundekot-Olfaktorien.

Blanka wundert sich. Seit wann nennt der Nymphensittich sie Taube? Und wo ist dieses Haubenhaus? Doch schon hat sie ein Orakelblatt in der Hand. Hinter Zimt und Zeit. Mein Täubchen.                                                   

Fixpoetry 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge