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Kolumne

Hafenlesung in Basel!

Von Freiburg bis Basel fahre ich eine Stunde. Von Freiburg bis Hamburg ungefähr acht.

Was für eine Gelegenheit also für mich, eine Hafenlesung zu besuchen, die mir sozusagen vor die Haustür geliefert wird. Ich ahne aus der Ferne, dass da etwas Besonderes geschieht.

Das Internationale Literaturfestival BuchBasel hatte vom 10. bis 12. November geladen mit der Absicht, unter dem Titel Evolution im Wasserglas wieder „junge, innovative Formate“ vorzustellen. 

„Die Hafenlesung wird von foundintranslation organisiert, einem internationalen AutorInnenkollektiv, das sich seit 2014 für eine Dynamisierung der Hamburger Literaturszene einsetzt“, heißt es auf Homepage der Hafenlesung.

Tomás Cohen, Mit-Initiator der Lesereihe, bedankt sich für die Einladung nach Basel und freut sich über das „erste Gastspiel“, das die Hafenlesung hier habe. Mit ihm sind auch die anderen vier Mitglieder des Autorenkollektivs gekommen, die eigene Texte lesen: Lubi Barre, Nefeli Kavouras, Jonis Hartmann und Hugh James. Zu Gast sind außerdem Arno Camenisch  und zwei Mitglieder des „collectif littéraire“ AJAR.

 

Neben dem Deutschen höre ich also Texte auf Spanisch, Rätoromanisch, Englisch und Französisch von Autorinnen und Autoren, deren sprachliche Wurzeln in Chile, Somalia, Griechenland, der Schweiz und Neuseeland liegen.

Es gibt ein Podium. Es gibt Wassergläser auf dem Podium. Aber es gibt keine Wasserglaslesung. Stattdessen die Vorstellung eines Konzepts, das die „Literaturszene attraktiver und zu einem Ort der Begegnung neuer AutorInnen, Nationen und Generationen mit ihrem Publikum“ machen will. Und dieses Konzept geht auch beim Gastspiel in Basel auf:

Bislang fanden die Hafenlesungen im GOLEM statt, einem der wichtigsten Hamburger Clubs direkt am Elbufer. Nach der Lesung hier in Basel freut sich Nefeli Kavouras, dass sie sich beim Lesen „fast wie im GOLEM“ gefühlt habe und ist erleichtert, dass das Konzept der Hafenlesung auch an anderen Orten umsetzbar zu sein scheint. Das liegt wohl auch daran, sagt sie, dass es dem Kollektiv wichtig sei, sich in das Publikum einzufühlen.

 

Bei einem Festival wie diesem ist der Zeitplan kompakt, der Wechsel der Stimmen auf dem Podium erfolgt Schlag auf Schlag. In Hamburg, so Nefeli Kavouras, gebe es dagegen mehrere Pausen zwischen den einzelnen Lesungen, dabei reagierten die Gastgeber auch immer auf die Stimmung des Publikums. Manchmal merke man, dass die Leute kurz vor Beginn der Lesung kribbelig werden, „dann warten wir noch fünf Minuten, bis es richtig kribbelt, und erst dann fangen wir an.“ Hugh James bestätigt das und spricht vom Ziel der „Augenhöhe“ mit dem Publikum. Dazu gehört auch, dass die Zuhörerinnen und Zuhörer in den Lesepausen Gelegenheit haben sollen, das Gehörte nachklingen zu lassen, aber auch auf die lesenden Autorinnen und Autoren zuzugehen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. In Hamburg wird dieses Konzept vom Publikum dankbar angenommen, was sich an seiner inzwischen „sehr bunten Zusammensetzung“ zeige.

So bleibt es am Ende unerheblich, dass es heute Schlag auf Schlag ging. Nach der Lesung stehe ich wie selbstverständlich mit den Autoren und zugleich Gastgebern der Hafenlesung zusammen, blicke mit ihnen zurück, stelle Fragen, spüre die gegenseitige Anerkennung, die sie füreinander haben, die Begeisterung, die wirkt, als hätten sich die fünf gerade erst entdeckt.

Das gemeinsame Anliegen hatte Tomas Cohén zuvor, am Ende der Lesung, noch einmal zusammengefasst: Auch wenn ein fremdsprachlicher Text bei einer Hafenlesung einmal ohne seine Übersetzung gelesen wird, so erleben wir doch den Klang der Sprache. Und selbst wenn wir dabei nicht alles verstehen, hielten wir doch gespannt, manchmal vielleicht auch ein bisschen verzweifelt, Ausschau nach Hinweisen auf das uns Vertraute in der anderen Sprache, was uns nach und nach dem scheinbar Unverständlichen näher bringe und das Bewusstsein weite für jenes Andere. Was manchem daran selbstverständlich erscheinen mag, ist dem Autorenkollektiv eine Herzensangelegenheit. Eine klug umgesetzte Herzensangelegenheit.

Wie gut, dass es Literaturfestivals gibt, wie gut, dass es Lesungen gibt, bei denen die Evolution sich das gute alte Wasserglas einverleibt und vergessen macht.

Von Freiburg bis nach Hamburg sind es ja nur ungefähr acht Stunden.

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