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Kolumne

Die 11. Literaturtage Bielefeld [3]

Jonas Lüscher liest „Kraft“

Einer der zahlreich erschienen Zuhörer stellt in der abschließenden Diskussionsrunde die Frage, wie gebildet man eigentlich sein muss, um Jonas Lüschers Roman „Kraft“ zu lesen. Die Frage ist berechtigt, aber sie ist weder von mir noch von dem Zuhörer als Kritik gemeint. Es ist nur einfach so, dass es streckenweise schwierig war den Ausführungen zu folgen, sowohl der eingangs vorgetragenen Zusammenfassung dessen, was uns im Folgenden erwartet, bzw. wer dieser „Kraft“ als Held oder zumindest Mittelpunkt des Romans denn eigentlich ist, als auch den gut und lebendig gelesenen Auszügen, die Lüscher präsentierte. Es wird nicht einmal viel vorausgesetzt, es ist nur ein ungewohntes Terrain auf dem der Roman stattfindet, Campus, Rhetorikprofessor, Leibniz, Stanford, das alte bildungsbürgerliche Europa und die New Economy, das sind keine Bereiche in denen ich mich zuhause fühle. Und der Fragensteller offenbar auch nicht.

Zur Entlastung muss hier erwähnt werden, dass Lüscher einige Jahre Philosophie studiert hat, als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Technik-Theologie-Naturwissenschaften in München und gleichzeitig als Ethiklehrer arbeitete, 2011 eine Dissertation über die Bedeutung von Narrationen für die Beschreibung sozialer Komplexität vor dem Hintergrund von Richard Rortys Neo-Pragmatismus erarbeitete. Im Rahmen dieser Dissertation verbrachte er neun Monate als Stipendiat und Visiting Researcher am Comparative Literature Department der Stanford University. Man kann also davon ausgehen, dass Lüscher sehr gut weiß, wovon er schreibt. Die Art wie die Menschen dort gewesen seien, sich gegeben und verhalten hätten, habe ihn frappiert, sagt Lüscher, vielleicht deshalb begann er parallel zur Arbeit an seiner Doktorarbeit diesen Roman, und verabschiedete sich schließlich ganz aus dem akademischen Milieu. Die Doktorarbeit wurde nicht vollendet, weil er die These seiner Arbeit, dass man soziale Problemlagen besser in der Literatur als mit wissenschaftlichen Modellen erklären kann, ernst genommen habe. Dennoch ist natürlich ein Abdruck der Wissenschaft geblieben, Lüscher behauptet an seinen Figuren ein hauptsächlich wissenschaftliches Interesse zu haben, daher wähle er auch einen möglichst distanzierten Blick. Denn die Distanz ermöglicht detaillierte und genaue Beobachtungen. Und nicht zuletzt die von den Feuilletons gerühmte „kühle Intellektualität“.

Jonas Lüscher, Literaturtage Bielefeld, Foto: Elke Engelhardt

Noch einmal zum Anfang zurück. Worum geht es also bei „Kraft“, diesem ambivalenten, manchmal antiquiert künstlichen Gesellschaftsroman, bei dem Lüscher seine Figuren immer weiter in die Form hineinwachsen lässt?

Kraft ist als Rhetorikprofessor in Tübingen Nachfolger auf dem Lehrstuhl von Walter Jens. Dennoch steht er vor den Trümmern seines Lebens, Ehe gescheitert, noch mehr Kinder für die er Alimente aufbringen muss, als Istvan Pánczlél jahrelang Vorzeigedissident aus Ungarn und jetzt als    in Stanford lebend, ihm eine mit 1 Mio. Preisgeld ausgelobte Preisfrage zukommen lässt. Tobias Erkner, ein im Silicon Valley zu Reichtum gelangter Digitalunternehmer will diese Millionen demjenigen zukommen lassen, der die von Leibniz inspirierte Frage, warum wenn alles gut sei und wir in der besten aller denkbaren Welten leben, diese aber dennoch verbesserungswürdig sei, in einem 18minütigen Referat am besten beantworten kann. Kurz glaubt Kraft er sei gerettet, das Preisgeld schon so gut wie gewonnen, doch dann, in Stanford angekommen, kommt alles anders.

Die erste Szene, die Lüscher liest, schildert Kraft beim Rudern. Ein Feuerwerk von ironischen Schilderungen zeigt einen Kraft, der sich von Niederlage zu Niederlage hangelt. Den Hang zum Selbstmitleid, der Kraft durchaus zu Eigen ist, versteht Lüscher amüsant zu übertreiben. Das Kapitel endet mit Tränen. Kraft gepackt von Rührung über sich selbst, weint.

Die gelesene Stelle vermittelt einen ersten Eindruck davon, dass „Kraft“ eine Geschichte des Scheiterns ist, mit einem Protagonisten, der, obwohl er alles andere als sympathisch ist, versteht den Leser zu fesseln.

Inwiefern Lüschers erster Roman, der ebenso wie seine Novelle „Frühling der Barbaren“ für den Buchpreis nominiert gewesen ist, auch dadurch besticht, dass Lüscher seine Figur an den Brüchen der deutschen Politik entlang führt, wird im zweiten Lesungsabschnitt deutlich.

Es ist der erste Oktober 1982, im Parlament wird das Misstrauensvotum gegen Kanzler Schmidt gestellt und István und Kraft sitzen im Plenarsaal, um diesen historischen Moment live mitzuerleben und naturgemäß, zu kommentieren.

Manche Rezensenten, namentlich Marie Schmidt für die Zeit, haben „Kraft“ als „furiosen literarischen Essay“ bezeichnet. Bereits die kurzen Auszüge, die Lüscher an diesem Abend liest, machen deutlich, wie berechtigt diese Einordnung ist. Und wie vielversprechend.

Um jetzt endlich auf den Punkt zu kommen: es war eine gelungene Lesung. Gut besucht. Mit guter Moderation, sehr schöner und passender Musik und einem intelligenten und durchwegs sympathischen Jonas Lüscher.

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