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Kolumne

Die 11. Literaturtage Bielefeld [4]

Ingo Schulze liest „Peter Holtz: sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst“

Ingo Schulze hat seine Haltung zur politischen Gestaltung unser Welt in dem Buch „Unsere schönen neuen Kleider. Gegen eine marktkonforme Demokratie und für demokratiekonforme Märkte“ schon 2012 sehr deutlich gemacht. Eigentlich merkwürdig, dass kein Wort über dieses Buch verloren wurde, gestern Abend, obwohl Schulze doch offensichtlich in dieser Rede theoretisch den Boden für seinen Schelmenroman „Peter Holtz“ vorbereitet hat.

Stattdessen wird Schulzes schriftstellerische Karriere in den höchsten Tonen gelobt, bevor Klaus-G. Loest ihn und Peter Holtz bei den Bielefelder Literaturtagen begrüßt. Statt eine Inhaltsangabe des Buches voranzustellen, beschränkt sich Loest auf den Lebenslauf Schulzes, wobei er damit abschließt, dass die Lesung für Schulze und Peter Holtz bereits die 32. in diesem Jahr ist.

Es sind noch acht Tage bis zum zwölften Geburtstag von Peter Holtz, als dieser, ohne Geld eine üppige Mahlzeit samt Faßbrause verzehrt, um, als es ans Bezahlen geht, der Kellnerin zu erklären, dass Geld in einem sozialistischen Staat im Grunde obsolet ist. Der Witz, das wird schon an dieser kurzen Passage deutlich, liegt darin, dass Peter streng nach der Logik der Ideologie argumentiert. Der Held ist herzerfrischend naiv und nimmt alles und jeden ernst. So auch den Penner, den er für einen Proletarier hält, den der Kapitalismus zum Lumpenproletariat degradiert hat. Aber zuvor liest Schluze, wie Peter Mitte der 80er Jahre, er ist Maurer geworden, zahlreiche Häuser ansammelt, die niemand haben will, weil die Instandsetzung kaum die sehr geringen Mieteinnahmen deckt. Schulze, der selbst in der DDR aufgewachsen ist, erklärt, dass es dieses Phänomen wirklich gegeben hat, die Menschen wollten ihre Häuser loswerden, weil sie zu behalten extrem unprofitabel gewesen ist.

Am 20. November 1989 überschreitet Peter den Schutzwall und betritt zum ersten Mal den Westen, den er eher skeptisch als staunend erkundet. Mit Peters Augen gesehen erscheint der Westen Deutschlands als unterentwickeltes Land.

Nach einer kurzen musikalischen Pause liest Schulze weiter. Peter ist mittlerweile Millionär, das Ansammeln der Häuser, die niemand haben wollte, ist dafür verantwortlich. Die Szene in der Peter bei seiner Adoptivmutter, die inzwischen bei der Deutschen Bank Karriere gemacht hat, einen Kredit ersucht, ist dramaturgisch ebenso exzellent, wie das Gespräch mit dem Penner oder der Diskurs mit der Kellnerin. Peter lässt sich durch nichts und niemanden aus der Ruhe bringen, er bleibt stets gelassen und will durchgehend die Welt zu einem besseren Ort machen. Obwohl ihm nichts ferner liegt, als Geld anzusammeln, wird er reich und immer reicher.

Schließlich liest Schulze die Schlussszene des Buches. Peter betrachtet sich selbst als ökonomischen Häftling, weil man ihn daran hindert sein Geld öffentlich zu verbrennen, für ihn die einzige Art, sein Geld anständig loszuwerden.

Im Gespräch, dass sich hauptsächlich auf der gesellschaftspolitischen Ebene bewegt und sich zunehmend zu einer innerdeutschen Diskussion entwickelt, berichtet Ingo Schulze u.a. von einer kurzen Spanne, während die alte DDR abdankte, in der die Leute versucht haben, ihre eigenen Vertreter zu wählen und das Volkseigentum in Besitz zu nehmen. Das war eine anstrengende Zeit gibt Schulze zu, aber man hat eine Ahnung bekommen, was eine sozialistische Demokratie sein könnte. Gescheitert sei diese spannende Entwicklung schließlich an der Währungsunion. Geld spielt laut Schulze ohnehin die zweite Hauptrolle in seinem Schelmenroman, bei dem ihn übrigens Ilja Ehrenburgs Schelmenroman „Die ungewöhnlichen Abenteuer des Julio Jerenito und seiner Jünger“ zu der ersten Szene inspiriert hat.

Ingo Schulze, der mit seinem jüngsten Roman nicht zuletzt über heutige Selbstverständlichkeiten schreiben wollte, antwortet auf die zahlreichen Fragen des Publikums wortreich und ausführlich. Es ist spürbar, wie wichtig ihm nicht nur das Buch ist, sondern insbesondere dessen Botschaft, dass ein Leben ohne Utopie letztlich belanglos ist.

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