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Kolumne

Die 11. Literaturtage Bielefeld [5]

Klaus Nüchtern durchquert den Kontinent Doderer

Es ist Freitagabend. Es regnet. Klaus Nüchtern öffnet zischend ein Bier. Zu der überschaubaren Menge an
Zuhörern werden sich nicht mehr viele dazugesellen. Was schade ist, denn der Abend, so viel sei schon vorab verraten, gestaltete sich durchaus unterhaltsam.

Klaus Nüchtern, langjähriger Feuilletonchef der Wiener Wochenzeitung "Falter" und seit einiger Zeit Jurymitglied der SWR Bestenliste, hat zwar sein Buch über Heimito von Doderer mitgebracht, aber an diesem Abend zieht er es vor, Kostproben aus Doderers Büchern zu lesen. Den Auftakt macht ein Auszug aus „Die Wasserfälle von Slunj", für Nüchtern der Roman, in dem Doderer auf der Höhe seines Könnens angelangt ist.

Doderer, erklärt Nüchtern, war ein Raummythologe. Er sah die Menschen als Geschöpfe des Ortes, an dem sie aufgewachsen sind, an.

Die Textprobe aus den Wasserfällen demonstriert darüber hinaus die unvergleichliche Fähigkeit Doderers den städtischen Raum aufzuladen, überhaupt sein Talent Räumlichkeiten zu beschreiben, begeistert sich Nüchtern.

Dennoch hat Heimito von Doderer erst spät Karriere gemacht. Lange Zeit war er relativ erfolglos mit seinen Romanen und finanziell von seinen Eltern abhängig. Erst mit dem im Frühjahr 1951 erschienenen Roman 'Strudelhofstiege' gelangt ihm, er war immerhin bereits 54 Jahre alt, der Durchbruch. Als der Spiegel dem Autor im Juni 1957 eine sechsseitige Cover-Story widmet, trägt diese den passenden Titel 'Der Spätzünder'. Maßgeblich für den beginnenden Erfolg Doderers war der Roman „Die Strudelhofstiege“, woraus Nüchtern die zweite Textprobe präsentiert.

Im Gespräch mit dem Moderator Harald Pilzer erzählt Nüchtern von den frappierenden Parallelen zwischen Hitchcock und Doderer. Beide gehörten der nahezu gleichen Generation an und beide teilten die sexuelle Vorliebe des Voyeurismus, was den einen zu „Fenster zum Hof“ inspirierte und den anderen zu seinem Roman „Die erleuchteten Fenster“. Wobei Doderer erotisch  expliziter ist, während Hitchcock die Ermittlung in einem Mordfall in den Vordergrund stellt.

Naturgemäß kommt die Sprache auch auf die NS Vergangenheit Doderers. Schließlich war er am 01. April 1933 in die NSDAP eingetreten, und lebte einige Jahre in Dachau. Nüchtern nimmt Doderer in dieser Angelegenheit weder in Schutz noch klagt er ihn an. Vielleicht ließe sich im Roman „Die Merowinger“ aufschlussreiches finden, denn dieses Werk Doderers hält Nüchtern für dasjenige mit dem größten politischen Gehalt.  

Aufschlussreich ist der Umgang Doderers mit der eigenen Biografie. Denn der Schriftsteller war durchaus unverschämt im Umgang mit der eigenen Geschichte. So hat er den Abschiedsbrief, den seine Schwester nach ihrem Selbstmord hinterlassen hatte, wortgetreu in die Strudelhofstiege eingearbeitet.

Da es für den Leser durchaus nicht einfach ist, in Doderers Romanen den Überblick zu behalten, hat Nüchtern die Herausforderung angenommen und am Schluss seines Buches ein Personenregister der bedeutendsten Romane angelegt.

Den überaus auffälligen und seltenen Vornamen, verdankt Doderer übrigens einem Aufenthalt seiner Mutter in Spanien. Der Name Jaime, bzw. insbesondere die Verniedlichungsform Jaimito hatte es ihr dermaßen angetan, dass sie ihrem Sohn unbedingt diesen Namen geben wollte.

Wer nach dieser engagierten, leidenschaftlichen und kenntnisreichen Werbung für Heimito von Doderer keine Lust auf seine Romane bekommen hat, der wird sich wohl zeitlebens den Genuss dieses vergessenen Weltliteraten entgehen lassen. Klaus Nüchtern hat getan, was er konnte, um das zu verhindern.

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